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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Jahre krochen träge hin – eines nach dem andern die Dorth war die Frau in der Kettenmühle. Es war eine stille Hochzeit gewesen, die Dorth hatte den Vetterlein gebeten, nicht die Orgel zu spielen – und sie hatte es auch bei dem Naz durchgesetzt, daß sie zur Kopulation ein schwarzes Kleid trug.

»Na ja«, hatte der Naz gesagt, »wir sind ja auch alle beid nicht mehr jung – und s' paßt besser für uns, im schwarzen Kleid. Das Hudcherallera ist für die jungen Leut – und mögen die Leut denken, was sie wollen, wir wissen ja doch, was wir wissen.«

Gut, das war erledigt. Alle Dinge erledigten sich jetzt so leicht für die Dorth. Sie hatte nicht mehr viel zu reden, nicht mehr viel zu denken.

Und die Jahre gingen, und das Leben glitt an ihr vorbei.

Sie war ganz still in der Kettenmühle, kaum daß sie einmal jemand zu Gesicht bekam. Sie arbeitete fleißig in ihrer Haushaltung, sorgte für den Naz, der der richtige schwerfällige und schweigsame Müller war, ein ehrlicher Kerl, ein bißchen ungeschickt, aber kein böser Faden am ganzen Menschen.

Die Dorth schätzte das still an ihm – und daß er gut zu ihr war. Sie hätte nur einen Wunsch haben dürfen, er hätte ihn ihr erfüllt – er hätte ihn ihr an den Augen abgelesen. Aber sie hatte keinen Wunsch. Vielleicht einen: – einmal einen ganzen Tag und eine ganze Nacht die Mühle abgestellt zu kriegen. Daran konnte sie sich nämlich nicht gewöhnen, an dies Geklapper Tag und Nacht, während der Naz sagte, daß er sonst nicht schlafen könnte, wenn er das nicht hörte. Die Dorth sprach diesen Wunsch nie aus. Was hätte es auch geholfen! Einmal einen Tag und eine Nacht – und das Jahr hatte so unendlich viele Tage und viele Nächte, in denen die Mühle klappern mußte.

Was durch die jahrelange Junggesellenwirtschaft im Hausstand des Naz gefehlt worden war, das brachte die Dorth bald in Stand, und auch dem Vieh ließ sie eine gute Pflege angedeihen. Ihre Stuben waren sauber und aufgeräumt, ihre Küche blinkte.

Sie trug immer ein schwarzes Kleid und auch eine schwarze Haube. Es war nicht sehr praktisch für eine Müllersfrau, aber der Naz redete ihr nicht drein. Er redete ihr in nichts drein, und in allem ließ er sie schalten und walten, wie sie's wollte, und er hatte das Vertrauen zu ihr, daß so, wie sie's wollte, alles gut war.

Er hatte seine Mühle, die Äcker und die Wiesen um die Mühle herum, er war fleißig und der Dorth dankbar, daß sie ihm ein behagliches Heim schaffte, wo er seine müden Knochen ausstrecken konnte, ein Schläfchen machen am Mittag, sinnieren gegen Abend und sonntags seinen gemütlichen Nachmittagskaffee mit Kuchen verzehren konnte, den die Dorth, wie alle Müllersfrauen, selbst gebacken hatte. Die Uhr im Kasten ging im steten Gleichgang, die Mühle klapperte immer in derselben Weise. Der Naz und die Dorth sagten einander nicht schöne Worte, aber sie zankten sich nicht miteinander.

Kinder kamen keine – und so glichen die Jahre einander, und es kam nicht drauf an, welche Jahreszahl man schrieb.

Einmal, als es gegen Mariä Würzwischweih ging und der Bibernell in roten Blutstropfen auf den Wiesen blühte – Peter und Paul hatten schon »dem Korn die Wurzel faul gemacht« – das stand der Naz vor seiner Türe und horchte in die Welt hinaus, in die Sonntagswelt. Der Himmel war so hoch, und die Grillen schlugen so laut. Sonst war es still und friedlich-einsam. Da zog es ihm so eigen durch den Sinn, und er dachte nach, der Dorth eine Freude zu machen. Er ging hinein in die Stube zum Sonntagsnachmittagskaffee, und nach einigem verlegenen Drucksen sagte er zur Dorth:

»Dorth, 's ist so schön heut – und man ist so allein hier draußen – wie wär's denn, wir gingen zusammen ins Dorf hinein? – wir könnten das alle Sonntag auf ein paar Stunden tun – s' wär doch auch, daß du's manchmal ein bißchen genießen könntst.«

Die Dorth sah ihn forschend an.

»Ich hab's gut hier.« »Willst nit, Dorth?«

»Nein – im Leben nit!«

Er ließ seine Blicke auf ihr ruhen und wußte nicht, wie ihm war. Aber er sagte nichts mehr.

Die Dorth hatte ihren Frieden gemacht – glücklich war sie nicht. Glücklich sein, das dachte sie sich ganz anders. Aber sie dachte nicht darüber nach. Das wußte sie, nachdenken ist gefährlich – und sie ließ es sein. Ihr Tag war ausgefüllt, von früh bis abends. Aber manchmal fand sich doch ein Viertelstündchen, wo sie hinauf in die Dachstube ging und durch die Dachgaube übers Land sah – nach dem Dorf zu. Man konnte sie von unten nicht sehen – und was am nächsten an der Mühle war, das sah sie auch nicht. Aber sie sah die grünen Wiesen rings, die Weiden an der Selz, die Erlen am Mühlgraben, und sie sah die Felder, wie sie die Jahreszeit gerade färbte. Wingerte sah man von hier aus nicht, die lagen nach der anderen Seite. Auch das Dorf sah man nicht. Aber die Dorth wußte, wo es lag – und manchmal stieg etwas dahinter auf – eine weiße volle Rauchwolke, wie sie die Lokomotive ausstieß – sie schwebte ein wenig in der Richtung der Kettenmühle hin – dann löste sie sich auf und verdünnte sich – dann zog es, höher im Blauen, in dünnem Weben über den Himmel und verlor sich da. Manchmal auch, wenn der Wind darnach war, hörte man einen Ton die Luft durchschneiden – nicht so scharf und laut, wie's von der »schönen Aussicht« zu hören gewesen war, aber doch noch kräftig genug, daß es durch die Luft fuhr wie ein tüchtiger Hieb.

Nun ja – so ein paar Minuten – sehnen und sich erinnern – hinblicken zu allem, was gewesen war, und dann wieder gehörig an die Arbeit, daß auch nicht ein Untätchen im Hause fehlte.

Manchmal, besonders wenn die Glucke mit jungen Hinkelchen ging, stand hoch oben in der Luft ein Habicht und äugte auf den Mühlenhof herunter. Und wenn der Sommer ausgehen wollte, dann kamen die Störche vom Dorf herausgezogen und kreisten oben im Blauen – die Dorth sah ihnen manchmal zu, und sie wußte, dann ging der Sommer bald, bald baute der Herbst seine Nebelmauern um die Mühle, und der Winter schneite sie bald ein. Der Naz aber schichtete die Säcke oben auf dem Mehlboden, damit die Mühle auch im Winter klappern konnte.

Im Anfang war der Vater ein paar Mal gekommen. Einmal auch der Vetterlein. Es war ihm aber nicht gemütlich geworden in der Mühle. Und dann hatte die Dorth ihn ein paar Mal durch die Wiesen schleichen sehen – in weiten Kreisen, ganz wie früher, aber den Hupfer getan, wie in die »schöne Aussicht«, hatte er nicht. Er war ein guter Einfalt – und er hätte nicht Angst zu haben brauchen, daß er die Dorth stören würde oder daß es ihr wehe tat, wenn er da wäre.

Der Vater war recht gebrechlich und hinfällig geworden. Er war aber nicht zu bewegen, die Wirtschaft aufzugeben. Dann starb er eines Tages – und eines Tages starb auch der alte Goschel.

Noch fünf Kinder hatte die Marie von ihm, groß Glück hatte die auch ihr Lebtag nicht gehabt – Glück muß einem an der Wiege gesungen sein – aber nun war sie wenigstens versorgt und hatte Brot für sich und ihre Kinder. Die Dorth war ihr immer anhänglich gewesen, daß sie damals wegen Kamper geschwiegen hatte. Aber sie hatte ja auch früher wegen ihr geschwiegen, und das war noch was anderes gewesen. Freilich hat die Marie davon nie etwas erfahren.

Als das Frühjahr kam, nahm's die Annelies Brabender mit – sie hatte es in letzter Zeit so arg mit der Atemnot und hatte auch noch die Wassersucht gekriegt.

Nun ja, die Leute starben, die einen zu Leid, die andern zur Erlösung. Hie und da verlor sich ein Ton der Ereignisse zur Dorth. Sie lagen der Saulheimer Gemeinde so nahe, daher hätten sie mehr erfahren können – aber für Saulheim interessierte sich die Dorth gar nicht.

Im Dorf war sie vergessen. Es war ja auch nie eine Gelegenheit, einmal an sie zu denken. Und wenn man sich mal erinnerte – ach, war das lang her, daß die Dorth eine Rolle gespielt hatte. Derzeit hatte die Welt ein ganz anderes Gesicht gekriegt, waren auch die Menschen anders geworden – und man plante schon wieder Neues. Anfangs war die Kettenmüllerin noch manchmal zur Frühmesse gekommen, dann war sie auch da weggeblieben, und niemand sah sie mehr. Der Name Rosenzweig bestand nicht mehr im Dorf – und der Äges und der Johl, die beide noch etwas hätten erzählen können von der »schönen Aussicht«, die nicht mehr war, und dem, was drin geschehen war – die lagen auch schon auf dem Kirchhof, der Äges auf dem christlichen, der Johl auf dem jüdischen – und bald dachte auch niemand mehr an sie. Und der Anderbachs Anton, der zwar nicht mehr das Althorn blasen konnte, aber trotz seiner zitterigen Hände noch ein geschickter Tüncher war, trotz aller jungen Kräfte, die auch die Tüncherei angefangen hatten, der welschte alle Sachen toll durcheinander.

Der Jean Steinert aber, der als Bürgermeister an Stelle vom alten Rudolf Schwarz war, der, wie seine Welt, auch längst gegangen war, der Jean Steinert verstand die neue Zeit: ein neues Schulhaus wurde gebaut und ein neues Amtsgericht, und ein Fabrikschornstein nach dem anderen erhob sich. Der Verkehr blühte, und man sprach schon von der neuen Bahn: Oppenheim-Bingen, die sich hier mit der Mainz-Alzeyer Strecke kreuzen sollte. –

Eines Tages schloß auch die Dorth die Augen. Sie war nicht krank gewesen weiter – ein bißchen krächzig in den letzten Tagen, aber eigentlich ohne Klage. Sie war gestorben, ohne daß ihr was gefehlt hatte, sie war ausgegangen wie ein Licht; und wie ein Licht brennt, das sich selbst verzehrt, so hatte sie auch gelebt, sie hatte sich selbst verzehrt. Das wußte aber niemand, außer einem ...

Sie hatte eine große schöne Leiche. Der Kaplan Goedecker hat sie begraben, er war damals Pfarrverwalter im Dorf, und er war der beste Mensch, der je auf einer Kanzel gepredigt und an einem Grabe gebetet hat. Die Leute hatten gemeint, sie werde nicht kirchlich beerdigt werden können, weil sie nie mehr in die Kirche gekommen war. Aber sie hatte ihre Osterkommunion gehalten gehabt, und der Kaplan Goedecker ist nie einer von denen gewesen, die Schwierigkeiten gemacht haben.

Der Naz war nun schon ganz grau. Gebückt trat er ans Grab und warf drei Handvoll Erde hinunter. Und neben ihn trat der Vetterlein. Der sah einen Augenblick ins offene Grab, ehe er sich bückte – und die Leute behaupteten, daß er etwas vor sich hin gesprochen habe; aber er habe keine Stimme gehabt, und so habe man's nicht verstehen können. Tief mußte er seinen langen Körper bücken, als er dreimal in die Erde griff. Und als er die drei Handvoll hinuntergeworfen hatte, hob er sich ein wenig, dann bückte er sich noch einmal, und warf noch dreimal Erde hinab. Niemand wußte, warum er das tat. Er wußte aber, für wen er's tat. Das Kreuz hatte der Anderbachs Anton geschrieben, trotz seines Alters und seiner Zitterigkeit und seiner verwirrten Gedanken. Und als man jetzt das Kreuz herbeitrug, sah man, daß drauf stand: »Dorothea Rosenzweig«.

»Ich hab gemeint«, sagte der Anderbach, »Naz wär ein Spitzname, da hab ich Rosenzweig geschrieben.«

»Auch gut, laßt's so sein«, sagte der Naz – »es ist ja kein Kind da, das sein Mutter mal auf dem Kirchhof suchen tät – und die andern Leut wissen, wer's ist.«

Der Naz und der Vetterlein gingen nebeneinander von der Beerdigung heim.

»Sie war so gut«, sprach der Naz vor sich hin – »kein bös Wort nie nit. Aber gelacht hat sie auch nit. Nit einmal, daß ich sie lachen gesehen hätt. Das war auch ihr Krankheit – und dadran ist sie gestorben, Herr Lehrer.«

Der Vetterlein nickte nur.

 

Der alte Golderjahn warf die Feder mit einem raschen Schwung beseite.

»Ach«, murmelte er – »Menschen! Und man hat die Hände dabei gehabt – und hat nichts tun können. Es ist so – wer verbraucht werden soll, der wird verbraucht, und wenn er aus Eisen war. Das Leben ist unerbittlich – und Zeit vergeht, Zeit besteht – wir sind all nur Räder in ihrem Mühlwerk. Aber unsereiner – ob man Golderjahn heißt oder Vetterlein, – man ist derselbe schließlich, der nichts weiter tun kann, als am Leben vorbeizugehen.«

Es war tiefe Nacht geworden, als er den Tod der Dorth erzählt hatte. Nun war er steif gesessen und erschöpft. Er streckte sich und stand dann auf, ein paar Schritte in seiner Stube auf und ab zu gehen.

»Warum rühr ich die alten Geschichten in mir auf? Um eine Kalendergeschichte zu schreiben. Und dafür wirft man sich vor den Menschen hin. Erst wildfremde Menschen, die's setzen werden, ein wildfremder Mensch, der's korrigieren wird, und dann wildfremde Menschen, die's lesen werden – und alle werden sie meinen, wie's anders sein sollt, und werden was besser wissen wollen. Ich gönn's ihnen. Nun ist's Ende Januar. Adieu Kalender! – s' wird sich was anderes finden. Einmal muß einem so was von der Seele – in dem, wie's einen traurig bewegt hat – und in dem, wie man sich selbst erkannt hat. Dahinter aber steht ein hämisch Gesicht. Man könnte anders sein – wenn man anders sein könnte.«

Er setzte sich wieder.

»Ich muß doch noch ein letztes Wort schreiben – der Wahrheit gemäß« – und er schrieb:

Einer lebt immer noch – auch heut noch – und bewahrt in aller Liebe – in alter Liebe – das Andenken an die Dorth, die die Menschen längst vergessen haben. Denn die Menschen von heut, die denken nur an das Heut. Sie haben sich ganz an die neue Zeit gewöhnt. Und in der ist nichts von Dauer. Was soll da so ein klein Menschenleben gelten?

Aber s' ist nun einmal so, und man muß sich auch damit abfinden. Deshalb ist der Dorth ihr Grab nicht ohne Blumen – dafür sorgt noch einer – und wenn der tot ist – die Vögel singen dann doch noch drüber und die Sonne scheint doch noch drauf. Dazu tun die Menschen nichts zu und nichts ab.

Er besann sich – dann schob er das Manuskript beiseite. Noch einmal nahm er's – es war so schwer, sich davon zu trennen – und er schrieb darunter, ohne erst nachzudenken, ob es paßte oder nicht paßte, er schrieb nur einfach den Satz hin, der ihm jetzt im Sinne lag:

Es ist aber doch ein großes Glück, gelitten zu haben, um frei zu sein von allem, was Leiden heißt.

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