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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dann wurde es doch besser. Langsam erst, dann aber mit jedem Tag. Es ist, wie wenn ein junger Gaul eingefahren wird. Erst will er nicht in den Zaum, dann nicht in das Kummet, dann schlägt er aus, wenn er in die Deichsel soll. Aber dann, nach dem ersten Peitschenknall und Zungenschnalzen und Zug am Leitseil, der ins Gebiß geht, dann ist's ein Toben über alle Maßen: vorn in die Höhe, hinten in die Höhe, beißen und schmeißen – der Bauer kennt das – aber die Peitschenschnur macht fortgesetzt ihre Kreise und Schlingen und Windungen in der Luft, und hat diesen feinen, ziehenden, schneidenden Ton, und das Leitseil wird um so fester angezogen, je höher sich das Tier aufbäumt, je unbändiger es sich gebärdet. Und auf einmal rennt's los, und ist vielleicht erstaunt, daß hinter ihm der Wagen mitläuft – und nach einer Strecke ist's mit dem Staunen vorbei, es spürt, daß es nicht weitergeht, wenn es den anhängenden Wagen nicht richtig zieht. Und sich nicht seinethalben bemüht, statt an seine Freiheit zu denken – und dann ist's auch schon ein wenig vorbei mit dem wilden Gefühl – die Ohren stehen noch gespannt, die Augen funkeln, die Nüstern sind gebläht und die Lefzen schäumen – aber es setzt ein anderer Takt ein – die Knie gehen nicht mehr so hoch, das Tempo wird immer langsamer und gleichmäßiger – überm Haupte die ziehenden, schneidenden Töne der Peitschenschnur, die unaufhörlich in der Luft kreist – dann ruhiger Schritt und steter Zug. Der Gaul ist eingefahren – er wehrt sich nicht mehr gegen Zaum und Kummet, er läßt sich in die Deichsel hufen beim ersten Zungenschnalzer zieht er an – die Peitsche sieht er nun nicht mehr und hört sie auch nicht, aber er weiß, daß sie da ist – und er geht in stetem, ruhigem Schritt und zieht seinen Wagen und schlägt alle Biegungen, Richtungen und Gangarten ein, die der Lenker nur andeutet. Es ist kein Wort gefallen zwischen der Dorth und dem Ingenieur, aber sie geht wie an seinem Zügel, wie nach seiner Peitsche. Sie muß, sie kann nicht anders, er hat sie in seiner Gewalt, und er hat Gewalt über sie, nur dadurch, daß er da ist, daß er sie ansieht und daß sie von ihm weiß, wie stark und unnachgiebig und beherrschend er ist.

Wie er angesehen ist bei den Arbeitern und sicher in seiner Arbeit.

Mit dem Vetterlein und dem Ingenieur ist die Dorth eines Nachmittags in der Kniestockstube oben, von deren Fenster aus man nach Klein-Winternheim zu sehen kann, von wo der Damm hergeführt wird, um dann oben, gerade der »schönen Aussicht« gegenüber, am Fuß der Weinberge in geringer Aufschüttung weiter zu ziehen, bis er hinter den ersten Häusern des Dorfes verschwindet, immer niedriger wird, bis, wie der Ingenieur erklärt, die Steigung des Bodens oberhalb der Dorfmühle so stark ist, daß tief ausgegraben werden muß, um die Bahnlinie möglichst ohne Steigung, eher mit einem leichten Gefäll, in einem Bogen um das Dorf herumzuführen, nach der Station zu. Der Ingenieur erklärt, wie da Steigung und Gefäll ausgeglichen werden müssen, so daß, wenn die Station passiert ist und die Bahnlinie unter der Brücke der Sörgenlocher Chaussee hingeführt ist, gleich wieder eine ziemliche Aufschüttung mit einem Damm geschehen muß. Es ist durch die verzwickte Bodengestaltung Rheinhessens hier umständlicher als sonst.

Die Unterschiede von Berg und Tal – die »Berge« sind ja nur Hügel – sind nicht so sehr groß, aber dafür viel häufiger.

»Doch«, meint der Ingenieur, »das macht ja die Aufgabe gerade interessant. In der Ebene bauen, dazu gehört nichts – das hat keinen Reiz.« Die Dorth muß seinen Erklärungen, die ganz knapp und sachlich gehalten sind, zuhören, als säße sie wieder auf der Schulbank. Er spannt einen förmlich – und was liegt ihr im Grunde an den ganzen Bahnarbeiten. Wenn sie fertig sind, wird sie's schon sehen, wie die Bahn läuft, und ob Gefäll oder Steigung, das ist ihr ganz egal, wenn der Zug nur weiter kann, nicht stecken bleibt und nicht vom Damm fällt. Und wenn er gar von Graden redet, von Plus und Minus, das sind ihr ganz und gar spanische Dörfer, und sie steht davor wie der Ochs am Berg; aber trotzdem muß sie doch zuhören, das liegt so in seiner Art wieder. Sie sehen zum Fenster hinaus. Man sieht die Telegraphenstangen längs der Strecke schon aufgerichtet, man sieht gerade da, wo die Biegung des hohen Dammes beginnt, das Bahnwärterhäuschen sich erheben, das schmuck aussieht in seinem roten, behauenen Sandstein.

»Gerade am hohen Damm ist die größte Biegung«, bemerkt der Vetterlein.

»Die größte nicht, die schärfste nur«, verbessert der Ingenieur.

»Das meinte ich«, bestätigt der Vetterlein.

»Ja, war aber unumgänglich notwendig – und machte gerade die Schwierigkeit. Was Sie jetzt noch nicht sehen – reihenweise ist der ganze Damm die Böschung herunter gerade an den gefährlichsten Stellen mit Weiden bepflanzt. Das befestigt die Schichten«, erklärte der Ingenieur.

Nun sah die Dorth schärfer hinaus, und ihr Auge lief die ganze Linie entlang, die der Damm in die Landschaft einzeichnete.

»Man meint gerade, es müsse direkt auf uns zukommen, wenn man so da oben hinguckt, wo das Häuschen steht«, meinte sie.

»Aber der Herr Ingenieur ist rechtzeitig abgebogen«, lächelte der Vetterlein.

»Ja«, sagte der Ingenieur, »die Linie geht erst wohl genau auf Ihr Haus zu, Fräulein, wir konnten wegen der Station, die dahinter liegt, nicht früher abbiegen.«

»Nun ja, ich meinte nur«, erwiderte die Dorth.

»Es wird noch deutlicher sein, wenn die Schienengeleise liegen. Sie werden sie von hier aus genau parallel auf sich zuführen sehen – und wenn die Züge fahren, sagen wir in der Nacht, wenn alles dunkel ist – und Sie stehen hier, so werden Sie meinen, die Lokomotive rast direkt auf Sie zu.«

Die Dorth sah hin und unterlag der Vorstellung des heranrasenden Zuges. Sie wußte ja, wie eine Bahn fährt und wie eine Lokomotive über die Schienen hinsaust und wie sie des Nachts die beiden großen Lichter vorn hat, die so scharf ins Dunkel stechen. Das hatte sie in Mainz schon gesehen, und wenn der Zug über die eiserne Brücke fuhr, flehte man zu Gott und allen Heiligen.

»Kann hier leicht was passieren?« frage sie.

Der Ingenieur zuckte die Achseln.

»Passieren? – passieren kann überall etwas. Vorsicht ist freilich geboten. Sie werden immer ein Signal von der Lokomotive hören, einen kurzen, scharfen Pfiff, wenn der Zug von Mainz kommend hier einbiegt – genau an dieser Stelle – dann ziehen die Bremser die Bremsen ein wenig an – denn obschon sich der Damm selbst hier immer mehr erhöht, die Strecke hat hier doch Gefäll. Bei schweren Güterzügen also, die umgekehrt nach Mainz fahren von hier aus, hat hier die Lokomotive etwas zu ziehen und wird gehörig schnaufen. Bei Personenzügen wird's nicht viel ausmachen. Aber es war unvermeidlich. Wie gesagt, es ist eine schwierige Bodengestaltung hierzulande.«

Die Dorth blickte noch nach der Wendestelle da oben hin, als der Vetterlein dem Ingenieur auf die Schulter klopfte und sagte:

»Ein Arbeitchen – ein Arbeitchen, das Sie da geschafft haben, Herr Kamper. Na, wenn die Züge fahren, sehen wir's uns noch mal von hier aus an. Was alles heute geleistet wird – nein, wenn das unsere Großeltern sehen würden, sie würden's nicht glauben. Was die Welt für Fortschritte macht, und was sie gerade in den letzten Jahren für Fortschritte gemacht hat, wenn man bedenkt!« Der Kamper schwieg – die Dorth sah ihn von der Seite an.

Nun ja, dachte sie, wenn einer so einen Kopf hat, so Augen, so eine Nase und so eine Stirne, so einer kann alles. Was kein Mensch möglich gehalten hätt.

Sie gingen hinunter.

»Sind Sie nicht selbst überrascht, Herr Ingenieur?« fragte der Vetterlein, als sie die Stiege hinuntergingen.

»Überrascht«, antwortete er, »was heißt das? Eigentlich, Herr Lehrer, mich überrascht nichts.« Man hat eine Möglichkeit erkannt – also sinnt man auch die Mittel aus, wie man sie verwirklichen kann – man wird das in zehn oder zwanzig Jahren noch besser machen als heute. Man sieht ein Ziel, also sucht man es zu erreichen. Dabei überrascht mich nichts. Man führt aus, was man will, was man sich vorgesetzt hat, auszuführen. Für meine Begriffe sind Wille zum Werke und Ausführung des Werkes gar nichts Geteiltes, sondern eines und dasselbe. Also werden Sie verstehen, Herr Vetterlein, daß mich da nichts überrascht. Ich habe darum einen aktiven Beruf – Sie haben als Lehrer weit mehr einen passiven, wenn ich so sagen darf – und da gilt's immer, Ziele stecken, Visieren auf das Weitere und Höhere. Darin sehe ich die Zukunft unseres Berufes, oder vielmehr: daß unser Beruf die Zukunft hat, weil wir können, was wir wollen, einfach deshalb, weil etwas Wollen etwas Können heißt.«

»Hm, hm, die Herren Ingenieure«, kicherte der Vetterlein. »Wie hat einmal jemand gesagt: die Pioniere der neuen Zeit. Nun ja, man muß die Anlage dazu haben und den Mut zu wagen. Freilich, da haben Sie recht dagegen ist mein Beruf ein passiver Beruf. Aber sagen Sie, muß es nicht auch solche Berufe – und – sagen wir: solche Menschen geben?«

»Es ist nichts ausschließlich in der Welt«, antwortete der Ingenieur.

Auf der untersten Stufe der Stiege, wo der Ingenieur stehen geblieben war, faßte er den Lehrer noch einmal an der Schulter und sagte:

»Aber was ich gesagt habe« – er errötete dabei ein klein wenig – »ist im allgemeinen gemeint. Das heißt: es betrifft meinen Stand, nicht mich.«

»Na, na«, erwiderte der Vetterlein, »wir haben alle etwas vom Allgemeinen unseres Standes auch im Besonderen. Im ganz Besonderen sogar, Herr Ingenieur Kamper.«

»Ich gebe das zu.«

»Sie haben recht, geben Sie's zu. Gerade Sie müssen's zugeben.«

Sie waren nun in der Wirtsstube angelangt. Die Dorth war hinter die Einschenke getreten. Sie hatte nicht ganz verstanden, was er gesagt hatte, aber es schienen ihr starke Worte zu sein, wie mit dem Hammer geschlagen. So lagen sie auch auf ihr, und sie mußte beständig über sie nachdenken, ohne sie dadurch klarer in sich bringen oder bewältigen zu können. Sie waren wie eine Macht wie die Vorstellung des aus dem Tunnel rasenden Bahnzugs, der direkt auf ihr Haus zufuhr.

Wie das sein würde, wenn es mal wirklich war! Es gruselte ihr fast ein wenig davor – und der »hohe Damm«. Wenn sie nur an die Rheinbrücke dachte, überlief sie ein Schauder – und auch noch jeden Tag das so vor Augen haben. Und er fand gar nichts weiter dabei. –

Er hatte mehr gesprochen, als das sonst seine Art war allerdings, mit dem Vetterlein war er ja eher gesprächig. Was sie aber auch noch quälte: er hatte sie auch keinen Augenblick, nicht den kleinsten, dabei angesehen, selbst nicht, wie er ihr etwas erklärt hatte, und als er auf der untersten Stufe der Stiege stehen geblieben war, hatte sie doch neben dem Vetterlein gestanden – im Hausgang, eine Stufe tiefer.

Mißachtete er sie am Ende? Das durfte er nicht. Sie wollte nicht übersehen werden von ihm, sie wollte in seinen Augen auch ihre Geltung haben.

Von diesem Tage an bemühte sie sich besonders um den Ingenieur. Sie sah ihm seine Wünsche an den Augen ab, sie bereitete ihm selbst sein Essen, sie deckte ihm schön und suchte Teller, Messer und Gabel extra für ihn aus, damit ihm nichts Verbrauchtes vorgestellt werde.

Aber er blieb sich ganz gleich, kurz, höflich, freundlich, ohne rechte Wärme und ganz selbstverständlich in der Hinnahme von allem; aber niemals vertraulich.

So kam nach kaum erworbener Ruhe wieder eine Unruhe in die Dorth. Manchmal besann sie sich auf sich selbst. Was sie denn wollte, fragte sie sich. Aber immer wich sie der Antwort aus. Es blieb bei der Frage. Bis sie sich eines Tages sagte:

»Ich glaub, ich könnte ihn umbringen. Ich glaub, er ist mir widerlich, und ich hasse ihn.«

Sie biß sich die Lippen wund. Sie hätte weinen mögen, vor purer Wut auf ihn.

»Weil er so ist – so – ich weiß nit – so wie eine Mauer, an der man sich den Schädel einrennt. Ich dumm, einfältig Ding, warum renn ich denn immer wieder dawider?«

Aber wie sie sich's auch vornahm, fest und heilig, und so oft auch, wie Stunden im Tag waren, gar nicht mehr herbeizugehen, wenn er kam, es half nichts. Sie ging doch immer wieder herbei – und wenn man ihr auch alle Türen zugehalten hätte, sie hätte nicht draußen bleiben können. Es war kein Locken, keine Neugier, keine Lust, es war einfach ein Muß.

Dann schmückte wieder Pfingsten die Flur.

Wie rasch die Zeit verging!

Nun war Sattler Beckers Garten vom Haus aus nicht mehr zu sehen, es waren Häuser dahingebaut – und auf der anderen Seite der Straße standen sie dicht nebeneinander bis beinahe heraus zur »schönen Aussicht«, so daß die in ein paar Jahren, wenn's so weiter ging, gar nicht mehr allein stand, sondern mit dem Dorf verbunden war.

War sie blind gewesen die Zeit her? Schon wieder Pfingsten – und war kaum erst Ostern gewesen und kaum erst Weihnacht und kaum erst Kirchweih – kaum erst der Krieg und die Heimkehr der Truppen – und kaum erst, daß sie an einem Totenbett gestanden hatte. Sechs Jahre waren das her – und war ihr doch, als sei's gestern gewesen – und was war nicht alles geschehen in der Welt seither! Nun war alles anders – und war sie selbst anders.

Sah ihr die Welt schöner aus? Sie sah nur fremder aus. Da unten waren noch die Wiesen, wie sie gewesen waren, und da oben die Weinberge, wie sie gewesen waren – aber das Bild des Dorfes war anders – überall neue Häuser und da hinten, fast so hoch wie der Kirchturm, der Schornstein der Schottschen Düngerfabrik, die erste und einzige Fabrik in der ganzen Gegend, und hier die Bahnlinie, der »hohe Damm« und die kahlen Telegraphenstangen und der Viadukt über die Mainzer Chaussee, der nächstens fertig werden sollte.

Aber das war nicht alles. Da war noch etwas, und das lag in ihr, daran durfte sie gar nicht denken. Und das mußte eines Tages sich erfüllen, und sie mußte ihm seinen Lauf lassen und konnte sich nicht dagegen wehren. Es wurde alles in der Welt, wie es werden mußte, und der Mensch ist nur ein Werkzeug, ist nur ein Ball, der fällt, wie er geworfen wurde, und der einmal fallen muß, wenn er geworfen worden ist.

Die Annelies Brabender hatte recht: »Es kriegt jed Dippchen seinen Sprung, und das eine geht ganz kaputt davon, und das andere hält alle neuen aus. Die Menschen sind auch nit anders – sie meinen nur, daß sie anders wären. Aber was meinen die Menschen nit alles in ihrem Hochmut.« Der Viadukt war fertig.

Er war gleich neben dem Goschel seinem Haus.

Etwas Dummes war vorgekommen. Vielleicht um sich einen Scherz zu machen, vielleicht auch aus purem Aberglauben: ein Italiener hatte gesagt, ehe ein Mensch drüber gehe, müsse man ein Tier drüber treiben – das wende Unglück ab. So war heimlich dem Goschel seine Geiß aus dem Stall geholt worden. Aber sie ließ sich nicht drüber treiben – es hätte sie höchstens einer drüberziehen müssen. Da war er ihr aber voraus gewesen und der erste, der über den Viadukt gegangen wäre. Das war nicht die Absicht. Aus den vergeblichen Bemühungen mit dem Tier wurden bald Belustigungen, die im Gelärm und Gelächter sich äußerten. Die Blume Marie wurde dadurch aufmerksam und bemerkte, daß man ihr die Geiß aus dem Stalle geholt hatte und mit ihr manipulierte. Das machte den Ingenieur oben in seiner Stube aufmerksam, der gerade an einem Bericht nach Mainz über die Fertigstellung des Viaduktes schrieb und um die behördliche Abnahme bat.

Die Marie schimpfte hinauf, die Italiener antworteten italienisch – die eine Partei wußte, daß die andere schimpfte, diese andere bemerkte, daß ihr Schimpfen nicht den gewünschten Eindruck hervorrief, und daß man nur über sie spottete.

Der Ingenieur kam, stieg den Damm hinauf und stand vor seinen Arbeitern, die in ihrer Verblüffung nicht wußten, was mit der Geiß anfangen.

Es dauerte lange, bis er eine Erklärung herausbrachte. Keiner wollte Farbe bekennen. Endlich setzte ihm der Machetti in gebrochenem Deutsch den Sachverhalt auseinander. Der Ingenieur hatte Mühe, das Lachen zu verbeißen, so belustigend klang die Erzählung. Er wollte schon fordern, daß man die Geiß wieder hinunterschaffe und in ihren Stall stellte. Da kam ihm die ernste Seite der Sache zum Bewußtsein: der Aberglauben. Man konnte nicht wissen, wie stark die Leute daran hingen – die Zweisprachigkeit verwischte so ganz und gar den Ernst – und ob nicht etwas Bohrendes oder Unruhiges in ihnen bleiben würde.

»Nehmen Sie die Geiß, Machetti«, sagte er, »und gehen Sie mir nach.«

Er schritt als erster über den Viadukt – hinter ihm kam der Machetti mit der Geiß.

Er mußte sich innerlich selbst belächeln über den Ernst, mit dem er das getan hatte. Wie oft war er schon über den Viadukt geschritten, wenn er die Arbeiten nachgesehen hatte. Also war's doch dumm von ihm gewesen, dem Scherz der Leute einen besonderen Sinn zu unterschieben.

Er drehte sich um und sah nach den Arbeitern, die auf einem Haufen auf der anderen Seite standen. Sie lachten nicht mehr. Sie guckten ihn grinsend, wie ihm schien, mit scheuen Augen an.

»Dummes Volk!«

Während der Machetti die Geiß den Damm hinunter führte, ging er wieder über den Viadukt zurück und sagte:

»So, nun sind wir damit fertig, und der Teufel mag seinen Anteil haben.«

Der Machetti war unten stehen geblieben und hatte gehört, was er gesagt hatte.

Der Ingenieur ging weg. Unten traf er sich mit dem Machetti.

»Das hätten Sie nicht sagen sollen, Meister«, sagte er.

»Ist nicht gut.«

In der Tat redete sich die Geschichte herum, in einer ganz übertriebenen Weise. Sie war nun ganz ohne Scherz. Die Fremden hatten den Leuten des Dorfes etwas Geheimnisvolles hineingetragen, worauf deren lebensleichter Sinn nie gekommen wäre – und der Ingenieur bekam dadurch so einen Anstrich, der nicht eigentlich etwas Geheimnisvolles hatte, der ihm aber doch so etwas gab, das seine Persönlichkeit zu einer besonderen machte. Man konnte hier nicht mehr an einen Bund mit dem Teufel glauben, danach war der Sinn der Leute nicht eingestellt – aber in Verbindung mit der Erzählung vom Verhalten des Ingenieurs bei der Fertigstellung des Tunnels bekam er bei der schon vorhandenen Autorität seiner Person noch so einen Schein des Legendären, dieses schaffend Wichtigen – es sonderte ihn nur noch deutlicher von den übrigen Menschen, von denen er sich schon genugsam unterschied.

Die Bahnarbeiten schritten rasch voran. Jeden Tag waren Neugierige draußen, die sich weiter vorwagten, wenn die Arbeiter allein waren, sich respektvoll zurückhielten, wenn der Ingenieur da war.

»Der Ingenieur!« – das war geradezu ein Warnruf geworden.

Die Fackeln brannten, dunkel rauchend, in die stille, klare Julinacht. In den Gärten dufteten die Rosen – über die Sterne glitten die zarten Wölkchen hin, die ihnen Grüße zubrachten, vom einen zum andern. Das ganze Dorf war auf den Beinen. Man war bei den Ausgrabungen auf eine Wasserader gestoßen, ein artesischer Brunnen sprang aus der Erde, ein natürlicher Springbrunnen, der nicht wenig Wasser auswarf. Und ringsum quoll es in kleinen Sprudeln aus der Erde. Der Ingenieur war schon drei Tage lang zu keiner Ruhe, nicht aus den Kleidern gekommen. Das Wasser mußte aufgefangen und in genügender Tiefe unter der Bahnstrecke abgeleitet werden.

Die Arbeiter glaubten nicht an das Gelingen. Die Einheimischen sprachen wegwerfend von der ganzen Anlage, und der alte Rosenzweig meinte:

»Seiner Lebtag fährt da kein Eisenbahn. Hier unser gut alt Chaussee, die ist sicher – und gibt's auch mal ein Gewitter, das ein Stück durchreißt, das läßt sich leicht ausflicken. Aber die Geschieht mit der Eisenbahn, die war mir von Anfang an zu unsicher. Jetzt ist die Bescherung da. Proste Mahlzeit!«

»Der ganze Boden ist ein Wasser«, sagten die Leute.

»Das Loch, das auf der einen Seit zugestopft wird, geht auf der andern wieder auf. Und wo soll da der Halt herkommen!«

»Könnt jeder kommen«, meinte der alte Rosenzweig, »wann das so leicht war. 's hat noch keiner aus 'ner Gelberüb eine Dickwurz gemacht. Naß is nit trocken.«

Ja, aber der Kamper bewältigte auch das. Es war in der vierten Nacht, da ließ er die Ableitung des Wassers überschütten. Es ging gegen den Morgen. Im Dorf krähten die Hähne, es fiel ein leichter Sommerregen, und die Fackeln knisterten und qualmten.

»So, Leute«, sagte er, »nun gehen Sie heim und ruhen Sie. Wir haben alle die Ruhe verdient. Um zehn Uhr fangen wir erst wieder an.«

Im Morgengrauen gingen Zuschauer und Arbeiter heim.

»Er hat's doch gepackt«, hörte man sagen.

Der Kamper ging auch. Als er sich anschickte, die Böschung hinaufzusteigen, blieb er einen Augenblick stehen und sah hinauf.

Da gewahrte er unter den Zuschauern die Dorth, die sich eben zu verbergen suchte.

Er stieg hinan, und oben schritt er sogleich auf die Dorth zu, die sein Blick sofort gefunden hatte.

»Darf ich Sie heimbegleiten, Fräulein?«

Sie ging neben ihm her. Sie gingen die Bahnstrecke entlang, sich immer mehr vom Dorfe entfernend, in den stillen, grauenden Morgen, der einen feuchten Regenduft hatte. Hinter ihnen lagen die Gärten, in denen die Rosen dufteten – die Luft war erfüllt vom Geruch der verrauchenden Fackeln.

Der Dorth schlug das Herz hoch. Die Brust tat ihr weh, die Kehle war ihr beengt. Aber sie wagte nicht tief auszuatmen, zu seufzen. Sie wagte kein Wort zu sprechen. Auch der Ingenieur sprach nichts. Es war eine Spannung zum Zerreißen.

Er blieb stehen und sah sie an. Es war ein tiefer, großer Blick, mit dem er sie ganz in Besitz nahm. Sie spürte das – halb ängstlich, halb beschämt. Sie senkte die Augen vor ihm.

So standen sie eine kurze Weile. Sie schlug die Augen zu ihm auf, hoch und groß. Und er stand noch so vor ihr, wie er vor ihr gestanden hatte, mit dem gleichen unentrinnbaren Blick, der sie wie an Ketten zu ihm hinzog. Es schien ihr eine Ewigkeit, eine unendliche, ewige Ewigkeit.

»Fräulein Dorth, wollen Sie meine Frau werden?« fragte der Kamper, und jedes Wort war schwer.

Einen Augenblick war ihr, als müßten all ihre Poren bluten. Dann warf sie sich an seine Brust, wie in einer Erlösung, wie in wilder, entfesselter Leidenschaft.

»Ja?« fragte er.

Sie nickte nur. Dann küßte er sie auf die Stirne, und dann hatte sich Mund zu Mund gefunden, und die Dorth küßte so heiß, daß der Ingenieur fast darüber erschrak, wie stürmisch sie war. Rheinhessenblut, das geweckt war – aber noch mehr als das: der Ausbruch von so viel Unbestimmtem, Dumpfem, Widersprechendem und Gespanntem in der Dorth, davon sie hingerissen und vollständig überwältigt wurde.

Dann faßte sie sich und blickte scheu und beschämt zu ihm auf. Er war ganz bleich, abgezehrt, und die Augen lagen in tiefen Höhlen. Auf seiner Stirne sah man die kleinsten Adern deutlich blau gezeichnet, wie das Netz der Schmetterlingsflügel, und seine Nasenflügel zitterten.

»Dorth«, sagte er.

Sie sah ihm frei und voll ins Antlitz.

»Ich hab gewußt, daß du Ja sagen würdest«, sprach er langsam und unbewegt.

Ihr war das wie ein Peitschenhieb – als müßte sie sich vor ihm zusammenducken wie ein geprügelter Hund. So unheimlich war er in seiner Gewißheit, und sie hatte Angst vor ihm. Aber sie wollte jetzt keine Angst haben. So umschlang sie ihn mit einer raschen und starken Bewegung und sagte fast stöhnend:

»Kamper.«

»Ich heiße Karsten«, sagte er. »So hat mein Vater geheißen und mein Großvater – und noch weiter zurück. Das ist so bei uns – wir sind Niedersachsen, ein altes Bauerngeschlecht. Ich bin der erste, der der Scholle untreu geworden ist!«

Er sagte das nicht ohne Bewegung – mit mehr Wärme wenigstens, als er sonst hatte.

Die Dorth hielt sich aber nicht sehr daran. Es klang ein wenig an ihren Ohren vorbei.

Karsten, hatte er gesagt – das war wie Kamper. Karsten war kein Vorname, das war ein Zuname – den konnte sich nicht sagen – da blieb sie bei Kamper.

»Hast du nicht noch einen Namen?«

»Johannes. Johannes Karsten heiße ich.«

»Johannes? Das paßt nicht für dich. So kann ich dich nicht nennen. Ich nenne dich Kamper.«

»Ich nenne mich auch nie Johannes.«

So nannte sie ihn mit dem Zunamen, und er hatte nichts dagegen einzuwenden.

Sie waren der »schönen Aussicht« so nahe, daß sie deutlich den Hahn heraufkrähen hörten. Gleich darnach schlug's auf dem Kirchturm fünf.

»Jetzt steht der Vater auf«, bemerkte die Dorth.

»Er ist früh?«

»Immer.«

Sie gingen langsam weiter, bis dahin, wo der Feldweg abbog nach der Mainzer Chaussee.

»Hast du viel Unglück gehabt, Kamper?« fragte die Dorth und wußte selbst nicht, wie sie zu der Frage kam.

»Unglück? Was nennst du so, Dorth? Es gibt kein Unglück. Man muß nur alles fest in die Hand nehmen. Kampf hab ich viel gehabt, nur Kampf, und da kommt es einem unterwegs manchmal vor, man hätte Unglück. Schließlich sieht man ein, daß man Feuer braucht, wenn man Eisen glühen will. Also was willst du?«

Sie wollte nichts. Sie hatte nur gefragt.

»Nur um zu fragen«, meinte sie.

Er stand vor ihr und nahm ihre beiden Hände.

»Dorth!«

Es war ein warmer Klang doch in dem Wort, obgleich er ihn zu unterdrücken bemüht war. Es gefiel ihr auch, wie anders das Wort in seinem Munde klang, so viel feiner und vornehmer. Er wiederholte noch einmal:

»Dorth!«

Nun hieß es: ich bin dein Herr!

Die Dorth spürte es und nahm es ergeben hin. Sie erwiderte:

»Kamper!«

Und es hieß: du sollst mein Herr sein – gut, es sei!

Es hieß noch: ich kann nicht anders; denn es war etwas im Ton, wie ein Weh.

Sie trennten sich.

Der Dorth ward der Weg schwer. Und er wurde ihr im Weiterschreiten nicht leichter. Als sie einmal stehen geblieben war und sich besonnen hatte, hatte sie gedacht: es wird mir leichter werden, wenn ich wieder allein daheim bin. Aber das geschah nicht – es wurde ihr schwerer mit jedem Schritt – und ganz zerschlagen kam sie daheim an.

Der Vater ging finster an ihr vorüber.

In ihrer Stube traf sie die Annelies.

»Dein Tür war auf. Ich hab was ausgehalten um dich – ich hab gemeint – 's war dir am End ein Unglück zugestoßen. Wann man auch so ist wie du. Meiner Seel – das geht doch nit. Man muß zu sich selber komme – mag ei'm passiert sein, was will. Nun leg dich und ruh dich aus – du siehst aus, als wärst du aus dem Wasser gezogen worden – ganz verdattert.«

»Geh nur, Annelies, ich leg mich«, stöhnte die Dorth.

»Schlaf in den Tag ist halber Schlaf.«

»Laß – 's ist nun einmal geschehen.«

»Unser Herrgott soll dir beistehen. Nein, wenn eins so ist!«

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