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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Kamper blieb so wortkarg nach wie vor. Aber das tat er: so oft er in die »schöne Aussicht« kam, gab er der Dorth die Hand und sagte:

»Guten Tag, Dorth, wie geht es dir?«

In dem »dir« lag alle Liebe.

Wenn er ging, gab er ihr wieder die Hand und sagte:

»Adieu, Dorth – auf Wiedersehen!«

Das war aber immer schon ein bißchen abwesend gesagt – so, daß man dran merken konnte, wenn man seine Ohren hatte, daß er schon halb in seinen Gedanken wieder auf seinem Posten war.

Zum Vetterlein hatte die Dorth gesagt:

»Ich hab mich mit dem Ingenieur versprochen, er hat um mich angehalten.«

Der Vetterlein erwiderte nicht gleich etwas. Er hatte gerade den Kopf in die Hand gestützt dagesessen, als es ihm die Dorth gesagt hatte. Er blieb auch so; dann sprach er halblaut vor sich hin:

»Ich hab's gewußt – er ist ein Mann für Sie, Dorthchen.«

Dann nahm er mit beiden Händen ihre Hände und sagte wehmütig-innig:

»Daß ich Ihnen von Herzen – von ganzem Herzen – Glück wünsche, Dorthchen, das wissen Sie. Wahrhaftig!« Es schien, als wolle er noch etwas sagen. Er schwieg aber und stützte den Kopf wieder in die Hand.

Dann, nach einer Weile des Nachsinnens:

»Wissen Sie noch, Dorthchen, wie der große Schnee lag?«

»Ja, ich weiß noch.«

»Der uns so weit getrennt hatte?«

»Warum meinen Sie?«

Er sah zu ihr auf und lächelte, und sein knochiges Gesicht bekam einen so herzensguten Ausdruck:

»Nun, ich weiß auch noch – und ich wollte nur wissen, ob Sie das nicht vergessen haben. Es ist ja schon so lange her. Mir ist, vor Jahr und Tag war das – und ich bin alt geworden indessen. Sagen Sie, Dorthchen, komm ich Ihnen nicht sehr alt vor?«

»Gar nicht – ich mein, Sie sind immer so gewesen, wie Sie jetzt sind.«

»Ja, ja – ich glaub auch – ich glaub, Sie haben recht – ich bin immer so gewesen. Herzlich Glück. Sagen Sie, Dorthchen, haben Sie noch Fünfundsechziger im Keller?«

»Ein paar Flaschen – die der Vater beiseite gestellt hat.

Warum fragen Sie?«

»Ich hätte einen Vorschlag, Dorthchen. Wenn wir zwei zusammen – Sie und ich – wenn wir ein Fläschchen so ganz alten Wein – so aus der Zeit, wo ich am Ende doch noch ein bißchen jünger gewesen bin – nicht viel vielleicht, aber ein bißchen – wenn wir das auf Ihr Wohl und Ihr Glück trinken täten. Kommen Sie, ich leuchte, und Sie holen die Flasche – und wir trinken auf Ihr Wohl – auf Ihr Wohl und sein Wohl.«

War das lieb, daß er so einen netten Gedanken hatte! Gewiß, das wollten sie tun. Und sie stiegen zusammen in den Keller, er leuchtete, und sie kroch hinter Fässer und Kisten und zog die verstaubte Flasche hervor – er hob den Leuchter hoch, bis sie sich wieder zurückgefunden hatte – und sie saßen dann beisammen an dem kleinen Tischchen und tranken den feinen, alten Wein – stießen die Gläser an und sahen sich treu gut in die Augen – und genossen den feinen Duft des Weines, darin eine alte, schöne, darin eine süße Zeit und köstliche Erinnerung aufblühte. Selten im Leben hatte die Dorth so eine schöne Stunde gehabt, selten, nein, nie so eine gute. Er war ein lieber Kerl, der Vetterlein, und ein guter Freund. Das spürte sie jetzt so mild und warm, wie man einen Maitag spürt. Sie war ordentlich ergriffen davon.

»Gut freund bleiben wir, wenn ich auch verheiratet bin?«

»Immer, Dorthchen.«

»Und wenn ich auch gestorben bin?«

»Immer.«

Dann lächelte er: »Ich werde aber vor Ihnen sterben. Ich hab so etwas schon an mir – wie ein Zeichen – wissen Sie, wie bei Kindern. Es gibt so manche, wenn die auf der Schulbank vor mir sitzen, da überfällt mich ein Bedauern. Ich könnte sie nicht anrühren, und ich muß ihnen alles Gute tun und sanft zu ihnen sein. Die haben's so an sich – man sieht's weniger, als man's fühlt – aber Sie, Sie mit Ihrer robusten Gesundheit, Sie leben ewig. Da ist unsereiner ein Waisenknabe dagegen.«

Er lachte – lauter als das sonst seine Art war.

Die Dorth dachte: das feine, schwere Weinchen. Wenn's gegolten hätte, hätte sie ihn wahrhaftig unter den Tisch getrunken.

Sie hob ihr Glas.

»Prost! Auf Ihr Wohl!«

Sie stießen an.

»Danke, Dorthchen. Gesundheit und langes Leben, wie man's zu Neujahr sagt. Und Sie stehen ja vor Neujahr.«

Sie lächelte und war ein wenig verlegen – aber dann lachte und scherzte sie wieder. Auch er war aufgeräumt und bekam nicht einmal, was sie erwartet hatte, ein kleines Räuschchen.

Der alte Rosenzweig verachtete die Dorth und gönnte ihr keinen guten Blick mehr, viel weniger ein gutes Wort.

»Daß du den Preuß nehme tatst, das hätt ich wahrhaftig von dir nit gedacht. Du sollst dich schäme.«

Das war der Dorth stark auf die Seele gefallen. Sie wußte auch, so sprach das ganze Dorf, und das ganze Dorf war gegen sie.

Hatte aber das ganze Dorf nicht recht? Wenn sie alles überdachte, und wenn sie sich's ehrlich eingestand: tat sie nicht ein ganz besonderes Unrecht, dafür man sie verachten mußte? Dafür sie sich selbst verachten mußte?

Sie grübelte viel. Wenn er wirklich ein »Preuß« war? Und er war wohl einer – seine Sprache, seine Augen, das war preußisch. Sie verachtete sich selbst und litt bitter darunter.

Dann faßte sie sich ein Herz und fragte den Kamper: »Bist du Preuße? Ist's wahr, daß du Preuße bist?«

Er sah sie groß an. Dann begriff er. Er war nun lange genug in der Gegend, um das zu begreifen.

Er lachte.

»Nein«, sagte er. »Mußpreuße! Ich bin Niedersachse, wie ich dir schon gesagt habe, mein Kind – und wir sind eher Preußenfeinde als Preußenfreunde. Wir sind alte Hannoveraner, und das bleiben wir, trotz Bismarck und Hohenzollern.«

Gott sei Dank! Sie atmete auf.

Zum Vater sagte sie:

»Er ist gar kein Preuß – er ist Hannoveraner. Mußpreuß, hat er gesagt. Grad wie die Kurhessen.«

»Na ja – aber als da oben her – und du hättst auch da unten bei uns einen kriegen können – wenn du nit dein besondere Span im Kopf hättst. Na – ich prophezei Dir nit grad Gutes – und werd die Chagrille nit los, die ich die ganze Zeit schon um dich hab.«

»Die Chagrillen könnt Ihr Euch spar'n, Vater, die dankt Euch der Herodes«, erwiderte die Dorth kurz.

Dann bereute sie die Antwort und fragte in milderem Tone:

»Na, was habt Ihr denn jetzt noch gegen ihn, was dann?«

»Nix« – er verbeugte sich höflich vor ihr – »nix, Madam – alles! Nun laß mir mein Ruh.«

In der Haushaltung ging alles guten Weg. Die Dorth war gleichmäßig, denn sie war gleichgültig. Sie ließ alles an sich vorübergleiten – sie nahm nichts mehr in die Hand – sogar das Gedeck für den Ingenieur ließ sie die Annelies aussuchen. Gleiten, gleiten, laufen lassen – es ging ja doch alles, wie es mußte, und man konnt nichts hindern.

Da hatte man sich vorgenommen, wie man's mit sich halten wollte, hatte sich einen klaren und geraden Weg vorgesehen, wohin man hinaus wollte – und auf einmal war alles nichts. Man war nur ein Kreisel, der aufgezogen worden ist, man konnte sich nicht dagegen wehren, man mußte sich drehen. Drehen, drehen, so wie's die Schnur gewollt hatte.

So fühlte sie sich: ein aufgezogener Kreisel – und sie durfte nicht darüber nachdenken. Dann drehte sich gleich die ganze Welt.

Die Annelies Brabender war mürrisch gegen die Dorth und half ihr nicht bei der Ausstattung. Wenn die Dorth fragte: »Annelies, wie meinst du, soll ich das machen oder das machen?« so bekam sie jedesmal zur Antwort:

»Mach's, wie du willst!«

So mußte die Dorth alles allein besorgen. Sie tat's unfroh und mit widerwilligen Empfindungen oft. Es lag alles so schwer auf ihr, und sie hätte so gerne leicht sein mögen. Hätte wieder sein mögen, wie sie früher gewesen war: lachend und singend und hurtig bei aller Arbeit. Frisch anpacken und rasch zu Ende führen. Aber das war nicht – und es war der Dorth am liebsten, wenn sie ganz stumpf und ohne Gedanken war und gar nicht an früher dachte. Was vorbei war, war vorbei – und wenn sie jetzt ernster und schwerer war, so lag das eben daran, daß sie auch ein paar Jahre älter war. Wenn sie jetzt oben an ihrem Giebelfenster stand, so sah sie die alte Welt nicht mehr. Lauter neue Welt, die ihr nicht lieb war. Die Friedhofsmauer war ganz verdreckt – und nur an der untersten Ecke die Zypresse, die sah man noch hinter den Häusern herausgucken. Die ganz neue Welt, die mußte man freilich von der anderen Seite, vom Kniestockfenster aus, sehen. Und die hatte der Kamper hereingebracht, die war sein Werk. Sollte sie nicht stolz sein dürfen? Man war noch nicht eins damit – aber das würde noch werden. Das Neue braucht Zeit, bis man sich hineingelebt hat. Und hier ist's nicht nur das Neue, es ist das Fremde. Das ganz Fremde. Und wenn erst die Bahn da fährt – Pfeifen, Räderrollen, Fauchen der Lokomotive, Signale, Lärm – wie wird das erst werden. Wie anders war alles früher – wie ist alles anders geworden jetzt! Und so auf einmal!

Sie hat den Weißzeugschrank der Mutter ausgekramt. Lauter selbstgesponnen Leinen, prachtvoll – hier und da ein gelber Streifen im Krach, aber sonst: schneeblütenweiß. So was gibt's heute fast gar nicht mehr, wenn auch noch selbst gesponnen wird. Aber die Leineweber sind anders geworden.

Wie es riecht. So fein nach alt und Schrank – und nach den Kräutern, die die Mutter dazwischen gelegt hat. Sie macht ein Stück auf, da fällt ein Bündelchen heraus. Und manchmal ist ein Bändchen dran – und manchmal hat's auch einen Flecken gemacht.

Sie liebt das so sehr, und wenn sie eine Freude hat, so ist das jetzt ihre einzige.

Sie zeigt es dem Kamper. Der schüttelt den Kopf.

»Riecht's nit gut?«

»Nein!«

»Nein?«

»Ich finde, es riecht nach Totem.«

Sie ist erschrocken, er bemerkt's und es ist ihm leid. »Nun denk doch nur einmal, Kind –« (er sagt in letzter Zeit immer Kind) – »das hat alles so lange gelegen, und die alten Kräuter – im geschlossenen Schrank – da ist es verdumpft und muffig geworden. Du sollst einmal sehen, nach einer frischen Wäsche und einer richtigen Bleiche, dann wird es wohlriechen.«

Wohlriechen – denkt die Dorth – so ein Wort!

»Ja, Bleiche riecht auch gut«, sagt sie, »aber anders. Frisch und neu und als wenn alles von gestern wäre.«

»Aber man wird doch nicht ewig das Alte mit sich herumschleppen wollen. Was geht uns das Alte an – wir sind die Neuen und leben also auch das Neue.«

Einen Augenblick denkt die Dorth, einen wild fremden Menschen vor sich zu sehen. Dann findet sie langsam zu ihm zurück. Wir sind die Neuen und leben das Neue – hatte nicht der Vetterlein einmal zu ihr gesagt: man muß einen Strich hinter sich machen, und war das nicht das gleiche?

Aber sie schmollt doch. Er scheint's aber gar nicht zu bemerken. Es wird Zeit, daß er wieder geht, und er geht, ohne die Sache weiter zu berühren. Die Dorth sieht ihm nach – ihr wird ganz heiß – sie muß sich mit Gewalt zurückhalten, um ihm nicht nachzurennen.

Dann tut sie's doch. Sie hat einen Vorwand. Rasch hat sie ein Stück Brot heruntergerissen, mit Butter geschmiert und eine Schinkenscheibe daraufgelegt. Dann läuft sie ihm nach. Sie möchte gerne Kamper rufen, aber sie geniert sich vor den Leuten, die vorübergehen. Sie geniert sich, vor ihnen den Namen zu rufen. Endlich holt sie ihn ein.

»Du hast dein Vesperbrot vergessen, Kamper!«

Er lächelt und nimmt es.

»Gutes Kind! Ich danke dir, Dorth«, und dann geht er gravitätisch seinen Schritt weiter.

Sie sieht ihm noch nach und steht einen Augenblick ohne sich nur rühren zu können. Sie ist unbefriedigt – ja, sogar beschämt – und sie weiß sich selbst nicht zu sagen warum. Er war doch lieb zu ihr. Aber es ist etwas, das in ihr bohrt. Sie wendet sich um und geht langsam der »schönen Aussicht« zu – und sie weint. Sie weint zum ersten Male, seit sie sich ihm versprochen hat. Es geschieht heimlich, und die Tränen fließen spärlich.

Um so weher tut's.

Der Mutter Wäscheschrank blieb an diesem Tage offen stehen und die Wäsche unberührt. Der »Totengeruch« erfüllte die kleine Stube.

Am ersten September sollte die Bahn eröffnet werden – am Abend sollte dann die Sedanfeier sein, so verband man beides.

Es gab einen bewegten Septemberanfang, denn acht Tage drauf war die Kirchweih – drei Tage lang Festlichkeit und Tanz, und sie würde diesmal noch besuchter werden als sonst, weil die Mainzer zum ersten Male mit der Eisenbahn herauskommen konnten. Es sollte auch in fünf Wirtshäusern Musik sein; im »Engel« in der Brauerei, beim »Gickelschächter«, der einen neuen Saal gebaut hatte und seine Wirtschaft »Zum deutschen Kaiser« nannte, beim Sebastian Horn, der »Der Krieg« genannt wurde, weil er immer Kriegsgeschichten erzählte, als habe er sie selbst erlebt, ohne doch im Krieg gewesen zu sein, und dann, wie seit Großväterjahren, in der »schönen Aussicht«. Aber den Rosenzweig bedauerte man diesmal so halb und halb. Es würde kein gutes Geschäft für ihn werden, prophezeite man. Früher war nur im »Engel« und bei ihm Tanzmusik gewesen. Nun lag er auch noch abseits, durch die Eisenbahn. Der Wagenverkehr hörte dann auf, und statt von ihm aus ins Dorf zu gehen, mußte man vom Dorf aus zu ihm gehen – und das fiel keinem Menschen ein. Wenn sein altes Renommee nicht noch zog, dann konnte er die Fahne für die Tanzmusik diesmal drin lassen und die Musikanten heimschicken. Der »Krieg« und der »Gickelschächter« hatten preußische Militärmusiker engagiert – das Neue zog vielleicht – im »Engel« spielte der Veith Härche mit seiner Kapelle, in der Brauerei der Anderbachs Anton, und so war dem Rosenzweig nichts anderes übrig geblieben, als auswärts auf ein Dorf zu gehen und da zu suchen. Freilich hatte er das Jeanchen von Essenheim gefunden, und der war ein tüchtiger Kerl, er strich fein die Geige, und wenn er die Trompete schmetterte – besonders den »Karneval von Venedig« – dann meinte man, die Wände müßten anfangen, mitzutanzen.

Der Kamper hatte gesagt:

»Wir wollen dann unsere Hochzeit in der Woche nach der Kirchweih halten – dann ist der Festtrubel verklungen, und ich habe meine Arbeit hinter mir und ein Recht, mir das zu gönnen.«

»Gut«, sagte die Dorth, »dann geht's in einem hin.«

Das war eine knappe Antwort, aber er achtete nicht weiter darauf.

Nach einer Weile fragte der Ingenieur doch:

»Oder meinst du, Kind, daß wir lieber noch warten sollten bis Oktober?«

»Nein – warum? Je eher, desto besser!«

»Ja, ich meine auch. Wir könnten dann auch in den Umzug hineinkommen!«

»Umzug?«

Die Dorth machte erstaunte Augen.

Er lächelte überlegen.

»Bist du dumm, Kind? Meine Arbeit ist dann doch hier fertig – ich habe dann hier nichts mehr zu tun.« »Die Eisenbahn wird dann laufen, der Weg ist ihr gemacht – du hast noch nicht nachgesehen, daß die Geleise bereits liegen – was dann noch zu geschehen hat, das besorgen die Eisenbahnbeamten – und ich gehe wo anders hin, wieder eine Strecke anzulegen.« Der Dorth sanken die Arme schlaff auf den Tisch.

»Dann gehen wir von hier weg?« fragte sie tonlos.

»Natürlich«, antwortete er – »möchtest du immer hier bleiben? Vielleicht ziehen wir nach Mainz, vielleicht nach Frankfurt – es kommt darauf an, wie und wo ich beschäftigt werde.«

»Wie die Zigeuner.«

Er war erstaunt über diesen übertriebenen Ausdruck – die Leute hier neigten ja zu übertriebener, starker Ausdrucksweise – verstand ihn aber ganz, als er an seine eigene Herkunft dachte und an die der Dorth, die schließlich die gleiche war. Bauernherkunft. Er sagte:

»Das ist eine altmodische Auffassung, Kind. Die Zeiten sind vorbei. Sonst wäre ich heute noch, was meine Vorfahren alle waren: ein Bauernsasse in Niedersachsen. Heute gehört uns aber die weite Welt, und wir sind daheim, wo wir uns niederlassen. Das müßte doch euch Leuten hierherum am ehesten einleuchten – ihr wart doch nie so abgeschlossen von der Welt und auch nicht so im eigenen Stamm. Es ist doch alles Mischung hier bei euch.«

»Und bei euch?«

»Alles reines Blut – seit alters her von der gleichen Art – immer vom gleichen Stamm – und ohne Weltverkehr.«

Es klang ein warmer Stolz in seinen Worten fein und verhalten mit.

»Du bist aber doch herausgegangen?«

»Es taugt heutigentags nicht mehr, immer auf dem selben Fleck zu sitzen – und das alte Blut braucht neuen Zufluß.«

»So! – Dann ziehen wir von hier weg, wenn ich deine Frau bin?«

»Wie es die Notwendigkeit gebietet.«

»So? – Die Notwendigkeit? Was ist denn das?« »Was sein muß im Leben.«

»Was sein muß – aha! Na ja, was sein muß.«

Sie wiederholte das mechanisch.

»Ich habe so etwas pfeifen hören, jedenfalls werde ich zum Oberingenieur ernannt werden. Ich gebe auf Ehre nichts, du weißt das – ich tue meine Pflicht, wie ich sie tun muß und es von mir selbst fordere – aber –«

Er hielt inne.

»Nun aber, was denn?«

»Ich will nicht, daß du dir falsche Illusionen machst, Kind! Es kann auch sein, daß ich nicht zum Oberingenieur ernannt werde, darum wollte ich nicht fertig sagen, was ich angefangen hatte.«

»Sag's nur fertig, Gott, sag's ruhig fertig.«

»Aber dir nichts Falsches darnach einbilden, Kind.«

»Nein – ich bilde mir gar nichts ein.«

»Nun, dann würden wir uns auch finanziell besser stellen – dann würde ich sogar ein ziemlich hohes Gehalt bekommen, Kind.«

»Ach so – das. Ach, weiß du, Kamper, Gehalt! Das ist so, wie bei den Lehrern und beim Chausseeaufseher – die Leute, die Gehalt kriegen, das sind lauter arme Schlucker. Einen ganzen Monat lang nach der Decke strecken, damit's ausreicht, bis man neu kriegt. Wir nehmen jeden Tag unser Geld ein – was wir essen, das ist im Rauchfang und im Keller –«

Er lächelte. Diese Tonart war doch überall die gleiche, bei allen Bauern. Und zugleich dachte er, daß sich darin auch ein gerader, starker Sinn und Stolz ausdrücke.

Schollenstolz.

»Es kommt auf die Höhe des Gehaltes an – du wirst's schon lernen«, beruhigte er.

»Freilich, was anderes ist's beim Pfarrer – der hat sein Gehalt und das Pfarrgut dabei. Die besten Wingerte in der Gemark – und denk nur, die schönen Obstbäume von hier bis Sörgenloch beinah. Das ist was anderes – und so hätten wir's auch haben können, wenn du hier geblieben wärst.«

»Dafür haben wir anderes.«

»O mein!«

Es schössen ihr die Tränen aus den Augen.

Er sah sie streng an. Sie spürte seine Blicke durch ihre Haare durch, denn sie hatte den Kopf auf ihre Arme gelegt, sie brannten ihr durch die Haut und durch die Knochen. Sie hob den Kopf – unbeweglich ruhten seine Blicke auf ihr.

»Das ist dumm von dir, Dorth – ja sogar verächtlich. Entschuldige! Ich möchte so etwas nicht wieder erleben du bist doch ein vernünftiger Mensch, Kind« – und er strich zage ein wenig über ihre Hände.

Sie griff rasch nach seiner Hand und drückte sie, und die Tränen versiegten ihr.

»Ja, 's war dumm, du hast, glaub ich, recht, Kamper«, und sie hing an seinen Augen mit hilfloser Hingebung.

»Es ist nun gut«, sagte er – und seine Stimme klang begütigend. »Wir sind von so einer verschiedenen und fremden Art – aber das wird sich lernen.«

»Ja«, sagte sie – und sie lächelte dabei.

Eines Tages gaben sich der Ingenieur Kamper und der Ingenieur, der von der Pfalz aus die Strecke ins Mainzerland hereinführte, auf der Brücke des Viadukts der Eulenmühle die Hände. Die beiden Wege waren vereinigt, der von der Pfalz ins Mainzerland, und der vom Mainzerland in die Pfalz. Unterm Viadukt war ein Faß Bier angestochen, und die beiden Arbeitergruppen feierten das vollendete Werk. Einer nahm sein Glas, füllte es und zerschellte es an der Mauer des Viadukts – dann tranken alle einander zu, und die Ingenieure mußten mittrinken. Andern Tags kam der Oberingenieur aus Mainz und nahm die Strecke ab. Dann sauste eines weiteren Tags eine Lokomotive durchs Land – den einen zum Schrecken, den anderen zur Verwunderung – unaufhaltsam, so daß niemand sich das Ungetüm so recht angucken konnte.

Alle Bahngebäude waren bekränzt und beflaggt – viele Häuser der anliegenden Dörfer hatten Fahnenschmuck angelegt. Die Fahne am Rathaus und am Schulhaus war wohl hauptsächlich des kommenden Sedantags wegen herausgesteckt.

Die Arbeit ruhte. Von den benachbarten Dörfern kamen die Leute nach den Stationen, sich das neue Schauspiel anzusehen. Der erste Bahnzug sollte heute das Land durchqueren – die einen sahen ihm mit freundlichen Gefühlen entgegen, andere wünschten ihm alles Unglück – und andere prophezeiten alles Unheil, eine Umkehrung aller Verhältnisse für das Land. Alle aber waren neugierig und über die geleistete Arbeit erstaunt.

Der Kamper war in seinem besten Staat schon früh weggegangen. Er schritt noch einmal seine ganze Strecke ab, besichtigte den Tunnel und kehrte dann auf dem gleichen Wege zur Station zurück.

Um zehn Uhr sollte da der erste Zug ankommen. Die Dorth stand mit dem Vetterlein am Fenster der Kniestockstube. So hatte es ihr auch der Kamper geraten. Sie standen da und warteten. Unten vorm Hause machte sich der alte Rosenzweig zu schaffen. Die Wirtsstube war brechend voll.

Um dreiviertelzehn traten alle Gäste heraus auf die Straße. Auch die dicke Annelies Brabender erschien in der Haustür. Das mußte sie doch auch sehen, obschon sie längst nicht mehr neugierig war.

Plötzlich gab's einen dumpfen, rollenden Ton – fern und gedämpft, ohne daß etwas zu sehen gewesen wäre – die Dorth sah dann die Lokomotive zuerst – und richtig, scharf fuhr sie auf die »schöne Aussicht« zu – dann ein Pfiff, der seltsam übers Tal hinrollte und hart in den Ohren gellte – der alte Rosenzweig hielt sich beide Ohren zu – der Zug wendete und bog über den »hohen Damm«. Alle schrien auf. Wie er die Biegung machte, schien's, er schwanke und müsse die steile, hohe Böschung herunterstürzen. Aber er fuhr den Bogen schön aus – und gerade auf der Höhe der »schönen Aussicht« tat die Lokomotive einen zweiten Pfiff mit einem schwächeren Nachschlag – der Kamper hatte das alles so vorausgesagt – das Signal für die Station – die Fenster klirrten und der Boden zitterte, die Maschine fauchte – weißer, fetter Rauch zog übers Land hin – und die Räder ratterten – dann sah man die letzten Wagen zwischen den ausgegrabenen Böschungen verschwinden.

Drunten gab's ein Stimmendurcheinander.

Die Dorth und der Vetterlein hörten oben, wie Leute, besonders ältere, sich verschworen, nie in der Eisenbahn zu fahren, weil das über den »hohen Damm« zu gefährlich sei – andere wollten's erst recht wagen.

Nun konnte man auch darüber sprechen, wie der Zug ausgesehen hatte.

»Was hat denn auf dem Schild gestanden, das vorn auf der Lokomotive war? Konnten Sie's genau sehen?« fragte die Dorth den Vetterlein.

»›H. L. B. G.‹ – die Anfangsbuchstaben von ›Hessische-Ludwigs-Bahn-Gesellschaft‹ – und drunter ›Glück auf!‹«

»Haben Sie gesehen, wie die Maschine bekränzt war?«

»Die Wagen auch.«

»Besonders der feine gelbe.«

»War der Hofwagen – Kamper hat mich drauf aufmerksam gemacht«, erklärte der Vetterlein. »Man hat vermutet, Prinz Ludwig und seine Gemahlin, die Prinzessin Alice, werden die erste Fahrt mitmachen. Sonst nur der Verwaltungsrat, die hohen Beamten, Vertreter der Regierung, Kreisrat und Oberbürgermeister von Mainz, ein hoher Militär und dann die Aktionäre, die den meisten Einfluß haben.«

Auf dem Ebersheimer Berg knallten die Böller.

»Richtig also, der Prinz und die Prinzessin sind wirklich im Zuge. Jetzt ist das Hoch ausgebracht worden. Schade, die Prinzessin Alice hätte ich gerne gesehen, sie muß eine gute Frau sein – sie hat schon viel Gutes getan«, sagte der Vetterlein.

»Siebzig? für die Verwundeten?« fragte die Dorth.

»Siebzig auch, aber immer, auch jetzt noch. Man sieht's übrigens an ihrem Bilde, daß sie gut sein muß. Betrachten Sie nur mal ihr Bild drunten in der Wirtsstube.«

»So? Sieht man das? – Bin ich gut?«

Sie errötete ein wenig beschämt.

»Sie? Wenn Sie gut sein wollen.«

»Aber Sie sind gut – jetzt seh ich's Ihnen am Gesicht an.«

Er lächelte.

»Gott ich – bei mir ist das schon mehr etwas anderes, Dorthchen.«

Die Böller knallten wieder. Dann ein Pfiff. Hu, wie der übers Land rollte! Und das Poltern, das hinterher kam, und hinter den Häusern breit aufsteigender, schwarzer Rauch, der den Himmel verdeckte.

»Und das jeden Tag so?« fragte die Dorth.

»Jeden Tag, natürlich.«

»Wie schön war's früher.«

Hinten sah man den Zug laufen – gerade, wo er an der Eulenmühle vorbeibog.

»Es war so schön still gewesen draußen an der Eulenmühl, früher.«

»Entwicklung, Dorthchen – was fragt die nach schön und still. Die fragt nur nach dem, was notwendig ist.«

»O Gott – das sagen Sie auch?«

»Wer sagt das noch?«

»Kamper.«

»Es ist richtig.«

»Daß auch Sie das sagen! Nein, von Ihnen hätt ich das nie gedacht – nie, nie. Mir will das nit in den Kopf hinein, so viel ich mich auch abquäl.«

Der Vetterlein schlug ihr ein paar Mal leicht auf die Schulter.

»Beruhigen Sie sich, Dorthchen, das kommt ganz von selbst. Das ist so stark, daß es ganz von selbst kommt.«

Unten an der Stiege stieß der alte Rosenzweig zu ihnen.

»Na – hast du's gesehen, Dorth? Das hat uns dein Kamper beschert. Merci für so ein Spektakel.«

»War's der nicht, war's ein anderer, Herr Rosenzweig«, begütigte der Vetterlein.

Der Alte ging knurrend an ihnen vorüber.

Daß der Kamper ihr das einmal gesagt hatte: abends vom Fenster aus zu sehen, wie der Zug da oben sichtbar wurde, ehe er auf den »hohen Damm« einbog. Seit dem zweiten September war regelmäßiger Zugverkehr. Der letzte Zug aus Mainz kam abends um neun. Gleich am ersten Abend hatte die Dorth oben am Fenster gestanden und hatte hinausgesehen. Plötzlich brennen zwei große Lichtaugen aus dem Nachtdunkel und stieren das Haus an und fahren direkt darauf zu. Es ist, als ob man ihnen entgegenstürzen müßte – dann der Pfiff – und sie biegen ab. Wegen des »hohen Dammes« ist die Dorth ganz sicher, da hat sie der Kamper ganz sicher gemacht. Einmal hat sie auch den Frühzug kommen sehen – es war fast noch unheimlicher – er war mehr mit dem Nebel verwachsen – man sah nicht nur die weißen Lichtaugen – man sah noch einen Schatten von dem dunklen Körper, der ihnen nachglitt. Es lief der Dorth kalt über den Rücken – die Augen wurden ihr groß und heiß.

Die Kirchweihwoche.

»Ich hab kein Spaß an der Kerb diesmal«, sagte der alte Rosenzweig.

»Ich auch nit, Vater. Ich weiß nit, 's ist uns was verdorben, ist mir's.«

»'s ist dein Hochzeit.«

»Nein, 's ist die Bahn.«

»Kein Mensch wird zu uns komme.«

»Auch gut, verhungern tun wir deshalb nit.«

»Weißt du was, Dorth – wann du 'nüber zu 's Goschels gingst – die Marie tät uns am End helfen – nur an der Kass'.«

»Na ja. Wenn aber kein Leut kommen?«

»Für alle Fäll. Und grad, wann kein Leut komme, dann ist's doch nit ein wildfremder Mensch – und die Marie geht wieder heim, wann nix zu tun ist. Extra austragen wird die ei'm doch nit.«

Die Marie sagte zu.

Ihre Ausstattung hatte die Dorth die ganze Zeit liegen lassen – sie hatte auf einmal nicht mehr gekonnt. Auch das schöne »Gebild«, das die Mutter bei ihrer Aussteuer gehabt hatte, davon heute noch die Leute erzählten, konnte sie nicht verlocken. Dann waren auch die Vorbereitungen für die Kirchweih dazwischen gekommen. Kuchen, Braten, Würste, Hähnchen, Enten, Schinken, die Brote – dafür hatte sie all zu sorgen.

Gewiß hätte das die Annelies allein machen können – aber die Dorth wollte ihr kein gut Wort geben. Ihre Beine trugen sie fast nicht mehr. Manchmal war ihr, sie bekomme einen Schwindelanfall. Und doch war ihr auch, sie möchte am liebsten laufen, nur immer laufen, um keinen Mensch sich kümmern, grad in die Welt hinein – immer weiter, unaufhörlich. So war ihr immer, wenn sie innerlich auseinander geraten war; dann war ihr, es gab keine Ruh mehr für sie, und sie müsse anfangen zu laufen. Nur zu laufen. Die Welt ging mit ihr herum, und sie mußte sich hinsetzen von Zeit zu Zeit. Die Annelies ging ein paar Mal an ihr vorbei und wollte ihr helfen – aber sie hatte auch ihren Kopf, sie tat ihr nicht die Gönn an, sie anzureden.

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