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Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band

Karl Kautsky: Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorKarl Kautsky / Paul Lafargue
titleVorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger Buchhandlung Vorwärts G. m. b. H.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
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3. Mores Lebenslauf.

Thomas More wurde am 7. Februar 1478 geboren als Sohn eines Richters am Oberhofgericht ( Kings Bench) in London. Nachdem er an der St. Anthonyschule Lateinisch gelernt und einige Zeit im Haushalt des Erzbischofs, späteren Kardinals Morton, eines bedeutenden Staatsmannes, zugebracht hatte, kam er an die hohe Schule nach Oxford (1492). Dort hatten schon die humanistischen Studien Eingang gefunden, und der junge More wandte sich mit Feuereifer den neuen Wissenschaften zu. Die Eindrücke, die er damals empfing, sind für sein ganzes Leben bestimmend gewesen. Wohl nahm ihn sein Vater wider seinen Willen von der Universität und zwang ihn, eine Rechtsschule in London zu besuchen. Aber wenn auch Thomas sich fügte und schließlich (1501) Rechtsanwalt wurde, seiner ersten Liebe, der klassischen Philosophie und Kunst, ist er stets treu geblieben, und er erlangte den Ruf eines hervorragenden Gelehrten und die Freundschaft der bedeutendsten unter den Humanisten, namentlich die ihres Hauptes in den germanischen Ländern, des Erasmus von Rotterdam, den er 1498 kennenlernte.

Diese hohe humanistische Bildung ist ein sehr wesentliches Moment, das More von den anderen Sozialisten seiner Zeit unterscheidet. Wohl gab es auch unter diesen Männer, die humanistische Studien gemacht hatten – wir erinnern an Grebel, Manz, Denck, Hubmeier –, aber die theologische Bildung überwog doch sehr bei ihnen. Eine so hohe philosophische Bildung wie More hat keiner von ihnen besessen.

Eine Zeitlang scheint übrigens More selbst in den Bannkreis des christlichen Kommunismus – wenn auch nicht des ketzerischen – geraten zu sein. In diesem Sinne wenigstens fassen wir es auf, daß er 1501 bis 1504 in der Nähe eines Kartäuserklosters lebte, an dessen religiösen Übungen teilnahm und selbst Mönch werden wollte. »Er hegte auch das ernstliche Verlangen, ein Franziskanermönch zu werden,« berichtet Stapleton, »um Gott in einem Zustand der Vollkommenheit zu dienen; aber als er fand, daß die Geistlichen in England ihre frühere Strenge und Begeisterung eingebüßt hatten, gab er sein Vorhaben auf.« Nach Erasmus trug dazu auch der Umstand bei, daß er das Keuschheitsgelübde sehr ernst nahm, aber zur Erkenntnis kam, er könne es nicht halten.

Er wandte sich wieder dem Leben zu, und 1505 heiratete er Jane Colet, die Tochter eines Landedelmanns. Als diese 1510 starb, nachdem sie ihm vier Kinder geschenkt, nahm er Alice Middleton zur zweiten Frau.

Die Sorge für eine Familie brachte die Arbeit für den Erwerb bei ihm in den Vordergrund, und der klassisch gebildete Gelehrte und fromme Schwärmer zeigte sich nun als höchst praktischer Geschäftsmann. Er gewann einen großen Ruf als Anwalt und wurde einer der Vertrauensmänner der Londoner Kaufleute. Die Kapitalisten sahen in dem Sozialisten den besten Vertreter ihrer Interessen.

Sicher ist diese enge Verbindung mit den Kapitalisten Londons nicht ohne Bedeutung für Mores sozialistische Ansichten gewesen. Die Kaufleute waren damals die Klasse, die den ökonomischen Fortschritt repräsentierte. Und gerade in London standen die Kaufleute auf einer besonders hohen Stufe. Zu Mores Zeit begannen sich schon die Wirkungen der bereits in dem vorhergehenden Bändchen erwähnten Veränderungen der Handelswege nach dem Orient bemerkbar zu machen. Der ökonomische Schwerpunkt Europas glitt von der Küste des Mittelmeers an die Küsten des Atlantischen Ozeans und seiner Ausläufer. Und England, wenn auch noch weit entfernt davon, das Meer zu beherrschen, begann bereits an dem Welthandel Anteil zu nehmen. Lag es doch an der befahrensten Handelsstraße jener Zeit, der Straße von Calais, welche die beiden weitaus wichtigsten Zentralpunkte des damaligen europäischen Welthandels, Lissabon und Antwerpen, miteinander verband. Neben diesen beiden Städten und Paris wurde London zur Weltstadt.

Dank alledem bekam More eine ökonomische Einsicht wie nur wenige seiner Zeit. Diese Einsicht erhob sich bei ihm über den beschränkten privatwirtschaftlichen Standpunkt des Kaufmanns und wurde eine nationalökonomische, das ganze wirtschaftliche Leben der Nation umfassende, und zwar vermöge seiner tiefen philosophischen Bildung und – seiner politischen Tätigkeit.

Denn auch an der Staatsverwaltung nahm der unermüdliche Mann regen Anteil. Bereits 1504 war er ins Parlament gewählt worden – leider wird nicht berichtet, von welchem Wahlkreis; und er übte dort sofort, trotz seiner Jugend, bedeutenden Einfluß aus. Seinem Auftreten war es, nach Roper, zuzuschreiben, daß das Parlament eine Steuer ablehnte, deren Auflegung der König, Heinrich VII., verlangte. Heinrich war wütend, daß ein »bartloser Junge« ihn um eine bedeutende Einnahme gebracht hatte, und da die Immunität der Parlamentsmitglieder damals keineswegs feststand, geriet More in ernstliche Gefahr. Er mußte sich vom öffentlichen Leben zurückziehen, ja er verließ sogar England für einige Zeit und besuchte die Niederlande und Frankreich, wodurch er seinen Horizont jedenfalls ungemein erweiterte und seinen Blick für soziale Verhältnisse schärfte. Er dachte sogar daran, aus seinem Vaterland auszuwandern, da er sich vor der Rache des Königs nicht sicher fühlte.

Aber dessen Tod (1509) brachte eine völlige Änderung der Situation herbei. Mit der Thronbesteigung des neuen Monarchen, Heinrichs VIII., begann natürlich auch ein »neuer Kurs«. More wurde nun nicht nur nicht mehr bedroht, sondern als Vertrauensmann der Londoner Bürgerschaft mit wichtigen Ämtern betraut. 1510 wurde er Untersheriff (eine Art Zivilrichter) von London, und als 1515 eine Gesandtschaft nach Flandern zur Abschließung eines Handelsvertrags mit den Niederlanden ging, war More als Vertreter der Londoner Kaufleute einer der Gesandten. Sechs Monate blieb er damals in den Niederlanden. Die Verhandlungen boten ihm mehr Muße als in London seine Anwaltspraxis und sein Richteramt. Er benutzte sie, um die »Utopia« zu schreiben, die Schilderung eines Idealstaats, dem alle Mißstände der bestehenden Staaten fremd waren, eine Frucht der Vereinigung philosophischer mit ökonomischer und politischer Bildung. Politische Bildung war damals keineswegs so verbreitet wie jetzt. Die große Mehrheit der Bevölkerung hatte nur für lokale Angelegenheiten dauerndes Interesse, und sie entbehrte der Mittel, in die staatlichen Angelegenheiten Einsicht zu erlangen. Die Entwicklung der Anfänge des modernen Staates geht überall Hand in Hand mit der Monopolisierung der Politik und der politischen Bildung durch die »Spitzen der Gesellschaft«.

So selten politische Bildung damals war, noch seltener war ihre Vereinigung mit ökonomischer Einsicht, mit Geschäftskenntnis und mit philosophischer Bildung. Die Gelehrten waren zu jener Zeit, wie heute, meist Schulmeister ohne jede praktische Erfahrung – namentlich in den germanischen Ländern. Und die Staatsmänner, die sich in der Regel aus der Aristokratie und der Geistlichkeit rekrutierten, ermangelten ebenfalls meist ebensosehr eines tieferen Verständnisses für ökonomische Fragen wie einer umfassenden philosophischen Bildung. Auch in der Beziehung hat sich seit dem sechzehnten Jahrhundert nicht viel geändert.

Aber so selten die Vereinigung aller der genannten Eigenschaften in einem Manne war, geradezu einzig wurde diese Vereinigung bei More dadurch, daß sie sich mit Charaktereigentümlichkeiten paarte, die eigentlich im Widerspruch zu jeder dieser Eigenschaften standen. Ökonomische Einsicht in das Wesen des Kapitalismus, soweit er damals entwickelt war, konnte nicht durch theoretische Studien erworben werden, denn eine ökonomische Theorie gab es noch nicht. Man erwarb sie nur, wie More, in der Praxis, diese aber entwickelte in jener Zeit naturgemäß Habgier und Selbstsucht. Die Bedingungen der Erwerbung politischer Bildung wieder führten damals, wo die nächste Zukunft dem Fürstentum gehörte, wo der Boden für eine wirksame staatliche Demokratie noch nicht vorhanden war, zur Servilität und Charakterlosigkeit nach oben, zu Brutalität und Rücksichtslosigkeit nach unten. Und die Gelehrten, die vom Volke nichts zu erwarten hatten, die wohl wußten, daß die Sache der arbeitenden Klassen für absehbare Zeit hoffnungslos sei, die – als Gelehrte – nur von der Gunst der Mächtigen und Reichen lebten, sie vereinigten in sich nur zu leicht die Korruption der Händler mit der der Politiker.

Die ketzerischen Kommunisten wußten wohl, warum sie nicht nur den Handel, sondern auch die Gelehrsamkeit und zumeist auch die Politik verabscheuten. Alles das verdarb damals den Charakter.

Ein Phänomen bildet More, der auf allen diesen Gebieten Hervorragendes leistete, der wohl erkannte, daß dem Absolutismus und dem Kapitalismus die nächste Zukunft gehöre, der ihnen seine Dienste widmete und dabei doch einfach und selbstlos blieb, unerschrocken und steifnackig nach oben und voll der liebevollsten Hingebung für die Ausgebeuteten und Unterdrückten. Darin stand er einzig da, das hat ihn aufs Schafott geführt, aber auch seine Unsterblichkeit begründet.

Nur ein so einziger Mann konnte zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts ein Werk schreiben wie die »Utopia«. Aber eben deswegen mußte sie auch unverstanden bleiben, bis die Bedingungen gegeben waren, welche weitere Kreise für den Ideengang eines höheren Sozialismus als des christlichen empfänglich machten.

Sie blieb unverstanden, aber nicht unbeachtet und auch nicht ohne Wirkung. Denn More leitete die Schilderung seines Idealstaats mit einer Kritik der bestehenden politischen und ökonomischen Verhältnisse seiner Zeit ein, die an Schärfe und Eindringlichkeit bis an die äußerste Grenze dessen ging, was ein anerkannter Politiker damals sagen konnte, ohne seinen Kopf zu riskieren. Mores Kritik der damals herrschenden Politik wurde, wie Seebohm bemerkt, fast um dieselbe Zeit geschrieben, in der Machiavelli diese Politik in ein System brachte. Machiavellis »Fürst« erschien ein Jahr vor der »Utopia«. Viele der politischen und sozialen Kritiker Englands im sechzehnten Jahrhundert und auch noch später sind durch diese Ausführungen beeinflußt worden, So beruft sich 1682 Sir William Petty in seinem Essay » Of the Growth of the City of London« auf Mores »Utopia«, wo im ersten Teil gezeigt sei, daß »es gegen die Natur ist, daß jemand Leben, Gliedmaßen oder Freiheit (als Dieb) für eine erbärmliche Existenz riskiert, da wo mäßige Arbeit ihm eine bessere verschafft«. Und 1824 hält Robert Southey seine » Colloquies on Society«, seine »Gespräche über die Gesellschaft« mit dem Schatten Mores. und selbst ins Volk drang die Moresche Kritik.

Schon unmittelbar nach ihrem Erscheinen erregte die »Utopia« allgemeines Aufsehen in den Kreisen der Gelehrten und der Politiker. Der ersten Auflage, die 1516 zu Löwen erschien, folgte bald, 1518, die zweite, in Basel bei Froben gedruckt, 1520 in Paris die dritte, und daran reihte sich eine endlose Reihe von Neuausgaben und Übersetzungen bis auf den heutigen Tag.

Die rasche Aufeinanderfolge der ersten Auflagen zeigt bereits, welchen Eindruck die »Utopia« hervorrief. Sie stellte More mit einem Schlag in die erste Reihe der Politiker Englands. Aber dort durfte zu Heinrichs VIII. Zeit niemand ungestraft stehen, der nicht dem König ergeben war und ihm diente. Am allerwenigsten ein Mann, hinter dem die mächtige Kaufmannschaft des mächtigen London stand. Schon vor dem Erscheinen der »Utopia« war More aufgefordert worden, in den Dienst des Königs zu treten. Er hatte abgelehnt aus Gründen, die er in der genannten Schrift auseinandersetzt. Jetzt, nach deren Veröffentlichung, bot Heinrich alles auf, den hervorragenden Politiker in seine Dienste zu ziehen, jetzt war es aber auch für More zu gefährlich geworden, noch einmal eine abschlägige Antwort zu geben, die ihn zu einem Oppositionsmann gestempelt hätte, der beseitigt werden mußte. Man vergesse nicht, daß unter Heinrich VIII. das englische Königtum am mächtigsten und selbstherrlichsten war. Die Gründe dieser Erscheinung hat der Schreiber dieses ausführlich auseinandergesetzt in seinem »Thomas More und seine Utopie«, 4. Auflage, S. 151 ff. Ihre Wiederholung würde hier zu weit führen.

1518 wurde More ein Beamter des königlichen Hofes, zunächst » Master of Requests« Referent über einlaufende Gesuche. Bald darauf erfolgte seine Erhebung in den Ritterstand, und er bekleidete von da an die verschiedensten ersten Stellen im Staate – heute würde man sagen »Ministerien«. Diese politische Tätigkeit bot ihm mannigfache Gelegenheit, Gutes in einzelnen Fällen zu wirken, aber an eine Politik im Sinne seiner »Utopia« oder überhaupt an eine selbständige Politik konnte More nicht denken. Er zeigte sich als kluger, ehrlicher und gewissenhafter Geschäftsminister. Zu einer höheren Tätigkeit fand er keine Gelegenheit. Aber war es ihm auch versagt, eine selbständige Politik zu treiben, so wurde er doch nie ein unselbständiger Höfling. Er scheute sich nicht, selbst dem König den Gehorsam zu verweigern, wenn dieser etwas von ihm forderte, das seiner Überzeugung zuwiderlief.

Dadurch wurde More ein Märtyrer des Katholizismus.

Er stand der Reformation, wie anfangs auch Heinrich VIII., feindlich gegenüber, nicht aus religiösen Gründen, denn er hat sich vielfach über katholische Einrichtungen und Dogmen ebenso frei und kritisch geäußert wie nur irgendein Lutheraner oder Zwinglianer; ja er hat in seiner »Utopia« das Bild einer Idealreligion entworfen, das sich über die Schranken nicht nur des Katholizismus, sondern des Christentums überhaupt erhebt. Er proklamierte darin den Grundsatz religiöser Toleranz, und er hat ihn später auch geübt, er hat sogar Lutheraner in sein Haus ausgenommen und unterstützt.

Aber als Politiker hatte er kein Interesse an der Losreißung Englands vom Papsttum. Seit der Wiclifitischen Bewegung und der großen Kirchenspaltung war England vom Papsttum tatsächlich unabhängig geworden; es hing von den Machthabern Englands, König und Parlament, ab, ob und inwieweit der Papst aus der englischen Kirche Nutzen ziehen und sie beeinflussen durfte. Zu einer gewaltsamen Losreißung wie in Deutschland war in England zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts nicht der mindeste Grund vorhanden.

Hatte More als englischer Politiker keinen Grund, eine solche zu wünschen, so mußte sie ihm als Humanisten und Monarchisten höchst zuwider sein. So sehr er das Volk liebte, so unangenehm war ihm jede Volksbewegung. Er konnte sich nicht vorstellen, daß eine gedeihliche und wirksame Staatsveränderung anders als durch einen Fürsten vollbracht werden könne, und er hatte darin von seinem Standpunkt aus damals vollkommen recht. Die Lutheranische Bewegung trat aber anfangs als eine revolutionäre Bewegung auf, und sie verlor diesen Charakter erst nach einem furchtbaren Aderlaß am Volke, der More noch tiefer empörte als die Volksbewegung selbst. Er wünschte für England weder das eine noch das andere und trat daher dem Lutheranismus, der auch in England auftauchte, entschieden entgegen. Ebensosehr natürlich auch den anderen, demokratischen Formen der Reformationsbewegung. Doch gehen uns diese im jetzigen Zusammenhang nichts an. Wir handeln hier nur von Mores Verhältnis zur Reformation Heinrichs VIII. und dessen Staatskirche.

Wie More, war auch Heinrich VIII. der deutschen Reformation feindlich gesinnt. Aber diese zeigte bald Seiten, die dem englischen König sehr sympathisch wurden: sie erlaubte den deutschen Fürsten, das Vermögen der Kirche zu konfiszieren. Seit dem Beginn der zwanziger Jahre war Heinrich in beständiger Geldnot, da begann ihm das deutsche Beispiel sehr wohl zu gefallen. Die deutschen Reformatoren warfen aber auch die überkommenen ehelichen Verhältnisse über den Haufen, erklärten Ehescheidung, ja manche sogar Vielweiberei für erlaubt. Das behagte dem wollüstigen Heinrich, paßte aber auch in seine Politik.

Er hatte zur Bekräftigung eines Bündnisses mit Spanien Katharina von Aragonien geheiratet. Seitdem aber Karl V. die Niederlande, Spanien und die deutsche Kaiserkrone in seiner Hand vereinigt hatte, war die spanische Macht für England bedrohlich geworden. Zur Abwehr der spanischen Übermacht neigte England sich fortan zu Frankreich. Mit der Allianz war auch die Ehe mit der alten Katharina überflüssig geworden. Heinrich verlangte vom Papst, er solle ihn von seiner Gattin scheiden. Aber so gern dieser gefällig gewesen wäre, er war in Abhängigkeit von Karl V., und der wollte von der Depossedierung der spanischen Prinzessin nichts wissen.

Diese Angelegenheit zeigte Heinrich fühlbar, daß der Papst nicht sein willenloses Werkzeug, und daß die Kirche als Herrschaftsmittel ihm nicht so völlig zu Willen sei wie seinen reformierten Kollegen in Deutschland.

Das gab den Anstoß zur Loslösung Englands von der katholischen Kirche; Heinrich machte sich selbst zum Papst der englischen Kirche und wirtschaftete fortan mit ihr und in ihr nach Belieben. »Nirgends trat die Kirchenspaltung so offen, so schamlos als bloßes Ergebnis der Wollust, des Größenwahns und der Habsucht des Absolutismus auf wie in England.« Kautsky, Thomas More, 4. Auflage, S. 197.

Hofadel und Hofpfaffentum machten die Veränderung natürlich gehorsamst mit. Im Volke dagegen blieb die Reformation Heinrichs VIII. höchst unbeliebt. Soweit sie der kirchlichen Ausbeutung ein Ende machte, geschah es nur, um eine viel schlimmere Art der Ausbeutung an deren Stelle zu setzen. Die Kirche war jener Grundbesitzer in England, der noch am wenigsten von den neuaufgekommenen Formen kapitalistischer Wirtschaft ergriffen, der den Besitzlosen gegenüber noch am freigebigsten war. Jetzt wurde der ganze ungeheure Grundbesitz zuerst der Klöster, dann der Gilden konfisziert und an habgierige Günstlinge und nicht minder habgierige Spekulanten verschleudert. Dem Staatsschatz nützte diese Konfiskation gar nichts, sie wurde aber ein mächtiges Mittel, das Hauptübel, an dem England krankte, das Massenproletariat ungeheuer anschwellen zu lassen.

Das englische Volk, weit entfernt, für diese Art Reformation Sympathien zu empfinden, wurde immer erbitterter über sie. Schließlich, nach Heinrichs VIII. Tod und einer kurzen Zwischenregierung, welche die Raubwirtschaft noch fortgesetzt hatte, erhob es sich, stürzte die protestantische Kamarilla und setzte die katholische Maria, die Tochter der verstoßenen Katharina auf den Thron.

Erst unter ihr wurde die Reformation populär, denn unter ihr entwickelte sich ein scharfer Gegensatz zwischen England und Spanien, da dieses dem Aufschwung des britischen Handels im Wege stand. Dieser Gegensatz wurde ein nationaler, damit aber wurde auch der Gegensatz zu dem römischen Papst, dem Werkzeug des Landesfeindes, ein volkstümlicher. »Aus diesem Gegensatz erwuchs der populäre Protestantismus der Elisabeth; erst durch ihn wurde die Reformation in England eine nationale Tat, die unter Heinrich VIII. vom ökonomischen Standpunkt aus ein bloßer Diebstahl eines verschuldeten Fürsten und einiger ebenfalls verschuldeten Wüstlinge und habgierigen Spekulanten gewesen ist.« Kautsky, Thomas More, 4. Auflage, S. 239.

More hat diese Entwicklung nicht erlebt, er starb in ihren Anfängen, aber wir haben sie mitgeteilt, weil durch sie Mores Verhalten gegenüber der Reformation Heinrichs VIII. am verständlichsten wird. Nichts irriger, als aus diesem Verhalten zu schließen, More sei ein Fanatiker für katholische Dogmen gewesen. Was ihn drängte, der Reformation in England entgegenzutreten, war nicht bornierter Katholizismus, sondern Unbeugsamkeit des Charakters und Liebe zum Volk. Dafür ist er den Märtyrertod gestorben.

1529 war More zum Lordkanzler (Reichskanzler) geworden, der erste Nichtgeistliche in dieser Stellung, der nicht aus dem hohen Adel stammte. Schon hatte die Ehescheidungsangelegenheit begonnen, und More hatte kein Hehl daraus gemacht, daß er des Königs Vorgehen nicht billige. Wenn dieser glaubte, ihn durch seine Beförderung zu gewinnen, täuschte er sich. More versuchte in dem Kampfe zwischen Heinrich und dem Papst neutral zu bleiben, aber schließlich erkannte er, daß ein weiteres Verbleiben im Amt unvereinbar sei mit seiner Ehre. Am 11. Februar 1531 hatte der englische Klerus Heinrich als das Haupt der Kirche anerkannt, ein Jahr darauf legte More seine Stellung nieder. Das hieß aber in jener Situation in den Augen des Königs nichts anderes als Rebellion und Hochverrat, und Heinrich ruhte denn auch nicht eher, als bis es ihm gelang, durch elende Richter die Komödie eines Hochverratsprozesses gegen seinen gewesenen Kanzler inszenieren zu lassen, die, dank einem gedungenen Zeugen, mit der Verurteilung des Angeklagten zu einem qualvollen Tode endete.

Der »milde« König begnadigte ihn zur Enthauptung.

Unerschrocken und heiter starb der erste große Utopist, am 6. Juli 1535, auf dem Blutgerüst, wenige Tage nachdem die erste Diktatur des revolutionären kommunistischen Proletariats in ihrem Blute erstickt worden war (in Münster).

Der aufkeimende moderne Sozialismus hatte die Bluttaufe empfangen.

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