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Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band

Karl Kautsky: Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorKarl Kautsky / Paul Lafargue
titleVorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger Buchhandlung Vorwärts G. m. b. H.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
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4. Der Sonnenstaat.

»Der Sonnenstaat«, die lateinisch verfaßte Utopie Campanellas, bildet einen Teil seiner » Philosophia realis«, die in den Jahren 1620 bis 1623 zu Frankfurt erschien und im Jahre 1637, zwei Jahre vor seinem Tode, in Paris neu aufgelegt wurde, sie findet sich am Schlusse des dritten Teiles, der Politik. Ohne auf die bibliographischen Einzelheiten näher einzugehen, ist es doch von Interesse, zu erwähnen, daß mitten in der Blütezeit des utopischen Sozialismus, wie Engels diese Periode bezeichnet, zu Paris zwei französische Übersetzungen der » Civitas Solis« erschienen, die eine im Jahre 1840, übersetzt von Villegardelle, und die andere im Jahre 1844, übersetzt von Jules Rosset und mit einer biographischen Einleitung aus der Feder der Frau Luise Colet versehen. Im Jahre 1885 hat Henry Morley in einem »Ideale Gemeinwesen« (» Ideal commonwealths«) betitelten Bande das »Leben des Lykurg« von Plutarch, die »Utopia« von Thomas More, die »Neue Atlantis« von Bacon und den »Sonnenstaat« von Campanella herausgegeben, den letzteren zum erstenmal von Th. W. Halliday ins Englische übersetzt. Aus dieser englischen Ausgabe sind, wie Herr Morley in der Vorrede mitteilt, »ein oder zwei Details, die sehr wohl entbehrt werden können«, fortgelassen. Sie beziehen sich nämlich auf das anstößige Thema der geschlechtlichen Beziehungen, und Herr Morley war ängstlich bemüht, alle von ihm herausgegebenen Schriften in dieser Hinsicht auf der Höhe der respektabelsten Respektabilität seiner Landsleute zu halten. K. Kautsky.

Die Utopie Campanellas ist eine der kühnsten, vollständigsten und schönsten Utopien, die je geschrieben worden sind; in der Organisation seiner »philosophischen Republik« berücksichtigt er alle sozialen Beziehungen der Männer unter sich und zu den Frauen und Kindern, und er steigt bis zu den kleinsten Einzelheiten des Privatlebens herab. Er erörtert und löst mit der vollständigsten Freimütigkeit die sozialen Probleme, welche seine Zeit aufstellte und welche noch jetzt unser Jahrhundert erregen.

Die »Utopia« des Thomas More ist das Werk eines Staatsmannes; er kennt die Gesellschaft, die er geistig kritisiert und die er mitunter bitter verspottet. Er entrüstet sich über das barbarische Verfahren der Justiz, und er empfindet großes Mitleid mit der schlimmen Lage der von ihren Stellen verjagten Bauern, die durch Schafherden verdrängt und als Bettler in die Städte gehetzt, wegen des geringfügigsten Diebstahls ohne Gnade gehängt wurden; durch seine Beobachtungen war er zu der Erkenntnis gelangt, daß das Privateigentum und das Geld die Ursache der Kämpfe, Laster und Leiden der menschlichen Gesellschaften seien.

Campanella hingegen kennt die Welt nicht; seit seiner Kindheit in dem kommunistischen Bereich eines Klosters lebend, gibt er sich dem kühnsten Fluge des metaphysischen Gedankens hin; noch jung, wird er in ein Gefängnis eingeschlossen und sieht die soziale Stellung des Menschen nur durch die Brille einer hochherzigen und feurigen Einbildungskraft, welche durch die Schriften der griechischen Denker und die Berichte der Reisenden genährt wurde, die von den seltsamen Sitten der unlängst in Asien und Amerika entdeckten barbarischen und wilden Völkerschaften erzählten. Er erbaut seinen Idealstaat ganz aus einem Stück, ohne irgendwelches Hindernis der Verwirklichung in Betracht zu ziehen, und er bietet ihn den Menschen in der festen Überzeugung dar, daß die Völker denselben nur kennenzulernen brauchen, um ihn zu verwirklichen, während More Zweifel hegt, ob selbst die dringendsten Reformen, welche er seinem Reisenden bei der Rückkehr von Utopia in den Mund legt, durchgeführt würden.

Man mußte ein Idealist sein, wie es Campanella war, der die wirklichen Zustände der uns umgebenden Welt nicht kannte, um sich dermaßen zu täuschen, daß er glaubte, nur nötig zu haben, einen kommunistischen Staat zu erdenken, damit seine Verwirklichung unmittelbar möglich würde. Die Menschheit mußte dem Verhängnis gemäß die individualistische Phase durchmachen, welche ihr die wirtschaftlichen Erscheinungen aufdrängten, denen dann die Aufgabe zufällt im Fortgang ihrer Entwicklung die individualistische Form, welche sie schufen, zu zerstören und eine neue kommunistische Form vorzubereiten. Ebenso wie der Individualismus aus dem Kommunismus hervorgewachsen ist, entspringt der Kommunismus aus dem Individualismus. Die Männer des Gedankens und der Tat unserer Zeit haben die Aufgabe, den Gang der Ereignisse zu studieren und zu erkennen, um denselben zu beschleunigen, nicht aber Utopien zu träumen, wie die Philister es wünschen; wenn diese Herren der Utopien bedürfen, um sich zu zerstreuen, so verweisen wir sie auf das geniale Werk Campanellas, dessen Lektüre nicht allzuviel von ihrer kostbaren Zeit beanspruchen wird.

Am liebsten möchten wir den ganzen »Sonnenstaat«, der auf einer so kleinen Anzahl von Blättern so viele verschiedene Fragen erörtert, abdrucken, doch müssen wir uns auf eine einfache Übersicht beschränken, die wir indes möglichst vollständig machen wollen, damit der Leser eine richtige Idee von der Auffassung erhält, welche dieser Mönch des sechzehnten Jahrhunderts sich von der Welt machte. Denn obwohl er im Jahre 1639 gestorben ist, so gehört Campanella doch durch die Kühnheit seines Charakters und den Mystizismus seines Geistes jenem Jahrhundert an.

*

Ein immerwährender Kriegszustand von Provinz zu Provinz, von Stadt zu Stadt und selbst von Dorf zu Dorf war das Leben des feudalen Mittelalters gewesen, aus dem man soeben herausgetreten war. Die Häuser der Städte und selbst die Klöster waren befestigte Plätze, die eine Belagerung aushalten konnten, alle Einwohner, Männer sowohl wie auch Frauen und Kinder, Weltliche und Geistliche waren häufig genötigt, zu ihrer Verteidigung, wenn nicht zum Angriff, die Waffen zu ergreifen. Man sorgte dafür, gute Mauern zu haben, hinter denen man dem Feind Trotz bieten konnte.

Die Sonnenstadt, die auf einer in vier nebenbuhlerische Königreiche geteilten Insel liegt, ist eine Festung nach Art der Städte des Mittelalters und auch Jerusalems, auf einem Hügel erbaut; sie ist umgeben von sieben mit Schießscharten versehenen und mit Kanonen und anderen Kriegsmaschinen armierten Umwallungen; um sie einzunehmen, hätte es sieben verschiedener Sturmangriffe bedurft. More trägt gleichfalls Sorge, Utopia durch Kunstbauten zu befestigen, welche dieselbe vom Festland isolieren, und die Trinkwasserzufuhr Amaurotums, der Hauptstadt von Utopien, vor jeder Gefährdung zu schützen.

Plato, der in einer See- und Handelsstadt lebte, deren Einwohner nach verschiedenen Ständen in Klassen abgeteilt waren, vertraut den Schutz seiner Republik einem Korps philosophischer und kommunistischer Krieger an, die er zynisch mit »mageren und wachsamen Hunden« vergleicht; allerdings ist für ihn der Hund ein philosophisches Tier, weil er seinen Herrn zu verteidigen und die Feinde seines Herrn anzugreifen versteht; die anderen Staatsbürger beschäftigen sich mit Handel und Industrie, und für diese arbeitet er seine kommunistische Organisation nicht aus. Im Sonnenstaat dagegen müssen alle Einwohner ohne Unterschied des Alters oder des Geschlechts zu seiner Verteidigung mitwirken. Alle sind Krieger. Die militärische Erziehung beginnt im Alter von zwölf Jahren, doch sind die Solarier, die Bürger des Sonnenstaats, ebenso wie die Kinder der feudalen Barone schon vorher an alle körperlichen Übungen gewöhnt, von diesem Alter an indes lehrt man sie »den Feind, die Pferde und die Elefanten anzugreifen«, den Degen, die Lanze zu handhaben, den Bogen zu spannen und sich der Schleuder zu bedienen, aufs Pferd zu steigen und dasselbe ohne Zaum nach einer Methode zu lenken, »welche selbst die Tataren nicht kennen«, anzugreifen und sich zurückzuziehen, die Schlachtordnung aufrechtzuerhalten, einem Freunde in Gefahr beizuspringen, kurz, man lehrt sie alle Kampfmanöver. »Die Erziehung macht die Frauen tauglich zum Kriege wie zu allen anderen Arbeiten; in diesem Punkte stimmen die Solarier mit Plato überein, wo ich Ähnliches gelesen habe ..., und hierin befinde ich mich in völligem Gegensatz zu Aristoteles.« Der Krieg ist nicht allein eine Notwendigkeit, sondern auch eine sittlich bildende Sache, er schützt die Bürger des Sonnenstaats vor der Verweichlichung. Campanella eignet sich hier die Denkweise der Barbaren an; Cäsar berichtet, daß die germanischen Stämme, obwohl seßhaft geworden und schon beim Ackerbau angelangt, dennoch fortfuhren, Kriegszüge zu unternehmen, um die kriegerischen Tugenden beizubehalten. Die Solarier entwickeln den kriegerischen Mut, sie sind im Punkt der Ehre so empfindlich, daß, »wenn sie auch niemand beleidigen, sie doch ebensowenig irgendwelche Beleidigung ertragen«. Campanella, obwohl Mönch und obwohl die Organisation seines Staates das Merkmal seiner mönchischen Gewohnheiten trägt, ist kein Anhänger der christlichen Lehre, welche vorschreibt, die rechte Backe hinzuhalten, wenn man einen Schlag auf die linke empfangen hat; allerdings konnte diese für die ersten Christen und die meisten Sklaven und Freigelassenen gute Lehre den freien und gleichen Menschen seiner kommunistischen Gesellschaft nicht zusagen.

Die Solarier führen ebenso wie die Krieger Platos ihre Kinder mit sich in den Kampf, »damit sie lernen, sich zu schlagen, gleichwie die jungen Löwen und Wölflein durch ihre Alten daran gewöhnt werden, die Beute zu erwürgen«. Ihre militärisch ausgerüsteten Weiber begleiten sie ebenfalls, um sie zu unterstützen, anzufeuern und zu verbinden. Campanella erinnerte sich ohne Zweifel dessen, was Cäsar und Tacitus von den Barbaren erzählen, welche die römischen Legionäre damit aufzogen, daß sie ihre Frauen nicht bei sich hätten, um ihren Kämpfen beizuwohnen, sie anzufeuern, sie in den Kampf zurückzuführen, wenn sie wichen, und ihre Wunden zu behandeln; jedenfalls hat er zum Teil den römischen Schriftstellern die kriegerischen Sitten der Solarier entlehnt, denn er sagt, daß die Generale seines Staates ihre Feldlager nach Art der Römer verschanzen, auch daß sie denjenigen, der zuerst im Sturme die feindliche Mauer erstiegen hat, mit einem Kranz von grünen Blättern belohnen; ebenso läßt er, wohl in Erinnerung an die Turniere des Rittertums, die Preise nur in Gegenwart der dem Helden zujauchzenden Frauen zuerkennen.

Die Solarierinnen üben sich ebenso wie die Amazonen und die Spartanerinnen in allen kriegerischen Verrichtungen unter der Leitung ihrer eigenen weiblichen Anführer: man lehrt sie vor allem die Festungswerke verteidigen, Steine und Brennstoffe schleudern usw.; »diejenige, welche im geringsten Furcht zeigt, wird streng bestraft«. Das Staatsgebiet wird innerhalb der Mauern wie auf dem flachen Lande immer bewacht, bei Nacht von den Männern und bei Tage von den Frauen. Wenn man sich der plumpen und albernen Beleidigungen der Frauen seitens des heiligen Hieronymus und der Kirchenväter erinnert, und wenn man jenes Konzils gedenkt, auf welchem ernsthaft darüber gestritten wurde, ob die Frau nicht den Tieren zuzuzählen sei, denen eine Seele versagt sei, und daß man mit nur einer Stimme Mehrheit anerkannte, daß sie eine solche besäße, so muß man füglich darüber erstaunen, daß Campanella sich von den durch die Religion geheiligten Vorurteilen seiner Zeit freimachte und die Kühnheit hatte, der Frau dieselben Rechte und Pflichten wie dem Mann einzuräumen. Der heilige Thomas von Aquino, der ebenso wie Campanella ein Dominikaner und etwas weniger plump und einfältig war wie die Kirchenväter, sagt doch: »Die Frau ist ein schnell wachsendes Unkraut, sie ist ein unvollkommener Mensch, homo imperfectus, dessen Körper nur deshalb schneller zur vollständigen Entwicklung gelangt, weil er von geringerem Wert ist und weil die Natur sich weniger mit ihm beschäftigt ... Die Frauen werden geboren, um ewig unter dem Joch ihres Herrn und Meisters gehalten zu werden, den die Natur durch die Überlegenheit, welche sie in jeder Hinsicht dem Mann übertragen, zur Herrschaft bestimmt hat.«
Campanella scheint durch die Meinung des heiligen Thomas beeinflußt gewesen zu sein, wenn er in seiner Kanzone auf die Schönheit sagt: »Das Verhältnis und Ebenmaß der Glieder, die Kraft, die Behendigkeit, eine blühende Gesichtsfarbe, Grazie der Bewegungen und Gebärden, das sind die Bedingungen einer vollkommenen Körperschönheit. Gott hat dem Mann eine größere Zahl dieser Eigenschaften verliehen als der Frau, darum ist er schöner und göttlicher und mehr geliebt, als er liebt.« Campanella muß wenig Gelegenheit gehabt haben, die Solarierinnen mit Muße zu betrachten, denn dann würde er gesehen haben, daß frei erzogene und an die nämlichen Übungen wie die Männer gewöhnte Frauen ebensoviel natürliche Gaben besitzen wie jene. Die griechischen Bildhauer, die sich hierauf verstanden, gaben dem Apollo, dem Gott der Schönheit, weibliche Formen.

Die kriegstüchtige Bevölkerung des ganzen Sonnenstaats kommt einmal im Jahre zu einer allgemeinen Musterung und zu Kriegsübungen zusammen. Die Solarier, welche die richtige Logik der Wilden haben, entscheiden über den Krieg nur nach Einberufung eines großen Rats aller Einwohner der Republik im Alter von mehr als zwanzig Jahren; alle müssen sich schlagen, folglich müssen auch alle an diesen Beratungen teilnehmen. Aber in diesem kriegerischen Staate, wo alle Einwohner ohne Unterschied des Geschlechts und Alters Soldaten sind, führt man keineswegs ein Lagerleben wie in der Republik des Plato.

*

Campanella konnte nichts schreiben, was nicht das Gepräge seiner idealistischen und mystischen Philosophie und seiner astrologischen Vorurteile trug, man kann keine getreue Darstellung seines Meisterwerks geben, wenn man diese Seite unterdrückt, die seine so positiven und so wunderbar tiefen Ansichten entstellt. Wir müssen daher zunächst seine Astrologie behandeln, um dann freier auf seinen Kommunistenstaat einzugehen, müssen uns dabei aber auch erinnern, daß diese mystischen Ideen, die heute eines so kühnen und so gebildeten Geistes unwürdig erscheinen, von vielen bedeutenden Männern seiner Zeit geteilt wurden, denen sie durch uralte Überlieferungen überkommen waren. Denn da die Menschheit in ihren Anfängen sich keine positive Vorstellung von der Welt machen konnte, mußte sie die Einbildungskraft zu Hilfe nehmen, um tatsächliche Erfahrungen und Beobachtungen zu ersetzen, sie mußte die Himmelserscheinungen, die ihre Aufmerksamkeit erregten, nicht ihren wirklichen, materiellen Ursachen, sondern eingebildeten, ideellen Ursachen beimessen.

Die Kabbala hatte das Studium der mystischen Eigenschaften der Zahlen entwickelt, die zu allen Zeiten das Denken der Völker beschäftigt hatten, wahrscheinlich wegen der Schwierigkeiten, welche der menschliche Geist zu überwinden hatte, um zur Entdeckung der Grundzahlen und ihrer Kombinationen zu gelangen, und auch wegen der Dienste, welche ihnen das Zählen leistete. Die Denker, welche über die abstrakten Eigenschaften der Zahlen erstaunten, die sie in allen Dingen wiederfanden, wollten sie nach der Weise der Pythagoreer zu einer immanenten Ursache aller Dinge umbilden. Die modernen Deisten denken nicht anders, wenn sie das Dasein ihres Gottes durch den absoluten Charakter mathematischer Abstraktionen beweisen. Campanella, der an den verborgenen Wert der Zahlen glaubte, erwähnt im Sonnenstaat nur solche, die kabbalistisch sind.

Die Zahl 7 ist die erste, der man begegnet: das städtische Gebiet ist von 7 befestigten Wällen umgeben, im Tempel sind 7 goldene, ewig brennende Lampen vorhanden, welche die Namen der 7 Planeten tragen, die in dem pythagoreischen System sich um die unbewegliche Erde drehen, wobei sie musikalische Töne und wunderbare Harmonien hervorbringen, welche die Solarier mit Hilfe von Instrumenten ihrer Erfindung zu hören vermögen. Die Sieben, welche für alle bis zu einem gewissen Kulturgrad gediehenen Völker eine mystische Zahl gewesen ist, hat auch die Christen sehr beschäftigt: die Apokalypse ist voll davon, Origines, der heilige Augustin, der heilige Hilarius und die berühmtesten Kirchenlehrer haben über die Vorzüge dieser Zahl, ebenso wie über diejenigen der Zahl 6 viel disputiert, auch findet man die Sieben in den Dogmen und den Zeremonien des Katholizismus, es gibt 7 Sakramente, 7 Todsünden usw. Das Vielfache von 7 findet sich häufig im Sonnenstaat: die Priester, welche mit der Beobachtung des Himmels beauftragt sind, um die astrologischen Mysterien zu entdecken, sind 49, also 7x7 an Zahl; die Gelehrten, welche Wissenschaften und Künste lehren, sind 14, also 7x2 an Zahl usw.

Die auf dem Dom des Tempels wehende Fahne der Solarier ist mit 36 Zeichen versehen; der oberste Befehlshaber des Staates muß, um gewählt zu werden, 36 Jahre überschritten haben, die Erziehung der Kinder beginnt mit 6 Jahren für die Künste und Wissenschaften und mit 12 Jahren für den Krieg usw. Die Zahlen 36 und 12 aber sind das Vielfache von 6, und die Ziffer 6, die den dritten Buchstaben des Namens Jahve als Zeichen hat, ward von den Pythagoreern und Kabbalisten verehrt, weil sie eine Wiedervereinigung der Einheit, Zweiheit und Dreiheit ist: 1 und 2 und 3 macht 6, was diese Zahl zum Symbol aller Vollkommenheiten macht.

Die Zahl 3, die mystische Zahl par excellence – was man von den primitivsten Wilden weiß, beweist, daß es einer großen geistigen Anstrengung bedurfte, um dahin zu gelangen, sie zu erfassen – mußte bei den Solariern in hohem Ansehen stehen, und wirklich findet sich dieselbe überall; sie haben drei Befehlshaber, der Unterricht in den Wissenschaften wird durch kleine Verse, immer drei an Zahl, erteilt, die an den Mauern der Stadt und des Tempels angeschrieben sind, mit drei Jahren beginnen die Kinder das Alphabet zu lernen usw.

Die Solarier setzen volles Vertrauen in die Astrologie; sie haben Priester, die ausschließlich mit Erforschung der Gestirne beauftragt sind, und die Beobachtung des Himmels ermöglicht ihnen, die Zukunft zu prophezeien, die Kranken zu heilen, die Greise von siebzig Jahren zu verjüngen usw. In letzter Instanz sind es die Gestirne, von denen die Solarier regiert werden, sie befragen dieselben unter allen Umständen, selbst in den unbedeutendsten Sachen, wie zum Beispiel bei der Paarung der Pferde, der Wahl eines Handwerks usw.

Sie beten die Sonne, das Ebenbild Gottes, an, sie ist der Schöpfer alles dessen, was hienieden lebt und webt; »sie ist der Vater und die Erde ist die Mutter«. Die Sonne ist als Gott von allen Völkern anerkannt worden, und im Christentum findet man zahlreiche Spuren ihres Kultus. Wenn Campanella in seinem Sonnenkult irrte, so irrte er wenigstens in zahlreicher Gesellschaft, und diejenigen, die, um seine Utopie lächerlich zu machen, sich darin gefallen haben, seine astrologischen und mystischen Meinungen schulmeisterlich zu tadeln, haben einfach bewiesen, daß sie die Geschichte des menschlichen Geistes nicht kennen.

*

Der Sonnenstaat »ist weder eine Republik noch eine Monarchie«, weil die weltliche und geistliche Macht des Staatsoberhauptes Hoh keiner Kontrolle unterworfen und nicht erblich, sondern ein Wahlamt ist. Hoh ist eine Art von Papst: in der Kabbala heißt das reine Sein En Soph; zwischen seinem Namen und dem des obersten Befehlshabers im Sonnenstaat herrscht eine gewisse Gleichartigkeit des Wortlautes, vielleicht steckt dahinter ein verborgener Sinn von besonderer Bedeutung. Auf alle Fälle mußte Hoh, dessen Name Metaphysik bedeutet, die Kenntnisse und Tugenden der Solarier in ihrer Gesamtheit besitzen, wie das reine Sein vollzählig die Eigenschaften besaß, die die Menschen nur in kleinen Teilen besitzen.

Das Wissen, dessen Besitz die Vorbedingung der Erwählung zum Hoh bildete, war enzyklopädisch; er mußte die Geschichte aller Völker, ebenso ihre Sitten, Gewohnheiten und Religionsgebräuche kennen, ferner mußte er Mathematik, die abstrakten Wissenschaften, Physik und vor allem Astrologie gründlich erforscht haben, und, was noch außerordentlicher für ein Wesen ist, welches die Metaphysik personifiziert, er mußte alle mechanischen Künste verstehen. Campanella ist der erste Denker, welcher die Handarbeit zu solcher Würde erhoben hat. Ebenso vorurteilslos zeigte er sich in der Medizin. Die Ärzte und Chirurgen seiner Zeit hielten es unter ihrer Würde, Anatomie zu lernen, denn dies war ein Handwerk, gut genug nur für die Barbiere, selbst Paracelsus, der sonst gegen die ganze Arzneiwissenschaft seiner Zeit sich auflehnte, teilte diese Verachtung für die Anatomie. Campanella indes, dieser mystische Mönch, dieser Träumer, der sein Leben fern von der Welt im Kloster und Gefängnis zubrachte, besaß eine so genaue Vorstellung von der Wichtigkeit der Anatomie, daß er berichtet, die Solarier studierten den menschlichen Organismus, indem sie die Leichname Hingerichteter sezierten.

Der Reisende, welcher die Wunder des Sonnenstaates erzählt, und der einsieht, daß man sich darüber wundern könnte, wie es möglich sei, bei einem Manne die vielfachen theoretischen und technischen Kenntnisse anzutreffen, deren es bedurfte, um zum Hoh gewählt zu werden, trägt Sorge, hinzuzufügen, daß die Solarier, für die »Aristoteles ein Logiker und kein Philosoph ist«, den leeren Wortschwall der Scholastik mißachten, daß sie die Wissenschaften nicht durch Bücherlesen, sondern durch das Studium der Natur erlernen, daß ihre Stadt ein großes Museum ist, dessen Mauern mit geometrischen Zeichnungen, mit einer Himmelskarte, mit Abbildungen von Tieren und Pflanzen bedeckt sind, daß man unter jeder die Beschreibung in drei kleinen, leicht zu behaltenden Versen liest, und daß man, wenn es möglich ist, den Gegenstand der Abbildung, Pflanze oder Tier, neben dieser anbringt, um den Anschauungsunterricht zu vervollständigen. Selbst das Alphabet ist auf den Mauern derart gemalt, daß alle kleinen Kinder ihre Buchstaben beim Spielen in den Wandelgängen lernen. Dank dieser neuen Unterrichtsmethode erlangen die Solarier in einem Jahr die Kenntnisse, zu denen man in den Schulen Europas, »wo man nur sklavisch die Worte auswendig lernt«, zehn Jahre gebraucht.

Drei gleichfalls wählbare Häupter regieren den Staat unter Oberaufsicht des Hoh, sie entsprechen den drei Fundamentaleigenschaften des reinen Seins, dessen Namen sie übrigens tragen: sie heißen Macht, Weisheit und Liebe. Macht beschäftigt sich mit dem Kriege und der Kriegskunst. Weisheit und ihre dreizehn Gelehrten, deren erster Astrolog heißt, tragen Sorge für die wissenschaftliche und technische Erziehung. Liebe führt Aufsicht über alles, was die Erhaltung und Fortpflanzung der Einwohner betrifft. Sie paart Tiere und Menschen, um schöne Sprößlinge zu erhalten. Die Solarier, welche unsere Sitten und Gewohnheiten ganz genau kennen, »machen sich lustig über uns, die wir der Veredlung unserer Hunde- und Pferderassen so große Aufmerksamkeit schenken, während wir nicht daran denken, die menschliche Rasse zu vervollkommnen«. Nichts wird dem Zufall überlassen: Liebe setzt den Zeitpunkt der Aussaat und der Ernte fest, wacht über die Zucht des Viehes, regelt die Zubereitung und Beschaffenheit der Nahrungsmittel, die Qualität der Kleider, die Erziehung der Kinder und die geschlechtlichen Beziehungen. Alles ist vorgesehen.

Diese drei Beisitzer des Hoh sind nicht allein im Besitz der Wissenschaften und Künste, die zum Bereich ihrer Funktionen gehören, sondern sie kennen auch die allen Künsten und Wissenschaften gemeinsamen Prinzipien. Hoh und seine drei Beisitzer verwalten die Dinge und regieren die Menschen, deren »Lastern durch die Geschicklichkeit der Behörden vorgebeugt werden kann«. Sie verteilen die Belohnungen und verhängen die Züchtigungen. Die mutigen Krieger erhalten Kränze und werden vom Militärdienst einige Tage befreit, während die Flüchtlinge zum Tode verurteilt werden, wie bei den Germanen des Tacitus, wofern nicht das ganze Heer ihre Begnadigung verlangt; derjenige, der einem Freunde oder Bundesgenossen nicht beigesprungen ist, muß Spießruten laufen; der Soldat, der im Felde den Befehlen der Anführer nicht gehorcht, wird den wilden Tieren vorgeworfen.

Die bürgerlichen Vergehen und Verbrechen fallen unter die Gerichtsbarkeit der Zünfte; die Schuldigen werden durch die Meister ihrer respektiven Gewerbszünfte abgeurteilt, welche Verbannung, Prügel, Tadel, Ausschließung von der gemeinschaftlichen Tafel und den Religionsfeierlichkeiten, sowie die Entziehung des Verkehrs mit den Frauen verhängen können. Das Recht der Wiedervergeltung beherrscht die ganze solarische Justiz, man büßt die Tötung mit dem Tode, ein Auge mit dem Auge usw. Gefängnisse aber gibt es nicht, und alles wird ohne langes gerichtliches Verfahren entschieden; die Ankläger und Zeugen werden vernommen, und auf ihre Aussagen hin verkündigt die richterliche Behörde das Urteil. Da in einem kommunistischen Staat freier und gleicher Menschen für einen Henker kein Platz ist, so wird das Urteil vom Volk vollstreckt, welches den Verurteilten steinigt, der Ankläger wirft den ersten Stein. Dies an die zwar gerechte, aber häufig grausame Rechtspflege der Barbaren erinnernde Verfahren wird durch folgende Einschränkung gemildert: Der Verurteilte muß anerkennen, die Strafe verdient zu haben, sonst wird er nicht bestraft. Man büßt seine Fehler dadurch, daß man sie eingesteht, und wie in einem Kloster beichtet man sie hierarchisch, und wenn alle Beichten an Hoh gelangen, so beichtet er dieselben Gott und erbittet von ihm Verzeihung für die Sünden des ganzen Volkes. Er bietet ihm ein Menschenopfer dar, dies Opfer muß aber freiwillig sein. Alle Jahre fragt Hoh das versammelte Volk, wer als Sündenbock dienen und zum Heil seiner Mitbürger sich Gott zum Opfer bringen will; das Sühnopfer wird, statt zum Tode geführt zu werden, in einen Turm eingesperrt, wo es gerade so viel Nahrung erhält, um nicht Hungers zu sterben, und nach zwanzig bis dreißig Tagen, wenn die Sünden getilgt sind, wird der Geopferte Priester und kehrt niemals unter seinesgleichen zurück, er ist Gott geweiht. Man behält immer das Gepräge der Umgebung, in der man lebt, bei. Der in der Geschichte der heidnischen und barbarischen Sitten großgezogene und so verwegene Geist Campanellas blieb nichtsdestoweniger in mönchischen Gewohnheiten befangen. Sie verfolgten ihn; in seinen dem König von Spanien erteilten Ratschlägen lenkt er fortwährend seine Aufmerksamkeit auf die Gemeinschaften der Mönche, er scheint darin einen ersten rohen Anfang jener kommunistischen Organisation zu sehen, die das Glück der Menschheit sichern soll.

*

Die Solarier denken, daß das Kind der Gesellschaft gehört. »Sie verweigern einem Mann das Recht, sein Kind zu besitzen und es zu erziehen, wie auch dasjenige, seiner Frau, seines Kindes und seines Hauses sich zu bedienen, als ob diese sein Eigentum wären. Sie versichern, daß die Kinder zur Erhaltung der Gattung und nicht zum Vergnügen eines Einzelmenschen erzogen werden müssen, wie dies auch der heilige Thomas behauptet. Deshalb betreiben sie auch die Erziehung der Kinder vom Standpunkt des Interesses der Gemeinschaft und nicht des Individuums, sofern dieses nicht einen integrierenden Teil des Gemeinwesens ausmacht.«

Sie stellen die Sitten der Spartiaten wieder her. Sie beginnen die Erziehung der Kinder sozusagen vor ihrer Geburt, ja selbst vor ihrer Erzeugung. Die schönsten Frauen werden für die Fortpflanzung ausgewählt, und die zeugenden Paare werden nach philosophischen Regeln gewählt. Sie versichern, daß man bei ihnen nicht nötig hat, zu den Listen seine Zuflucht zu nehmen, welche Plato den Behörden seiner Republik bei der Zuteilung der Frauen zu praktizieren rät, um nicht Eifersucht zu erregen, weil sie die Leidenschaft der Liebe, die durch Freundschaft ersetzt wird, nicht empfinden. Charles Fourier dachte in gleicher Weise, daß in seinem Phalansterium die Liebe nachlassen sollte, wenigstens dasjenige, was die christlichen Völker Liebe nennen, denn zu Beginn der Menschheit und bis zum Mittelalter zeigte die Liebe einen anderen Charakter. Die Solarier behaupten, daß der Umstand, welcher die Entwicklung der ausschließlichen Liebe zu einer Frau verhindert, in der gleichmäßigen Schönheit aller ihrer Frauen besteht. Die körperlichen Übungen, an die man sie von der Kindheit an gewöhnt, geben ihnen eine blühende Gesichtsfarbe und kräftige, zierliche und behende Gliedmaßen, und unter Schönheit verstehen sie die Kraft und das harmonische Verhältnis des Körpers. Sie lieben die natürliche und nicht die künstliche Frau; diejenige, welche versuchte, sich zu bemalen, zu schminken oder durch hohe Absätze größer zu machen, würde peinlich bestraft werden, aber sie haben niemals den Schmerz, eine so unbarmherzige Strafe zu verhängen, denn keine einzige ihrer Frauen denkt daran, zu solchen Kunstmitteln zu greifen, um sich zu verschönern, und wenn sie ein Verlangen danach hätte, so würde sie nicht die Mittel haben, demselben Genüge zu leisten. Campanella, der für die Verliebten ein mitfühlendes Herz hat, fügt hinzu, daß, wenn trotzdem ein einzelner von einer blinden und ausschließlichen Liebe für eine Frau heimgesucht ist, man dem Paar erlaubt, sich zu amüsieren, jedoch nicht zu zeugen, wenn die Rasse dadurch gefährdet wird. Diese geschlechtlichen Sitten als rechtmäßige Institutionen werden als Gipfel der Unsittlichkeit den Philistern beider Geschlechter erscheinen, welche die Liebe nur aus Romanen und Theaterstücken kennen, welche sich aus Interesse verheiraten und die Langeweile der ehelichen Liebe durch die Prostitution mildern; es scheint, daß Campanella an den Skandal gedacht hat, den er erregen werde, als er in seinem Sonett an Cupido schrieb:

»Seit dreitausend Jahren verehrt die Welt eine blinde Liebe, welche Flügel und einen Köcher hat, diese Liebe ist taub und schonungslos geworden.

... Sie ist geldgierig, sie hüllt sich in düstere Gewänder ein, sie ist nicht mehr ein nacktes, freimütiges und ehrliches Kind, sondern ein verschmitzter Greis, der aufgehört hat, sich der Pfeile zu bedienen, seitdem man die Pistolen erfunden hat.«

Alle Einwohner des Staates betrachten sich als Teile einer einzigen Familie, die gleichalterigen nennen sich Bruder und Schwester und bezeichnen diejenigen, welche 22 Jahre älter sind als sie, als Vater und Mutter, und als Kind die, welche 22 Jahre jünger sind. Diese Teilung der Gesamtheit in Generationsgruppen, die Plato ebenfalls erwähnt, ist keineswegs eitler Laune entsprungen, weil man sie bei den australischen Horden wiedergefunden hat, und wahrscheinlich hat der griechische Philosoph ebenso wie Campanella die Tatsache Berichten von Reisenden entnommen.

Die solarische Frau lebt während ihrer Schwangerschaft unter Heldenstatuen, um sich durch die Vollkommenheit ihrer Formen zu begeistern, wie dies die Athenerinnen taten. Man setzt ein solches Vertrauen auf diesen künstlerischen Einfluß, daß man die Zuchttiere mit schönen Gemälden von Stieren, Pferden, Hunden und anderen Tieren umgibt. Die Solarierinnen stillen, ebenso wie die Frauen der Wilden, ihre Kinder zwei Jahre lang und noch länger, wenn der Arzt es für notwendig hält.

Man beginnt den Kindern vom dritten Jahre ab die Buchstaben zu lehren, indem man sie in den Wandelgängen spielen läßt, wo die Alphabete an den Mauern angemalt sind, und vom sechsten Jahre an unterrichtet man sie in den Natur- und angewandten Wissenschaften; man läßt es sich angelegen sein, dem Unterricht den Charakter des Spiels zu geben. Ungeachtet ihrer geringen Achtung für Aristoteles wenden die Solarier doch die peripatetische Methode an, denn die Unterrichtsstunden werden auf Spaziergängen abgehalten, niemals länger als vier Stunden täglich und durch vier verschiedene Lehrer, um die Aufmerksamkeit der Kinder wachzuhalten. Sie lernen alle Wissenschaften, »denn derjenige, der nur eine Wissenschaft kennt und seine Kenntnisse nur aus Büchern geschöpft hat, ist ein Unwissender und Tölpel«.

Um die Praxis mit der Theorie zu verbinden, führen sie die Kinder in die freie Natur, um ihnen Mineralogie, Botanik, Ackerbau und Viehzucht zu lehren und sie an Strapazen zu gewöhnen und sie kräftig und gelenkig zu machen. Die Kinder gehen barhäuptig und barfüßig, baden sich in den Flüssen, Mädchen ebensowohl wie Knaben, und widmen sich der Jagd, um sich auf den Krieg vorzubereiten. Sie betreiben weder Würfelspiele noch das Schach- oder irgendein anderes sitzendes Spiel, alle ihre Spiele sind körperliche Übungen. »Sie lassen die jungen Leute die Küchen, die Werkstätten der Schuhmacherei, der Metallverarbeitung, der Kunsttischlerei besuchen, um ihnen eine vollständige technologische Erziehung zu geben und ihnen eine Gelegenheit zu bieten, mit Sachkenntnis ihre Neigungen zu offenbaren.« Jeder Solarier muß fähig sein, mehrere Handwerke, die nicht erblich sind, zu betreiben; schon Plato hatte gegen die Fesselung einer Familie während mehrerer aufeinanderfolgenden Generationen an ein bestimmtes Gewerbe, wie dies im Altertum und auch im Mittelalter getrieben wurde, Einspruch erhoben.

Ein Solarier ist um so mehr geschätzt, je mehr verschiedene Gewerbe er kennt, auch »belustigen sie sich über uns, die wir unsere Arbeiter als gemein und als adelig diejenigen betrachten, die nichts zu schaffen verstehen und doch gemächlich leben, da wir Sklaven haben, um unsere Begierden zu befriedigen und für unser Vergnügen zu sorgen; auf diese Weise bilden wir, wie in einer Lasterschule, die Faulenzer und Bösewichte, die der Gesellschaft Verderben bringen.«

Allen Kindern werden dieselben Mittel der Entwicklung zur Verfügung gestellt, und die Ungleichheiten, welche sich in ihren geistigen Fähigkeiten und ihren körperlichen Geschicklichkeiten herausstellen, entspringen nicht Unterschieden in der Erziehung, wie dies bei den Europäern der Fall ist; sondern natürlichen Verschiedenheiten. Die Solarier bestreben sich, jedermann nach seinen geistigen und körperlichen Fähigkeiten nützlich zu verwenden: die Unintelligenten werden insbesondere für die ländlichen Arbeiten bestimmt, die Verstümmelten und Mißgestalteten werden ebenfalls beschäftigt, die Hinkenden als Aufseher, die Blinden als Wollkämmer usw. »Es gibt kein körperliches Gebrechen außer dem höchsten Greisenalter, das verhindern könnte, der Gemeinschaft Dienste zu leisten.«

Jede Arbeit ist nützlich und edel, »ein Solarier kann sich nicht vorstellen, daß es entehrend sein soll, bei Tisch zu bedienen, die Speisen zuzubereiten oder das Land zu bearbeiten. Jede Arbeit nennen sie Übung und behaupten, daß es ebenso ehrenhaft ist, eine nützliche Arbeit zu verrichten, als mit seinen Füßen zu gehen, mit seinen Augen zu sehen, mit seiner Stimme zu sprechen, kurz jede, gleichviel welche, natürliche Funktion auszuführen ... Auch beeifern sie sich, die ihnen zugewiesene Arbeit zu vollziehen, und setzen ihren Stolz darein, sie gut zu machen. Die Produktion ist so gut geregelt, daß sie nicht nötig haben, von jeder gesunden Person mehr als eine vierstündige Arbeit pro Tag zu verlangen: die übrige Zeit ist der Ruhe, dem Unterricht und dem Vergnügen gewidmet. Die mühsamsten und gefährlichsten Arbeiten werden als die ehrenvollsten betrachtet.

Die Landarbeit ist ein Fest: an bestimmten Tagen ziehen die Solarier, alle bewaffnet, in großen Scharen, mit flatternden Fahnen und Musik an der Spitze, zur Stadt hinaus, um zu arbeiten, zu säen und zu ernten. In Peru war, bevor die christlichen Barbaren aus Europa gekommen waren, das wunderbare kommunistische Reich der Inkas zu zerstören, ein Drittel der pflügbaren Ländereien der Sonne, ihrem Gott, vorbehalten, die daraus erzielten Ernten wurden nach Abzug dessen, was zur Erhaltung des Kultus diente, an die Familien verteilt; diese Ländereien wurden von der ganzen festlich gekleideten Bevölkerung unter dem Gesange von Hymnen zu Ehren der Inkas bebaut. Campanella muß Berichte über dies merkwürdige, zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts entdeckte Land gelesen haben, vielleicht haben sie ihm die Anregung zu manchen Einzelheiten und selbst zu dem Namen seines Staates gegeben. Verschiedene Umstände scheinen zu beweisen, daß er mit den Gewohnheiten und Sitten der Stämme dieser neuen Länder durchaus vertraut war; so zum Beispiel beseitigt der Wilde auf dem Felde, welches er besäen will, allen Unrat, der nach seiner Ansicht die Saat verderben würde; die Solarier verfahren ebenso. »Sie düngen niemals ihre Felder, denn sie glauben, daß die Frucht durch die Verwendung des Düngers beeinträchtigt wird, und daß derselbe nur dürftige und wenig labende Nahrung liefert, so wie die Frauen, die sich durch Schminke und Mangel an Übung verschönern, nur schwächliche Kinder erzeugen.«

Die Solarier haben Maschinen, deren sie sich bei ihren landwirtschaftlichen Arbeiten bedienen, unter anderen einen Wagen mit Segeln, der dank einem Spiel der Räder selbst gegen den Wind sich vorwärts bewegt. Sie besitzen auch Schiffe, die, durch einen sinnreichen Mechanismus getrieben, ohne Segel und Ruder fahren.

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Die Solarier leben gemeinsam, sie schlafen in großen Schlafsälen und essen in großen Speisesälen, die Männer auf der einen und die Frauen auf der anderen Seite, die Bedienung der Tafeln erfolgt durch junge Leute unter zwanzig Jahren. Die Mahlzeiten werden schweigend eingenommen, bald liest ein junger Mann mit lauter Stimme vor, bald singen andere und spielen Musikinstrumente. Ärzte regeln die Kost, je nach Alter und Jahreszeit; sie ist sehr mannigfaltig. Sie hatten daran gedacht, vegetarisch zu leben; sie haben aber die Notwendigkeit eingesehen, den Gemüsen Fleisch hinzuzufügen. Die Zahl der Mahlzeiten wechselt mit dem Lebensalter; die Erwachsenen nehmen zwei, die Greise drei und die Kinder vier Mahlzeiten; mit zehn Jahren fangen diese an, mit Wasser verdünnten Wein zu trinken, die Greise trinken ihn ungemischt.

Sie sind von einer ängstlichen Reinlichkeit; in der Tat haben sie vollauf Zeit, ihren Körper zu pflegen, sie baden sich oft und erneuern häufig ihre Wäsche, die mit Wasser gewaschen wird, »welches durch mit Sand gefüllte Behälter filtriert ist«. Von wohlriechenden Essenzen machen sie umfangreichen Gebrauch; sie salben sich mit Oel und aromatischen Pflanzen und kauen alle Morgen Fenchel, Thymian und Petersilie, um ihren Atem angenehm duftend zu machen.

Männer und Frauen tragen die gleiche »für den Krieg geeignete« Tracht, mit dem einzigen Unterschied, daß die Tunika der Männer über dem Knie und diejenige der Frauen ein wenig unter demselben abschließt. Die Solarier führten die Gleichheit der Geschlechter ein, indem sie die Ungleichheit niederrissen, zu deren Aufrichtung durch die Differenzierung der Beschäftigung, der gesellschaftlichen und häuslichen Obliegenheiten, der Kleider, der Gewohnheiten und der Sitten man Jahrhunderte gebraucht hatte. Sie verabscheuen »ebenso wie den Dünger das Schwarze, die Lieblingsfarbe der Japaner«; alle Kleider, die sie im Innern des Staates tragen, sind weiß, und die, welche sie für das Ausland anlegen, rot. Die Farbe der Kleider war für Campanella von Bedeutung, sie war ein Symbol. Er sagt in einem Versstück:
»Ein Trauerkleid ziemt sich für unser Jahrhundert ... Dies Jahrhundert schämt sich der lachenden Farben, denn es weint über sein Ende, über die Tyrannei, die es erfüllt, über die Fesseln, Schlingen, Bleikugeln, Fallen der blutdürstigen Helden und über die bekümmerten Seelen der Gerechten.
... Diese Farbe ist auch das Sinnbild einer auf die Spitze getriebenen Theorie, die uns blind, trübsinnig und boshaft macht.
... Ich sehe eine Zeit voraus, wo man auf die weiße Tunika zurückkommen wird, wenn der höchste Wille uns aus diesem Schlamm gezogen haben wird.«
Die Kleidung ist aus Seide und Wolle. Marko Polo erzählt, daß die Tataren Chinas am ersten Tage ihres Jahres weiße Kleider als Zeichen des Glückes anlegten, das weiße Roß war das allegorische Emblem des Dominikanerordens, dem Campanella angehörte, der verschiedene Einzelheiten den Berichten des venezianischen Abenteurers entnommen hat; der Bau seiner Städte ähnelt demjenigen des kaiserlichen Palastes zu Cambaluc, der tatarische Name für Peking.

Das gemächliche, hygienische, von körperlichen und geistigen Arbeiten und Vergnügungen erfüllte Leben, ohne Sorge für den nächsten Tag und ohne Unruhe irgendwelcher Art, das die Solarier führen, macht sie kräftig und gesund. Das einzige Übel, welches sie häufig trifft, ist die Epilepsie, und in der Tat ist dies »die Krankheit hervorragender Männer, des Herakles, des Scotus, des Sokrates, des Kallimachus und des Mohammed«; sie heilen sie durch Gebete und geeignete gymnastische Übungen. Ihre Heilkunst ist ebenso originell als einfach: sie schreibt hauptsächlich Bäder in Milch und Wein, Aufenthalt auf dem Lande, mäßige und allmählich sich steigernde Bewegung, Musik und Tanz vor. Vor den Solariern wuschen die Frauen Spartas ihre Neugeborenen in Wein, um sie kräftig zu machen, und Demokrit heilte, wie man erzählt, die Nierenkolik und die Gicht mit Flötentönen.

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Dadurch, daß sie die Erziehung und den Unterhalt der Kinder der Gesellschaft aufbürden, verhindern die Solarier die Bildung besonderer Familien. Sie tun das zu dem Zweck, die Gütergemeinschaft aufrechtzuerhalten, »denn das Privateigentum wird nur dadurch erlangt und vergrößert, daß jeder von uns für sich allein sein Haus, sein Weib und seine Kinder besitzt«. Auch »sind bei ihnen alle Dinge gemeinsam und werden allen durch die Behörden zuerteilt. Die Künste, die Ehrenstellen, die Vergnügungen sind für alle gemeinsam, und alles ist so gut geregelt, daß niemand für seinen persönlichen Gebrauch etwas an sich reißen kann.« Obwohl sie den Gott der Katholiken nicht anbeten, lesen sie doch die Schriften der Kirchenväter und gefallen sich darin, deren Meinungen zur Unterstützung ihrer kommunistischen Sitten zu zitieren, sie erinnern daran, daß Tertullian berichtet, wie die ersten Christen alles gemeinsam hatten, und daß der heilige Klemens »in Übereinstimmung mit den Lehren der Apostel und Platos dachte, daß man ebensogut die Gemeinschaft der Frauen wie diejenige der Güter haben sollte«.

Die Solarier kennen auch die Einwände gegen den Kommunismus, welche seit dem griechisch-lateinischen Altertum die Verteidiger des Privateigentums einander getreulich vererben; dieselben verursachen ihnen ein mitleidiges Lächeln. Dem Aristoteles, welcher Plato vorhält, daß in einer kommunistischen Gesellschaft niemand werde arbeiten und alle Welt von der Arbeit anderer werde leben wollen, wie dies in unseren Tagen die Kapitalisten und Sykophanten tun, antworten sie damit, daß sie auf ihren Staat weisen, dem alle Einwohner mehr ergeben sind, als jemals die Römer ihrem Vaterland ergeben waren.

Der heilige Augustin behauptet, daß in einer kommunistischen Gesellschaft Freundschaft nicht existieren könne, weil die Freunde sich keine gegenseitigen Vorteile bieten könnten. Dieser Heilige, welcher die Sklaverei als eine göttliche Einrichtung betrachtete, wie Aristoteles sie sich als eine natürliche Ordnung vorstellte, hatte eine armselige Idee von der Freundschaft, die er nur auf dem Interesse beruhen ließ; diese Meinung ist die eines echten Christen. Polo Ondegardo, einer der von Seiner sehr katholischen Majestät nach Peru gesandten Rechtsgelehrten, welche die Interessen der Krone Spaniens gegenüber den wilden Zivilisatoren wahrnehmen sollten, die das Königreich der Inkas verheerten, schreibt, nachdem er festgestellt hatte, »daß es dort keinen armen und notleidenden Indianer gab«, dem Teufel die Erfindung dieser vorsorglichen kommunistischen Organisation zu, um das Herz der Kinder zu verhärten, da sie dieselben der Pflicht entledigt, ihre bejahrten und dürftigen Eltern zu unterstützen, und um die christliche Nächstenliebe auszurotten, da sie die Besitzenden der Aufgabe enthebt, den Armen Almosen zu verabreichen. Die Solarier haben eine viel höhere Wertschätzung der Freundschaft als der heilige Augustin, auch lassen sie dieselbe nicht auf dem Interesse beruhen, sondern auf den im Kriege geteilten Gefahren und den vereinigt genossenen Freuden an den Künsten, den wissenschaftlichen Forschungen und den Spielen, ebenso auf dem Mitleid, welches Gebrechen und Leiden einflößen.

Weit davon entfernt, zu glauben, daß das Interesse das Band sein soll, welches die Menschen vereinigt, trachten sie danach, zu verhindern, daß jemand von einem anderen abhängt oder hieraus irgendwelchen Nutzen ziehen kann. Alle Solarier empfangen vom Gemeinwesen alles, was sie bedürfen, und die verteilenden Behörden tragen Sorge, daß niemand von ihnen über seine Bedürfnisse hinaus empfängt. Nichts von dem, was notwendig ist, wird jemand verweigert. »Sie sind reich, weil ihnen nichts mangelt, und sie sind arm, weil sie nichts besitzen: folglich sind sie nicht Sklaven der Verhältnisse, sondern im Gegenteil, diese dienen ihnen.«

Da sie kein Privateigentum haben, bedürfen sie weder des Geldes noch des Handels, doch kaufen sie die Gegenstände, welche sie selbst nicht hervorbringen können, von anderen Nationen. »Da sie aber durch die lasterhaften Gewohnheiten der Kaufleute nicht verdorben werden wollen, so handeln sie mit diesen nur in den Häfen ihres Staates.«

Die Gastfreundschaft indes halten sie in hohen Ehren. »Sie sind höflich und gut gegen die Fremden, von denen sie besucht werden, sie unterhalten dieselben auf Staatskosten. Nachdem sie ihnen die Füße gewaschen haben, zeigen sie ihnen die Stadt, weisen ihnen im Rat und an der gemeinschaftlichen Tafel einen Ehrenplatz an und wählen Personen, die speziell mit dem Dienst der Gäste beauftragt werden. Wenn der Fremde Bürger ihrer Stadt zu werden wünscht, so adoptieren sie ihn, nachdem sie ihn einer zweimonatigen Probe unterworfen haben, von der ein Monat auf einem Landgut und der andere in der Stadt zugebracht wird.

Der Sonnenstaat steht jedermann offen, und Campanella ladet alle Völker der Erde ein, in Gemeinschaft alles das zu betreiben, was zur materiellen, geistigen und sittlichen Entwicklung der Menschen dient, um »das goldene Zeitalter neu zu beginnen«.

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