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Vorgesichte

Ernst Willkomm: Vorgesichte - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Schlickläufer
authorErnst Willkomm
year1991
publisherVerlag Schuster
addressLeer
isbn3-7963-0280-7
titleVorgesichte
pages65-127
created20000710
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4 Fahrt nach dem Wrack

Am nächsten Morgen verließ Nicol Mannis schon mit Sonnenaufgang sein Haus. Der erste Blick des alten Seemannes war auf die Windfahne gerichtet, die er auf einem Giebel des Hauses in Gestalt eines segelnden Schiffes angebracht hatte. Sie zeigte dick West. Hierauf umschritt Nicol die ganze Warft, oft ausblickend nach der Binnen- und Außensee. Noch gewahrte man nirgends ein Segel. Der Wind hatte sich gelegt, und da die Flut eben erst aufzulaufen begann, lagen die endlosen Watten noch größtenteils trocken. Die Morgensonne warf glührote Lichter über Sand- und Schlickwatten, so daß der Meeresboden stellenweise von dunkeln Feuerwogen durchflutet zu sein schien. Den seltsamsten Anblick aber boten jetzt die Halligwohnungen dar. Manche der entfernter gelegenen glichen Zuckerhüten oder Bienenkörben, um deren Borde das Sonnenlicht in goldglitzernden Strahlen sich brach. Andere hoben sich zugleich mit ihren Warften wie breite Opferaltäre aus dem Meere, noch andere konnte man für ungeheure Bausteine halten. Eine Reihe von der Sonne angeglühter Felszacken abenteuerlichster Gestalt schloß im Süden dies eigentümliche Seepanorama.

Ganze Heere von Möwen schwebten hier über grauen Wattenfeldern oder stiegen in regelmäßigen Pausen über den Prielen auf und ab, die jetzt von den hereinbrausenden Flutwogen mit silbernen Brandungen sich füllten. Nicol Mannis beobachtete dies Leben auf dem Meere geraume Zeit. Obwohl es dem Kapitän nichts Neues war, beschäftigte es ihn doch immer noch und erquickte sein Seemannsauge wie sein Herz. Hörte er das Rauschen der Flut, dann zog es ihn unwiderstehlich hinunter von der Warft. Er mußte das Rollen, Schäumen und Springen der dunkelgrünen Wogen sehen, die zu ununterbrochener Reihe gegen den Grasbord der Halligen brandeten; der weiße Schaum einer springenden Welle mußte ihn benetzen, sonst war er nicht ruhig, nicht zufrieden. Hatte er aber den Duft der See mit vollen Zügen eingezogen, dann stieg er wieder die Warft hinauf setzte sich ans Fenster, nahm seinen Dollond und beobachtete durch das treffliche Fernrohr, ohne das er keine Stunde leben konnte, die verschiedenen Seepfade, die aus der Binnensee zwischen Halligen, Halliggründen, Sandbänken und Untiefen auf das hohe Meer hinausfuhren.

Nach seiner Gewohnheit lehnte sich Nicol Mannis an die Umfriedigung, die sein guterhaltenes Haus umgab. Ihn fesselte nichts als das Meer, die Segel, die sich nah und fern zeigten, die Richtung, welche vom Süden her kommende Küstenfahrzeuge einschlugen, und ihre Bauart und Takelage.

Heute schien Nicol noch mehr als gewöhnlich in die Betrachtung des Bildes vertieft zu sein, das er seit Jahren jeden Tag wiedersah und so genau kannte. Die Stimme seiner jugendlichen Tochter störte ihn in seinem Sinnen und Träumen.

»Vater«, redete Karen ihn an, »wenn Geike nach Tönningen reist, um sein Schiff zu übernehmen, darf ich ihn dann begleiten?«

Nicol bewegte kaum merklich das Haupt. Diese Bewegung war aber eine beistimmende.

»Will euch selber durch die Halligen steuern«, versetzte er. »Hab' zu lange still gesessen, wird mir eine Mütze voll Seewind gut tun. Wann gedenkt Geike zu reisen?«

»In zwei oder drei Tagen.«

»Sollte ein paar Tage länger warten.«

»Weshalb?«

»Es ist dann gerade Neumond. Da wechselt gern der Wind.«

»Das Schiff ist befrachtet und muß in See gehen.«

»Kenne das, mein Kind, werd' also Geike nicht halten. Ein Seemann muß pünktlich sein. – Kind, ist das nicht ein Boot dort bei Hains Halliggrund?«

»Der schwarze Punkt?«

»Es treibt mit der Flut und ist unbemannt.«

»Die heftige Bö gestern abend wird es irgendwo losgerissen haben.«

Nicol ging ins Haus, um sein Fernrohr zu holen. Zurückkommend, durchforschte er die Meerespfade, auf denen jetzt die Flut wogte und wallte, mit großer Gewissenhaftigkeit.

»Es ist kein Boot von den Halligen«, sagte er. »Seine Form ist anders; es muß von See hereingetrieben sein.«

So sprechend kehrte er sich um, ging nach der Westseite, lehnte sich hier an die Befriedigung und betrachtete die majestätische Nordsee, auf deren blaugrünen Wogen häufig breite Silberhügel aufstiegen und blitzend im Sonnenlicht zerrannen. Er suchte lange auf dem endlosen Meere, ohne etwas zu entdecken, das ihn fesselte. Endlich aber blieb sein Auge an schattenhaften Umrissen haften, die ein Nichtseemann schwerlich beachtet haben würde. Auf der einförmig wogenden See entdeckte Nicol einen Gegenstand, der ungleich dunkler war als die wallende Wasserfläche. Es konnte der Schatten einer Wolke sein, deren viele langsam durch die Luft segelten. Der Halligbewohner bemerkte aber, daß der dunkle Punkt sich nicht bewegte und daß häufig blendendhelle Lichter um ihn aufzuckten. Er wußte jetzt, was er vor sich hatte. Das Fernrohr rasch zusammenschiebend, rief er seinem jüngern Sohne zu, der beschäftigt war, von einer der Heudiemen Futter herabzuholen:

»Jens, mach' dich fertig und rufe Taken! Draußen bei Engelssand sitzt ein Wrack. Bei nächster Ebbe zerschlägt es die Brandung. Wollen sehen, ob was zu bergen ist und ob die Mannschaft sich gerettet hat.«

Die schnell herbeispringenden Brüder fanden sogleich den vom Vater ihnen bezeichneten Punkt. Auch sie erkannten mit scharfen Seemannsaugen in dem dunkeln Schatten ein gestrandetes Fahrzeug. Auch Karen und selbst Ellen blickten durch das Fernrohr, und alsbald macht sich eine quecksilberne Lebendigkeit auf Nicol Mannis' Warft bemerkbar. Die drei Männer setzten ihre Südwester auf, warfen die Buseruuntjes über, fuhren in schwere, weite Schifferstiefel, beluden sich mit zusammengerollten Tauen und steckten kurzhalmige handliche Beile zu sich. Dann winkten sie Mutter und Schwester einen flüchtigen Gruß zu und stiegen die Warft hinab.

Obwohl über diesen Zurüstungen kaum eine Viertelstunde vergangen war, hatte doch jetzt die ganze Szenerie eine veränderte Gestalt angenommen. Auf allen Warften sah man belebte Gruppen. Männer, vollständig zu einer Seefahrt gerüstet, eilten dem nahen Strande zu, wo die schweren Boote losgekettet, unter monotonem, unharmonischem Johlen ins Wasser geschoben und sodann eiligst bemannt wurden. Aber auch auf der Binnensee ward es lebendig. Von Langeneß und Nordmarsch, von Gröde und Appelland, von den Deichrändern Pellworms her stießen Fahrzeuge in See, die offenbar einem und demselben Ziele zuzusteuern beabsichtigten. Die scharfen Augen fast aller Halligbewohner hatten zu gleicher Zeit das gestrandete Fahrzeug entdeckt, und alle schickten sich an, die auf demselben etwa noch befindlichen Güter dem gierigen Meere zu entreißen.

Die große Eile, die sich überall kundgab, war übrigens unnötig. Noch lief die Flut auf, der Wind, obwohl schwach, wehte landwärts, und gegen Flut und Wind anzusegeln, war auch dem trefflichsten Fahrzeuge und der geschicktesten Führung desselben nicht möglich.

Nichtsdestoweniger gingen die Halligmänner mit wenigen Ausnahmen ungesäumt an Bord ihrer starkgebauten seehaltigen Sloops. Durch geschicktes Lavieren gewann man doch einen kleinen Vorsprung, und traf dann die Zeit der Ebbe ein, wo nicht selten auch der Wind kentert, so konnte mit Benutzung des Ebbestromes sowie von Segel und Ruder ein Fahrzeug das andere leicht überholen. Geike Woegens, der Verlobte Karens, gesellte sich seinem künftigen Schwiegervater zu und bestieg mit diesem und dessen Söhnen ein und dasselbe Boot.

»Ich vermutete schon gestern abend eine Strandung«, sprach der junge Mann, mit Hilfe Takens und Jens die Segel richtend. »Es wehte hart gegen Mitternacht und die Böen waren ungewöhnlich heftig. Wahrscheinlich ist's ein Neapolitaner oder ein Schiffer aus Smyrna, der zum ersten Male nach der Elbe steuert. Solche Schiffer trügt die doppelte Flutströmung bei heftigem Winde und treibt sie östlich ab nach unsern Watten.«

Der alte Mannis pflichtete kopfnickend bei. Er saß am Steuer und beobachtete mit großer Seelenruhe jede Bewegung des Meeres, wie den Lauf der vielen andern Segelboote, die von Süd und Nord dem Orte zustrebten, wo das gestrandete Schiff fest im Sande saß.

»Die Pellwormer kommen uns zuvor«, sagte Nicol nach einer Weile. »Die sind des Schiffes wohl etwas früher ansichtig geworden, auch begünstigt sie die Richtung des Windes.«

Auf diese Bemerkung machte Geike eine beistimmende Bewegung. Inzwischen erreichten die Segelnden tieferes Fahrwasser, und bei der nächsten Wendung des Bootes zeigte sich der Rumpf des Wracks bereits in größerer Deutlichkeit.

Nun entspann sich ein eigentümlicher Wettkampf zwischen den verschiedenen Segelbooten, die einander mit jeder Minute näher kamen. Alle Führer derselben benutzten jeden kleinsten Vorteil, der sich ihnen darbot, und griffen nicht selten zu gewagter Segelstellung, um ein paar Fuß Wasser mehr zu gewinnen und womöglich einen kleinen Vorsprung zu erlangen. Gesprochen ward während dieses Wettsegelns kein Wort, nur einzelne gurgelnde Kehllaute hörte man, die bald ein Kommando vorstellten, bald als Zeichen der Anfeuerung gebraucht wurden.

Das Wrack zeigte sich jetzt schon deutlich. Die See brandete wild um den dunkeln Rumpf und überschüttete diesen bisweilen mit weißem Gischt. In den heransegelnden Booten war das Rauschen und donnernde Anprallen der breiten Wogen, die sich zerstörend am Schiffsrumpfe brachen, deutlich zu hören. Hunderte von schreienden Seevögeln umflatterten den Strandungsort und schwebten bald als breite Wolke in ziemlicher Höhe über demselben, bald fielen sie nieder auf die Wellenkämme, die weißhäuptig über den Sand rollten und an den Planken des Wrackes zum Bord hinaufstrebten.

Noch wenige Minuten vergingen und alle Boote zogen ihre Segel ein. Auf dem seichter werdenden Wasser konnte man sich nur noch der Ruder bedienen.

Nun galt es abermals, die Hände zu rühren und mit nicht ermüdender Ausdauer zu arbeiten, was denn auch redlich geschah.

Die Sloop des alten Mannis war die sechste, welche das Wrack erreichte, dessen Deck sich nunmehr schnell mit Menschen füllte. Das Schiff war verlassen und allem Anscheine nach hatte sich die ganze Mannschaft in den Booten gerettet. Die Schiffspapiere und Sachen von Wert hatten die Schiffbrüchigen mitgenommen. Im untern Raume, der schon zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, rollte die nicht bedeutende Ladung hin und wieder, je nachdem eine hohe Woge den Rumpf umspülte, hob und ihn heftig stampfend wieder auf den sandigen Grund fallen ließ.

Nicol und seine Begleiter sahen ein, daß die zu machende Beute ihren Erwartungen nicht entsprach. Es war in der Tat ein von Smyrna kommendes Schiff, mit Südfrüchten und etwas Wein beladen. Erstere, in Kisten verpackt, mußte man bereits verloren geben, da sie ganz von Salzwasser überflutet waren. Die Weinfässer trieben im Schiffsraume auf und ab, und manches war durch die starken Schwankungen schon zertrümmert worden.

Um nicht mit den immer zahlreicher sich einfindenden Insulanern, unter denen manche überaus beutegierig waren, und bereits unter drohend klingenden Worten das Deck erklommen, in nutzlosen Streit zu geraten, begnügten sich die Halligmänner von Hooge mit zwei kleinen Fässern, die Wein zu enthalten schienen. Vielleicht hätten sie auch diese nicht unbehindert in ihr Boot bringen können, wäre nicht gerade über einige andere auf Deck befindliche Gegenstände zwischen mehreren, welche gleichzeitig ihre Hände danach ausstreckten, ein heftiger Streit ausgebrochen, der durch das Bemühen derer, die ihn schlichten wollten, schnell in Tätlichkeiten ausartete.

Nicol Mannis und seine Begleiter, wohl wissend, daß auch ihr Wort ungehört verhallen würde, benutzten gleich manchen andern diesen Moment, verließen das Wrack und stießen ab. Der Lärm des Kampfes, an dem sich jetzt alle an Bord Zurückgebliebenen beteiligten, hallte weithin über das Meer, und ward von den heimwärts Steuernden noch vernommen, als sie das Watt von Engelssand bereits glücklich passiert hatten, und wieder Segel aufziehen konnten. Auch die Rückfahrt dauerte lange. Wie vorher gegen die Flut, mußten sie jetzt gegen die Ebbe kämpfen, d. h. sie waren gezwungen, fortwährend zu kreuzen, um sich langsam der Hallig zu nähern. So ward es beinahe Abend, ehe die Schiffer das Ziel erreichten.

Nicol blieb auch während dieser Rückfahrt sehr einsilbig. Sein Aussehen war ernst, ja düster, und als er endlich bei dicht aufbrodelndem Nebel die Sloop in das Schlütt steuerte, sagte er, mit scharfem Auge rückwärts nach dem Meere blickend, das wie eine graue Wüste sich unter dem Nebel ausbreitete:

»Hab' acht Geike, wenn du in See stichst! Lichte die Anker an keinem Freitage! Den LeichenzugNach dem friesischen Volksglauben wird der Tod naher Angehöriger den Überlebenden oft dadurch angezeigt, daß sie bei Abenddämmerung im Nebel einen vollständigen Leichenzug der Gegend zugleiten sehen, wo die Leiche später der Erde übergeben werden soll. Die Friesen nennen solche Erscheinungen Vorspuk oder Vorgesicht. , den ich vorhin von der Reutertiefe über Baksand nach dem Junge-Jap mitten durch den Nebel streichen sah, verkündigt uns Halligleuten nichts Gutes! Mich dünkt, es waren viele Bekannte unter den Trägern.«

Die Brüder wechselten sprechende Blicke miteinander, Geike aber reichte dem Alten die Hand und sagte:

»Werd' deiner gedenken, Vater Mannis, und an keinem Freitage lichten. Sollst selbst dabei sein, wenn ich ausklariere.«

Nicol schien beruhigt. Er befestigte die Sloop mit eigener Hand, während jeder seiner Söhne eins der geborgenen Fäßchen ans Land trug, und Geike den kleinen Anker des Fahrzeugs mit kräftigem Druck in die Erde der Hallig bohrte.

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