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Vorgesichte

Ernst Willkomm: Vorgesichte - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Schlickläufer
authorErnst Willkomm
year1991
publisherVerlag Schuster
addressLeer
isbn3-7963-0280-7
titleVorgesichte
pages65-127
created20000710
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8 Nicol Mannis in der Sturmnacht

Auf den Halligen beobachtete man das rasche Umspringen des Windes und die gleichzeitig eintretende Veränderung der Luft nicht ohne Besorgnis. Vielfache Erfahrungen lehrten, daß stürmisches Wetter in solcher Jahreszeit alle Berechnungen der Vorsicht zuschanden macht. Die Zeit des Vollmondes führt jedesmal ein höheres Anschwellen der Flut herbei, jene rätselhafte Erscheinung, welche die Küstenbewohner Springflut nennen. Gesellt sich dann noch ein Sturm von längerer Dauer hinzu, so erreicht das Meer oft eine unglaubliche Höhe und schlägt mit verzehnfachter Gewalt gegen alle von Menschenhand zum Schutz gegen die Verwüstungen empörter Wogen aufgeführten Bollwerke.

Nicol Mannis hatte eine Wetterveränderung erwartet, dennoch aber überraschte auch ihn der so frühe Eintritt derselben. Er beobachtete von seiner Warft aus mit großem Interesse die Verwandlungen in der Atmosphäre. Alle Zeichen verkündigten einen heftigen Sturm. Dies veranlaßte ihn, sein Haus zu ordnen und gewissermaßen in Verteidigungsstand zu setzen. Alle Sachen von Wert, seltene Kostbarkeiten, die er sich während seiner Seefahrten unter fremden Völkern auf der andern Erdhälfte erworben hatte, wurden auf den Boden des Hauses geschafft und hier in starke Kisten verpackt, die mit Eisenklammern an die gewaltigen Balken befestigt waren, welche die eigentlichen Grundpfeiler des Hauses bilden, da sie durch die Erdmasse der Warft in den Grund der Hallig gleichsam festgenagelt sind. Einmal schon hatte der alte Kapitän es erlebt, daß die Warft fast ganz von den Wogen zerschlagen wurde und von dem Hause, das auf ihr ruhte, nur der Dachraum übrig blieb.

Frau Ellen, seine Tochter Karen und die zwei jungen Mädchen vom Festlande, ihre weitläufigen Verwandten, waren dem vorsichtigen Manne dabei eifrig zur Hand. Den Fremden machte dies Schaffen und Sorgen sogar Vergnügen. Sie bekamen dabei das Heiratsgut Karens, einen Schatz ausgezeichneter Leinewand, zu sehen und konnten dasselbe mit ihrer eigenen dereinstigen Aussteuer vergleichen, die, nach friesischer Sitte schon längst in schön gemalten Koffern wohl verpackt, in ihren Kammern stand. Vor einer wirklichen Gefahr, die augenblicklich noch nirgends zu bemerken war, bangte den fröhlichen Kindern nicht. Die ernste Miene Nicols nahmen sie für allzu große Bedenklichkeit des Alters. Erst nachdem alles geordnet und auch die Bänder der beweglichen Treppe, welche aus der Hausflur nach dem Boden geleitete, gelockert worden waren, brach Mannis sein bisher beobachtetes Schweigen.

»In wenigen Stunden schon wird die Flut das Eis brechen«, sprach er. »Dann treibt es der Sturm über die Halligen und wirft es an unsere Warften, daß alle Nägel im ganzen Hause zittern. Mir ist's nur lieb, daß der Sturm vor dem Vollmonde rast, das schützt uns wenigstens vor einer Sturmspringflut.«

Mannis ließ nur seine weiblichen Hausgenossen gewähren. Er verwandte kein Auge mehr von dem immer dunkler sich färbenden Himmel. Das ruhelose Hin- und Herfliegen der Windfahne war sein zweites Augenmerk. Die Unruhe gefiel ihm nicht. Er schüttelte wiederholt den Kopf und sah durchs Fernrohr. Es war jedoch wenig, in größerer Ferne gar nichts zu erkennen. Der bereits heftig wehende Nordwind trieb Schnee und Eisnebel vor sich her und hüllte alles in trübe, kalte Schleier.

Von seinen Söhnen und ihren Begleitern sprach Nicol nicht. Ellen nur erwähnte ihrer, als sie Licht anzündete und das Gekrach des Eises sich bereits mit dem Pfeifen des Nordweststurmes mischte. Oft klang es, als rolle der Widerhall eines Kanonenschusses von dem brüllenden Meere herein.

»Die sind geborgen«, versetzte er mit Zuversicht. »Sie werden auf Föhr oder Amrum, wo sie nun eben sein mögen, ganz ruhig das Unwetter abwarten. Es ist aber leicht möglich, daß sie viel später zurückkommen, als sie ursprünglich beabsichtigten. Denn wenn starkes Tauwetter eintritt und alles rund um die Inseln von Sturm und Flut zertrümmert wird, ist die Binnensee kaum vor ein paar Wochen in einem starken Boote zu befahren. Werdet euch also ein paar Tage länger bei mir gedulden müssen.«

Den Mädchen leuchtete dies ein. Sie blieben heiter und gesprächig, und die Windstöße, welche wiederholt an den Wänden des Hauses rüttelten, beunruhigten sie ebensowenig als das Dröhnen berstender Schollen und der Schwall der Wogen, der schon ein paar Stunden nach Sonnenuntergang den Fuß der Warft umspülte und eine Mauer dicken Eises um sie aufhäufte.

Zu gewohnter Stunde begaben sich alle zur Ruhe. Nicol Mannis aber konnte nicht schlafen. Die Warft und das Haus zitterten unter den Umarmungen des Sturmes und den Flutwogen der See, als bebe fortwährend die Erde. Das entsetzliche Krachen nahm gar kein Ende, es wurde eher von Stunde zu Stunde heftiger. Hagel und Regen schlugen prasselnd an die Fensterladen und durch alle, auch die feinsten Ritzen, rieselte Wasser. Verstummte auf Augenblicke das Heulen des Sturmes, dann klang noch viel schauerlicher das Gebrüll der See durch die wüste Nacht.

Mit geschlossenen Augen lag Nicol auf seinem Lager. Die weißen Vorhänge waren zugezogen, und ohne die Aufregung in der Natur würde der bejahrte Seemann sich so sicher geglaubt haben, wie der Städter in seiner rings umschlossenen, von unübersteiglichen Mauern umgebenen Wohnung.

Es kam ihm vor, als funkele dann und wann etwas Helles vor seinen Augen. Öffnete er dann die schweren Lider, so sah er nichts als den dämmernden Schimmer der Vollmondsnacht, die durch die Ritzen der Böden brach. Indes wiederholte sich dies zuckende Aufflammen mehrmals, der Sturm wuchs, alle Balken im Hause ächzten. Nicol stand auf, kleidete sich schnell an und versuchte die äußere Tür zu öffnen.

Ein Strom weicher, fast warmer Luft wehte ihm entgegen. Der Wind war ganz nach Westen gelaufen und trieb jetzt berghohe Wogen gegen die Inseln und Küsten, auf deren rollenden Kämmen weiße Eisblöcke wie Marmorsteine blinkten.

Im Zenit schimmerten die Sterne, um den Mond standen Wolkenmassen von Silber umsäumt, die sein Licht beträchtlich abdämpften. Gegen Westen türmten sich schwarze Wetterwolken empor, aus deren Schoße oft grellrote Blitze brachen und als feurige Schlangen in die schäumenden Wellen untertauchten. Ob diese Blitze von Donnerschlägen begleitet waren, ließ sich nicht unterscheiden, da Wind, Flut und zerberstendes Eis ein fortwährendes Donnern und heulendes Sausen erzeugten.

Noch hatte der Sturm nicht seine größte Höhe erreicht, dem alten Seemann aber sagte die Richtung, aus der er wehte, daß er sich bald legen werde. Umlaufende Stürme pflegen nicht von langer Dauer zu sein.

Nicol suchte eine Stelle zu gewinnen, wo die Windsbraut ihn nicht zu sehr beunruhigte. Hier hielt er sich fest und ließ seine noch scharfen Augen, die des Nachts fast ebensogut sahen wie am Tage, über das wild schäumende Meer mit seinem Chaos zerborstener und fortwährend donnernd gegeneinander prasselnder Eisschollen schweifen.

Auf allen nicht zu fern gelegenen Warften bemerkte er Licht, ein Zeichen, daß ihre Bewohner sich weniger sicher wähnten als er selbst mit seinen Angehörigen. Der Windmühle, unfern der Kirche, hatte der Sturm ein paar Flügel geraubt, auch schien es ihm, als sei das Dach auf Eike Woegens Warft stark beschädigt.

Gern wäre er dem Nachbar, der ganz allein mit einer schwächlichen Tochter in seinem Hause lebte, zu Hülfe geeilt. Das war jedoch vorläufig unmöglich; denn nicht nur brauste das Meer sechs bis sieben Fuß hoch über die Hallig fort, es rollten auf den grauschwarzen Wogen auch noch zahllose Schollen schweren kantigen Eises, die selbst das stärkste Fahrzeug wie Glas zermalmt haben würden.

So stand Nicol Mannis lange. Erst als er die Gewißheit erlangt hatte, daß sein Besitztum diesmal nicht gefährdet werde, zog er sich wieder zurück in den Schutz des Hauses. Das Gewitter näherte sich nicht. Es strich unter außerordentlich heftigem Wetterleuchten mit dem Winde mehr südwestwärts.

In der dritten Morgenstunde brach der Mond in hellem Glanze durch das Gewölk. Die Luft ward bald darauf stiller und als Nicol zum zweiten Male in dieser Nacht sein Lager aufsuchte, hörte er an dem gleichmäßigen Rauschen der Wogen und dem monotonen Anschlage derselben gegen den festen Hügel der Warft, daß die Gefahr vollständig vorüber sei.

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