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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Schild »Zur schönen Aussicht« prangte neu in goldenen Buchstaben, und der Kranz, mit den zwei Dreiecken drin, war frisch gemalt, saftig grün mit roten Rosen – und das Weinglas mitten, das war so »natürlich«, daß man grad hätte meinen mögen, man könnt's nehmen und austrinken, obschon's nur von Holz und angemalt war.

Es ging schon gegen die Fastnacht, als die Dorth ab und zu wieder in die Wirtschaft kam. Es wollte dies Jahr keine rechte Fastnachtsstimmung aufkommen. Erst war ein Zug geplant gewesen, nachher war aber keine rechte Stimmung mehr für ihn vorhanden, obgleich sich der Wein im Keller immer besser machte und mit jedem Tage geradezu voller und feiner wurde. Er war kein Blender, der nur als Neuer gut war, er würde einen Firnen geben, wie's kaum noch einen gegeben hatte. Nein, es lag anderes in der Luft. Österreich und Preußen kampelten miteinander, und wenn man auch nichts Bestimmtes hörte und bald so, bald so gesagt wurde, es war doch unbehaglich. Die einen schimpften auf Bismarck und erklärten, es war noch zehnmal besser mit Rheinhessen, wenn es mit der Pfalz an Frankreich gekommen wäre oder gleich bei Frankreich geblieben wäre. Der Geldumsatz würde dann ein ganz anderer sein, und sie wollten überhaupt nichts wissen von der ganzen neuen Wirtschaft. Der einzige Trost war, daß der Großherzog Ludwig III. von den Preußen nichts wissen wollte, und daß man sich sagte, er halte fest zu den Österreichern.

In Mainz war's wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen. Nicht nur die Weiber, die vornehmen Damen wie die Dienstmädchen, gingen für die Österreicher durchs Feuer, das ganze alte Bürgertum, genau wie in der freien Reichsstadt Frankfurt, war auf der Seite der Österreicher. Zudem hörte Preußen nicht auf zu bohren. Seit dem Vierundsechziger Krieg hatte es noch keine richtige Ruhe gegeben. Der Norden oder der Süden in Deutschland? Die Waage des Geschickes begann schon zu schwanken noch nicht deutlich, noch nicht so stark, daß der Aufschlag wahrzunehmen war, aber immerhin genug, die Gemüter zu bewegen und zu beunruhigen. Und da so viel Politik in der Luft lag, wollte es mit der Fastnacht nichts werden – wenigstens hier im Dorf. Man war nicht gerade sorglich, nein, dafür war noch nicht genug geschehen – oder vielmehr, es war noch gar nichts geschehen – aber man war doch mit allerhand Gedanken beschäftigt und konnte sich nicht ganz zur Fastnachtslustigkeit frei machen.

Die Wirtshäuser hatten gerade keinen Schaden davon. Es wurde viel politisiert an den Wirtstischen. Der Wein lockte, die Gespräche lockten, Nachrichten und Erzählungen lockten.

Nun, und dann ging's in den März – da war der Winter herum, das Wasser auf den Wiesen zog ab, in den Wingerten war wieder die Arbeit tüchtig losgegangen. Und es kam für die Dorth, wie es ihr die Annelies vorgesagt hatte, das Frühjahr kurierte sie vollends aus. Da die Blume Marie im Hause war, konnte sie sich gut schonen, konnte viel spazieren gehen, die Stadecker Chaussee hinunter durch die Beilenallee, und dann links an der Selz hin bis zum Steg, denn gerade hier blühten die vielen Veilchen, und hier, zwischen den Hecken, konnte sie suchen und alles mögliche denken und ganz Bestimmtes hoffen.

Dachte sie an den Vetterlein?

Denkt die Wiese an den Mai, wenn sie sich im März schmückt, und denkt die Selz an den Rhein, wenn sie sich durch die Wiesen windet? Aber war's denn so bei ihr mit dem Vetterlein? Sie wußte es nicht. Sie wußte nur, daß es ihr leid tat, daß er nicht mehr gekommen war, wußte, daß sie sich jeden Nachmittag zu seiner früher gewohnten Stunde in der Wirtsstube zu schaffen machte, wußte, daß sie sich drauf stützte, daß er käme, und daß sie sich ausgedacht hatte, wie sie ihn begrüßen und ihm danken wollte.

Und immer war er nicht gekommen. Und immer wieder hatte sie gehofft.

Und hoffte sie nun wieder – jetzt beim Veilchensuchen? Er ging ja viel durch die Wiesen, er hatte ja auch früher hier seine Gänge gemacht, war's nicht möglich, daß der Zufall ihn hierher führte? Aber wenn das geschähe, – hatte sie nicht doch Angst davor? Sie würde ganz geniert sein, würde die Augen niederschlagen, würde sich schämen vor ihm. Vielleicht verachtete er sie. Sie war gewiß wild und unbeherrscht auf den Jörg-Adam zugestürzt – und der Schullehrer mußte ja auch gesehen haben, daß da was anderes im Spiele war. So komisch er ihr erst auch vorgekommen war: er war doch ein feiner Mensch, das hatte er gezeigt, so lange sie krank gelegen hatte. Wer hätt das noch getan im ganzen Dorf? Welcher von den Burschen? Keiner, auch der Jörg-Adam nicht! Und das war eben das Feine an ihm.

Allerdings – der Jörg-Adam. Sie durfte gar nicht an ihn denken. Da vergaß sie's, Veilchen zu pflücken – da blieb sie wie angewurzelt stehen und guckte leer ins Land. So waren sie voneinander gegangen – ohne Wort und Aussprach, ohne Abschied und Gruß, wie zwei wildfremde Menschen! Wenn sie auch kein richtiges und ausgemachtes Verhältnis miteinander gehabt hatten, gut freund waren sie doch immer gewesen, und auch mehr wie sonst zwei miteinander – da war's doch hart und bitter, so ein Voneinandergehen. Wenn er sich wirklich was antäte, wenn er wahr machte, was er angedroht hatte – und auf dem Weingut brauchte er nicht einmal erst ins Wirtshaus zu gehen – wenn er sich dem Suff ergeben würde! O, sie wußte es, sie hatte es viel wahrnehmen können, was das bedeutet, wie da der Mensch ruiniert wird und was das für eine Schand und für ein Elend ist. Wenn er das wirklich täte! Und die Tränen standen ihr in den Augen, und sie mußte heimgehen, denn das machte schwach. Und sie fürchtete sich jetzt vor der Schwäche. Nicht noch einmal zusammensinken, nicht wieder so schwach daliegen! Nein, das wollte sie nicht. Sie wollte kräftig und gesund sein. Das wollte sie – mit aller Gewalt.

Sie hatte etwas Zartes bekommen, die Dorth. Lag's in ihren Augen, waren ihre Wangen blässer, war ihre Gestalt schmäler? Wer wußte, was es war! Viele sagten, es sei noch die Krankenstube, die man ihr ansehe, andere aber sagten direkt: »Dorth, du bist wahrhaftig schöner geworden von deiner Krankheit – beinahe wie eine Stadtdam siehst du aus, so wie aus dem Puppenschränkchen.«

Sie hörte es nicht ungern. Sie wollte schön sein. Nur wenn man sagte, sie sei noch blaß, das ärgerte sie. Sie wollte gesund sein, rotwangig und frischfarbig, und nicht wie aus dem Blumentopf.

Der Vetterlein kam nicht. Die Dorth wurde richtig ungeduldig. Sie ging gar nicht mehr ins Wirtszimmer, ihn zu erwarten. Dagegen stand sie oft oben am Giebelfenster und sah nach dem Dorfe zu und überblickte das Feld, so weit es zu sehen war. Das Dorf lag wie frisch gewaschen da, im Felde bildeten sich grüne Streifen die Hügel hinauf – das waren die Raine und Reche an den Wegen – und die Sonne lag so wohlig milde auf allem. Und da war der Mühlweg – auf dem sie mit dem Jörg-Adam den Zank gehabt hatte. Quer herüber zog er nach der Stadecker Chaussee, und sie konnte ihn ganz übersehen. Er war nun wieder tief ausgefahren, wie immer im Frühjahr und im Herbst, denn er war nicht gesteint. Nun blinkten in der Sonne die Scherben, die in den Geleisen abgelagert werden durften, damit der Weg fester werden sollte. Es war wieder tüchtig viel Zeug hergefahren worden – in jedem Haus gab's ja ein bißchen was – und was nicht düngte, wohin sonst sollte man damit? Man fuhr's in den Mühlweg. Hier und da glitzerte Glas, dort lagen tiefrote oder grüne oder blaue oder blanke weiße Scherben von Küchentöpfen, alles bunt durcheinander mit Lappen und Papier, mit Blech und Büchsen und Holz, und je nachdem, wie gerade die Sonne darauf fiel, hob sich das Einzelne heraus und blitzte der Dorth in die Augen. Wenn sie nur den Weg gar nicht mit ihm gegangen wäre, dann hätten sie sich den Disput gespart, dann wäre alles nicht so gekommen, und vielleicht wär doch noch ein Verhältnis daraus geworden, wenn sie sich nur einmal richtig gekannt hätten – auch in ihren Fehlern und – richtig dann auch verstanden hätten und sich also vertragen gelernt hätten. Aber so – so war's zum Streit gekommen, bevor was Wichtiges zwischen ihnen gewesen war. Wären sie nur lieber nicht den vermaledeiten Weg gegangen!

Das stellte sich so in ihrem Kopfe ein, während sie oben am Giebelfenster Ausschau hielt, ob der Schullehrer nicht käme – und auf einmal biß sie sich auf die Unterlippe und wurde rot und lief wie gejagt durchs ganze Haus, ohne zu wissen, was sie anfangen sollte, und ohne sich entschließen zu können, etwas anzufangen. Den ganzen langen Tag.

Dann steht sie auf einmal wieder am Giebelfenster. Das ist jetzt ein Platz – hoch über der Straße, gerade gegenüber dem Dorfe, das sich ordentlich in die Ecke des Talkessels zu drücken scheint – zu beiden Seiten die Rebenhügel und drunten im Grund die Wiesen, durch die die Bellenallee hindurchschneidet. Nun steht die Sonne hinterm Kirchturm und sein Dach hat rote Streifen zu beiden Seiten – die Wolken, die in der Saulheimer Ecke aufziehen, sind auch ein wenig gerötet, nicht nur am Rande, sie haben überhaupt so einen Schimmer – und es sind noch nicht mal richtige weiße Frühlingswolken – und die paar Pfützen, die noch in den Wiesen stehen: nun sieht man sie. Den ganzen Tag über – vielleicht nur am frühen Morgen nicht – waren es blinde Spiegel gewesen, nun sind sie auf einmal blank und hell geworden. Das macht, es gleitet ein Schein über sie. Oder sind's Augen – die – die sich zum Himmel aufgeschlagen haben? Die Dorth sinnt nach, ob sie was bedeuten könnten, ob es was bedeuten könnte, daß sie sie jetzt so hell und blank und feierlich blinken sieht – und sie spricht vor sich hin – daran sie halten bleibt, das soll gelten: »etwas Gutes – etwas Schlimmes – etwas Gutes – etwas Schlimmes« – aber das könnt sie in alle Ewigkeit fortsetzen, sie würde nie halten bleiben. Also bedeuten sie nichts, nur daß sie schön sind – und daß es schön ist, hier alles, das Dorf und das Feld, die Wiesen und die Wingerte, so schön, wie sie's nie empfunden, obgleich sie's doch als Kind schon gerade so gesehen hat wie heute. Wenn das Stadecker Wäldchen nun noch etwas näher wäre, daß man's auf dem Neuberg sehen könnte! Oder wenn der Rhein da unten wäre, wo die Selz fließt. Aber die Selz ist doch auch schön, von der Eulenmühle bis zur Essenheimer Mühle, geschlängelt und lustig gewunden, zwischen den alten Weidenbäumen hin unter den drei, vier Brücken her, von der weißen Brücke bei der Eulenmühle bis zur grauen Brücke bei der Wiesenmühle.

Das alles ist schön so von hier oben zu sehen – das Stück Himmel, das zwischen den Bäumen hindurchguckt, die Wolke, die auf dem Berg zu lagern scheint und sich dann langsam weiterwälzt, das Stück Weg, das hinterm Gebüsch wieder heraustritt, und da ein Teil und dort ein Teil – und ringsum alles, so weit die Augen gehn, das alles hat sie lieb!

Aber der Vetterlein kam nicht. Ein paar Wagen rollten die Straße hin, ein paar das Dorf hinein, ein paar vom Dorf heraus – drei Handwerksburschen, die vor der »schönen Aussicht« stehen blieben, das Schild lasen, dann zum Wegweiser hingingen und lasen: »Nach Mainz zwei Stunden« – und nach der entgegengesetzten Seite: »Nach Paris« rotgeschrieben – und darunter, in schwarzen Buchstaben: »nach Wörrstadt zwei Stunden«. Da waren sie hergekommen. Nun den Querarm: »nach Bingen« rotgeschrieben – und dahinter: »nach Stadecken eine Stunde«. Sie bogen die Stadecker Chaussee ein, nachdem sie sich kurz beratschlagt hatten. Die Dorth lehnte sich ein wenig zum Fenster heraus und sah ihnen nach. Nun hatte der Kirchturm schon keine roten Streifen mehr, und die blanken Augen der Wasserpfützen in den Wiesen waren dunkel. In den Bauernhäusern begann man schon das Getränk für das Vieh zu machen, denn die großen Schornsteine begannen stark zu rauchen. Beim Bäcker Frisch aber qualmte es mächtig heraus. Er heizte seinen Ofen für die Nacht.

Aber der Vetterlein kam nicht.

Die Dorth dachte darüber nach, was die Leute in der Wirtschaft jetzt immer sagten: vom »Eisen- und Blutmenschen«, und daß die Preußen Frankfurt am liebsten nehmen wollten, und daß schließlich ganz Hessen-Darmstadt preußisch werden sollte, bis schließlich alles preußisch wäre. Jemand hatte einmal gesagt: und da gäb's noch Leute, die dem Bismarck auf der Seite wären, die wollten, daß das ganze Hessenländchen den Preußen in die Klauen käm. Ach, sie verstand davon nichts – aber es war so eine Unruhe in der Welt, so ein Hin und Her, ein Widersprechen und Besserwissen, und nur darin waren sich alle einig, daß es nicht gut ausgehen könnt, daß es was geben müßt, so oder so.

Nun kam der Vetterlein bestimmt nicht mehr. Die Sonne war untergegangen, und die Luft war kühl geworden. Sie schloß das Fenster und ging hinunter in die Stube. Sie streckte sich in den Backensessel und dachte gar nichts. Oder was sie dachte – immer wenn es Abend wurde und die Dunkelheit aufs Land fiel: wenn der Jörg-Adam nur nicht an den »Suff« geraten war! –

Der Vetterlein konnte seine Scheu nicht überwinden – und das Gefühl des Unrechts, obschon er sich klar sagte, daß er nichts Übles getan hatte. Was so plötzlich und stark in der Dorth ausgebrochen war, es war doch im Grunde etwas so Zartes und Feines und Verschwiegenes – ihr stilles, tiefes Mädchengefühl für den Herrn Verwalter – und er war's gewesen, der sie gewissermaßen gepreßt und vergewaltigt hatte, so daß es in einer förmlichen Wildheit zum Ausbruch kam. Nun wollte er sich fern halten, wollte nicht mehr an das rühren, was unter seiner Hand zerbrechen mußte, wozu er zu ungeschickt, zu unerfahren war. Konnte das ein Mann je wissen, was in so einer Mädchenseele vorging! War ein Mann je fein und zart genug, die ersten Keime der Liebesregung in einem Mädchenherzen zu behüten? Nein, nie – das sagte sich der Vetterlein mit Überzeugung. Der Mann denkt nur an sich, er ist ein grober, plumper Egoist.

»Ich hätte erkennen müssen, daß sie mir gut war – aber ich hätte nicht zu viel gleich fordern dürfen – ach, ich hab in meinen Gedanken ihre ganze Liebe, ihre Frische, ihre Jugend, ihre Schönheit gefordert! – – und ich hätte merken müssen, daß ihr der andere lieber war. Und wenn ich's wirklich gut mit ihr gemeint hätte – und nicht nur so an mich gedacht hätte – dann hätte ich ihr geholfen, wär ich ihr wahrhaft ein Freund gewesen. Aber ich habe nicht an sie, ich habe nur an mich gedacht. Was ist aber das Schönste, das man zu einem Menschen fühlen kann? Ist das die Liebe? Gott ja, am Ende ist's doch die Liebe. Aber es ist so etwas in mir – und es wird mir weich ums Herz dabei – das sagt mir: es ist doch nicht die Liebe – es ist die Freundschaft!«

Der Vetterlein fand sich in sich selbst nicht mehr aus. Das war zu schwer und verwirrt für seine biedere Einfalt und Unberührtheit und seine zage Schulmeisterlichkeit. Er hatte keine Erfahrung von sich. Er war Schullehrer geworden, wie alle Schullehrer werden: mit Gehorchen und Gehorsam, mit Folgsamkeit und Unterdrückung alles Eigenen. Nun stand er fremd sich selbst gegenüber – und es klangen ihm Worte und Sätze aus seinen Büchern und von seinen Lehrern auf, die er für unumstößliche Grundsätze eigenen Wachstums hielt – und die Welt war ihm feindlich, er stieß sich an allen Ecken und Enden an ihr – das Böse war das Prinzip in der Welt und nicht das Gute, das man ihn gelehrt hatte, und das Gute, das er nur wollte.

Der Frühling brachte ein wenig Gartenarbeit. Aber er hatte keinen starken Rücken – und er mußte sich zu tief bücken bei seiner Länge, so daß er sich immer mit Schmerzen erhob, wenn er etwas auf den Beeten hantiert oder gar gegraben hatte, und immer des Abends ganz steif war von der Gartenarbeit, die doch von allen Kollegen so gepriesen wurde, daß sie für den geistig arbeitenden Menschen wie eine Kur sei und die beste Erholung. Er konnte es nicht begreifen, bei ihm traf das nicht zu. Er war doch nicht von so einer feinen Herkunft. Seine Mutter war eine Näherin gewesen und hatte Tag und Nacht gearbeitet, so eifrig, daß sie zuletzt fast keinen Schlaf mehr brauchte – und sein Vater – seinen Vater hatte er nicht gekannt. Er sei früh gestorben, hatte ihm immer die Mutter gesagt – aber in einem runden Rahmen hatte seine Silhouette gehangen, wie er als Student ausgesehen hatte, das Cerevis über der Stirne – und breite Schultern, so daß man schließen mußte, er sei ein großer und kräftiger Mann gewesen. Daher müßte er eigentlich Kraft haben, von Vaters Seite – freilich, die Mutter, trotzdem sie so viel arbeitete und mit ihren feinen Fingern verdiente, was das Seminar gekostet hatte, trotz der Stipendien, die er genossen, sie war doch ein feines Frauchen gewesen, ein zartes, zerbrechliches, zierliches Figürchen, gar nett in ihrem Reifrock und ihrer dünnen Taille und ihrer schönen welligen Frisur; aber am allerschönsten, wenn sie das gefranzte Tuch umwarf, über den Kopf und die Schultern, daß die Schneppe sich so hübsch über den gebauschten Rock hinten schmiegte, genau in der Mitte, und wenn sie dann mit ihren kleinen Schrittchen zur Kundschaft ging. Die gute Mutter – wenn er sie jetzt bei sich haben könnte! Aber sie hatte gerade nur noch erleben dürfen, daß er sein Examen gemacht hatte – sie hatte ihm vor der öffentlichen Prüfung in Bensheim, auf der er die Abschiedsrede gehalten hatte: »Über die Bedeutung von Pestalozzis Schrift: ›Wie Gertrud ihre Kinder lehrt‹ für die heutige Pädagogik« – sie hatte ihm auf dem Gange noch die schwarze Binde unter dem leinenen Hemdkragen zurechtgezupft, und die Binde und das Leinenhemd mit dem schönen Überschlagkragen, sie selbst hatte sie für ihn genäht. Dann hatte sie sterben müssen – ganz still in einer Mainacht, als der Kanarienvogel nicht hatte schlafen wollen und fortwährend gesungen hatte, weil der Mondschein so hell in dem Fenster lag, an dem sein Käfig stand. Nun jährte sich die Zeit bald wieder. Aber nun mußte er mehr noch als an die Mutter an die Dorth denken. Das war nicht recht.

Die Bücher ließ er aufgeschlagen auf dem Tische liegen – es war keine Befriedigung, keine rechte Ruhe mehr in ihnen zu holen – die Pfeife ließ er kalt in der Ecke stehen – und auf den Beeten im Schulgarten wucherte die Weide und der Stechapfel und der Nachtschatten – und er ließ wuchern, was wuchern wollte. Würde der Kirschbaum Kirschen tragen, mochten die Spatzen und Stare dran naschen, und die Schulkinder mochten sie pflücken. Er durfte ja der Dorth doch nicht ein Körbchen voll schicken, ohne sie zu beleidigen.

Im Efeu hinten an der alten Schloßmauer bauten die Hänflinge, und das Schwarzamselpaar flickte sein Nest aus. Und morgens um sieben mußte er läuten für den Schulanfang, um elf schloß er die Schule, um eins läutete er wieder, und um drei war dann die Arbeit getan. So jeden Tag – nur am Mittwoch und Samstag waren die Nachmittage frei, und am Sonntag um neun oder zehn, je nachdem es der Herr Pfarrer bestimmte, war das Hochamt. Er spielte die Orgel, und je nachdem, ob Predigt war oder nicht, war's um einhalbelf oder um elf aus, und um zwei spielte er die Vesper, die um drei Uhr aus war.

Nach der Vesper ging er jetzt ins »goldne Lamm«. Da traf er den Tierarzt Kullmann und den Jean Döffchen, der die neue Erfindung für die Pumpen gemacht hatte und die ganze Gegend mit Pumpen versorgte. Der Tierarzt Kullmann hielt die »Neue Frankfurter Zeitung« und sprach nur über Politik – der Döffchen kannte alle Mädchen im ganzen Umkreis, die heiratsfähig waren, und erzählte nur Liebesgeschichten. Zu ihnen setzte sich der Vetterlein. Was sollte er anders tun! Die Politik interessierte ihn nicht, und die Liebesgeschichten vom Döffchen waren ewig die gleichen, aber es war doch eine Ablenkung, und er hatte ein paar Stunden, in denen er nicht an die Dorth dachte. Dann kam's auch so weit, daß ihn der Döffchen einlud, mit ihm über Land zu fahren – wenn er seine Pumpen stellte oder nachsah, was zu reparieren war oder gar auch nur zum Vergnügen ein bißchen herumkutschierte und in den Wirtshäusern etwas verzehrte, wie er das als Geschäftsmann mußte – und daß der Vetterlein auch mitfuhr und so unter Menschen kam und all die Mädchen kennen lernte, zu denen der Döffchen eine halbe Verliebtheit fühlte, sich aber für keine fest entschließen konnte, weil er immer noch auf eine bessere Partie rechnete. So war er ein wenig gefürchtet in der jungen Mädchenwelt, ein wenig begehrt und ein wenig zum Spott. Er machte allen den Hof, dienerte, streichelte, schmeichelte, komplimentierte, lobte, bewunderte und wußte für jede eine Anekdote, die sie zuerst lachend anhörte, bis sie den versteckten Sinn bemerkte und rot wurde, worauf der Döffchen hinten in der Kehle einen Lacher rollte, der hoch in der Kopfstimme endigte und unendlich komisch war. Von seinen Scherzen und »Sprenkeln«, die er machte, nannte man ihn den »Sprenkelmajor«. Fast alle Mädchen fühlten sich begehrt von ihm – und da er nirgends zugriff, fühlten sich fast alle genasführt, bis auf ein paar wenige, die ihr eigenes Begehren weniger gezeigt und ihm weniger entgegenkommend gewesen waren, so daß man nicht wissen konnte, wie sie's hielten – und daß ihr heimliches Hoffen ein noch viel festeres und begründeteres war als das der leichteren Vögel. Der Vetterlein, den alle zuerst mit einem deutlich oder schämisch unterdrückten Lachen ansahen, ließ seine verträumten Augen um und um gehen. Jede verglich er mit der Dorth. Und da ihm die Dorth auf ewig unerreichbar erschien, kein Mensch etwas von seinem Fühlen wußte und ihm also auch niemand einen Rat oder eine Aufklärung geben konnte, so geschah's bald, daß er in den anderen Mädchen, unkritisch, wie er von Natur aus war, vieles wiederfand, was er nur der Dorth zu eigen gewähnt hatte, und daß er im Herzen von Fall zu Fall immer ein besonderes Rühren verspürte, das ihm immer wie ein neues Verliebtsein vorkam. Vor jeder floh er innerlich – und zu jeder zog es ihn hin. Der Döffchen hatte Routine – und er hielt die Hand über ihn.

»Nicht zu rasch, lieber Freund, nicht gleich mit vollen Armen. Zart sein, ja – aber nicht zärtlich. Zärtlich, wissen Sie, das ist, wenn man den Faden loslöst. In der Liebe ist es so: man muß nie den Faden loslassen. Tut man's, so ist man gefangen. Die Weiber sind alle gefährlich. Sie müssen bei jeder denken, da steht wieder eine Falle aus. Aber man darf nur das naschen, was man haben kann, ohne daß die Falle zufällt. Wenn ich nicht wäre, Sie säßen nicht schon einmal, Sie säßen schon siebenmal drin. Immer außen herum – davon hat man das Vergnügen, aber keine Verantwortung.« Für den Vetterlein waren das alles nur Worte, die er gar nicht tiefer erfaßte.

Es gab fast jede Woche eine Gelegenheit, daß der Vetterlein mit dem Döffchen über Land karriolte. Und der Vetterlein wurde ein Don Juan. Er verliebte sich permanent. War's, um die Dorth zu vergessen? Er war ein Mensch der Gewissensbisse. Jedes warme Wort wog er zu Hause auf der Goldwaage, Blicke, die er gegeben, Blicke, die er empfangen hatte, er wägte und richtete. Er richtete über sich als einen Menschen voller Falschheit, Genußsucht und Sünde. Es kam ihm bald vor, daß er Küsse auf dem Gewissen hätte, Küsse und Händedrücke – und es war furchtbar in seinen Nächten. Der Döffchen war ein Verführer. Aber warum war er willig und schwach? Warum widerstand er nicht? War's, um die Dorth zu vergessen – oder war's, weil er in allen die Dorth nur liebte? Und immer mehr liebte – und weil sie ihm aus jeder Verliebtheit, die er überwunden hatte, größer in der Liebe zur ihr entgegengetreten war?

Er war zum Gespött geworden – der »Don Juan« hieß er und der »Don Juan und der Sprenkelmajor«, das war in allen Gesprächen in einem Atemzug. Kollegen warnten ihn, den Verkehr mit dem Döffchen aufzugeben. Er war allen Vorstellungen taub. Im Grunde verstand er sie ja nicht. Wenn er sich's auch vornahm, er führte seinen Vorsatz nie aus. Es gelang ihm nicht. Er war immer auf der Flucht vor sich selbst.

Und dabei, ganz richtig genommen, hatte er gar nichts Übles getan. Blicke, Erröten und Ungeschicklichkeit, Verlegenheit und Stammeln und Stottern, das waren die einzigen Ausdrucksmittel seiner heimlichen Verliebtheiten gewesen – nicht einmal Worte, nicht einmal ein Wörtchen hatte er für sie gefunden. Nie hätte er eins zu finden gewagt. Dennoch galt er vor den Leuten als »Don Juan«. Denn er galt's vor sich selbst. Er war nur das vor den Leuten geworden, was er sich vor sich selbst fühlte, wie immer der Mensch vor den Leuten wird, was er selbst von sich hält.

So verging Ostern und verging der April und war der Mai im Land – und alle Blumen fingen an zu blühen, und alle Vögel sangen. Die Eisheiligen zeigten sich nicht gnädig – aber man sagte, es sei an den Wingerten gut abgegangen, und die »Gescheine« hätten nicht gelitten, aber die Kinder hatten den blauen Husten, und die großen Leute brauchten die Sacktücher nicht aus der Hand zu nehmen, so liefen die Nasen. Dann machte aber nach und nach der Mai wieder alles gut.

Da saß einmal der Äges in der »schönen Aussicht« und tat dasselbe, was der Vetterlein immer getan hatte: er zeichnete Figuren aus den Weinringen, die sein Schoppenglas auf der Tischplatte gelassen hatte. Er saß lange so. Es war das erste Mal wieder, daß er in der »schönen Aussicht« war. Seinen Dom hatte er längst wieder repariert, und er war nun ausgespielt: der Konrad Müller hatte ihn gewonnen und in seiner Gartenwirtschaft aufgestellt. Das war nun vorbei. Erst zu Weihnacht würde er wieder was bosseln, ein Krippchen. Vorläufig hatte er Geld – und konnte Gott einen guten Mann sein lassen. Die Dorth trat hinter die Einschenke.

Der Äges schielte einmal zu ihr hin. Dann zeichnete er weiter. Und nach einer Weile pfiff er ein wenig und trat den Takt dazu. Die Dorth sah nicht zu ihm hin. Da schielte er wieder zu ihr und machte ein spitzbübisches Gesicht.

»Dorth, soll ich dir was sagen?«

»Nein – will nichts wissen.«

»Könntst's bereuen!«

»Nein!«

Er pfiff wieder.

»Dorth, 's ist was, was dich angeht.«

»Laßt mir mein Ruh, Äges!«

»'s ist was.«

Die Dorth kreuzte die Arme und sah von ihm weg.

»Geb mer noch en Schoppe, Dorthche!«

Sie bediente ihn, ohne ihn nur eines Blickes zu würdigen.

»Dorthche, mir kann's egal sein – aber dir kann's net egal sein.«

Die Dorth wurde ungeduldig.

»Odder weißt du's schun?«

»Was?«

An seinen Augen gab's tausend Fältchen. Er bückte den Kopf ein wenig über sein Glas, dann schob er von unten seine Rechte an seinen Mund, küßte seine Fingerspitzen und schnellte die gespreizte Hand gegen die Dorth hin.

»Dorthchen, was krieg ich, wann ich dir's sag?«

»Nichts!«

»Umsunst is der Tod.«

»Was wollt Ihr denn?«

»Na – weil du's bist – für en Schoppe.«

»Pah! – Zwei, wenn Ihr sie haben wollt!«

»Na – siehst du! Gelt, mit dem Schullehrer, das weißt du? Wirst's wisse, die Spatze peife's uff'm Dach. Der kutscht und rutscht mit dem Sprenkelmajor in der ganze Gegend herum – spielt Dachkater.«

Die Dorth hielt den Atem ein. Sie spürte, daß ihr die Augen groß wurden; sie zwängte die Lider herunter und preßte die gekreuzten Arme fester gegen ihre Brust.

»Und?« fragte sie gespannt, aber mit einer scheinbaren Gleichgültigkeit um den Mund.

»Und?« ahmte der Äges nach. – »Nix! Hehehehehehehe! Nix – wann ich dir sag: Dachkater, willste dann noch was?«

»Simpel!« fauchte die Dorth.

»Gelt? Ja, er is en Simpel, ich wollt's nur net selbst sage.«

Die Dorth drehte sich von ihm weg.

»Dorthche! – Aber noch ebbes!« und dabei war er zur Einschenke hingeschlichen und flüsterte nun dicht an ihrem Ohr: »Dorthche – und der Jörg-Adam säuft.«

Er saß schon wieder auf seinem Platz.

»Säuft!« sagte er vor sich hin.

Die Dorth beherrschte sich. Sie drehte sich ganz langsam nach ihm um.

»Was?« fragte sie mit einem tiefen, hohlen Ton.

Der Äges nickte nur.

Sie sah ihn scharf an.

»Ihr lügt!«

»Ich lüg?«

»Ja.«

»Uff Ehr!« versicherte er.

Sie blickte ins Leere.

»Was geht das mich an«, sagte sie ruhig aber schwer, und gleich darnach, ganz leicht und obenhin: »Was das mich angeht!«

Der Äges blieb still. Nach einer Weile sagte die Dorth:

»Äges, Ihr könnt heut trinken so viel Ihr wollt.«

Dann schlüpfte sie hinaus. Er pfiff durch die Zähne und trat den Takt dazu. Sein ganzes Gesicht war ein Grinsen.

Stechhagelvoll wurde er an dem Abend.

 

Der alte Rosenzweig hatte die beiden Futterkrippen, die zwei Mainzer Karcher fast mitten auf der Straße hatten stehen lassen, wieder hübsch gerade und ordentlich zu beiden Seiten seiner Haustür gerückt. Es war immer so mit den Karchern, und keiner machte es anders: wenn sie anfuhren, holten sie die Krippen zu ihren Pferden herüber und schimpften womöglich schon drüber, daß die sie geringe Mühe hatten; wenn sie abfuhren, ließen sie sie stehen, wo sie standen, nur ein bißchen auf die Seite gerückt, damit sie vorbeifahren konnten. Und obgleich der alte Rosenzweig das seit Jahren so gewohnt war, machte er's doch gerad wie die Karcher auch: er schimpfte regelmäßig, wenn er die Krippen herüber ans Haus rücken mußte, und verhieß sich, daß das heute zum letzten Mal wäre und daß er in Zukunft die Krippen stehen lasse, wo sie die Kerle stehen ließen. Aber dafür war man Wirt, daß man sich seinen Gästen gegenüber nicht so genau ans Wort hielt und doch immer wieder tat, was man sich schon tausendmal verschworen hatte, nicht mehr zu tun.

»Kränkskerl, dieses Karcherviehzeug!«

Dann nahm er den Reiserbesen und kehrte den Hafer auseinander, den die Pferde beim Futtern zerstreut hatten und stellte den Besen wieder neben die Haustür. Es war wahrhaftig nicht leicht, Wirt zu sein – und die Menschen waren wie das Vieh: ohne Ordnung.

Die Spatzen, die er verscheucht hatte, flogen nun wieder herbei, ließen sich die Haferkörner schmecken und pickten im Pferdemist – und langsam schlüpfte ein Huhn nach dem andern unter dem Hoftor heraus und ließ sich's auch gut schmecken.

Am Kratzeisen putzte sich der Alte die Schuhe ab, dann ging er durch die Wirtsstube und warf die Augen herum, ob nichts fehle, schenkte sich ein Gläschen ein er trank nur Firnen – und kaute eine Brotkruste dazu. Dann ging er in die Nebenstube. Da saß die Dorth im Backensessel.

Den Alten drückte schon die ganze Zeit sein Plänchen, umsomehr, als es ihm nie möglich gewesen war, bei der Dorth davon anzufangen. Er betrachtete sie verstohlen von der Seite. Sie gefiel ihm nicht. Es war nichts Rechtes mehr mit ihr seit ihrem Kranksein. Und in letzter Zeit ließ sie erst recht wieder den Kopf hängen. Wenn er zu der Annelies Brabender was gesagt hatte, so hatte die ihn immer angeschnauzt und gesagt:

»Laßt das Mädchen in Ruh und kümmert Euch nit, Rosenzweig, das kommt all von selbst – das Frühjahr ist besser als Euer Gered, und 's ist bei allen Menschen so: man ist rascher krank, als man wieder gesund ist.«

Nun ja, das Frühjahr hatte ja auch ein bißchen was geholfen, und die Annelies hatte ja auch recht, daß das Gesundwerden nicht so rasch geht, besonders bei einer Krankheit, von der kein Mensch so recht weiß, was es für eine ist. Aber ganz werden wollte es doch mit der Dorth nicht, und am Ende mußte er doch reden.

Er warf wieder einen streifenden Blick zu ihr hin. Sie rührte sich nicht.

Ihre Mutter war doch gesund gewesen – und wenn er beim zweiten Kindbett den Doktor Engau geholt hätt, statt sich auf die Hebamm zu verlassen, könnt sie heut noch leben. Nun hatte aber die Dorth so was wie die Mutter in der letzten Zeit: man sah auch so auf den Wangen die feinen roten Äderchen obenaufliegen – und die Ohren waren so blaß und durchsichtig. Der alte Rosenzweig verstand sich aufs Vieh und sah ihm immer gleich das Kranksein an – und nun gefiel ihm auch die Dorth nicht.

In Wiesbaden hatte er eine Schwester wohnen – die hatte da auch eine Wirtschaft – ob's am Ende gut war, wenn die Dorth auf eine Zeitlang nach Wiesbaden ginge und die Kur da gebrauchte?

Er wollte nun doch einmal reden.

»Du simmelierst zu viel, Dorth – das ist nit gut, besonders wann eins krank war.«

»Meint Ihr?«

»Ja, ich mein. Du gefällst mir nit. Wie wär's, Dorth, du gingst zu deiner Tant nach Wiesbaden und tätst die Kur brauchen? Am End tät dir das helfen.«

»Wer hat Euch denn das geraten?«

»Niemand, ich selbst. Ich mein, batt's nix, so schadt's nix. Und es kann ja nit so weiter gehen mit dir – es fehlt dir nix, und du bist doch krank – das ist meiner Seel kein Zustand.«

Die Dorth schwieg. Sie überlegte. Sollte sie ja sagen? Es war schon etwas in seinem Vorschlag, das sie lockte. Hier weg, auf eine Zeitlang unter ganz andere Menschen – an der Kur lag ihr nicht viel, und sie gab auch nicht viel drauf – aber Wiesbaden war jetzt schön, und es könnt ihr schon gefallen, hinzugehen. Doch da war etwas, das sie festhielt. Sie konnte doch nicht hier weg.

»Jetzt, wo mit den Preußen der Kram ist!« sagte sie und wußte eigentlich gar nicht recht, was sie sagte.

»O mein! Was geht das dich an! Deshalb geht die Welt doch weiter. Und meinst du wirklich, 's tat losgehen? Ich halt das all für Gekrisch! Preußisch werden, das tun wir doch nit, und wann noch sieben Bismarck kommen täten.«

Die Dorth sagte nichts dazu. Preußen war ihr ganz egal – und Bismarck der Name eines Fürchtemannes – sie hatte gar keine Lust, näher darauf einzugehen, und hatte ihre Bemerkung nur so hingeworfen, um dem Vater auszuweichen.

Aber der Alte kam nun in sein Plänchen.

»Du willst nit nach Wiesbaden gehn?«

»Nein«, sagte die Dorth kurz abknappend.

»Du, Dorth, weißt du was – und das tat dich kurieren – ich hab dir ja gesagt, du simmelierst zu viel – wann du – –«

Die Dorth war ungeduldig geworden.

»Na, was denn?«

»Wann du heiraten tätst!«

Nun war sie verdattert. Sie schloß einen Augenblick die Augen und sank in sich zusammen. Was würde er noch weiter sagen? Würde er den Jörg-Adam meinen oder den Schullehrer nennen?

Sie wartete, sie gab keinen Laut von sich – und einen Augenblick war es ihr, es müßte etwas ganz Furchtbares über sie hereinbrechen. Dann fand sie die Angst aber einfältig. Mochte es kommen. Es fiel ihr ein, wie die Leute sagen: »Hannes, duck dich, er worft!« Sie duckte sich.

»Und ich wüßt dir auch die richtig Partie – und du kannst mir's glauben, Dorth, wenn ich nit denken tat, daß es die richtig Partie für dich war, tat ich dir's gar nit vorschlagen. Du mußt bedenken, Dorth, es kann doch mit dem Kranksein nit so weiter gehn, 's muß alles mal en End nehmen – und das ist gewiß, eine Heirat war die best Arznei – 's wird bei jedem Menschen mal Zeit dafür – 's ist auch bei dir die Zeit dafür gekommen. Denn dein Kranksein – nit Doktor und Apotheker und auch die Annelies nit – kein Mensch weiß, was dir fehlt.«

Er machte sich etwas an der alten Kommode zu schaffen, die hinten an der Wand ganz im Dunkeln stand. Er kramte in einer Schublade und war von der Dorth abgekehrt. Die hob den Kopf ein wenig und drehte ihn zu ihm hin. Als sie sah, daß er ihr den Rücken wendete, sank sie wieder tiefer in den Backensessel und blieb weiter still. Sie hatte nicht den Mut, etwas zu erwidern oder zu fragen. Dem Alten war es auch ungemütlich, daß die Dorth gar nichts einwarf und daß er so gewissermaßen ganz allein die Sauce austunken mußte, die er sich eingebrockt hatte.

»Hast du denn selbst noch nit so weit gedacht?« fragte er.

Schon schwebte es der Dorth auf der Zunge, nein zu sagen, aber da hielt sie's zurück und schwieg.

»Ich habe gedacht, wenn du den Jean Steinert nehmen wolltst, er ist ein richtiger Kerl, nit mehr so ein junger Springer, ein bißchen in den dreißig, versteht sein Landwirtschaft und ist einer von den besten Jägern in ganz Rheinhessen. Daß er noch mal Bürgermeister wird, so gewiß ist das, wie Amen im Buch steht.«

Die Dorth war wie erlöst. Daß der Vater den Steinert im Auge hatte, das war ihr weiter nichts Schlimmes. Was ging sie der Steinert an. Der hatte schon überall freien wollen, und ein paar Mal war's schon so weit gewesen, daß es hätt zum Versprechen kommen sollen, aber da hatt's immer an der Mitgift gehabert. Der mochte sich eine backen lassen. Und der war ihr auch ein viel zu eingebildeter Aff. Der tat jetzt schon, als war er der Bürgermeister, und wenn er in die Wirtsstube gekommen war, hatte er sie von oben herab behandelt, als war sie nur die Dienstmagd im Hause. Den!

»Was du mitkriegst, brauch ich dir nit extra vorzurechnen – du wirst's wissen, daß es nit zu wenig ist. Dein mütterlich Anteil kriegst du bar mit – außer den Wingert und den Äckern – und wenn's sein muß, so soll's an mir nit fehlen.«

Aha, dachte die Dorth, er kennt den Steinert.

»Hat er bei Euch um mich angehalten?«

»Das nit, aber ich hab gedacht, du könntst kein schlecht Aussicht bei ihm haben und er kein schlecht Aussicht bei dir.«

Die Dorth hatte sich aus ihrem Sessel erhoben und war hin zur Kommode getreten:

»Vater«, sagte sie, »gebt Euch kein Müh – ich will den Steinert nit. Ich will ihn nit. Und zudem – laßt ihn erst mal selbst kommen. Bis dahin hat die Sach noch gute Weg. Ihr braucht ihn nit herbeizuzackern. Und kommt er dann selbst, dann wird man ja sehen. Ich werd auch gesund werden ohne den Steinert zu heiraten – und ich weiß nit, ob ich nit erst recht krank werden tät, wann ich ihn heiraten tät.«

Der Alte hatte Widerstand erwartet, er hatte gedacht, er müßte vielleicht ein wenig überreden, denn die Dorth hatte ihren Kopf – gestohlen hatte sie den nicht – aber auf das und auf die Art war er nicht gefaßt. Er war aus dem Konzept gebracht, er wußte nicht, was entgegnen, und er wußte auch nicht, wie er sich jetzt anstellen sollte. War das so, daß man schimpfen mußte, oder war's zum Gute-Worte-geben?

Er knurrte erst etwas Unverständliches.

Dann sagte er:

»Meinst, er müßt erst selbst zu dir kommen? Das tut er aber am End nit, da kannst du lang warten.«

»Dann soll er's bleiben lassen! Was der ist, bin ich auch. Und wann er käm, meint Ihr, ich tät gleich so mir nichts dir nichts ja sagen? Ich tät mich nit nur besinnen, ich tät nein sagen. Ich will ihn nit. Ich werd mich fein bedanken, den Lückenbüßer zu machen, denn wann er auch sagt, er hat's immer gewollt, daß es zu nichts geworden ist bei seinen Freiereien, so könnt Ihr das glauben. Ich glaub's nit – er hat einfach den Laufpaß kriegt, weil er mit Rechnen nit fertig geworden ist. Merci! Ich will ihn nit! Merci!«

Das war nun so bestimmt und scharf, daß der Alte alle Worte verlor, die er möglicherweise noch hätte sagen können. Nun war er ganz verdutzt. Er kramte nicht mehr, er ging langsam zur Türe, den Rücken noch ein wenig eingebogen vom Bücken. Die Dorth saß wieder im Sessel.

»Du wärst vielleicht noch froh und tätst die Finger nach ihm lecken. Mir soll's recht sein. Aber Hochmut kommt vorm Fall.«

Damit ging er hinaus. Die Dorth lächelte vor sich hin.

Ob er noch einmal damit anfangen würde?

Sie streckte sich ein wenig. Dann stand sie auf und war sehr vergnügt.

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