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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Hauptschlag für das Dorf allerdings geschah am 13. Juli, als die Hessen bei Laufach geschlagen wurden. Noch spät am Abend war ein Reiter von Mainz gesprengt gekommen. Er wußte nichts weiter als: Schlacht bei Laufach, Preußen gegen Hessen, Wrangel gegen Prinz Alexander. Genauere Depeschen hatten, als er in Mainz weggeritten war, noch keine vorgelegen; auf der Posthalterei war keine Auskunft zu erhalten, denn ein Telegraph ging ins Dorf noch nicht. In der Nacht kamen die Depeschen an als Extrablätter gedruckt, am Morgen des 14. Juli wußte man Näheres. Der Posthalter, der »scheppe Koch«, hatte in aller Frühe schon angefangen, sie verteilen zu lassen. Die Preußen hatten gesiegt, die Hessen waren geschlagen. Und bald kamen auch die Listen der Toten und Verwundeten heraus.

Die erste Morgenpost aus Mainz brachte sie, und ehe die Postkutsche recht ins Dorf eingebogen war und der Postillon auf seinem Horn geblasen hatte, war die Posthalterei umlagert, so daß der »scheppe Koch« beständig von seinem kurzen Beinchen auf das lange, und umgekehrt, vor lauter Aufregung hüpfte und von Zeit zu Zeit den Leuten drohte, er werde Wasser auf sie gießen, wenn sie ihm nicht aus dem Hofe blieben.

Seit der Stammtisch im »goldenen Lamm« nicht mehr bestand, war der Vetterlein wieder bei sich daheim. Er floh seine vier Wände nicht mehr, und er fand wieder zu sich selbst. Er hatte eine grüne Kiste mit aufgemalten Blumen und dem Spruch: »Tue Recht und dulde kein Unrecht«, ein Erbstück seiner Mutter, geöffnet. Es war eine richtige hessische Kiste, wie sie auch die Dienstmädchen mit in den Dienst bringen und wie sie die Bräute haben für ihr Weißzeug. Der Vetterlein wußte, daß in seiner Kiste Papiere waren, und er hatte sich immer gescheut, sie zu öffnen. Nun er so allein war, so ganz verlassen von den Menschen, und so beiseite geschoben von ihnen, aber auch so unberührt von den Vorgängen in der Welt, da hatte er den Mut gefunden, in den alten Sachen zu kramen. Seine Kiste war angefüllt von Briefen und Liebeszeichen. Ein eigener Duft stieg aus den Papieren und Bändern auf, und ein starkes Gefühl überwältigte ihn. Er saß viele Abende vor der geöffneten Truhe, ohne etwas daraus anzurühren. Er sann alten Dingen nach, die ihm traumhaft erschienen, über die er sich nie so recht vergewissert hatte, und er kam mählich auch dahin, über sich selbst nachzudenken. Wohl hatte er ja seine Papiere, aber er hatte nie in ihnen gelesen. Er wußte, daß sein Vater tot war, und daß er der Sohn seiner Mutter war, und daß seine Mutter eine gute, liebe, ehrliche Frau gewesen war, die er über alles verehrte. Und nun lag da in Papieren und Liebeszeichen ein Stück Leben von ihr vor ihm – wie ein Buch, in dem man lesen kann, das man nur aufschlagen muß, um auch schon von ihm gefesselt zu sein. Mit ehrfürchtigen Augen mußte man Seiten und Zeilen lesen, an den Initialen sich erfreuen, von den Wendungen sich überraschen lassen, das Vergangene sich gegenwärtig machen und den Inhalt verehren. Es war auch Inhalt von ihm – und er wollte ihm Erinnerung geben. Süße und Weh, wie immer beides in vergangenen Dingen liegt, doch auch dieser Zauber des Verklärten, darin sich beide vereinigen und lösen. Eine andere Welt, in der jedoch alles lebt wie in der eigenen Welt. Matte Töne, die aber stark und frisch und kräftig werden im Widerklang der Seele, die sie zu vernehmen, zu pflegen, zu bewahren und zu ergänzen weiß. Darum behutsam sein. Sollte es am Ende zerstört werden, was da eingeschlossen lag wie Musik in Noten, sollte es zerstört werden, da er ihm nun das Instrument geben wollte, durch das die tote Sprache ihren lebendigen Geist erhalten sollte? War er am Ende ein Stümper für dies Instrument?

Er überlegte lange und kam nur schwer zu dem Entschluß, die Truhe auszukramen. Es sollte geschehen, wie man einen feinen Wein genießt – in kleinen Schlückchen – und mit allen Sinnen: mit den Augen – das Glas gegen den hellen Schein gehoben, daß der Wein in seinem Golde voll erglüht – mit den Händen in einer schönen und zurückhaltenden Bewegung, die das feine Kristall zu würdigen wissen – mit dem Gerüche, der den ersten Duft des Firnen kostet und seine edle Blume prüft – und mit der Zunge, die schon wissend ist, ehe der erste Tropfen ihre Spitze näßt. War er ein Trinker?

Ja, er hatte etwas in sich von der Kunst des Trinkers, von der alten, langvererbten Genießerkunst der Rheinhessen, von all ihren Weichlichkeiten der Hingabe und des Versunkenseins in das köstliche, was ihr Land hervorbringt. Es war ein Teil der Schönheit in ihm, die hier Worte hat wie Rhein und Wein, im ganzen Umfang ihres Gehaltes und der ganzen Lieblichkeit und Feinheit ihres Sinnes.

Er griff in die Truhe und nahm das goldbestickte Cerevis auf, das obenan lag. Das Gold des Zirkels war dunkel geworden. Der Zirkel und die Farben der »Starkenburger« in Gießen – und darunter das Band – und wie er das Cerevis nun drehte, fand er die Locke, die mit einer Nadel drangesteckt war. Eine dünne, schwarze Locke, die ihren Glanz behalten hatte. War sie von seinem Vater oder von seiner Mutter? Er konnte sich nur erinnern, daß er die Mutter grau gesehen. Vielleicht aber war sie schwarz gewesen in ihrer Jugend. Aber vielleicht war's auch eine Locke seines Vaters, vielleicht hatte er so weiches Haar gehabt. Und der Zusammenhang war so: Der Vater hatte der Mutter das Cerevis geschenkt, und sie hatte seine Locke darangesteckt, um immer den Eindruck vor Augen zu haben, wie sich in jungen und schönen Tagen die Farben von seinem Haupthaar abgehoben hatten.

Er suchte in seiner Kommode die vererbte Silhouette des Vaters hervor, die noch genau wie bei der Mutter in dem Biedermeierrähmchen war, hängte sie auf, mitten über der Kommode und gegenüber dem Spiegel, der sie gleich in sich aufnahm, am Ehrenplatz der Stube. Darunter hängte er das Cerevis und umschlang es samt dem Bilde mit dem Bande der »Starkenburger«, das noch merkwürdig frisch in seinen Farben war.

Und draußen ging die Zeit, und sie ging an seiner Stube vorbei, ohne einen Schein durch ihre Fenster zu werfen. –

Die Dorth hatte sich seit dem ersten Tage, der die Kriegsnachricht gebracht hatte, zusammengenommen. Es war ein Schlag für sie gewesen, und sie wurde die Angst nicht los, aber sie hielt sich aufgerichtet. Sie spürte, daß es sie nur schwächer machte, wenn sich der Gedanken nicht entschlug. Mit Bangen legte sie sich zu Bett, und mit Bangen begann sie den Tag, aber sie hatte sich nun einmal gesagt: was geschehen soll, das geschieht, da kann auch meine Angst nicht helfen! So galt's, sie zu überwinden.

Sie arbeitete. Sie war – es war nun auch viel zu tun eifrig in der Wirtschaft tätig. Jedesmal, so oft an einem Tisch Neuigkeiten erzählt oder vorgelesen wurden, war's ihr, es führen ihr die Ohren zu, und einen Augenblick lang verschloß sich ihr die ganze Welt. Es war ihr zum Versinken. Aber dann hörte sie nur um so aufmerksamer hin. Die genauen Schlachtberichte wurden verlesen. Die Zahl der Toten und Verwundeten. Jeder ergänzte mit seiner Phantasie. Der eine malte den Lärm, den die Kanonenschüsse bei Königgrätz verursacht haben mußten, der andere hielt sich mehr an das Stöhnen und Wehschreien der Verwundeten, andere räsonierten auf den Krieg, auf die Preußen und auf Bismarck, andere begeisterten sich für den Kronprinzen und seine Heerführung. Er war die Lichtgestalt, man begann schon, die Idealgestalt aus ihm zu machen, die er später bei uns wurde. Dann waren da die Prophezeier und Schwarzseher und waren die Republikaner, die Stellen aus Kullmanns Brief auswendig wußten und einzelne Nummern der »Neuen Frankfurter Zeitung« in der Tasche trugen – und waren da die alten Achtundvierziger, deren Preußenfeindlichkeit auch jetzt von der Feindschaft gegen die Pfaffen übertrumpft wurde. Die Dorth verschlang all das, was sie eigentlich gar nicht hören wollte, und atmete jedesmal heimlich auf, wenn die Kunde nicht ausgesprochen war, die sie fürchtete. Aber sie wurde stärker und stärker dabei – sie war so eingestellt auf eine Unglücksnachricht, daß es ihr bald war, es sei besser, die komme, als daß es immer mehr daure und sie auf die Folter gespannt bliebe. So machte es ihr auch nichts mehr aus, wenn der Äges kam. Sie bediente ihn wie jeden anderen Gast – und wenn's ans Bezahlen ging, zählte sie ihm stets einen Schoppen weniger – Warum, das wußte sie nicht – aber es war doch wie aus einem erleichterten Herzen. Die Blume Marie ließ sie sehr wenig in die Wirtschaft. Wollte der alte Goschel sie sprechen, mochte er's anderswo tun, hier wurde sie jedesmal zum Gespött, wenn sie vertraulich mit ihm plauderte. Das mochte die Dorth nicht. Man konnte über den alten Goschel uzen, so viel man wollte – aber nun die Marie sich entschlossen hatte, ihn zu heiraten, war das etwas, das nur die beiden anging und worüber die anderen nicht mit ihren losen Mäulern herzufallen hatten. Übrigens mochte der alte Goschel selbst fühlen, daß es für die Marie besser sei, wenn er nicht in der Wirtsstube bei ihr säße, denn er kam seltener.

Die Dorth unterhielt sich viel mit der Blume Marie, so daß sogar die Annelies Brabender öfter darüber knurrte. Aber der Dorth war's so ein Bedürfnis, dem armen Ding zu helfen. Wenn sie so zusammen plauderten, lachte auch die Dorth manchmal. Es war ein bißchen übertrieben und laut, aber die Annelies Brabender freute sich doch. Das war das einzige, worüber sie sich bei der Dorth in letzter Zeit freute, es war der Anfang dazu, daß sie wieder die alte wurde.

Die Blume Marie hatte nun jeden Tag ein paar freie Stunden, die ihr die Dorth gemacht hatte, damit sie an ihrer Aussteuer arbeiten konnte. Die Dorth hatte gesagt: »Wenn auch nit viel, aber ein bißchen Aussteuer mußt du mitbringen, das gehört dazu und gibt dir gleich ein ander Verhältnis. Du bist gleich ganz anders die Frau im Haus. Und mach dir so ein paar schöne Sachen, die man gelegentlich einmal zeigen kann und mit denen du auch auftrumpfen kannst, wann's nötig ist, daß du nit geduldet im Haus bist, Marie, hüt dich davor. Denn denk, er hat schon die großen Töchter – und da mußt du achtgeben, daß dir's nit zu schwer wird. Nicht beiseite schieben lassen, Marie!«

Die Annelies Brabender sagte zur Blume Marie:

»Beim ersten Laib Brot mußt du dir ihn ziehen. Gleich das Heft in die Hand nehmen. So einen alten Sünder – und das ist er doch, nit? – den kann man zahm und glehm kriegen, daß du ihn unter die Fuchtel nehmen tätst, daß er nit mehr o Gott zu sagen getrauen tät. Ist's notwendig, daß der nochmal heirat? Weiß Gott nit! Aber ich gönn dir's ja – und daß du so ein gemacht Nest find'st. Aber setz dich auch richtig hinein – verwirtschaft ihm nix, aber laß dir auch nix abgehen – und 's Regiment behalten. Sei nit dumm, Marie. Du mußt immer denken, daß ein Mann grad so ist, wie man sich ihn macht, 's liegt immer an den Weibern, wenn's anders ist. Schaff dir eine Geiß an – seine Töcher, die faulen Trutscheln, haben sie verkauft – da hast du dein Milch – und fütter dir dein Säuchen, da hast du Fett und Fleisch und brauchst dir nit den Kopf zu zerbrechen, was du auf den Tisch stellst. Immer bei der Hand sein – die Männer, die sind ja gar zu dumm.«

Sie gab der Marie auch ganz intime Ratschläge, so daß die rot wurde.

»Kindskopf!« schalt die Annelies Brabender dann – »ja, das ist ja das Unglück, daß die Mädchen heutigentags in die Ehe gehen wie die Kuh ins Schlachthaus!« – So war der Abend des dreizehnten Juli gekommen.

Die Dorth war vor Müdigkeit ein bißchen hinter der Einschenke eingenickt, als draußen der Hufschlag ertönte. Sie schrak empor. Da stand der Reiter schon in der Tür und kündete seine Nachricht. Unaufgefordert schenkte sie einen Schoppen ein. Ob sein Gaul was brauche? Er lehnte ab, er habe keine Zeit, er wolle noch ein Stück in die Pfalz hineinreiten, Sörgenloch, Hahnheim, Selzen, Köngernheim. Weiter kämen die Nachrichten wohl von Oppenheim und Alzey auf die Dörfer.

Einer fragte: »Sind unsere Chevau-legers auch dabei?«

»Alle Hessen!«

»Prost Mahlzeit!«

Die Dorth ruhte sich nicht. Sie war nicht mehr Herr ihrer Glieder – sonst, im Kopfe, war ihr ganz klar. Und so, wie das Bild einer Schlacht oft an den Wirtstischen entworfen worden war, so stand jetzt die Schlacht vor ihr. Sie sah die Reiterkolonnen einsprengen, sie sah bäumende Pferde und geschwungene Säbel – sie hielt den Atem an – und sie sah einen mitten drin – weiter konnte sie nicht sehen. Weiter wurde ihr nichts deutlich, war alles wirr und verknäult.

Ein Klugwisser äußerte die Meinung, wenn man auf den Ebersheimer Berg gehe, müßte man die Kanonen hören. Es wurde ihm die Entfernung klar gemacht, er sollt sich mal überlegen: Mainz – oder Oppenheim – dann hinüber nach Darmstadt, und von Darmstadt bis an den Main, weiter wie von Mainz nach Frankfurt, bis hinter den Odenwald hinaus nach Aschaffenburg und Laufach.

Die Dorth hörte das und bekam eine Vorstellung, wo etwa die Schlacht stattfinde – oder stattgefunden habe, denn da's Nacht war, war sie wohl jetzt schon vorbei.

Der Reiter hatte ausgetrunken und fragte nach dem Weg.

»Die Chaussee grad aus, ins Dorf hinein, das Dorf durch, bis wo's Kretzers Gartenmauer aufhört, dann links die Chaussee hinein und immer grad weiter«, wurde ihm Auskunft erteilt.

Was noch in der Wirtschaft geredet wurde, hörte die Dorth nicht. Es war ihr, als saß sie in der Judenschul – Stimmen, Durcheinander, Laute, Töne, Worte, Gelärm, aber nichts, was sie verstand.

Die Wirtschaft leerte sich. Die Gäste gingen nach dem Dorfe, teilweise, um gleich heimzugehen, teilweise, um Bekannten die Nachricht zu bringen oder in der Posthalterei zu fragen, ob schon Nachrichten da wären. Denn da man das eine wußte, hätte man gerne auch mehr gewußt. Aber es war ja unmöglich, daß in der Posthalterei schon etwas zu erfahren war, das konnte man sich an den fünf Fingern abzählen.

Die Dorth war allein. Sie räumte auf, löschte das Licht und ging hinaus. Im Hausgang hört sie ein Flüstern: der Goschel und die Marie. Sie stieg die Treppe hinauf. Sie lauschte nicht – aber es waren heißt Töne, die sie hörte, und es war beständig dies leise Schmatzen, das der Goschel an sich hatte und das ihr so widerlich war. Es machte ihr trotzdem heiß.

Sie schlich in ihre Stube. Der Vater schlief schon, und auch aus der Stube der Annelies, die ihrer gegenüberlag, drangen Schnarchtöne. Sie stellte sich ans Fenster und blickte hinaus in die Julinacht. Es war kaum ein wenig abgekühlt. Das Feld lag klar, und deutlich umrissen hoben sich die Häuser des Dorfes von dem hellen Himmel ab. Es war alles wie Silber und Blau – nur ein paar Wände waren kalkweiß. Kalkweiß war auch die Mauer des Kirchhofs, die sich von Friedensrichter Wagners Garten in einem scharfen Winkel ins Feld hineinzog, oben ein Zypressenbaum, wo sie begann, und unten auf der Ecke einer, wo die Mauer im Winkel nach hinten ansetzte.

Die Dorth starrte darauf. Von Kind an hatte sie dies Bild hier vom Fenster aus vor sich liegen gesehen, und es war immer gewesen, wie's heute war, es hatte sich nicht verändert, es war kein Haus da unten neu gebaut, keine Mauer neu aufgeführt worden. Nur das Heiligenhäuschen war hinter dem Kirchhof, nachdem man am Judenkirchhof vorbei war, neu errichtet worden. Aber das konnte man hier nicht sehen. So war das Bild immer das gleiche geblieben, bis auf die Häuser oben an der Chaussee, die immer mehr heraus zu ihnen, nach der »schönen Aussicht«, rückten. Die zählten nicht – da unten war etwas, das immer dagewesen war und ihr nun wie neu vorkam – wenigstens wie neu in dieser Deutlichkeit wie heute abend: die Kirchhofsmauer.

Da hörte sie einen Ton. Die Stiege knarrte. Und sie hörte ein Flüstern – ein Flüstern und ein leises Schmatzen. Sie hatte auf einmal so gespannte Ohren.

Eine Türe ging – ein Riegel wurde vorgeschoben – und dann gab's einen leisen Lärm.

Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und hielt sich mit den Daumen die Ohren zu. So warf sie sich aufs Bett und wühlte den Kopf in die Kissen, und ihr Atem ging heiß und schwer, bis ein Stöhnen sie erlöste.

Das mußte so arg gewesen sein, daß es die Annelies Brabender geweckt hatte, denn plötzlich klopfte es draußen an die Tür, und die Annelies fragte:

»Dorth, was hast du denn?«

Da kam sie zu sich – und sie dachte zu allererst an die Blume Marie.

»Nichts«, sagte sie – »leg dich nur wieder, Annelies, ich hab nur so arg geträumt, und ich dank dir auch schön, daß du mich aufgeweckt hast.«

»Na ja«, sagte die Annelies, »wer wird denn aber auch!«

Die Dorth hörte sie fortschlurfen bis zu ihrer Türe, dann wurde es still. Sie lauschte noch ein wenig – es blieb still.

Sie entkleidete sich und kroch ins Bett. Da lag sie wach und weinte mit trockenen Augen.

Es gab noch einmal ein Knarren auf der Stiege. Das schreckte sie nicht.

Der Tag stand schon am Himmel – da schlief sie ein, und ihr Schlaf war wie Blei, ermüdend und ungesund.

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