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Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band

Karl Kautsky: Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorKarl Kautsky / Paul Lafargue
titleVorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger Buchhandlung Vorwärts G. m. b. H.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161030
projectid622b862f
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Vorwort.

Im Jahre 1894 faßten im Verein mit unserem Freund und Verleger H. Dietz Bernstein und ich den Plan, in vier Bänden eine Geschichte des Sozialismus in Einzeldarstellungen herauszugeben. Leider kamen nicht alle Mitarbeiter, die wir gewonnen hatten, in die Lage, die Arbeiten auszuführen, für die sie in Aussicht genommen waren. Das Werk blieb ein Torso, von den vier Bänden erschienen bloß zwei, der erste und dritte. Dies veranlaßte, sobald neue Auflagen der beiden Bände notwendig wurden, eine neue Form ihres Erscheinens. Die einzelnen Beiträge wurden als besondere Werke herausgegeben, die allerdings untereinander in einem inneren Zusammenhang standen.

Die Sonderausgabe war leicht zu bewerkstelligen bei dem dritten Band, der von vornherein ein Werk für sich allein darstellte, der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie von Mehring. Ebenso bei dem ersten Teil des ersten Bandes, der ausschließlich von mir verfaßt war und die Vorläufer des neueren Sozialismus bis zu den Wiedertäufern behandelte.

Schwieriger gestaltete sich die Neuherausgabe der Arbeiten des zweiten Teils des ersten Bandes, der von den späteren Vorläufern des neueren Sozialismus handelte, da diese Arbeiten nicht von einem, sondern von vier Verfassern herrührten. Den Hauptinhalt bildete die Darstellung des Sozialismus und der Demokratie in der großen englischen Revolution von Bernstein. Diese Darstellung war so ausgedehnt, daß sie ein Buch für sich bilden konnte, als welches sie auch 1908 erschien. Länger hat es gedauert, bis die anderen, kleineren Arbeiten des Bandes gesondert erschienen, die Darstellungen des Werkes Campanellas und des Jesuitenstaates in Paraguay von Lafargue, sowie meine Abhandlung über Thomas More einerseits, anderseits die Lindemannsche Arbeit über den Sozialismus in Frankreich im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, mit dem Anhang über die kommunistischen Gemeinden Nordamerikas. Sie kommen jetzt in zwei Bändchen heraus, im Anschluß an meine »Vorläufer«, deren Fortsetzung sie bilden. Wohl kann jedes Bändchen auch für sich allein gelesen werden, doch gewinnt man ein besseres Verständnis, wenn man meine »Vorläufer« bereits kennt.

Von diesen zwei Bändchen enthält das vorliegende zwei Abhandlungen von Lafargue und eine von mir. Leider habe ich die Aufgabe, die Vorrede zu unserer gemeinsamen Schrift zu verfassen, deren Hauptteil Lafargue geliefert hat, denn bereits seit langem weilt er in dem Lande, von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt. Sein Hinscheiden war ein großer Verlust, nicht nur für den wissenschaftlichen Sozialismus, sondern auch für die Internationale, die ihn kurz vor ihrer größten Krisis verlor, drei Jahre vor dem Weltkrieg. Unmittelbar vor dessen Ausbruch wurde Jaurès' Mund für immer geschlossen. So fehlten der Internationale in der Zeit ihrer Katastrophe die beiden gewaltigsten Vertreter internationalen Denkens in Frankreich.

Mit dem Verlust, den die große Sache durch Lafargues Tod erlitt, läßt sich natürlich der kleine Verlust nicht in eine Linie stellen, den die vorliegende Arbeit vielleicht dadurch erlitt, daß der Verfasser nicht mehr in die Lage kam, sie für die zweite Auflage zu revidieren. Den Abschnitt über Paraguay hätte er vielleicht noch durch einige Ausführungen bereichert.

Er selbst weist ja in einer Fußnote darauf hin, daß er bei der Abfassung seiner Arbeit meine Abhandlung in der »Neuen Zeit« über den Jesuitenstaat nicht kannte, deren Ausführungen in einigen Punkten von den seinen abwichen, von denen er aber zu spät Kenntnis erhielt, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Sowohl Lafargue wie ich bekamen bald nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe der vorliegenden Arbeiten mit so vielen aktuellen Parteidifferenzen zu tun, daß die mehr akademischen Differenzen wegen des Jesuitenstaats dahinter zurücktraten. So blieben diese zwischen uns unausgetragen – sicher ein Verlust für mich, wahrscheinlich auch für den Leser.

Ich selbst beabsichtigte erst kürzlich wieder, den Jesuitenstaat zu behandeln, jedoch in einem ganz aktuellen Sinne, indem ich den jesuitischen Kommunismus in Paraguay in Vergleich stellen wollte zum bolschewistischen Kommunismus in Rußland. Beide Arten Kommunismus haben insofern manche Züge miteinander gemeinsam, als beide Versuche darstellen, eine rückständige Bevölkerung unter der Leitung einer diktatorisch waltenden, überwiegend aus Intellektuellen bestehenden Gesellschaft – hier der Jesuitenorden, dort die kommunistische Partei – zu kommunistischer Produktion zu organisieren, ein Versuch, der in Paraguay im Gegensatz zu Sowjetrußland nicht zum wenigsten deshalb glückte, weil es sich dort um höchst primitive, einfache Verhältnisse handelte, während in Rußland Bauernschaft, Proletariat, Industrie weit höher entwickelte und mannigfaltigere Verhältnisse aufwiesen, die schon über das Stadium des primitiven Kommunismus hinaus, aber für das des modernen, auf demokratischer Selbstverwaltung beruhenden Sozialismus noch nicht reif waren.

Auch sonst ähnelt, trotz großen Unterschieden, die kommunistische Partei Rußlands dem Jesuitenorden in manchen Zügen ganz auffallend, in Gutem und Bösem, in ihrem Enthusiasmus, ja Fanatismus für die Sache ihrer Organisation, ihrer Energie und Zähigkeit, aber auch in der Diktatur ihrer Führer, in dem blinden Gehorsam der Mitglieder gegenüber den Obern, in ihrer Vorliebe für illegale Organisation neben der legalen, in der Unbedenklichkeit bei der Wahl ihrer Mittel, die durch den Zweck geheiligt werden. Das Wort vom Kadavergehorsam entstammt einem jesuitischen Satz; jesuitisch ist das Schwören mit heimlichem Vorbehalt.

Auch in ihrer Vorliebe, sich unkultivierter Völker für ihre Zwecke zu bedienen, stimmen Jesuiten und Bolschewiki überein. Doch haben die Jesuiten dies erfolgreicher betrieben, wofür gerade der Kommunismus von Paraguay ein glänzendes Beispiel ist, der, wie immer man über die Jesuiten und ihr Regime denken mag, ökonomisch eine Meisterleistung darstellte.

Diese Parallele verleiht dem Jesuitenstaat und damit auch dem vorliegenden Büchlein gerade jetzt erneutes und erhöhtes Interesse, läßt es aber freilich auch doppelt bedauerlich erscheinen, daß Lafargue mit seiner tiefen Kenntnis des so viel umstrittenen Gegenstandes nicht dazu kam, die unter uns noch bestehenden Differenzen völlig aufzuhellen.

Indes betreffen diese Differenzen nicht die Darstellung der einzelnen Institutionen, sondern nur ihre Bewertung und ihre Einfügung in den Gesamtzusammenhang des jesuitischen Tuns.

Unsere Meinungsverschiedenheiten lassen sich im wesentlichen darauf zurückführen, daß ich nicht der Meinung bin, die Jesuiten hätten sich vorgenommen, in Paraguay »das Ideal des Christentums zu verwirklichen«, sondern sie hätten es unternommen, den urwüchsigen amerikanischen Kommunismus für sich auszubeuten, der seine höchste Form im Inkastaat Perus gefunden hatte, dessen Einrichtungen den Jesuiten bekannt waren. Anderseits erscheint mir die Unterdrückung, welche die Jesuiten übten, an anderen kolonialen Methoden gemessen, nicht so hart, wie Lafargue sie auffaßt. Wie immer man darüber denken mag, der Wert der Ausführungen im vorliegenden Buche wird davon kaum berührt.

Auf jeden Fall ist es mir eine allerdings recht wehmütige Freude, daß das vorliegende Büchlein mir Gelegenheit gibt. Arm in Arm mit meinem dahingeschiedenen Freund aufzutreten, dem ich so viel verdanke, der der erste war unter den Schülern des historischen Materialismus, die Karl Marx gewann.

Charlottenburg, Juli 1921.
Karl Kautsky.

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