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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Mein Gott«, sagte der alte Golderjahn vor sich hin, »das Leben ist wirklich schwer. Daß es schwer ist, das hätte schon nicht so viel zu sagen, das hat man mit allen Menschen gemein. Aber daß es so rasch ist, das gehört jedem ganz persönlich an. Denn da kommt's drauf an, wie man's lebt. Und wenn man's so langsam lebt wie ich, da ist's noch einmal so rasch. Eh man sich verguckt hat, ist ein Jahr herum. Nun ist heut schon wieder Bündelchestag – noch ein paar Stund, und das Jahr ist auch gegangen. Wieder ein neuer Kalender – und ich muß den nächsten schon fürs nächste Jahr fertig haben, damit ich nicht zu spät komm und der Drucker gleich damit anfangen kann. Ach, 's ist ein Geschäft!«

Der alte Golderjahn schob seine Papiere beiseite, legte den Gänsekiel hin, schnupfte, schneuzte sich, wischte sich die Nase ab und strich sich dann den grauen Schnurrbart trocken. Alles sehr bedächtig und sehr wichtig. Er lebte eben das Leben langsam. Dann stand er auf und ging zum Uhrkasten hin, an den seine lange Pfeife angelehnt stand. Er klopfte sie über dem Kohlenkasten aus, stopfte sie, probierte, wie sie zog, nahm einen Fidibus vom Eckbrett, machte das Türchen seines breiten Kastenofens auf, ließ den Fidibus anbrennen und zündete dann seine Pfeife an, indem er ein paar kräftige und laute Paffer tat. Dann stieß er die Rauchwolken in rascher Folge heraus – und ganz von ihnen eingehüllt, trat er ans Fenster. Draußen lag alles in Schnee. Mit einem feinen Rieseln fielen die Flocken. Der alte Golderjahn sah ihren Tanz nicht. Er hatte keinen Sinn mehr für den lustigen Wirbel – er war für das Ruhende und Stille. Aber er sah, wie die Dämmerung sank und den Schnee blau färbte, und sah, wie alle Linien und Formen weicher wurden, als sie es durch den Schnee sowieso schon waren. Da paffte er seine Pfeife nur noch heftiger und sah verträumt in die Dorfgasse hinein, durch die dann und wann noch ein Wagen mit »wandernden« Knechten und Mägden fuhr, meist solchen, die hier am Ziel waren und von der alten Herrschaft zur neuen gebracht wurden.

Auch da lief ein Kalender ab.

Der alte Golderjahn machte nun schon zehn Jahre lang den Rheinhessischen Dorfkalender, seit ihn der Bischof Ketteler von Mainz wegen »Ungläubigkeit und Unbotmäßigkeit« aus seiner Schulstube vertrieben und auf die Straße gesetzt hatte. Er hatte ihn auch aus dem Bistum Mainz hinausbeißen wollen, aber das war ihm nicht gelungen. Anfangs machte der Golderjahn ein wenig Ferkelstecherarbeiten, aber zum Advokatischen war er nicht gerieben genug. Er hatte zuviel Gewissen. Da kam er ans Geschichtenschreiben für das Gau-Algesheimer Blättchen, dann machte er die Wochenschau – und dann saß er auf einmal in einer kleinen festen Stellung als Zeitungsmann. Und eines Tages erschien der erste Rheinhessische Dorfkalender, der dem Lahrer Hinkenden Boten Konkurrenz machen sollte – und der denn auch diese Konkurrenz so gut machte, daß er nun schon zehn Jahre erschien, nachdem der alte Golderjahn die Wochenschau am Gau-Algesheimer Blättchen längst aufgegeben hatte. Zehn Jahre Kalendermachen, das will etwas heißen. Das ist am Ende noch ärger, als zehn Jahre Schule halten. Aus dem Regen in die Traufe – aber welcher Schulmeister hätt je sein Leben gescheit angefangen und sich verbessert! –

Der Golderjahn dachte drüber nach, wie's mit dem Kalendermachen war.

»Allen recht machen kann man's nicht, die zwölf Monde sind immer drin und Platz für die Notizen, wann die Geiß beim Bock war und wann die Kuh kalben wird und was der Bauer so notwendig hat. Das war eine Kleinigkeit. Auch die Sprüche lassen sich finden. Es läßt sich eben auf jed Ding ein Vers machen. Und die europäische Weltlage ist auch kein Kunststück. Ein bißchen Schimpfen tut da immer gut, denn der Bauer will nicht nur nicken, er will auch dreinschlagen. Und da leider seine große Zeit vorbei ist, wo er zu Feld gezogen ist und die Rechte des Volkes erkämpft hat, da will er wenigstens dann und wann mal ein saftig Wort hören, das er für sich selbst behalten kann, ums gelegentlich dreinzuschmeißen – und nicht nur so eins, wie's von der Kanzel fällt, davor er sich nur duckt und das immer wie eine Höllenfuchtel über ihm hängt. Nein, das war das Schwerste nicht, das Schwerste sind die Geschichten. Der eine will Lieb, der andere will keine Lieb, der eine will sie sanft und süß, der andere will sie kalt und trutzig, der eine will, daß sie sich kriegen, der andere will, daß sie sich nicht kriegen, der eine will sie so, wie das Leben richtig ist, der andere so, wie man das Leben gern hätt. Da kenn sich der Teufel noch aus. Eine Geschichte ist eine Geschichte. Sie ist, wie sie ist. Sie ist gewachsen wie eine Pflanze – bald hat sie Dornen, bald hat sie keine, bald hat sie helle Blüten, bald hat sie dunkle Blüten, bald ist sie grad und schlank und hoch gewachsen, bald ist sie kurz und breit und buschig. Sie ist so, wie sie selber werden gewollt hat, nicht wie die Leut sie gerne hätten. Und man muß so eine Geschichte auch genießen können. Man muß sich still in eine Ecke setzen können, wie bei einem Glase recht guten, schönen Wein, der klar und goldig ist – und dann muß man so recht von Herzen genießen – riechen den feinen Duft, dann den ersten Schmecker tun mit den Lippen, dann mit der Zunge nachkosten, dann richtig den vollen Schluck schlürfen und dann eben, das Allerfeinste, das nur die guten Kenner können, den Nachgeschmack prüfen. Den Nachgeschmack! Ja, ja aber dazu gehört kein Bierland, dazu gehört das Weinland. Auch darin hat die Zeit einen Wandel geschaffen und keinen guten. Keinen guten, meiner Seel! 's wird jetzt auch hier überall Bier getrunken, wohin man kommt, und die Menschen fangen schon an, darnach zu werden. Aber der Wein, aber der Wein – wer versteht denn heutigentags noch was vom Wein! Ach, wir armen Geschichtenschreiber! Und wenn gar die Fuselsäufer hinter unsere Geschichten geraten, die's nicht scharf und fuselig und gepfeffert genug kriegen können! Ach, es ist so viel vergebene Müh.«

Draußen war's dunkel geworden. Die Buben kamen jetzt mit ihren Handschlitten. Nun war dem Polizeidiener leichter zu entwischen als am Tage. Der alte Golderjahn freute sich. Er freute sich immer, wenn der hohen Obrigkeit ein Schnippchen geschlagen wurde. Das ewige Vorschriftenmachen und Verbieten und die Leute immer fühlen lassen, daß sie regiert werden und Untertanen sind! Erst immer das große Hurrawort: »Das deutsche Volk« – und dann dies deutsche Volk wie eine dumme einfältige Herde, wie Kinder behandeln! Immer die Fuchtel.

Er tat noch ein paar Züge aus seiner Pfeife. Dann war sie leergeraucht. Der Golderjahn strich sich die langen grauen Haare über den Ohren zurück, stellte die Pfeife an den Uhrkasten, schnupfte – er schlug immer erst dreimal auf die Dose, ehe er sie öffnete – nickte, zog sein rotes Schnupftuch heraus, schneuzte sich, wischte sich die Nase, putzte den Schnurrbart rein, steckte sein Taschentuch ein und glättete sich den Backenbart zu beiden Seiten. Dann nahm er die Brille ab und putzte sie, setzte sie wieder auf und rückte sie umständlich auf der Nase zurecht.

»Aber nun ist der Bündelchestag wieder herum – und ich muß eine Kalendergeschichte haben. Heiliger Bimbam, ist das eine Tyrannei! Zehn Jahr lang, und immer was anderes – die Menschen sind grad wie ein Sack, der ein Loch hat: Was oben hineingeschütt't wird, fällt unten gleich heraus. Jedes Jahr was Neues – zehn Jahr lang schon – und könnt eine gute Geschichte nicht zehn Jahr lang ganz allein aushalten?!«

Er kratzte sich hinter den Ohren.

»Aber 's muß sein. Ich werd eine Kalendergeschichte schreiben, wie sie mir ums Herz ist, eine, wie sie mir grad einfällt. Eine alltägliche Geschichte – aha, ich weiß jetzt schon! – und wenn sie auch keinem Teufel gefällt. Was liegt mir dran! Die Menschen gefallen ja auch mir nicht – warum sollen meine Geschichten den Menschen gefallen müssen! Bloß, weil ich der Kalendermacher bin! Weiß Gott kein Grund!«

Er steckte einen Fidibus an und zündete seine Lampe an. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm den Gänsekiel und schrieb die Geschichte wie folgt:

Am Andreastag sah der Schullehrer Emerich Josef Vetterlein zum ersten Male die Christina Dorothea Rosenzweig, die im Dorfe und in der ganzen Gegend nur einfach die Dorth genannt wurde. Der Vater der Dorth hatte die Wirtschaft »Zur schönen Aussicht«, an der Ecke, wo die Straße nach Ingelheim führt. Und am Andreastag war großer Trubel in der »schönen Aussicht«, nicht nur, weil die Hocken von Nieder-Saulheim und Gabsheim gegen Abend vom Ingelheimer Andreasmarkt kamen und in der »schönen Aussicht« einstellten – und die Hocken hatten immer einen losen Beutel – sondern auch, weil das seit Jahren und Großväter Gedenken so der Brauch war, daß der Johann Rosenzweig im hinteren Saale, den er vor Jahren neu angebaut hatte, große Tanzmusik hielt, die am Abend um acht Uhr anfing und am anderen Morgen um acht Uhr aufhörte. Und zu dieser Tanzmusik in der Andreasnacht kamen die Leute von Klein-Winternheim und Ober-Olm, von Essenheim und Ebersheim, von Sörgenloch und Zornheim und von allen Orten in der Umgegend, aus dem goldnen Grund und aus dem Essigland, aus dem Mainzerland und aus der Pfalz, aus dem Selztal und von den Höhen des Oppenheimer Weinlandes. Nun war gerade der Fünfundsechziger der »Neue«, und die Rheinhessen hatten Geld wie Heu. In Mainz lagen noch die Österreicher, und die ließen auch was hängen. Die rheinhessische Kuh wurde aber noch nicht in Preußen gemolken, wie uns das der »glorreiche« Krieg gebracht hat.

Hier hielt der Chronist Balthasar Golderjahn, der Kalendermacher, inne und wischte sich die Stirne. Es wetterte ihm ein Zorn durch die Seele. Er hielt nichts vom »glorreichen Krieg« und der preußischen Vorherrschaft, er war ein freier Rheinländer und eingefleischter Süddeutscher, der auf das Recht seiner Erstgeburt pochte, sein Rheinhessen liebte und von Bismarck nichts wissen wollte, dem Großherzog von Hessen gern seine Steuern zahlte, aber sich von den Preußen, die er nicht riechen konnte, – er war ein geborener Mainzer und so war ihm diese besondere Geruchsempfindlichkeit angeboren – nicht wollte bevormunden und knuten lassen. Einen Augenblick besann er sich, wollte die Feder hinwerfen und seine Pfeife wieder anzünden und über die jüngstvergangenen Ereignisse nachdenken. Aber da fiel sein Blick auf die Schwarzwälderin im Kasten, und er sah, daß es auf Mitternacht ging. Der Bündelchestag war also beinahe vorüber – und die Kalendergeschichte eilte. So hielt er seine Feder fest in der Faust – und dann schrieb er hin:

Hier läuft mir die Galle über.

So, nun war ihm ein bißchen leichter, und er konnte weiter berichten vom Andreastag in der »schönen Aussicht«:

Der Andreastag fiel diesmal auf einen Samstag. Da ging auch der neue Schullehrer Josef Emerich Vetterlein hin, weil er am Sonntag ausschlafen konnte. Denn das Hochamt begann erst um zehn Uhr, und weil der Pfarrer wußte, daß den Weibern noch der Tanz, den Männern der Wein in den Knochen stak, hielt er's ohne Predigt. Das bißchen Orgelspielen war also schon herumzukriegen – und um elf Uhr konnte man sich wieder von neuem aufs Ohr legen.

Der Vetterlein hatte schon im Bensheimer Seminar der »lange Vetterlein« geheißen. Er war rappeldürr und baumhoch. Er war wie ein neugeborenes Kalb, denn die Haut hing ihm nur so an den Knochen. Wenn man ihn so anguckte, mußte man denken, daß er für sieben fressen könnte, denn der ganze Mensch bestand nur aus Löchern zum Ausstopfen, grad wieder wie ein neugebornes Kalb, das sich gierig an die Zitzen der Alten heranmacht. Aber es war gerade das, daß der Vetterlein nicht viel essen konnte. Darin war er wie ein Ferkel, das zu heiß »Getränk« gekriegt hat. Es war, als wenn er einen verbrühten Magen hätt, es schlug nichts an ihm an. So blieb er knochig, hautig, dürr, welk und döllig. Er war wie ein eingedöllertes Ofenrohr. Nun trug er den langen Schulmeistergehrock, der damals noch Mode war, da sah er noch gakeliger aus. Zudem hatte der alte Michel Sieben den Gehrock gemacht, und der schnitt feine Röcke nach einem Muster von Anno Tobak, und es war ihm ganz egal, ob der Rock für einen Dicken oder Dünnen, einen Langen oder Kurzen war, er schnitt für alle alle Röcke gleich. Und so schlapperte der Gehrock an dem Vetterlein herum, als wär er auf dem Pfarrer seinem Schmerbauch anprobiert oder dem Pankraz Klein seinem breiten Buckel – und die Ärmel waren ihm zu kurz.

Aber, ob der Vetterlein auch kreuzhäßlich war, er hatte doch etwas Gutes im Gesicht. Er hätte Kaplan werden können, denn wenn er die Weiber anguckte, war's grad, als sollten sie gleich Rosenkränze beten. Die Mädchen freilich kicherten erst ein wenig. Aber dann guckten sie auch mit so halben Rosenkranzaugen. Keine jedoch, die vor den Augen des Vetterlein errötet wäre, wenn auch eine einmal heimlich gedacht haben sollte: er ist ein Schullehrer, und man könnt sich ein bißchen putzen und fein machen und das »Schulbäschen« spielen, wenn man seine Frau war – denn damals begann schon unter den Bauernmädchen die Sucht nach Vornehmtun und die Neigung zur Faulheit, die einen Schullehrer begehrenswert machte, trotz des Hungergehaltes, das er bezog.

Hier nahm Herr Balthasar Golderjahn eine Prise und benieste, was er geschrieben hatte. Dann fuhr er fort:

In der »schönen Aussicht« strahlte diesen Abend die Dorth. Sie hatte erst im vorderen Wirtszimmer bei den Hocken serviert, dabei waren ihr viel schöne Sachen gesagt worden – der und jener hatte sie in den Arm gekniffen und ein begehrliches Gesicht gemacht; aber was die Hauptsache war, sie hatte die Ledertasche, die sie an einem Gürtel um den Leib trug, bald wohlgefüllt mit Guldenstücken und blanken Talern, so daß sie ordentlich zog und ihr schwer auf den Hüften hing. Das freute die Dorth. Und daß sie den Abend tanzen konnte, das rötete ihr noch extra die Wangen. Denn sie war wie ein Borsdorfer Apfel, so rot und rund, so wie so schon im Gesicht; aber wenn sie sich freute, dann wurden ihre Wangen noch extra frisch, gleichsam als wenn Sie mit Fett abgerieben wären – ohne fettglänzend zu sein, wie's bei den Mädchen vom Land öfters der Fall ist – und der übrige Teil ihres saftigen Gesichtes bekam einen weichen flaumigen Schimmer wie ein reifer Pfirsich. Sie hatte dunkle Augen, die hell funkelten, und hübsche, gerundete Brüste, die bei jedem Tritte ein wenig wippten, sonst aber züchtig versteckt unter den Quetschfalten ihrer Taille lagen. Sie trug diesen Abend ein schottisch-kariertes Kleid, rot und schwarz, und daraus wuchs der Hals in einem zarten Rosa heraus, zwischen einer zierlich gefältelten weißen Spitzenkrause, rund und schlank, wie eine Blume aus ihrem Kelche. Die Dorth war nicht allzu groß und nicht allzu schlank – man mußte weder zu groß noch zu langarmig sein, sie zu umfangen. Man hatte das Gefühl, daß sie gerade recht war wie sie war. Sie roch förmlich nach Gesundheit und Sauberkeit, und sie duftete dabei doch nach dieser feinen Wärme, die die Mädchen so begehrlich macht, wenn sie reif sind. Es ist ein ganz aparter und süßer Bettduft, den sie da an sich zu haben scheinen – offen gesagt unter Männern, es soll keine Pfarrersköchin drum erröten – und der den Männern so wohltut und sie verliebt macht.

Es schlug Mitternacht, und der Bündelchestag war herum. Der Golderjahn merkte, daß ihm die Geschichte länger wurde als sie sollte. Aber er hatte sie nun mal angefangen, so wollte er sie auch unentwegt weiter schreiben, auch wenn der Kalender ein paar Seiten mehr bekommen sollte, als vorgesehen war.

Die Dorth sah den Vetterlein und tat einen halbunterdrückten Schrei. Dann aber konnte sie's Lachen nicht mehr halten, sie nahm ihre Schürze vors Gesicht und hustete einen Lacher in ihre Schürze hinein. Sie lief in die Küche und warf sich der Köchin und Haushälterin, der dicken Annelies Brabender, die schon vor ihrer Mutter Tod das Regiment im Hause führte, an den Hals und rief aus:

»Jesses, Annelies, was en dürrer Kerl! Lang wie eine Bohnestang, lang wie die ganz anner Woch, sag ich dir, und dürr, dürr wie die letzt Fürbitt in einer Litanei!«

Sie schüttelte sich vor Lachen.

»Wie er mich angeguckt hat! Angeglotzt! Mit Augen wie Pflugsräder! Der neue Schullehrer ist es, und er sieht aus wie die teuer Zeit, daß man sich vor Lachen grad wälzen möcht!«

Die Annelies Brabender nahm jetzt den Ausdruck von überlegener Würde an und sagte:

»Er war lang und dünn, daß sagen alle Leut, aber du mußt bedenken, daß so ein Schullehrer nit zu verachten ist. Man wohnt im Schulhaus, zieht morgens um zehn Uhr – da kann man mit seiner Haushaltung fertig sein, besonders im Anfang, wann noch kein' Kinder da sind, sein schön sauber Kleid an, setzt sich ans Fenster und ist die Madam. Die Dreckarbeit läßt man andere Leut tun, und auf dem Feld sich abrackern kann wer will, man braucht's nit mehr.«

Die Dorth lachte nun nicht mehr und ging aus der Küche. Der Vetterlein hatte sich schon im Tanzsaal installiert und hatte auch schon seinen halben Schoppen vor sich, an dem er vorsichtig trank.

Die Dorth kam jetzt eben gerade, als der Tanz anfing. Da tat der Vetterlein erst einen kräftigen Schluck, mit dem er sich Kurasche antrank, und dann ging er auf die Dorth zu und bat sie zum Tanz. Die Dorth errötete zwischen Lachen und Verlegenheit, dann lehnte sie sich sanft an, er nahm sie in seine Arme und walzte mit ihr herum. Er walzte gemessen, sicher, gefühlvoll und ausdauernd. Er tanzte wie ein Engel. Das tat den Füßen der Dorth wohl, die selbst gern tanzte. Sie hatte sowieso schon eine weiche, anschmiegende Art, nun, wie sie fühlte, daß der Tänzer so sicher und leicht und beherrschend war, lehnte sie sich noch wärmer, ja sogar hingebungsvoll, an ihn; sie vergaß, wie lang und dürr er war, verbarg sich vielmehr ganz in seinen Armen und verwuchs ganz mit seiner Gestalt. Um sie wehten die überzähligen Falten seines »Senkels«, um ihre Füße kreiste mit leisem Wiegen der Ring ihres weiten Rockes, und ihm nach, der eine etwas höher als der andere, weil dieser mit dem Schnupftuch beschwert war, flogen im Kreise seine Rockzipfel, bald flatternd sich von ihm weghebend, bald näher sich an ihn anschmiegend.

Und als der Tanz zu Ende war, war die Dorth erstaunt, wie genußvoll er gewesen war; doch als sie, noch an seinem Arme, seine Länge hinaufblickte und ihr Blick an seinem Gesicht haften blieb, errötete sie wieder zwischen Lachen und Verlegenheit, und sie brauchte ihren ganzen Spott und ihren frechen jungen Übermut, um sich nicht vor den Leuten zu genieren, daß sie so hingebungsvoll getanzt hatte. Den ganzen Abend war ihr keiner lieber, und der Schullehrer Vetterlein tanzte so oft mit ihr, daß die Leute schon die Köpfe zusammensteckten und tuschelten und die Heirat fertig machten – die einen mit Bewunderung, die anderen mit Neid, wieder andere mit Rechtgeben und Zustimmung und gar nicht wenige mit Mißbilligung. Denn was war die Dorth für ein Mädel! Es sollt nur mal einer sich's überlegen: die einzig Tochter – so und so viel, was sie mal von der Mutter her gleich bar bekäm – wenn der Alte mal die Augen zutue, noch einen schönen Brocken – die »schöne Aussicht« und die Äcker und Wingerte, was könnt die eine Partie machen! Denk nur einer an! Die Wirtschaft ist nit umzubringen – auch wenn sie wirklich einmal eine Bahn bauen – und der alten Rosenzweig hat die schlechtsten Weinlagen auch nicht. Und die Dorth! Ein Mädel wie Milch und Blut. Ein Gesicht, wie aus dem Äpfelchen geschält – und sauber! Festes Fleisch und gewachsen wie ein Tannenbäumchen! Es denk nur mal einer an! Und eine Hausfrau! Die! Die kann schaffen für sieben. Überall die Augen, auch wo die Händ nicht sind, flink wie ein Wiesel, adrett, und immer lustig. Genau wie ihr Mutter war, wie ein Vögelchen auf 'm Dach. Alle Tag Feiertag. Und tanzen tut sie, tanzen wie ein Federchen. Nein, die wär dumm, wenn sie den Schulmeister nähm, und der wär zu beneiden, wenn er sie kriegen tät. Aber's ist ja in letzter Zeit so, die Schulmeister schnappen die besten Fisch weg.

Seit Jahren war das so Brauch, und in der ganzen Gegend war es bekannt, daß am Andreastag der Anderbach mit seiner Kapelle in der »schönen Aussicht« spielte, und keinem Menschen hätte es mehr auf der Andreasmusik gefallen, wenn einmal andere Musiker da oben auf dem Orchester gesessen hätten, als dem Anderbach seine und er selbst an der Spitze, obgleich er nur das Althorn blies und nicht einmal die Geige spielen konnte. Deshalb verstand er es doch, eine Kapelle zu leiten.

Der Anderbach kam nun vom Orchester herunter, tätschelte die Dorth ein wenig auf das Bäckelchen, hob ihr dann das Kinn und kicherte:

»Willst den Langen – willst den? Die Madam spielen, gelt, das steckt dir in der Nas? Ob du den kriegen wirst? Und was tät denn dann der Jörg-Adam machen?« »Pah!« sagte die Dorth und wippte mit den Schultern. »Was geht mich der Jörg-Adam an! Und den Langen – na, wann ich den nehmen tät?«

»Wann'st den nehmen tätst! Könntst ihm erst ein paar Knoten in die Bein machen, daß er die richtige Läng für dich hätt. Gelt, ›Frau Lehrer‹ – ihr Deiwelsweiber! Steckt 'n all der Hochmut in den Köpp! Schafft was, bückt euch, daß euch das Hinterquartier nit so dick werd, das ist gescheiter als eine vornehm Nas machen und zugucken, wie die andern Leut sich abrackern.«

»Na, na, Anderbach – Ihr tut dem Schaffen auch nit weh, tünchern laßt Ihr Euer Leut, das bißchen Musik, mal ein Schuldschreiben und Euer fein Holzfarb anrühren, was Ihr selbst tut; aber sonst: Schoppen blasen! – und was die Läng anbelangt, tät ich den langen Schullehrer schon gleich nehmen, und wenn ich ihm auch erst ein paar Knoten in die langen Stelzen machen müßt.«

Sie lachte hell auf.

»Aber Ihr habt noch gut Ruh davor, Anderbach, und auf mein Hochzeit kommt Ihr sowieso nit.«

Sie lief davon und ließ ihn stehen. Als die ersten Musiktöne wieder zum Tanze luden, kam der Vetterlein auf die Dorth zu und engagierte sie feierlich mit einem tiefen Knix, der sich ausnahm, als wickele er sich dabei um sich selbst und wickele sich dann wieder auf, um in die Höhe zu schnellen und die schöne Dorth in seine Arme zu nehmen, mit ihr den Saal zu durchschweben. Er war so verliebt, der Vetterlein, und kostete alle sieben Seligkeiten. Tanzen durfte er nun schon mit der Dorth – o, wenn er das dachte, so wurde der Gedanke, der ihn warm durchfuhr, zu einem seligen Schmachten: wenn er sie erst küssen dürfte!

Wie die Dorth plauderte! Was sie für weiße Zähne hatte! Was für ein flinkes, rotes Zünglein! Was für runde Bäckelchen! Und was für einen schelmischen Blick in den Augen. Wenn sie von unten zu ihm heraufsah! Wenn sie ihn von der Seite streifte! Wenn sie zusammen einen schönen Bogen ausschwangen! Wenn sie sich beim Rheinländer die Arme wiegten! Wenn sie sich an den Händen faßten! Ach, die Dorth! Er war so verliebt! Er war gerade wie das Ausrufezeichen für alle Schönheiten und Herrlichkeiten der Dorth. Er war das Ausrufungszeichen seiner ganzen komischen Verliebtheit. Und alle Leuten konnten's lesen.

So tanzte er die ganze Nacht hindurch. Am grauenden Morgen ging er heim, als man schon die Zeiger am Kirchturm sehen konnte. Er hatte der Dorth noch einmal die Hand gedrückt beim Abschied. Er hatte ihren Arm ein klein wenig an sich gebogen – ein leises, scheues Momentchen lang hatte ihre weiche, warme Brust an die großen Knöpfe seiner Weste über der Herzgrube gestreift. Beinahe hätte er den Mut gehabt, einen Kuß auf ihren Scheitel zu hauchen – und ihr kühler Scheitel wollte in seiner Vorstellung schon zu ihrem warmen Munde werden – da überlegte er sich, daß er sich doch zu tief zu ihr hinunterbücken müßte – und daß das zu lange dauerte und am Ende auch mißlänge. So ging er so. Die Dorth hatte im Augenblick des Abschieds zurückhaltend und doch einladend getan, schämig und doch begehrlich – Tanz und Wein kribbelten ihr im Blute – aber als nichts geschah, war sie mehr enttäuscht und ärgerlich, als sie sich eingestehen wollte, und sie kicherte dem abziehenden Vetterlein einen spitzen Spott nach, der zu einem Lachen sich steigerte, als sie sich ganz frei geben konnte. Und nun war auch nichts Arges und Garstiges mehr im Klang ihrer Stimme. Nur Lachen – ein befreiendes, frohes Lachen, lauter Jugend, und heller, hellster Übermut.

Der Anderbach, sein geliebtes Althorn unterm Arm, hatte sie von der Stiege aus beobachtet, und als er nun in dem Flur neben sie trat, petzte er sie ein wenig in die Hüfte und sagte:

»Bist doch ein Kränksluder, Dorth. Der arme Schullehrer! Wirst ihn wohl um sein bißchen Verstand bringen wollen? Die Kränk habt ihr Weibsleut ein. Und die Männer sind Hutsimpel – sonst täten sie euch was pfeifen!«

Die Dorth hatte nicht Zeit zu antworten. Drinnen schrie die rauhe Stimme ihres Vaters: »Abrechnen!« Da mußte sie auch dabei sein, obgleich jetzt ihre Geldtasche fast ganz leer war. Sie hatte während des Tanzes nur noch gelegentlich mal bedient. Sonst hatte sie die Nacht durch getanzt. Mochte er schimpfen, es lag ihr nichts dran. Der Anderbach ging mit seinem Althorn unterm Arm in den silbernen Morgen, der ganz im Sonntagsschimmer lag, dem Dorfe zu, hinter dem Vetterlein her, dessen Rockzipfel wie in verklingenden Tanzschwingungen um seine langen Stelzbeine wippten. Und der Anderbach machte sich in seinen Gedanken lustig über ihn und schüttelte von Zeit zu Zeit seinen beweglichen Musikantenkopf.

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