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Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band

Karl Kautsky: Vorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorKarl Kautsky / Paul Lafargue
titleVorläufer des neueren Sozialismus. Dritter Band
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger Buchhandlung Vorwärts G. m. b. H.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161030
projectid622b862f
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3. Campanellas Politik.

Campanella glaubte ebenso wie Postel und andere Denker des sechzehnten Jahrhunderts an die Einheit des Menschengeschlechts und dachte, daß sie sich verwirklichen würde, wenn man alle Völker des Weltalls unter ein und derselben Gewalt vereinigte: unwissentlich drückte er in philosophischer Weise das gebieterische wirtschaftliche Bedürfnis der kapitalistischen Bourgeoisie seiner Zeit aus. In der Tat konnte diese wirtschaftlich und politisch sich nur unter der Bedingung entwickeln, daß sie die Autonomie der Städte und Provinzen zerstörte, um auf deren Ruinen die nationalen Einheiten zu errichten, die erst in unseren Tagen ihre Bildung beendigt haben, daß sie die lokalen und provinzialen Schranken niederriß, welche die freie Warenzirkulation hemmten und sogar verhinderten, daß sie die lokalen und korporativen Privilegien abschaffte, welche der Einführung der Manufakturindustrie entgegenstanden, daß sie den Königen und Feudalherren, welche Münzen prägten und diese fälschten, Achtung vor dem Wert des Goldes und des Silbers beibrachte, und daß sie eine allgemeine Einheit für die Maße und Gewichte schuf, deren Veränderlichkeit von einer Lokalität zur anderen den Austausch erschwerte.

Die Juden, welche die Völker Asiens, Afrikas und Europas durch die Bande eines sehr ausgebreiteten Handels verknüpften, sollten die ersten sein, welche in ihrer Philosophie dies wirtschaftliche Bedürfnis widerspiegelten: ihr internationaler Handel zwang ihnen die Aufgabe der ideologischen Initiative auf. Der Pantheismus und die Seelenwanderung der Kabbala sind weiter nichts als metaphysische Ausdrücke für den Wert der Waren und ihren Austausch. Der Wert ist ebenso wie das Sein, welches in jedem erschaffenen Dinge lebt, in allem Käuflichen und Verkäuflichen enthalten, jede Ware besitzt eine bestimmte Wertgröße, so wie jedes belebte oder unbelebte Ding in verschiedenen Abstufungen an den Eigenschaften des Seins teilnimmt. Der Wert einer Ware wandert in eine andere, weil in einer Ware der Wert des Rohstoffs und eines Teiles der bei ihrer Erzeugung gebrauchten Werkzeuge wieder auflebt. Alle Waren, wenn auch von noch so verschiedener Qualität, drücken die verschiedenen Quantitäten ihres Wertes im Geld aus, welches die Ware par excellence wird und die Einheit der Waren verkörpert. Marx hat nachgewiesen, daß der kapitalistische Austausch mit Geld anfängt, um wieder auf Geld hinauszulaufen, aber auf Geld mit einem Aufschlag: die Theosophie der Kabbala geht von der Einheit, der ersten Sephirah aus, um mit der zehnten Sephirah zur zusammengesetzten Einheit zu führen, weil diese die Eigenschaften der neun vorhergehenden Sephiroths vereinigt.

Das Mittelalter hatte zwei politische Einheiten: die feudale Hierarchie, welche durch gegenseitige Pflichten und Rechte alle Glieder der Gesellschaft eines bestimmten Landes vom Leibeigenen bis zum König verband, und die katholische Hierarchie, welche in ihrem Rahmen nur eine beschränkte Anzahl Individuen umfaßte, die aber viel allgemeiner war und sich über alle Völker der Christenheit erstreckte. Diese beiden Einheiten gerieten in Kampf um die Herrschaft. Die Päpste und ihre Gelehrten griffen das Haupt der feudalen Organisation, das Königtum an, welches Gregor VII. als »vom Teufel geboren und vom menschlichen Dünkel erfunden« kennzeichnete. Über die Gewalten der Erde, die sämtlich nur von kurzer Dauer und vergänglich seien, erhebt der heilige Thomas die geistliche Macht des Papstes, den er im Namen der Philosophie und des Evangeliums als Oberherrn der Völker und Könige und als Schiedsrichter ihrer Zwistigkeiten proklamiert.

Campanella, der Dominikanermönch, machte keinen Versuch, das Bedürfnis nach Einheit, welches die europäische Gesellschaft bewegte, durch die Organisation einer neuen politischen Ordnung zu befriedigen. Statt dessen lenkte er seine Blicke rückwärts und träumte von einer Wiederherstellung der von allen Seiten in Bresche geschossenen päpstlichen Autorität. So wie der heilige Thomas beweist er in seiner » Monarchia Messiae« im Namen der menschlichen und göttlichen Philosophie die Rechte des obersten Hohepriesters auf die Herrschaft über die ganze Erde. Die Einheit der Religion solle die Einheit des Menschengeschlechts herbeiführen, dachte Postel; sie hatte drei Feinde zu bekämpfen, die Juden, die Mohammedaner und die Götzendiener, er gedachte, diese durch das Apostelamt und nur durch die Macht der Gründe zum Evangelium zu bekehren. Campanella, Angehöriger eines geistlichen Ordens, welcher hervorragende Inquisitoren geliefert hatte, schreckte nicht zurück vor der Anwendung von Gewalt, um die Protestanten und die Mohammedaner, welche die Herstellung der theatralischen Einheit verhinderten, aus der die Einheit des Menschengeschlechts sich ergeben sollte, zur Unterwerfung zu zwingen. Er feuerte die Herrscher an, die Ketzerei gewaltsam auszurotten, und riet den Päpsten, gegen die Protestanten Truppen auszuheben.

Diese Vereinigung des Menschengeschlechts, die er von der päpstlichen Herrschaft verlangte, war, wie er glaubte, durch die Vermittlung seiner Todfeindin, der spanischen Monarchie, im Zuge, sich zu verwirklichen. Er befand sich in den Gefängnissen des Königs von Spanien, als er seine berühmte Abhandlung » De monarchia hispanica« schrieb, welche sofort nach ihrem Erscheinen ins Deutsche und Englische übersetzt wurde. »Der Tag, wo diese Einheit des Menschengeschlechts sich verwirklichen wird, ist nicht fern,« sagte er; »angekündigt und vorhergesagt ist er auf jeder Seite der Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts. Das ungeheure Wachstum der spanischen Monarchie ist das Werk Gottes, er hat das frömmste der Völker Europas gewählt und mit dem göttlichen Siegel gestempelt, um sich seiner für seine providentiellen Absichten zu bedienen, er hat ihm die Schlüssel der Neuen Welt gegeben, damit überall, wo die Sonne leuchtet, die Religion Jesu Christi ihre Feste und ihre Opfer habe. Der katholische König soll das ganze Weltall unter seinem Zepter vereinen, sein Titel ist kein leeres Wort mehr: das Kruzifix in der einen und den Degen in der anderen Hand soll er den Protestantismus und den Islamismus bekämpfen, bis er ihr Verschwinden vom Erdboden durchgesetzt haben wird, denn seine Mission besteht darin, den Triumph der Kirche dadurch herbeizuführen, daß er ihre Feinde zerschmettert und den Fuß auf ihren Nacken setzt; ein neuer Cyrus, soll er dieser neuen babylonischen Gefangenschaft ein Ende machen.« Doch nicht der Triumph der Kirche war es, sondern der Triumph der kapitalistischen Bourgeoisie, den die Ereignisse vorbereiteten.

Diese religiöse und politische Einheit indes, zu deren Durchführung Campanella ungescheut an die Gewalt appelliert, verlangte er nur, um der Zwietracht ein Ende zu machen und auf der Erde Friede und Glück zu begründen. Sein ganzes langes und schmerzhaftes Leben hindurch strebte seine Tätigkeit nur nach einem Ziel, der Einführung des Kommunismus. Noch jung, im Alter von zweiunddreißig Jahren, predigte und organisierte er den Aufstand, um jenen zu verwirklichen; eingekerkert und gefoltert, aber immer unbesiegt, konspiriert er aus der Tiefe seines Gefängnisses mit dem Herzog von Ossuna und tröstet sich über sein Mißgeschick dadurch, daß er seine Utopie träumt.

Durch die Begeisterung für seine Idee hingerissen wie Fourier, der in Aachen einen Kongreß der Könige und Kapitalisten zusammenberufen wollte, um dieselben zur Annahme seines Phalansteriums zu bewegen, glaubte Campanella, daß die Beschreibung seiner philosophischen Republik die Völker der Erde bekehren würde. Er prophezeit deren nahe bevorstehende Einführung in einem Sonett.

»Wenn vorzeiten das glückliche goldene Zeitalter geherrscht hat, warum soll es nicht abermals wiederkehren? Kehrt doch jedes Ding, das gewesen ist, zu seinem Ursprung zurück, nachdem es seinen Lauf beendet hat.

... Wenn in bezug auf das Nützliche, auf das zum Glück und zur Moral Dienliche die Menschen alles gemeinsam machten, so wie ich es sehe und lehre, so würde die Welt ein Paradies sein.«

In einem anderen Sonett prophezeit er:

»Dann könnt ihr beten und inbrünstig bitten, daß die Zeit kommen möge, wo der göttliche Wille auf Erden in Erfüllung gehen wird ...

... Denn die Dichter werden ein Zeitalter sehen, welches alle anderen so übertreffen wird, wie das Gold alle anderen Metalle.

Dann werden die Philosophen jene vollkommene, von ihnen beschriebene Republik sehen, die auf Erden noch nicht existiert hat.«

Keine Enttäuschung konnte seinen tiefen und feurigen Glauben erschüttern. »Zur Schande der Gottlosen«, sagt er in seiner theologischen Abhandlung » Atheismus triumphatus«, »erwarte ich auf Erden ein Vorspiel des Paradieses, ein goldenes Zeitalter voller Glück, aus welchem die Zweifler ausgeschlossen sein werden, die des Glaubens ermangeln.«

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