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Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

Sigmund Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
booktitleStudienausgabe Band I
authorSigmund Freud
year1969
firstpub1916-17
publisherS. Fischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-10-822721-1
titleVorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
pages409
created20080922
sendergerd.bouillon@t-online.de
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204 13. Vorlesung

Archaische Züge und Infantilismus des Traumes

Meine Damen und Herren! Lassen Sie uns wieder an unser Resultat anknüpfen, daß die Traumarbeit die latenten Traumgedanken unter dem Einfluß der Traumzensur in eine andere Ausdrucksweise überführt. Die latenten Gedanken sind nicht anders als die uns bekannten bewußten Gedanken unseres Wachlebens; die neue Ausdrucksweise ist uns durch vielfältige Züge unverständlich. Wir haben gesagt, daß sie auf Zustände unserer intellektuellen Entwicklung zurückgreift, die wir längst überwunden haben, auf die Bildersprache, die Symbolbeziehung, vielleicht auf Verhältnisse, die vor der Entwicklung unserer Denksprache bestanden haben. Wir nannten die Ausdrucksweise der Traumarbeit darum eine archaische oder regressive.

Sie können daraus den Schluß ableiten, daß es durch das vertieftere Studium der Traumarbeit gelingen müßte, wertvolle Aufschlüsse über die nicht gut gekannten Anfänge unserer intellektuellen Entwicklung zu gewinnen. Ich hoffe, es wird so sein, aber diese Arbeit ist bisher noch nicht in Angriff genommen worden. Die Vorzeit, in welche die Traumarbeit uns zurückführt, ist eine zweifache, erstens die individuelle Vorzeit, die Kindheit, anderseits, insofern jedes Individuum in seiner Kindheit die ganze Entwicklung der Menschenart irgendwie abgekürzt wiederholt, auch diese Vorzeit, die phylogenetische. Ob es gelingen wird zu unterscheiden, welcher Anteil der latenten seelischen Vorgänge aus der individuellen, und welcher aus der phylogenetischen Urzeit stammt, – ich halte es nicht für unmöglich. So scheint mir z. B. die Symbolbeziehung, die der Einzelne niemals erlernt hat, zum Anspruch berechtigt, als phylogenetisches Erbe betrachtet zu werden.

Indes ist dies nicht der einzige archaische Charakter des Traumes. Sie kennen alle wohl aus der Erfahrung an sich die merkwürdige Amnesie der Kindheit. Ich meine die Tatsache, daß die ersten Lebensjahre, bis zum fünften, sechsten oder achten, nicht die Spuren im Gedächtnis hinterlassen haben wie das spätere Erleben. Man trifft zwar auf einzelne Menschen, welche sich einer kontinuierlichen Erinnerung vom frühen Anfang bis auf den heutigen Tag rühmen können, aber das andere Verhalten, das der Gedächtnislücke, ist das ungleich häufigere. Ich 205 meine, über diese Tatsache hat man sich nicht genug verwundert. Das Kind kann mit zwei Jahren gut sprechen, es zeigt bald, daß es sich in komplizierten seelischen Situationen zurechtfindet, und gibt Äußerungen von sich, die ihm viele Jahre später wiedererzählt werden, die es selbst aber vergessen hat. Und dabei ist das Gedächtnis in frühen Jahren leistungsfähiger, weil weniger überladen als in späteren. Auch liegt kein Anlaß vor, die Gedächtnisfunktion für eine besonders hohe oder schwierige Seelenleistung zu halten; man kann im Gegenteile ein gutes Gedächtnis noch bei Personen finden, die intellektuell sehr niedrig stehen.

Als zweite Merkwürdigkeit, die dieser ersten aufgesetzt ist, muß ich aber anführen, daß aus der Erinnerungsleere, welche die ersten Kindheitsjahre umfaßt, sich einzelne gut erhaltene, meist plastisch empfundene Erinnerungen herausheben, welche diese Erhaltung nicht rechtfertigen können. Mit dem Material von Eindrücken, welche uns im späteren Leben treffen, verfährt unser Gedächtnis so, daß es eine Auslese vornimmt. Es behält das irgend Wichtige und läßt Unwichtiges fallen. Mit den erhaltenen Kindheitserinnerungen ist es anders. Sie entsprechen nicht notwendig wichtigen Erlebnissen der Kinderjahre, nicht einmal solchen, die vom Standpunkt des Kindes hätten wichtig erscheinen müssen. Sie sind oft so banal und an sich bedeutungslos, daß wir uns nur verwundert fragen, warum gerade diese Einzelheit dem Vergessen entgangen ist. Ich habe seinerzeit versucht, das Rätsel der Kindheitsamnesie und der sie unterbrechenden Erinnerungsreste mit Hilfe der Analyse anzugreifen, und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß doch auch beim Kinde nur das Wichtige in der Erinnerung übriggeblieben ist. Nur daß durch die Ihnen bereits bekannten Prozesse der Verdichtung und ganz besonders der Verschiebung dies Wichtige durch anderes, was unwichtig erscheint, in der Erinnerung vertreten ist. Ich habe diese Kindheitserinnerungen darum Deckerinnerungen genannt; man kann durch gründliche Analyse alles Vergessene aus ihnen entwickeln.

In den psychoanalytischen Behandlungen ist ganz regelmäßig die Aufgabe gestellt, die infantile Erinnerungslücke auszufüllen, und insoferne die Kur überhaupt einigermaßen gelingt, also überaus häufig, bringen wir es auch zustande, den Inhalt jener vom Vergessen bedeckten Kindheitsjahre wieder ans Licht zu ziehen. Diese Eindrücke sind niemals 206 wirklich vergessen gewesen, sie waren nur unzugänglich, latent, haben dem Unbewußten angehört. Es kommt aber auch spontan vor, daß sie aus dem Unbewußten auftauchen, und zwar geschieht es im Anschluß an Träume. Es zeigt sich, daß das Traumleben den Zugang zu diesen latenten, infantilen Erlebnissen zu finden weiß. Es sind schöne Beispiele hierfür in der Literatur verzeichnet, und ich selbst habe einen solchen Beitrag leisten können. Ich träumte einmal in einem gewissen Zusammenhange von einer Person, die mir einen Dienst geleistet haben mußte und die ich deutlich vor mir sah. Es war ein einäugiger Mann von kleiner Gestalt, dick, den Kopf tief in den Schultern steckend. Ich entnahm aus dem Zusammenhang, daß er ein Arzt war. Zum Glück konnte ich meine noch lebende Mutter befragen, wie der Arzt meines Geburtsortes, den ich mit drei Jahren verlassen, ausgesehen, und erfuhr von ihr, daß er einäugig war, kurz, dick, den Kopf tief in den Schultern steckend, lernte auch, bei welchem von mir vergessenen Unfall er mir Hilfe geleistet hatte. Diese Verfügung über das vergessene Material der ersten Kindheitsjahre ist also ein weiterer archaischer Zug des Traumes.

 

Dieselbe Auskunft setzt sich nun auf ein anderes der Rätsel, auf die wir bisher gestoßen sind, fort. Sie erinnern sich, mit welchem Staunen es aufgenommen wurde, als wir zur Einsicht kamen, die Erreger der Träume seien energisch böse und ausschweifend sexuelle Wünsche, welche Traumzensur und Traumentstellung notwendig gemacht haben. Wenn wir einen solchen Traum dem Träumer gedeutet haben und er im günstigsten Falle die Deutung selbst nicht angreift, so stellt er doch regelmäßig die Frage, woher ihm ein solcher Wunsch komme, da er ihn doch als fremd empfinde und sich des Gegenteils davon bewußt sei. Wir brauchen nicht zu verzagen, diese Herkunft nachzuweisen. Diese bösen Wunschregungen stammen aus der Vergangenheit, oft aus einer Vergangenheit, die nicht allzuweit zurückliegt. Es läßt sich zeigen, daß sie einmal bekannt und bewußt waren, wenn sie es auch heute nicht mehr sind. Die Frau, deren Traum bedeutet, daß sie ihre einzige, jetzt 17jährige Tochter tot vor sich sehen möchte, findet unter unserer Anleitung, daß sie diesen Todeswunsch doch zu einer Zeit genährt hat. Das 207 Kind ist die Frucht einer verunglückten, bald getrennten Ehe. Als sie die Tochter noch im Mutterleibe trug, schlug sie einmal nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne im Wutanfall mit den Fäusten auf ihren Leib los, um das Kind darin zu töten. Wie viele Mütter, die ihre Kinder heute zärtlich, vielleicht überzärtlich lieben, haben sie doch ungerne empfangen und damals gewünscht, das Leben in ihnen möge sich nicht weiter entwickeln; ja sie haben auch diesen Wunsch in verschiedene, zum Glück unschädliche Handlungen umgesetzt. Der später so rätselhafte Todeswunsch gegen die geliebte Person stammt also aus der Frühzeit der Beziehung zu ihr.

Der Vater, dessen Traum zur Deutung berechtigt, er wünsche den Tod seines bevorzugten ältesten Kindes, muß sich ebenso daran erinnern lassen, daß ihm dieser Wunsch einmal nicht fremd war. Als dieses Kind noch Säugling war, dachte der mit seiner Ehewahl unzufriedene Mann oft, wenn das kleine Wesen, das ihm nichts bedeute, sterben sollte, dann wäre er wieder frei und würde von seiner Freiheit einen besseren Gebrauch machen. Die gleiche Herkunft läßt sich für eine große Anzahl ähnlicher Haßregungen erweisen; sie sind Erinnerungen an etwas, was der Vergangenheit angehörte, einmal bewußt war und seine Rolle im Seelenleben spielte. Sie werden daraus den Schluß ziehen wollen, daß es solche Wünsche und solche Träume nicht geben darf, wenn derartige Wandlungen im Verhältnis zu einer Person nicht vorgekommen sind, wenn dies Verhältnis von Anfang an gleichsinnig war. Ich bin bereit, Ihnen diese Folgerung zuzugeben, will Sie nur daran mahnen, daß Sie nicht den Wortlaut des Traumes, sondern den Sinn desselben nach seiner Deutung in Betracht ziehen. Es kann vorkommen, daß der manifeste Traum vom Tode einer geliebten Person nur eine schreckhafte Maske vorgenommen hat, aber etwas ganz anderes bedeutet oder daß die geliebte Person zum täuschenden Ersatz für eine andere bestimmt ist.

Derselbe Sachverhalt wird aber eine andere, weit ernsthaftere Frage bei Ihnen wecken. Sie werden sagen: Wenn dieser Todeswunsch auch einmal vorhanden war und von der Erinnerung bestätigt wird, so ist das doch keine Erklärung: Er ist doch längst überwunden, er kann heute doch nur als bloße affektlose Erinnerung im Unbewußten vorhanden sein, aber nicht als kräftige Regung. Für letzteres spricht doch nichts. Wozu wird er also überhaupt vom Traume erinnert? Diese Frage ist wirklich berechtigt; der Versuch, sie zu beantworten, würde uns zu weit führen und zur Stellungnahme in einem der bedeutsamsten Punkte der 208 Traumlehre nötigen. Aber ich bin genötigt, im Rahmen unserer Erörterungen zu bleiben und Enthaltung zu üben. Bereiten Sie sich auf den einstweiligen Verzicht vor. Begnügen wir uns mit dem tatsächlichen Nachweis, daß dieser überwundene Wunsch als Traumerreger nachweisbar ist und setzen wir die Untersuchung fort, ob auch andere böse Wünsche dieselbe Ableitung aus der Vergangenheit zulassen.

 

Bleiben wir bei den Beseitigungswünschen, die wir ja zumeist auf den uneingeschränkten Egoismus des Träumers zurückführen dürfen. Ein solcher Wunsch ist als Traumbildner sehr häufig nachzuweisen. So oft uns irgend jemand im Leben in den Weg getreten ist, und wie häufig muß dies bei der Komplikation der Lebensbeziehungen der Fall sein, sofort ist der Traum bereit, ihn totzumachen, sei er auch der Vater, die Mutter, ein Geschwister, ein Ehepartner u. dgl. Wir hatten uns über diese Schlechtigkeit der menschlichen Natur genug verwundert und waren gewiß nicht geneigt, die Richtigkeit dieses Ergebnisses der Traumdeutung ohne weiteres anzunehmen. Wenn wir aber einmal darauf gewiesen werden, den Ursprung solcher Wünsche in der Vergangenheit zu suchen, so entdecken wir alsbald die Periode der individuellen Vergangenheit, in welcher solcher Egoismus und solche Wunschregungen auch gegen die Nächsten nichts Befremdendes mehr haben. Es ist das Kind gerade in jenen ersten Jahren, welche später von der Amnesie verhüllt werden, das diesen Egoismus häufig in extremer Ausprägung zeigt, regelmäßig aber deutliche Ansätze dazu oder richtiger Überreste davon erkennen läßt. Das Kind liebt eben sich selbst zuerst und lernt erst später andere lieben, von seinem Ich etwas an andere opfern. Auch die Personen, die es von Anfang an zu lieben scheint, liebt es zuerst darum, weil es sie braucht, sie nicht entbehren kann, also wiederum aus egoistischen Motiven. Erst später macht sich die Liebesregung vom Egoismus unabhängig. Es hat tatsächlich am Egoismus lieben gelernt.

Es wird in dieser Beziehung lehrreich sein, die Einstellung des Kindes gegen seine Geschwister mit der gegen seine Eltern zu vergleichen. Seine Geschwister liebt das kleine Kind nicht notwendigerweise, oft offenkundig nicht. Es ist unzweifelhaft, daß es in ihnen seine Konkurrenten haßt, und es ist bekannt, wie häufig diese Einstellung durch lange Jahre bis zur Zeit der Reife, ja noch späterhin ohne Unterbrechung anhält. Sie wird ja häufig genug durch eine zärtlichere abgelöst oder sagen wir 209 lieber: überlagert, aber die feindselige scheint sehr regelmäßig die frühere zu sein. Am leichtesten kann man sie an Kindern von 2½ bis 4 und 5 Jahren beobachten, wenn ein neues Geschwisterchen dazukommt. Das hat meist einen sehr unfreundlichen Empfang. Äußerungen wie »ich mag es nicht, der Storch soll es wieder mitnehmen« sind recht gewöhnlich. In der Folge wird jede Gelegenheit benützt, um den Ankömmling herabzusetzen, und selbst Versuche, ihn zu schädigen, direkte Attentate, sind nichts Unerhörtes. Ist die Altersdifferenz geringer, so findet das Kind beim Erwachen intensiverer Seelentätigkeit den Konkurrenten bereits vor und richtet sich mit ihm ein. Ist sie größer, so kann das neue Kind von Anfang an als ein interessantes Objekt, als eine Art von lebender Puppe, gewisse Sympathien erwecken, und bei einem Altersunterschied von acht Jahren und mehr können bereits, besonders bei den Mädchen, vorsorgliche mütterliche Regungen ins Spiel treten. Aber aufrichtig gesagt, wenn man den Wunsch nach dem Tode der Geschwister hinter einem Traume aufdeckt, braucht man ihn selten rätselhaft zu finden und weist sein Vorbild mühelos im frühen Kindesalter, oft genug auch in späteren Jahren des Beisammenseins nach.

Es gibt wahrscheinlich keine Kinderstube ohne heftige Konflikte zwischen deren Einwohnern. Motive sind die Konkurrenz um die Liebe der Eltern, um den gemeinsamen Besitz, um den Wohnraum. Die feindseligen Regungen richten sich gegen ältere wie gegen jüngere Geschwister. Ich glaube es war Bernard Shaw, der das Wort ausgesprochen hat: Wenn es jemand gibt, den eine junge englische Dame mehr haßt als ihre Mutter, so ist es ihre ältere Schwester. An diesem Ausspruch ist aber etwas, was uns befremdet. Geschwisterhaß und Konkurrenz fänden wir zur Not begreiflich, aber wie sollen sich Haßempfindungen in das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter, Eltern und Kinder, eindrängen können?

Dies Verhältnis ist ohne Zweifel auch von Seite der Kinder betrachtet das günstigere. So fordert es auch unsere Erwartung; wir finden es weit anstößiger, wenn die Liebe zwischen Eltern und Kindern, als wenn sie zwischen Geschwistern mangelt. Wir haben sozusagen im ersten Falle etwas geheiligt, was wir am andern Falle profan gelassen haben. Doch kann uns die tägliche Beobachtung zeigen, wie häufig die Gefühlsbeziehungen zwischen Eltern und erwachsenen Kindern hinter dem von 210 der Gesellschaft aufgestellten Ideal zurückbleiben, wieviel Feindseligkeit da bereitliegt und sich äußern würde, wenn nicht Zusätze von Pietät und von zärtlichen Regungen sie zurückhielten. Die Motive hierfür sind allgemein bekannt und zeigen eine Tendenz, die gleichen Geschlechter voneinander zu trennen, die Tochter von der Mutter, den Vater vom Sohn. Die Tochter findet in der Mutter die Autorität, welche ihren Willen beschränkt und mit der Aufgabe betraut ist, den von der Gesellschaft geforderten Verzicht auf Sexualfreiheit bei ihr durchzusetzen, in einzelnen Fällen auch noch die Konkurrentin, die der Verdrängung widerstrebt. Dasselbe wiederholt sich in noch grellerer Weise zwischen Sohn und Vater. Für den Sohn verkörpert sich im Vater jeder widerwillig ertragene soziale Zwang; der Vater versperrt ihm den Zugang zur Willensbetätigung, zum frühzeitigen Sexualgenuß und, wo gemeinsame Familiengüter bestehen, zum Genuß derselben. Das Lauern auf den Tod des Vaters wächst im Falle des Thronfolgers zu einer das Tragische streifenden Höhe. Minder gefährdet erscheint das Verhältnis zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn. Das letztere gibt die reinsten Beispiele einer durch keinerlei egoistische Rücksicht gestörten, unwandelbaren Zärtlichkeit.

 

Wozu ich von diesen Dingen spreche, die doch banal und allgemein bekannt sind? Weil eine unverkennbare Neigung besteht, ihre Bedeutung im Leben zu verleugnen und das sozial geforderte Ideal weit öfter für erfüllt auszugeben, als es wirklich erfüllt wird. Es ist aber besser, daß der Psychologe die Wahrheit sagt, als daß diese Aufgabe dem Zyniker überlassen bleibt. Allerdings bezieht sich diese Verleugnung nur auf das reale Leben. Der Kunst der erzählenden und der dramatischen Dichtung bleibt es freigestellt, sich der Motive zu bedienen, die aus der Störung dieses Ideals hervorgehen.

Bei einer großen Anzahl von Menschen brauchen wir uns also nicht zu verwundern, wenn der Traum ihren Wunsch nach Beseitigung der Eltern, speziell des gleichgeschlechtlichen Elternteiles, aufdeckt. Wir dürfen annehmen, er ist auch im Wachleben vorhanden und wird sogar manchmal bewußt, wenn er sich durch ein anderes Motiv maskieren kann, wie im Falle unseres Träumers im Beispiele 3 durch das Mitleid mit dem unnützen Leiden des Vaters: Selten beherrscht die Feindseligkeit das Verhältnis allein, weit häufiger tritt sie hinter 211 zärtlicheren Regungen zurück, von denen sie unterdrückt wird, und muß warten, bis ein Traum sie gleichsam isoliert. Was uns der Traum infolge solcher Isolierung übergroß zeigt, das schrumpft dann wieder zusammen, wenn es nach der Deutung von uns in den Zusammenhang des Lebens eingereiht wird (H. Sachs). Wir finden diesen Traumwunsch aber auch dort, wo er im Leben keinen Anhalt hat und wo der Erwachsene sich im Wachen nie zu ihm bekennen müßte. Dies hat seinen Grund darin, daß das tiefste und regelmäßigste Motiv zur Entfremdung, besonders zwischen den gleichgeschlechtlichen Personen, sich bereits im frühen Kindesalter geltend gemacht hat.

Ich meine die Liebeskonkurrenz mit deutlicher Betonung des Geschlechtscharakters. Der Sohn beginnt schon als kleines Kind eine besondere Zärtlichkeit für die Mutter zu entwickeln, die er als sein eigen betrachtet, und den Vater als Konkurrenten zu empfinden, der ihm diesen Alleinbesitz streitig macht, und ebenso sieht die kleine Tochter in der Mutter eine Person, die ihre zärtliche Beziehung zum Vater stört und einen Platz einnimmt, den sie sehr gut selbst ausfüllen könnte. Man muß aus den Beobachtungen erfahren, in wie frühe Jahre diese Einstellungen zurückreichen, die wir als Ödipuskomplex bezeichnen, weil diese Sage die beiden extremen Wünsche, welche sich aus der Situation des Sohnes ergeben, den Vater zu töten und die Mutter zum Weib zu nehmen, mit einer ganz geringfügigen Abschwächung realisiert. Ich will nicht behaupten, daß der Ödipuskomplex die Beziehung der Kinder zu den Eltern erschöpft; diese kann leicht viel komplizierter sein. Auch ist der Ödipuskomplex mehr oder weniger stark ausgebildet, er kann selbst eine Umkehrung erfahren, aber er ist ein regelmäßiger und sehr bedeutsamer Faktor des kindlichen Seelenlebens, und man läuft eher Gefahr, seinen Einfluß und den der aus ihm hervorgehenden Entwicklungen zu unterschätzen, als ihn zu überschätzen. Übrigens reagieren die Kinder mit der Ödipuseinstellung häufig auf eine Anregung der Eltern, die sich in ihrer Liebeswahl oft genug vom Geschlechtsunterschied leiten lassen, so daß der Vater die Tochter, die Mutter den Sohn bevorzugt oder im Falle von Erkaltung in der Ehe zum Ersatz für das entwertete Liebesobjekt nimmt.

Man kann nicht behaupten, daß die Welt der psychoanalytischen Forschung für die Aufdeckung des Ödipuskomplexes sehr dankbar gewesen ist. Diese hat im Gegenteile das heftigste Sträuben der 212 Erwachsenen hervorgerufen, und Personen, die es versäumt hatten, an der Ableugnung dieser verpönten oder tabuierten Gefühlsbeziehung teilzunehmen, haben ihr Verschulden später gutgemacht, indem sie dem Komplex durch Umdeutungen seinen Wert entzogen. Nach meiner unveränderten Überzeugung ist dahier nichts zu verleugnen und nichts zu beschönigen. Man befreunde sich mit der Tatsache, die von der griechischen Sage selbst als unabwendbares Verhängnis anerkannt wird. Interessant ist es wiederum, daß der aus dem Leben herausgeworfene Ödipuskomplex der Dichtung überlassen, gleichsam zur freien Verfügung abgetreten wurde. O. Rank hat in einer sorgfältigen Studie gezeigt, wie gerade der Ödipuskomplex der dramatischen Dichtung reiche Motive in unendlichen Abänderungen, Abschwächungen und Verkleidungen geliefert hat, in solchen Entstellungen also, wie wir sie bereits als Werk einer Zensur erkennen. Diesen Ödipuskomplex dürfen wir also auch jenen Träumern zuschreiben, die so glücklich waren, im späteren Leben den Konflikten mit ihren Eltern zu entgehen, und an ihn innig geknüpft finden wir, was wir den Kastrationskomplex heißen, die Reaktion auf die dem Vater zugeschriebene Sexualeinschüchterung oder Eindämmung der frühinfantilen Sexualtätigkeit.

 

Durch die bisherigen Ermittlungen auf das Studium des kindlichen Seelenlebens verwiesen, dürfen wir nun auch die Erwartung hegen, daß die Herkunft des anderen Anteils der verbotenen Traumwünsche, der exzessiven Sexualregungen, auf ähnliche Weise Aufklärung finden wird. Wir empfangen also den Antrieb, auch die Entwicklung des kindlichen Sexuallebens zu studieren, und erfahren hierbei aus mehreren Quellen folgendes: Es ist vor allem ein unhaltbarer Irrtum, dem Kind ein Sexualleben abzusprechen und anzunehmen, daß die Sexualität erst zur Zeit der Pubertät mit der Reifung der Genitalien einsetze. Das Kind hat im Gegenteile von allem Anfang an ein reichhaltiges Sexualleben, welches sich von dem später als normal geltenden in vielen Punkten unterscheidet. Was wir im Leben der Erwachsenen »pervers« nennen, weicht vom Normalen in folgenden Stücken ab: erstens durch das Hinwegsetzen über die Artschranke (die Kluft zwischen Mensch und Tier), zweitens durch die Überschreitung der Ekelschranke, drittens der Inzestschranke (des Verbots, Sexualbefriedigung an nahen Blutsverwandten zu suchen), viertens der Gleichgeschlechtlichkeit, und fünftens 213 durch die Übertragung der Genitalrolle an andere Organe und Körperstellen. Alle diese Schranken bestehen nicht von Anfang an, sondern werden erst allmählich im Laufe der Entwicklung und der Erziehung aufgebaut. Das kleine Kind ist frei von ihnen. Es kennt noch keine arge Kluft zwischen Mensch und Tier; der Hochmut, mit dem sich der Mensch vom Tier absondert, wächst ihm erst später zu. Es zeigt anfänglich keinen Ekel vor dem Exkrementellen, sondern erlernt diesen langsam unter dem Nachdruck der Erziehung; es legt keinen besonderen Wert auf den Unterschied der Geschlechter, mutet vielmehr beiden die gleiche Genitalbildung zu; es richtet seine ersten sexuellen Gelüste und seine Neugierde auf die ihm nächsten und aus anderen Gründen liebsten Personen, Eltern, Geschwister, Pflegepersonen, und endlich zeigt sich bei ihm, was späterhin auf der Höhe einer Liebesbeziehung wieder durchbricht, daß es nicht nur von den Geschlechtsteilen Lust erwartet, sondern daß viele andere Körperstellen dieselbe Empfindlichkeit für sich in Anspruch nehmen, analoge Lustempfindungen vermitteln und somit die Rolle von Genitalien spielen können. Das Kind kann also »polymorph pervers« genannt werden, und wenn es alle diese Regungen nur spurweise betätigt, so kommt dies einerseits von deren geringer Intensität im Vergleiche zu späteren Lebenszeiten, anderseits daher, daß die Erziehung alle sexuellen Äußerungen des Kindes sofort energisch unterdrückt. Diese Unterdrückung setzt sich sozusagen in die Theorie fort, indem die Erwachsenen sich bemühen, einen Anteil der kindlichen Sexualäußerungen zu übersehen und einen anderen durch Umdeutung seiner sexuellen Natur zu entkleiden, bis sie dann das Ganze ableugnen können. Es sind oft dieselben Leute, die erst in der Kinderstube hart gegen alle sexuellen Unarten der Kinder wüten und dann am Schreibtisch die sexuelle Reinheit derselben Kinder verteidigen. Wo Kinder sich selbst überlassen werden oder unter dem Einfluß der Verführung, bringen sie oft ganz ansehnliche Leistungen perverser Sexualbetätigung zustande. Natürlich haben die Erwachsenen recht, dies als »Kinderei« und »Spielerei« nicht schwerzunehmen, denn das Kind ist weder vor dem Richterstuhl der Sitte noch vor dem Gesetz als vollwertig und verantwortlich zu beurteilen, aber diese Dinge existieren doch, sie haben ihre Bedeutung sowohl als Anzeichen mitgebrachter Konstitution sowie als Ursachen und Förderungen späterer Entwicklungen, sie geben uns Aufschlüsse über das kindliche Sexualleben und somit über das menschliche Sexualleben überhaupt. Wenn wir also hinter unseren entstellten Träumen alle diese perversen Wunschregungen wiederfinden, so 214 bedeutet es nur, daß der Traum auch auf diesem Gebiet den Rückschritt zum infantilen Zustand vollzogen hat.

Eine besondere Hervorhebung unter diesen verbotenen Wünschen verdienen noch die inzestuösen, d. h. die auf Geschlechtsverkehr mit Eltern und Geschwistern gerichteten. Sie wissen, welcher Abscheu in der menschlichen Gemeinschaft gegen solchen Verkehr verspürt oder wenigstens vorgegeben wird und welcher Nachdruck auf den dagegen gerichteten Verboten ruht. Es sind die ungeheuerlichsten Anstrengungen gemacht worden, diese Inzestscheu zu erklären. Die einen haben angenommen, daß es Züchtungsrücksichten der Natur sind, welche sich psychisch durch dieses Verbot repräsentieren lassen, weil Inzucht die Rassencharaktere verschlechtern würde, die anderen haben behauptet, daß durch das Zusammenleben von früher Kindheit an die sexuelle Begierde von den in Betracht kommenden Personen abgelenkt wird. In beiden Fällen wäre übrigens die Inzestvermeidung automatisch gesichert, und man verstünde nicht, wozu es der strengen Verbote bedürfte, die eher auf das Vorhandensein eines starken Begehrens deuten. Die psychoanalytischen Untersuchungen haben unzweideutig ergeben, daß die inzestuöse Liebeswahl vielmehr die erste und die regelmäßige ist und daß erst später ein Widerstand gegen sie einsetzt, dessen Herleitung aus der individuellen Psychologie wohl abzulehnen ist.

 

Stellen wir zusammen, was uns die Vertiefung in die Kinderpsychologie für das Verständnis des Traumes gebracht hat. Wir fanden nicht nur, daß das Material der vergessenen Kindererlebnisse dem Traum zugänglich ist, sondern wir sahen auch, daß das Seelenleben der Kinder mit all seinen Eigenheiten, seinem Egoismus, seiner inzestuösen Liebeswahl usw. für den Traum, also im Unbewußten, noch fortbesteht und daß uns der Traum allnächtlich auf diese infantile Stufe zurückführt. Es wird uns so bekräftigt, daß das Unbewußte des Seelenlebens das Infantile ist. Der befremdende Eindruck, daß soviel Böses im Menschen steckt, beginnt nachzulassen. Dieses entsetzlich Böse ist einfach das Anfängliche, Primitive, Infantile des Seelenlebens, das wir beim Kinde in Wirksamkeit finden können, das wir aber bei ihm zum Teil wegen seiner kleinen Dimensionen übersehen, zum Teil nicht schwernehmen, weil wir vom Kinde keine ethische Höhe fordern: Indem der Traum auf diese Stufe regrediert, erweckt er den Anschein, als habe er das Böse in 215 uns zum Vorschein gebracht. Es ist aber nur ein täuschender Schein, von dem wir uns haben schrecken lassen. Wir sind nicht so böse, wie wir nach der Deutung der Träume annehmen wollten.

Wenn die bösen Regungen der Träume nur Infantilismen sind, eine Rückkehr zu den Anfängen unserer ethischen Entwicklung, indem der Traum uns einfach wieder zu Kindern im Denken und Fühlen macht, so brauchen wir uns vernünftigerweise dieser bösen Träume nicht zu schämen. Allein das Vernünftige ist nur ein Anteil des Seelenlebens, es geht außerdem in der Seele noch mancherlei vor, was nicht vernünftig ist, und so geschieht es, daß wir uns unvernünftigerweise doch solcher Träume schämen. Wir unterwerfen sie der Traumzensur, schämen und ärgern uns, wenn es einem dieser Wünsche ausnahmsweise gelungen ist, in so unentstellter Form zum Bewußtsein zu dringen, daß wir ihn erkennen müssen, ja wir schämen uns gelegentlich der entstellten Träume genau so, als ob wir sie verstehen würden. Denken Sie nur an das entrüstete Urteil jener braven alten Dame über ihren nicht gedeuteten Traum von den »Liebesdiensten«. Das Problem ist also noch nicht erledigt, und es bleibt möglich, daß wir bei weiterer Beschäftigung mit dem Bösen im Traum zu einem anderen Urteil und zu einer anderen Schätzung der menschlichen Natur gelangen.

Als Ergebnis der ganzen Untersuchung erfassen wir zwei Einsichten, die aber nur den Anfang von neuen Rätseln, neuen Zweifeln bedeuten. Erstens: Die Regression der Traumarbeit ist nicht nur eine formale, sondern auch eine materielle. Sie übersetzt nicht nur unsere Gedanken in eine primitive Ausdrucksform, sondern sie weckt auch die Eigentümlichkeiten unseres primitiven Seelenlebens wieder auf, die alte Übermacht des Ichs, die anfänglichen Regungen unseres Sexuallebens, ja selbst unseren alten intellektuellen Besitz, wenn wir die Symbolbeziehung als solchen auffassen dürfen. Und zweitens: All dies alte Infantile, was einmal herrschend und alleinherrschend war, müssen wir heute dem Unbewußten zurechnen, von dem unsere Vorstellungen sich nun verändern und erweitern. Unbewußt ist nicht mehr ein Name für das derzeit Latente, das Unbewußte ist ein besonderes seelisches Reich mit eigenen Wunschregungen, eigener Ausdrucksweise und ihm eigentümlichen seelischen Mechanismen, die sonst nicht in Kraft sind. Aber die latenten Traumgedanken, die wir durch die Traumdeutung erraten haben, sind doch nicht von diesem Reich; sie sind vielmehr so, wie wir sie auch im Wachen hätten denken können. Unbewußt sind sie aber doch; wie löst sich also dieser Widerspruch? Wir beginnen zu ahnen, 216 daß hier eine Sonderung vorzunehmen ist. Etwas, was aus unserem bewußten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: die Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewußten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit. Die Beeinflussung der Tagesreste durch das hinzutretende Unbewußte enthält wohl die Bedingung für die Regression. Es ist dies die tiefste Einsicht über das Wesen des Traumes, zu welcher wir hier, ehe wir weitere seelische Gebiete durchforscht haben, gelangen können. Es wird aber bald an der Zeit sein, den unbewußten Charakter der latenten Traumgedanken mit einem anderen Namen zu belegen, zur Unterscheidung von dem Unbewußten aus jenem Reich des Infantilen.

Wir können natürlich auch die Frage auf werfen: Was nötigt die psychische Tätigkeit während des Schlafens zu solcher Regression? Warum erledigt sie die schlafstörenden seelischen Reize nicht ohne diese? Und wenn sie aus Motiven der Traumzensur sich der Verkleidung durch die alte, jetzt unverständliche Ausdrucksform bedienen muß, wozu dient ihr die Wiederbelebung der alten, jetzt überwundenen Seelenregungen, Wünsche und Charakterzüge, also die materielle Regression, die zu der formalen hinzukommt? Die einzige Antwort, die uns befriedigen würde, wäre, daß nur auf solche Weise ein Traum gebildet werden kann, daß dynamisch die Aufhebung des Traumreizes nicht anders möglich ist. Aber wir haben vorläufig nicht das Recht, eine solche Antwort zu geben.

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