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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/holzamer/jahrtag/jahrtag.xml
typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectida50acb58
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Der Tag sah dem alten Golderjahn in die Stube. Grau stand er draußen vorm Fenster. Der Golderjahn löscht die Lampe, dann stand er vom Schreibtisch auf. Er war ganz steif gesessen, und jetzt erst, wie er ans Fenster trat, ein bißchen Morgenluft hereinzulassen, spürte er, wie müde er war.

Er betrachtete den Haufen Blätter, die er beschrieben hatte und murmelte vor sich hin:

»Ich muß für den Kalender eine alte Geschichte heraussuchen. Mit der hier wird's nichts, die wird so groß wie der ganze Kalender sein soll. Tut nichts – nun ist sie mal angefangen, nun soll sie auch fertig gemacht werden, 's ist auch 'was wert, so 'was mal vom Herzen zu kriegen – es hat mir immer ein bißchen in den Gedanken gestocken. Aber nun in aller Ruh – jeden Tag ein Stück, wie's möglich ist – und ganz gemütlich so lange dranbleiben bis zum Ende. Sitzfleisch sollt ich mir nun endlich genügend angeschafft haben. Nun aber ins Bett – die Knochen werden's so wie so büßen müssen.«

Er kroch mit Ächzen in sein Bett hinein und schlief sich aus. Darnach schrieb er jeden Tag, wie's die Zeit zuließ und seine Stimmung es ihm eingab, ein Stück weiter, so lange, bis er eben zu Ende war, mit Ruhe, Geduld und Ausdauer und dem fröhlichen Willen, der zu jeder Arbeit von nöten ist. –

Während der ganzen Treibjagd war der alte Rosenzweig den Gedanken an die Dorth nicht losgeworden. Der Belmont hatte recht – wer weiß, ob nicht die »Treibjagd« schon angefangen hatte, ohne daß er etwas davon wußte. So ein Mädchen versteht's Versteckspiel, da ist nicht so leicht dahinter zu kommen. Aber wie er sich auch besann und alle Burschen des Dorfes Revue passieren ließ, es schien ihm doch, daß noch nichts Bestimmtes in der Luft lag. Vielleicht der Jörg-Adam. Der wäre der einzige, den er sich auf dem Pirschgang vorstellen konnte. Und er mußte sich sagen, er wär ihm nicht so unrecht gewesen. Der Jörg-Adam und die Dorth – so übel nicht. Allerdings hatten sie in den letzten Tagen erzählt, er habe sich nach Nackenheim aufs Weingut gemeldet – und er käme auch hin. Bei den jungen Menschen ist's aber so: aus den Augen, aus dem Sinn. In Nackenheim fand der Jörg-Adam eine andere, da saßen die Bauern im Fett, besonders bei den guten Weinjahren. Ein Lappen Wingert war da jetzt mehr wert, als anderswo ein Weingut, die Nackenheimer und Laubenheimer Weinbauern, die konnten's ganz gut mit den Rheingauern aufnehmen. Und schließlich dachte der alte Rosenzweig an sich selbst. Er war ja wohl noch ordentlich »gerüst«, aber die stärksten Bäume fallen allemal auf einmal um. So konnt's ihm auch gehen. Und er hatte nur die einzige Tochter. Ja, wenn er einen Sohn hätte! Dann brauchte er sich nicht zu sorgen – die Wirtschaft, die Äcker, die Wingerte – da könnt die Dorth einen Schulmeister heiraten, wenn sie so dumm sein sollt, auch die große Gamaschen im Kopf zu haben, wie die Dunseln sonst.

Und während der Jagd sah der alte Rosenzweig immer den Jean Steinert in seiner Nähe. Als Jäger war der noch besser, als es sein Vater gewesen war, dem er in der hohen Statur glich, und als Bauer gab er keinem was nach. Er würde mal Bürgermeister werden. Wen sollten sie wählen, wenn's einmal zur Wahl kam! Der Jean Steinert hatte das Plauderement, könnte einem vor die Kappe was hinsagen und hatte dann doch so eine Art, es nicht ganz mit den Leuten zu verderben. Er würde sich auch die Wahl etwas kosten lassen – und so konnt's nicht fehl gehen.

Der alte Rosenzweig arrangierte in seine Gedanken so ein wenig die Zukunft des Jean Steinert, der übrigens heute schoß wie ein Spitzbube, während der Rosenzweig viel daneben bleffte.

Er pirschte auf einer anderen Fährte. Er hatte ein Plänchen – und wenn sich die Leute hier zulande mit einem Plänchen tragen, dann dreht sich gleich die ganze Welt da drum herum.

Mit seinem Plänchen, einem kleinen Räuschchen, ein paar Hasen und einem kleinen Lächeln im Gesicht kehrte der Rosenzweig mit den andern heim und kam tief in der Nacht erst in der »schönen Aussicht« an.

Die Annelies Brabender hatte, die Redensart des alten Rosenzweig zu gebrauchen, »ihren dicken Hintern nicht geschont« und hatte schon die Wirtsstube aufgeräumt. So fand der Alte soweit alles in Ordnung. Dann fand er aber die Dorth, krank, und die Annelies Brabender gab ihr Kamillentee ein, wärmte ihr das Bett mit heißen Krügen, lud Decken und Kissen auf sie, um sie zum Schwitzen zu bringen. Sie gab dem alten Rosenzweig ein bißchen was wie eine Erklärung, ließ auch einfließen, daß es grad am Bündelchestag doch ein bißchen zu viel Arbeit in der Wirtschaft war für so ein junges Ding allein, und daß es ein bißchen mehr als unruhig geworden war, daß man aber morgen den Doktor holen müßt, wenn's der Dorth nicht besser werd', denn sie hätt' Hitz und Frieren, und es scheine ihr so ein Fieberchen zu sein, mit dem nicht zu spaßen wäre.

»Ich hab mein Teil Kranke gepflegt«, erklärte sie dem alten Rosenzweig, »ich kenn das. So ein Fieber ist nie mit ganz allein, da steckt noch sonst was im Körper drin. Kömmt's heraus, ist's gut, bleibt's drinn, ist kein Spaß damit zu machen. Aber nun legt Euch nur mal ins Bett, Rosenzweig. Die Dorth is nit grad von Marzipan, und Ihr werd't müd sein. Man merkt Euch schon so was wie Müdigkeit an. Morgen wird man dann sehen mit der Dorth.

Freilich, grad wer so stark is, den nimmt's gewöhnlich am ärgsten mit.«

Der alte Rosenzweig überhörte den letzten Satz. Er war wirklich todmüde, in der freien Luft den ganzen Tag, über Schollen und Stoppeln kreuz und quer, das Jagdessen am Abend und der Wein – er schlief bald sehr fest.

Und die Dorth wurde kränker in dieser Nacht, trotz der Pflege der Annelies Brabender, und lag am anderen Morgen ärger im Fieber, so daß richtig der Doktor geholt werden mußte. Es wurde eine langwierige Krankheit, die auch noch deshalb so schlimm war, weil niemand nicht recht wußte, was es für eine war, und der Doktor sich auch nicht recht aussprechen wollte. Der alte Bezirksdoktor Engau hatte das so an sich. Man wußte, was er anpackte, packte er richtig und kräftig an, aber viel Erklärungen gab er nicht. Er untersuchte, fühlte den Puls, klopfte, horchte, fragte nach dem Appetit und dem Stuhlgang – machte dann nur »hm, hm!« und nickte ein paar Mal mit dem Kopfe dazu – dann schrieb er sein Rezept, gab der Annelies ein paar kurze Anweisungen und ging dann. Und immer sagte er, noch in der Türe:

»Sollt sie Hitze kriegen – oder sollt sie Schmerzen kriegen – oder sonstwie was, ich mein, daß sie schwächer wird oder phantasiert oder so was – dann lassen Sie mich gleich rufen, Brabenderschen!«

Das »Brabenderschen« vom alten Bezirksarzt Engau, das hörte die Annelies gar zu gerne. So hatte er auch immer zu ihr gesagt, als sie damals, wie seine Frau mit dem Fritz im Kindbett lag, die Wirtschaft für ihn besorgt hatte – die Frau hatte übrigens dran glauben müssen, das arme Wesen – und damals war sie, die Annelies Brabender, noch blutjung gewesen, hatte allerhand Stangen im Kopf und verstand noch nicht viel, weder von der Haushaltung, noch von den Krankheiten, noch von den Menschen überhaupt – aber »Brabenderschen« hatte er doch zu ihr gesagt, nämlich immer, wenn etwas recht Schweres zu geschehen hatte und was Besonderes auf dem Spiele stand. Sie hatte es gelernt damals – und sie wäre heut noch bei ihm, wenn er nicht seine Schwester zu sich genommen hätte, das Fräulein Lina Engau, die gegen die Armen so gut war, und mit der und dem kleinen Fritz er danach gehaust hatte, als er die arme Frau – gar so schwach und zart war sie gewesen – hatte begraben müssen.

»Herrgott, war er nun auch alt, der Engau!« dachte die Annelies. Kein Wunder – so bei Wind und Wetter auf all die Dörfer ringsum – jetzt schon länger als dreißig Jahr lang das »Praktlizieren« – und der Fritz war ja jetzt auch schon in den Zwanzig – und sie bald an den Fünfzig und das Fräulein Lina hatte auch schon graue Haare. »Zeit vergeht, Leid besteht«, seufzte die Annelies – und nun war die Dorth auch schon über die Zwanzig – und bald an die zwanzig Jährchen war sie hier im Haus und führte dem alten Brummbär, bei dem alles so schweigsam und am Schnürchen gehen mußte, die Wirtschaft.

Annelies Brabender – sie gehörte zum Hausmöbel wie der Tisch und die Stühle, und die Fässer im Keller, und schlechter wie die war sie auch nit, und ausgehalten wie die hatte sie auch. Nun pflegte sie die Dorth. Ihrer Lebtag, von Kindsbeinen an, war die noch nit krank gewesen. Und jetzt mußt sie's so anpacken!

Es wurde noch vor Jahresschluß ein Dienstmädchen genommen, das auch die Dorth in der Wirtschaft vertreten konnte. Dazu mußte es ein bißchen geschickt und anstellig, adrett und freundlich sein, ein bißchen mundgewandt, aber nicht maulfrech, kurz und gut, die Annelies wußte schon, wie es sein mußte, und der Rosenzweig konnte sie ruhig gewähren lassen.

Die Annelies nahm die Blume Marie. Sie hatte so etwas ähnliches wie die Dorth: Sie war auch so wie »aus dem Äppelchen geschält«. Nicht so stark – und auch nicht so schön, aber ein hübsches rundes Gesicht, freie Augen, die einen angucken konnten und einen roten vielleicht ein bißchen großen – Mund, der lächeln konnte, nur beim richtigen Lachen sich bis hinter die Ohren verzog. Das schadete nichts. »Backen kann man sich so ein Mädchen auch nit«, dachte die Annelies. Vielleicht hätte die Blume Marie etwas heller im Kopf sein können – aber wer das nit hatte, dem konnte man's nit geben und das bißchen Wirtschaft, das konnte sie schon bewältigen.

Die Blume Marie war die Tochter vom Blume Friederich, der erst Glöckner gewesen war, dann einen dummen Streich mit den Wachskerzen gemacht hatte, dann Feldschütz geworden war. Dann, weil er so grob war und gegen den Bürgermeister den Stock erhoben hatte, war er auch hier wieder abgesetzt worden und hatte so ein bißchen herum getaglöhnert, bis sie ihn wieder so halbwegs in Gnaden aufgenommen hatten und jeden Herbst zum Wingertschütz gemacht hatten – bis er eines Tages elendiglich gestorben war, halb vom Hunger und halb vom Schnaps. Na ja, die Blume Marie hatt keine Seide zu spinnen gehabt, zu Lebtag nit – und wenn ihre Mutter nicht mit dem bißchen Lumpensammeln und dem kleinen Porzellanhandel, den sie damit verband, wenigstens fürs Gröbste gesorgt hätt, wär's ihr noch übler gegangen. Nun sollt sie's gut haben, nahm sich die Annelies vor – vorausgesetzt, daß sie's gut haben wollte. War sie verdorben und eine Platter, dann zog sie Hand ab. Dann war's bei ihr aus. Fleißig mußte sie sein, willig und ordentlich. Petersilie auf alle Suppen – die Mädchen kamen schlecht bei ihr an. Bei ihr hieß es: erst die Ehr! Fehler hat jeder Mensch, und jeder Mensch macht mal einen Fehler – aber ein Fledderwisch ist ein Fledderwisch – und Spinnweben gibt's in der Annelies ihr'm Haus nit.

Das predigte sie der Blume Marie gleich, als sie sie mietete.

»Mein Dippe sinn immer aufgedeckt«, sagte sie. »Verberge und verschlosse wird nix bei mir – aber ich hab auch die Auge überall, und wie mir nix entgeht, laß ich auch nix durchgehe. Nun weißt du's – und kannst dich richten darnach. So wie man sich legt, so schläft man, das ist die Wahrheit schon zu Lebtag.«

Im Dienst hielt die Annelies keine Predigt mehr. »Was nit im Menschen drin ist, das kann man auch nit in ihn hineinreden«, war ihr Grundsatz, und »was nit mit gutem Willen gut gemacht wird, das machen auch die besten Wort nit gut. Je mehr Worte gemacht werden, desto schlechter wird gearbeit.«

So kam die Blume Marie in die »schöne Aussicht«, putzte im Hause, arbeitete in der Küche und stand am Abend hinter der Einschenke, trocknete sich auch tagsüber ohne geheißen rasch die Hände ab und sprang von ihrer Arbeit weg, wenn es in der Wirtsstube klopfte und ein Gast eingetreten war.

Und es war fast nicht zu merken, daß die Dorth fehlte. Der Vetterlein richtete nun seine täglichen Gänge nicht mehr nach der »schönen Aussicht«. Er hatte eine Scheu, da wieder hinzugehen. Es war überhaupt etwas Aufgerührtes in ihm, das er nicht zur Ruhe bringen konnte. Es war so eine gewissermaßen trostlose Stimme in ihm, der er am liebsten entflohen wäre. Er hatte keine rechte Ruhe mehr daheim, und auch wenn er spazieren ging, fand er nicht ganz den Frieden wieder, den er einmal in sich gehabt hatte. Nun war ihm, es war früher einmal still gewesen in ihm, wie in einem hochumzäunten Garten, der hinter einer Wand von Bäumen lag. Es lag alles still, es blühte alles ruhig, und die Luft war so verschwiegen und sanft. Geordnet und ordentlich die Beete, kein fremder Tritt auf den Pfaden, ein leiser und weicher Kies. Er konnte sich das so vorstellen, wie es einmal gewesen war in seiner Brust, und er hing so daran, schmerzlich und leidvoll. Denn nun war der Wind in den Garten gefahren. Die Pyramiden- und Kugelkronen der kleinen Bäumchen waren zerwühlt, die Beete waren zerstört, die hohe Baumwand war zerrissen, und viele fremde Füße waren über die Pfade gelaufen. Und von außen konnte jeder hineinsehen, wer nur wollte, und viele hatten hereingesehen und hatten ihren Spott hereingeworfen, wie böse Buben Scherben und Steine über Mauer und Zaun in die Gärten werfen.

Er schämte sich vor allen Menschen und vor sich selbst am meisten. Er wurde vor sich selbst rot. Aber wenn er an die Dorth dachte, war's ihm zum Versinken. Klaftertief in die Erde. Die Dorth mußte er ganz vergessen, wenn er seine fünf Sinne beisammen halten wollte. Es war zum Verrücktwerden.

Aber er verletzte den Anstand nicht. Er schickte hinaus in die »schöne Aussicht« – er gab dem Buben jedesmal einen Kreuzer für den Gang – und ließ mit einer schönen Empfehlung fragen, wie es Fräulein Rosenzweig gehe.

Der alte Rosenzweig nahm die Anfrage entgegen.

Er konnte es überhaupt nicht leiden, daß man fragte, wie es gehe. Er wollte kein Bedauertsein. Er meinte: »Geht's ei'm gut, brauch niemand darnach zu fragen, und geht's ei'm schlecht, wird man kein Esel sein, es jedem Aff' auf die Nas' zu hängen.«

»Wer schickt dich denn eigentlich?« schrie er den kleinen Boten an.

»Der Herr Lehrer Vetterlein.«

»So, der! Was geht's denn den an, was in mei'm Haus vorgeht!«

Mit diesem Bescheid wollte gerade der Bube fortgehen, da kam die Annelies durch die Tür der Nebenstube in die Wirtsstube.

»Was ist denn wieder?« fragte sie den Rosenzweig.

»Laß dir's sagen«, knurrte der sie an und ging murrend und weiter vor sich hinschimpfend hinaus.

Die Annelies Brabender ließ sich die Anfrage in ihrer ganzen wörtlichen Wohlgesetztheit noch einmal vortragen. Sie lächelte und fühlte sich Madam.

»Eine schöne Empfehlung an den Herrn Lehrer«, erwiderte sie – und nun leckte sie ein wenig mit der Zungenspitze die Lippen, als seien sie mit Süßigkeit bestrichen – »und Fräulein Rosenzweig lasse dem Herrn Lehrer schön danken« – sie sprach »vornehm« deutsch – »und es ging noch nicht richtig besser. Kannst du das ausrichten?«

Der Knabe nickte.

»Na wart mal«, sagte die Annelies. Dann griff sie tief unter ihren Oberrock, hob ihn auf und suchte die Tasche im Unterrock. Sie reichte dem Buben einen Kreuzer.

»So, und das ist für dich!«

Täglich schickte der Vetterlein – und die Annelies nahm immer die Ausrichtungen entgegen. Sie wußte immer zu sorgen, daß der alte Rosenzweig nicht zugegen war. Und als es der Dorth ein wenig besser ging, erzählte sie ihr dem Schullehrer seine Besorgtheit und ließ, wie die Besserung noch weiter fortgeschritten war, die kleinen Boten selbst ans Bett herein und ihren Spruch da aufsagen. Die Dorth lächelte ein wenig, matt und wehmütig, aber es tat ihr doch in der Seele wohl, daß jemand so an ihr Anteil nahm und sich jeden Tag erkundigt hatte von allem Anfang an.

Als eines Tages der Bescheid gegeben wurde – der halbe Januar war da schon herum – es gehe nun wieder ganz gut, da blieben die kleinen Boten aus. Die Dorth hoffte still, nun werde der Vetterlein selbst kommen und nach ihr sehen. Aber er kam nicht. Da fragte sie eines Tages die Annelies:

»War der Schullehrer nie da, solang ich krank war?«

Die Annelies nahm ihre Hand.

»Du weißt ja, er hat jeden Tag geschickt, aber selbst gekommen ist er nie nit.«

Sie nahm die Hand der Dorth und sagte ihr tröstliche Dinge vom Anteil der Menschen, von Liebe und Gutsein, und nit so viel auf die Leute hören, und nit so viel auf die Leut vertrauen, und sich nit so viel an das hängen, was man möchte, weil doch so vieles anders kam, als man's vorausgesehen hätt, und weil's halt eben gut war, sich immer drauf einzurichten, daß ei'm ein Strich durch die Rechnung gemacht werden tat, und daß man dann um so froher war, wenn's einmal nit der Fall war.

Die Dorth saß in dem hohen Backensessel und ließ ihre gebleichte Hand in den roten, festen Fingern der Annelies, die sie ganz zart hielten, und hörte ihren Worten vorbei, nickte und lächelte aber, als sei sie sehr aufmerksam. Die Annelies sah ihr nicht scharf in die Augen, sonst hätte sie gesehen, daß sie abwesend waren. Die gingen das ganze Erdenrund ab – rundum, soweit Gedanken nur führen können – und suchten, wo ein Halt und ein Ruheplätzchen wäre, aber das ganze Erdenrund weit fand sich keines – es war alles leer. Der Dorth war die ganze Welt leer.

Sie seufzte, und eine Träne trat ihr in die Augen.

»Wein nun nit, Dorthchen«, tröstete die Annelies und strich ihr mit beiden Händen über die Haare, links und rechts vom Scheitel hinab – »nun ist das Schlimmste vorbei – und wann's Frühjahr kommt und die Hinkel wieder legen und die Tauben sich schnäbeln – und siehst du, wann's wieder grün draußen wird und der Wörrstadter Frühjahrsmarkt ist – dann ist auch bald Ostern, und der liebe Herrgott hängt wieder seine warm Sonn heraus dann bist du wie ein Vögelchen im Hanfsamen, und kein Mensch tut dir's nit mehr glauben, daß du krank warst. Wein nit, Dorthchen! Der Vater will das Wirtsschild auch neu anstreichen lassen, und der Anderbach war schon da und will abs'lut goldene Buchstaben machen, und den Kranz, der heraushängt, grün mit roten Rosen, und das Glas mitten drin richtig ein Weinglas. Der Anderbach kann das, und es soll schön, arg schön werden, aber auch ein Heidengeld kosten, daß ihm dein Vater beinah an die Kehle gefahren war. Aber gemacht wird's doch – man muß halt mit der Zeit geh'n.«

Sie watschelte zum Nachtschränkchen hin und goß die Medizin ein, dann kam sie mit dem gefüllten Löffel zurück und sagte:

»Wann ich dir das erst ›Biffsteck‹ mach, Dorthchen, dann wird's anders sein, als des Apothekerzeugs da und das ist doch die best Medizin, so ein recht gut saftig zart ›Biffsteck‹.«

Sie hatte eine so große Freude, daß sie die Dorth auf die Stirn küßte. Dann kamen ihr aber selbst die Tränen, sie schnüffelte ein paar Mal, daß ihr der Leib heftig wackelte, dann putzte sie sich aber resolut die Nase und wischte sich die Augen aus.

»'s wird alles wieder gut, Dorthchen, alles. Nix in der Welt, was nit zuletzt gut werd'n tät.«

Danach wischte sie ihr mit dem Sacktuch über die Augen, strich ihr die Haare ein wenig glatt und setzte sich auf den Schemel neben dem hohen Backensessel. Es war nun wirklich friedlich in der Stube, und die Dorth blickte still und gelassen in die Weite, die ihr unendlich immer noch war, aber ohne Schmerz und Angst.

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