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Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band

Karl Kautsky: Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorKarl Kautsky / Paul Lafargue
titleVorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger Buchhandlung Vorwärts G. m. b. H.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161030
projectid622b862f
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Der Jesuitenstaat in Paraguay

Von Paul Lafargue

Quellenwerke: Xavier Charlevoix, Histoire du Paraguay, Paris 1757. – Don Gregorio Funes, Dechant der Kathedrale von Cordova in Südamerika, Ensayo de la historia civil de Paraguay, Buenos Aires y Tucuman, Buenos Aires 1816. – Don Felix de Azara, Kommissär und Kommandant an der spanischen Grenze von Paraguay 1781 bis 1801, Voyage dans l'Amérique méridionale, Paris 1809. – Raynal, Histoire philosophique et politique des deux Indes, Paris 1820. – Rengger und Lonchamp, Essai historique sur la Révolution du Paraguay, Stuttgart 1829. – A. d'Orbigny, Voyage dans l'Amérique méridionale de 1826 à 1833, Paris. – Alfred Demersay, Mitglied einer wissenschaftlichen Mission im südlichen Amerika, Histoire du Paraguay, Paris 1860. – Dr. Bourgade La Dardye, Le Paraguay, Paris 1889.

Erstes Kapitel.
Eine christliche Republik.

Unter der klugen Leitung Leos XIII., der sich bescheiden den »Papst der Arbeiter« betitelt, ist der katholische Klerus Europas und Amerikas ausgezogen, um seinen alten Einfluß auf das Volk zurückzuerobern. Um die Arbeiter dem sozialistischen Einfluß zu entziehen, läßt er sich neuerdings die Verbesserung des Loses des Proletariers angelegen sein, um welche er sich bis jetzt sehr wenig gekümmert hat, offenbar, weil seine ganze Kraft von den zahlreichen Leistungen aller Art beansprucht wurde, welche die Kapitalistenklasse von ihm fordert, die ihn bezahlt. Gegenwärtig gibt es einen christlichen Sozialismus, der sich in großer Wandlungsfähigkeit den Ländern und den sozialen Bedingungen anpaßt, wo seine Apostel ihre frohe Botschaft verkündigen. Es ist deshalb gewiß interessant, einen Einblick in das »Neue Jerusalem« zu tun, nach welchem die Geistlichen die Menschheit führen wollen. Um diesen Einblick zu gewinnen, brauchen wir nicht in die Fußtapfen des armen Eugen Richter zu treten, der sich unmenschlich abgequält hat, um den Beweis zu erbringen, daß ein Spießbürger seines Schlages unfähig ist, sich dazu aufzuschwingen, eine Moral zu begreifen, die nicht mehr den kapitalistischen Profit zur Grundlage hat, und eine Gesellschaft verstehen zu können, in der dem Produzenten nicht mehr täglich ein Teil der Früchte seiner Arbeit gestohlen wird. Um eine Vorstellung von dem gelobten Lande des katholischen Klerus zu erhalten, haben wir auch nicht nötig, unserer Phantasie die Zügel schießen zu lassen und einen »Zukunftsstaat« zu konstruieren, den uns die Katholisch-Sozialen mit gutem Recht abstreiten könnten. Wir brauchen vielmehr nur die »christliche Republik« zu studieren, welche die Jesuiten in Paraguay schufen.

Die Gesellschaft Jesu gründete mit einer Bevölkerung, welche in sittlicher und geistiger Beziehung äußerst entwicklungsfähig war, einen »christlichen Staat«, der bis zu 150 000 Einwohner zählte und länger als anderthalb Jahrhunderte bestand, nämlich von 1610 bis 1768.

Raynal behauptet, daß »die Jesuiten die Methoden erfahren hatten, welche die Inkas anwendeten, um ihr Reich zu regieren und zu vergrößern, und daß sie diese zum Vorbild nahmen«. Funes, Dechant der Kathedrale von Cordova in Südamerika, protestierte jedoch energisch gegen diese Behauptung und erklärte, »daß die Jesuiten ein weit erhabeneres Vorbild in den Lehren des Evangeliums gefunden hatten sowie in dem Vorbild der ersten Christen«. Die »Missionen von Paraguay« sind also nach Funes eine Verwirklichung des christlichen Ideals, und als solche sollten sie die Bewunderung der Welt herausfordern.

In dieser theokratischen Republik gab es kein geschriebenes Gesetz. »Das Gewissen vertrat die Stelle der Gesetzgebung,« sagt Funes. »Es gab keine Strafgesetze, sondern bloße Vorschriften, deren Übertretung durch Fasten, durch Gebete bestraft ward ..., und über diese Art von Strafen wird man sich nicht verwundern, wenn man weiß, wie schön und rein die herrschenden Sitten waren. Don Pedro Faxardo, Bischof von Buenos Aires, schrieb 1721 in seinem von Charlevoix zitierten Brief an Philipp V. von Spanien: »Unter diesen Völkerschaften herrscht eine so große Unschuld, daß ich glaube, daß im Jahre auch nicht eine einzige Todsünde begangen wird; die Wachsamkeit der Geistlichen beugt sogar den kleinsten Fehlern vor.« – »Es gab keine Zivilgesetze,« heißt es noch bei Funes, »weil bei diesen Indianern das Eigentumsrecht sozusagen unwahrnehmbar war.«

Dieser christlichen Republik wurde das seltene Glück zuteil, die skeptischen Philosophen des vorigen Jahrhunderts zu begeistern, welche so weit gingen, »das Los der Indianer Paraguays zu beneiden«, berichtet Azara. Montesquieu kargte mit seinem Lobe nicht: »Es gereicht«, sagt er, »der Gesellschaft Jesu zum Ruhme, in jenen Gegenden zuerst die Idee der Religion, gepaart mit derjenigen der Humanität, gezeigt zu haben ... Sie hat die zerstreuten Völkerschaften aus dem Wald gezogen, sie hat ihnen einen gesicherten Lebensunterhalt gegeben, sie hat sie gekleidet ... Es wird immer schön sein, die Menschen zu regieren, um sie glücklich zu machen.« Montesquieu, Geist der Gesetze, 4. Buch, 6. Kapitel.

Die »Missionen«, »Niederlassungen« oder »Lehren« ( Doctrines) der Jesuiten, wie man die Ortschaften der theokratischen Republik nannte, wurden indes auch im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert von Gegnern heftig angegriffen. Politiker beschuldigten die Gesellschaft Jesu, einen von der spanischen Krone unabhängigen Staat schaffen zu wollen. Die Spanier der Kolonialländer warfen ihr vor, daß sie der Privatindustrie und dem Privathandel eine verderbliche und unehrliche Konkurrenz mache, und daß sie Fremden den Zutritt zu ihren Niederlassungen verbiete, um allein im Besitz und in Nutznießung der im Lande gelegenen Gold- und Silberminen zu bleiben. Andere Gegner nahmen die Maske der Religion und der Philanthropie vor und bezichtigten die Jesuiten, den Indianern ein verfälschtes Christentum zu lehren und sie mit Arbeit zu überbürden.

Da ich eine durchaus unparteiische Schilderung des paraguayschen Jesuitenstaates geben wollte, habe ich mir angelegen sein lassen, aufs gewissenhafteste die Anklagen zu prüfen, aus denen vielfach Übelwollen spricht, und die sich nur zu oft durch ganz bestimmte, sehr materielle Interessen erklären. Aber ebenso sorgsam habe ich die Werke geprüft, in denen eine übertriebene, geheuchelte oder auch einseitig kritiklose Bewunderung der Schöpfung der Jesuitenpatres zutage tritt. Meinen Studien über die Organisation der christlichen Gesellschaft Paraguays liegen vor allem die Briefe der Missionare zugrunde, sowie die offiziellen Dokumente, welche der Jesuit Charlevoix in großer Zahl an führt, der seine » Histoire du Paraguay« nur zu dem Zwecke verfaßt hat, das Werk der Gesellschaft Jesu zu verherrlichen. Ferner beschäftigte ich mich eingehend mit der » Histoire civile du Paraguay« von Funes, Dechant der Kathedrale von Cordova in Südamerika, der sich bemüht hat, die Kritik zurückzuweisen, welche in Azaras » Voyage dans l'Amérique méridionale« gegen die Republik der Jesuiten enthalten ist. Funes und Azara waren Zeitgenossen, und beide lebten in dem Lande der »Missionen« kurze Zeit nach der Vertreibung der Jesuiten. Die Tatsachen, welche sie berichten, waren ihnen also von Augenzeugen mitgeteilt worden.

Die christliche Republik der Jesuiten interessiert die Sozialisten in doppelter Hinsicht. Einmal gibt sie ein ziemlich genaues Bild der Gesellschaftsordnung, welche die katholische Kirche zu verwirklichen strebt, und dann ist sie ein soziales Experiment, und zwar eines der interessantesten und ungewöhnlichsten, welche je gemacht worden sind. Welcher Ansicht man auch immer in betreff der geheimen Ziele der Gesellschaft Jesu sein mag: man wird nicht umhin können, die hohe politische Einsicht zu bewundern, welche sie in ihrem Werk betätigte; man wird nicht umhin können, die Selbstverleugnung, den Mut, das Geschick, Menschen zu erziehen und zu leiten, und die geduldige Zähigkeit der Missionare zu bewundern, welche in den Jesuitenniederlassungen Paraguays die Indianer schulten und regierten.

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