Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Willkomm >

Vorgesichte

Ernst Willkomm: Vorgesichte - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Schlickläufer
authorErnst Willkomm
year1991
publisherVerlag Schuster
addressLeer
isbn3-7963-0280-7
titleVorgesichte
pages65-127
created20000710
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

3 Nicols Gesicht in der Spanischen See

Frau Ellen stellte drei Gläser heißen und steifen Grogs auf einem aus Kanton stammenden Teebrett auf den Tisch. Es war dies des alten Seemannes und seiner jungen Söhne gewöhnlicher Trank nach genossenem Abendbrot. Die meisten Bewohner auf den Westsee-Inseln pflegen sich abends einen solchen Slummer, wie man wohl scherzweise sagt, zu gönnen. Das rauhe, häufig wechselnde Wetter und die nebelfeuchte Luft rechtfertigen diese Gewohnheit.

»Es war Mittsommer«, hob Nicol Mannis seine Erzählung an, ein Stückchen Kautabak zwischen seine noch völlig gesunden Zähne schiebend. »Der indische Nabob«, schon oft mit Schätzen vollgestaut, die mehr wie einen zum Nabob hätten machen können, lief mit frischer Brise wohl zwölf Knoten in der Stunde. An Bord alles wohl, auf Deck alles klar. Kein Seemann konnte sich besseres Wetter wünschen. Blieb darum auch, als es Nacht ward, auf Deck. Machte mir immer Vergnügen, wenn die See sprühte und funkelte, als pflüge der Kiel unter den blauen Wellen in gelbgrünem Feuer. Ganze Tonnen voll Brillanten und Türkisen und andern Edelsteinen flogen vom Bug ab und stürzten in funkelnden Lichtschauern auf die dunkelflutenden Wellen.

Die Nachtwache war eben aufgezogen, als ich in Lee ein Segel bemerkte. War aber noch ziemlich weit ab und steuerte nicht meinen Kurs. Konnte aber doch das Besanstagsegel und den Flieger über dem großen Stengenstagsegel durch mein Glas erkennen. Fiel mir diese Segelstellung auf, denn sonst war alles beschlagen; dacht' aber, 's wär' einer von den wilden Schiffern von der afrikanischen Küste her. Eine Stunde verging und ich kam dem Fahrzeuge näher. Es war eine prächtige Schonerbrigg, die jetzt alle Segel aufgesetzt hatte, was ich wieder nicht begreifen konnte. Wie sie nun etwa noch drei Kabellängen von meiner Fregatte entfernt ist, was geschieht? Die Schonerbrigg schwankt hin und her, die Stengen auf der Steuerbordseite berühren die Wellen, und ehe ich mich noch besinnen kann, kentert das Schiff und versinkt spurlos im schäumenden Meer. Zu begreifen war's nicht, was wir sahen – ich, der Mann am Steuer und der wachthaltende Maat. Es sagte keiner von uns was, den Mann am Steuer aber hörte ich seufzen und stöhnen, und mir selber wurde das Atmen ebenfalls schwer.

›Kaptain‹, sagte der Mann – 's war ein Ostfriese von Norderoog – ›Kaptain sollt's wohl ein wirkliches Schiff gewesen sein, was da die See eingeschluckt hat?‹

›Weiß nicht, Mann‹, gab ich zur Antwort, und mein Auge haftete noch immer auf der Stelle, wo ich die Schonerbrigg versinken sah.

›In der Spanischen See ist manchen Schiffer schon was begegnet.‹

Ich stand schweigend auf dem Hinterdeck und sah hinab in die schäumenden Wogen, da sah ich...«

Ein starker Windstoß, der das Haus gleichsam in fester Umarmung schüttelte, unterbrach hier den Erzähler. Nicol Mannis stand auf und untersuchte die Fenster, ob sie auch fest geschlossen seien. Von außen erklang das ängstliche Geblök der Schafe, die man der im ganzen milden Witterung wegen im Freien ließ.

»Wir tun besser, die Schafe im Schauer unterzubringen«, sagte Nicol. »Wenn's Hochwasser gibt und schwere Regenböen, leidet das arme Vieh. Kommt! Sechs Hände schaffen mehr als zwei.«

Diese Worte richtete der alte Seemann an seine beiden Söhne, die schnell ihre Gläser leerten und dem voranschreitenden Vater folgten, um die Schafe mit bergen zu helfen.

»Geschwind, Karen«, sprach die Mutter zu der jungen hübschen Tochter. »Bereite Vater und Brüdern noch einen recht süßen und heißen Slummer. Vater spinnt seinen Faden dann viel besser zu Ende. Nur fürchte dich nicht und sieh dich nicht so ängstlich um, wenn es 'was Schreckliches zu hören gibt. Ich hab' immer gefunden, daß alte Seeleute Geschichten erzählen, die gar nicht passieren können.«

»Aber Vater lügt nicht, Mutter!« fiel Karen ein, den blanken Wasserkessel auf die hell polierte Messingplatte des Ofens stellend. »Und daß auf See entsetzliche Dinge geschehen und unerklärliche Bilder aus der Tiefe aufsteigen, hab' ich doch selber mit angesehen. Du kennst aber die See nicht, Mutter!«

»Kenne sie wohl, mein Kind,« erwiderte Ellen, »aber ich konnte mich nie entschließen, für lange Zeit ein Schiff zu besteigen. Die Schrecken der See hab' ich erlebt, wie ich es dir nicht wünschen mag. Ich sah die brüllenden Sturmwogen unser Haus zerschlagen, und wurde doch nicht ohnmächtig bei diesem Anblicke und bei den treibenden Leichen, die auf den Wellen schaukelten.«

Die Männer kehrten jetzt zurück und nahmen ihre Plätze wieder ein.

»Nun, Vater, was sahest du?« wandte sich Karen mit neugieriger Frage an diesen, indem sie ein volles Glas vor ihn hinsetzte. Nicol erprobte das heiße Getränk, schob ein neues Priemchen in den Mund und fuhr fort:

»Ja, Kinder, wie ich so in die Wogen starrte, die wie von unterirdischem Feuer strahlten und ganz durchsichtig waren, da sah ich, die Gesichter mir zugekehrt, drei Männer, die Hände über der Brust gefaltet, als ob sie beteten, gerade mit dem Schiffe auf dem Meere treiben. Über den Körpern spülten und sprühten die Wellen, die Köpfe aber ragten über das Wasser empor. Die Gesichter waren bleich und farblos, wie die soeben Verstorbener, die Augen aber standen offen, und ihre Blicke hielten sie unbeweglich auf mich gerichtet.«

»O Gott, Vater!« rief Karen aus, ihre Augen mit beiden Händen bedeckend. »Das ist zu furchtbar! Ich sehe die drei Männer mit den Totengesichtern schon auf unser Haus zutreiben.«

»Auch mir pochte das Herz lauter als sonst, mein Kind«, fuhr Nicol in seiner Erzählung fort. »Ein Seemann muß indes auf alles gefaßt sein und sich jederzeit geschwind resolvieren können. Der Ausbruch eines bösen Wetters läßt uns nicht Zeit zu langem Nachdenken. Man muß rasch handeln, sonst gehen alle Masten mit einer einzigen Sturzsee über Bord. Hab's erlebt, daß sechs Mann meiner Equipage auf einmal über Bord gespült wurden, und daß die nachstürzende große Rah zweien mit ihren Nocken die Schädel mitten auseinanderschlug. Es war ein furchtbarer Augenblick für mich, ich mußte aber das Schiff und seine noch übrige Bemannung zu retten suchen, und darum blinzte ich mit den Augen, und rief meine Befehle durchs Sprachrohr in das Wettergeheul hinein, als sei nichts passiert.«

»Du setztest das Boot aus, um sie womöglich zu retten, wenn sie noch am Leben waren?« fragte Jens.

Nicol tat einen kräftigen Zug aus seinem Glase.

»Bei Sankt Patrick, wie die Irländer sagen, das tat ich nicht«, versetzte der Alte. »Und hätt' ich's gewollt, es wäre verlor'ne Müh' gewesen! Die Toten, die mit dem Schiffe trieben, waren keine Toten, sie sollten erst später sterben. – Ich kannte sie, ich hatte eben erst mit ihnen gesprochen! Freilich wollt' ich meinen eigenen Augen nicht trauen, aber ich mußt' es zuletzt doch! – ›Kaptain‹, flüsterte der Mann am Steuer mir zu, und seine Hand fiel schwer auf meine Schulter... ›Kaptain, kennt Ihr das Blaßgesicht da unten? Ich denk', so werd' ich aussehen, ehe das Jahr zu Ende geht.‹

Ich weiß nicht, ob ich dem Manne eine Antwort gegeben habe. Die Zunge klebte mir am Gaumen und ich glaube, meine Hand zitterte, als schüttele mich ein Fieber. – Es war in der Tat das Gesicht, die Tracht, die ganze Figur des Mannes am Steuer. – Die drei Leichen trieben eine nach der andern längs dem Schiffe fort, etwas schneller als dieses segelte. Da rief der Maat auf Wache: Kaptain! – Wie ich mich umkehrte, sah ich den Mann am Bugspriet knien und in die See hinabstieren. Ich ging zu ihm.

›Kennt Ihr den Burschen, Kaptain?‹ fragte der brave Junge, ›der sich jetzt gerade am Bug zu so unpassender Zeit im Salzwasser badet? Wenn's nicht ein verfluchter Wechselbalg ist, bin ich's – Gott verdamm mich, ich selber.‹«

»Entsetzlich!« lispelte Karen. Eine neue Bö rüttelte an dem Hause und klappte mit der äußeren, nicht fest anschließenden Tür.

»Der Bursche sah recht, wie der Mann am Steuer«, erzählte Nicol weiter. »Das Gesicht des dritten Mannes war mir nicht bekannt oder ich konnte die Züge desselben nicht deutlich erkennen. Wohl aber wußte ich, daß wir die Reise ohne Unfall nicht zurücklegen würden.«

»Es war ein Vorgesicht«, sprach jetzt eine wohltönende Stimme, die von der Tür herkam, deren Öffnen die aufmerksam Zuhörenden nicht bemerkt hatten.

»Solche Zeichen gibt's, ich weiß! Der Himmel schickt sie uns, daß wir uns bei Zeiten vorbereiten und unsere irdischen Angelegenheiten in Ordnung bringen sollen. Mein Vater und Großvater hatten bei allen wichtigen Vorkommnissen in ihrem Leben Vorgesichte.«

Karen war längst aufgestanden, um den späten Gast, einen jungen Mann, der eben vom Steuermann zum Kapitän avanciert war und noch vor Ende Oktober die Führung eines holländischen Schiffes nach Ostindien übernehmen wollte, zu begrüßen.

»Du kommst spät, Geike«, sagte das junge Mädchen. »Ich glaubte schon, du würdest heute gar nicht nach mir fragen.«

Geike Woegens drückte Karen an seine Brust. Dann reichte er deren Eltern und Brüdern die Hand zum Gruße. Es war der Verlobte der Tochter des Hauses.

»Hast du gelauscht«, fragte Nicol lächelnd.

»Fast eine Minute«, erwiderte ebenso Geike. »Deine Zuhörer verschlangen deine Worte ja mit solcher Andacht, daß es grausam gewesen sein würde, hätte ich sie gestört. Nun fahr' aber fort, Vater Nicol, damit wir hören, wie die Sachen ausliefen.«

»Du hast es schon ausgesprochen«, erwiderte der alte Kapitän, »es war ein Vorgesicht, und es erfüllte sich, ehe das Jahr zu Ende ging. ›Der indische Nabob‹, mein prächtiges Fregattschiff, kehrte mit reicher Ladung aus Brasilien zurück. Bei den Azoren überfiel uns mit Blitzesschnelle, mitten in der Nacht, der Orkan. Ehe es möglich ward, die Segel zu reffen, hatte die Wucht des Sturmes mein Schiff schon auf die Seite gedrückt. Eine fürchterliche Woge spülte darüber hin. Es hob sich zwar wiederum, nun aber splitterte ein zweiter Stoß den Fockmast. Er brach und fiel über Bord mit allem Tauwerk, das ihn hielt. Da war keine Rettung mehr; der große Mast und der Besan folgten mitsamt dem ganzen Schiffsrumpfe. Ihrer zwölf retteten wir uns auf die strudelnden Trümmer. Wir wurden wunderbar erhalten. Während der ganzen ersten Nacht aber trieben auf dem wild brüllenden Meere drei Leichen mit uns, ganz so, wie ich sie gesehen hatte in der Spanischen See. Die eine war mein Steuermann, der Ostfriese, die andere der Maat, der in jener Nacht die Wache hatte. Die dritte Leiche gehörte dem einzigen Passagiere an, den wir in Rio an Bord genommen. Es war ein Kaufmann aus Portugal, der in sein Geburtsland zurückkehren wollte. Wie er hieß, weiß ich nicht. Ich hatte nicht nach seinem Namen gefragt.«

Die Zuhörer saßen einige Minuten lang still, Nicol Mannis heftete seine blaugrauen klaren Augen auf das Wrack des Schiffes, bei dessen Untergange das eben Erzählte vorgefallen war. Taken brach zuerst das Schweigen.

»Ist dir schon ein WiedergängerWiedergänger nennen die Uthlandsfriesen Ertrunkene, welche dem Volksglauben zufolge ihren Anverwandten oder Freunden, triefend von Wasser, später und zwar oft erst nach Jahren begegnen. vor Augen gekommen?« fragte er den ernst gewordenen Vater.

»In meinen jungen Jahren glaub' ich deren zwei gesehen zu haben«, versetzte dieser.

»Hier oder anderwärts?« fiel Jens ein.

»Wiedergänger gibt's nur an der Westsee«, sagte Nicol. »Die junge Welt und die Festlandsmenschen spotten darüber, aber die Sache hat und behält dennoch ihre Richtigkeit. Es lebt auf allen Inseln und Halligen kein Seemann, der nicht in seinem Leben einem Wiedergänger begegnet wäre. Mein Vater sah seinen eigenen Bruder nach vielen Jahren wieder, als er am Strande allein spazieren ging, und mich besuchte der treueste Freund meiner Jugend. Er kam um in einem Sturme, der das Schiff, auf welchem er als Vollmatrose diente, an die Goodwin-Sands schleuderte.«

»Wie begegnete er dir?« fragte Taken.

»Ganz in der Gestalt eines Menschen, der eben aus dem Wasser gezogen wird. Seine Kleider trieften, die Haare hingen ihm feucht ums Gesicht, die Augen sahen mich traurig und als ob er mich um etwas bitten wollte, an. Sein Gang war der eines gewöhnlichen Menschen, nur schwebender und geräuschlos. Als ich ihn anrief, zerrann das Bild in der Luft, und ein Klageton zitterte das einsame Gestade entlang.«

»Dann sind uns heute Mittag vor Kapitäns Knob Wiedergänger begegnet«, fiel Jens ein. »Ihr saht doch wohl die fahlen Gesichter mit den lang herabhängenden Haaren?« fuhr er fort, seinen Geschwistern sich zuwendend. »Der eine hing in den Wanten des Fockmastes, der andere stand am Steuerrad. Ihre Kleidung triefte von Wasser, und als das Schiff vorübersegelte, zerronnen sie zuerst in der mattnebligen Luft.«

»Es war so, wie Jens sagt«, sprach Karen, ihren Verlobten fester umarmend und ihr Gesicht an seiner Brust bergend. »Das Auge des Mannes am Steuer war so fest auf mich gerichtet, daß ich vor Furcht laut aufschrie.«

»Und den Namen des Schiffes konntet ihr deutlich erkennen?«

»Wir sahen ihn alle drei zugleich«, versetzte Taken.

Nicol Mannis schüttelte den Kopf

»Mich dünkt«, nahm er nach einer abermaligen Pause das Wort, während welcher die ungläubige Mutter besorgte Blicke mit Karen wechselte, »mich dünkt, euer Begegnis soll uns allen eine Warnung sein. Wiedergänger bringen nichts Böses, sie zeigen sich uns, damit wir Vorkehrungen gegen ein drohendes Unglück treffen. Auch zeigen sie böses Wetter, hohe Fluten, verheerende Stürme an. Am meisten müssen wir uns vor dem Orte hüten, wo sie uns begegnen. Solche Orte werden uns gefährlich. Wenn ihr also wieder in See geht, dann legt euch nicht im Angesicht der Amrumer Dünen vor Anker! Die dortigen Gründe und Schwellen sind ein gefahrvolles Fahrwasser. Eine plötzliche Regenbö kann euch rettungslos auf Sandbänke werfen, wo ihr verhungert oder ertrinkt, eh' ein anderer Schiffer euch entdeckt. Das ist's, was das Nebelschiff mit seiner stummen Bemannung, in der ich wohl meinen ostfriesischen Steuermann und meinen Maat vom ›indischen Nabob‹ wiedererkannt haben würde, euch hat andeuten wollen.«

Ellen machte einen Versuch, die Behauptung ihres Gatten zu bestreiten. Das war aber kein leichtes Unternehmen, denn Nicol Mannis hing an dem mit der Muttermilch eingesogenen Aberglauben seiner Landsleute so fest, wie an den Aussprüchen des Evangeliums. Auch stand die vorurteilsfreie Festlandsfriesin mit ihrer Ansicht ganz allein. Ihre Kinder, desgleichen ihr künftiger Schwiegersohn schlossen sich, als echte Uthlandsfriesen, unbedingt dem Vater an. Und als Geike Woegens ziemlich spät die Warft verließ, waren die Zurückbleibenden fester denn je überzeugt, daß sie von mitleidigen Wiedergängern vor einem ihnen bevorstehenden Unfalle gewarnt worden seien.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.