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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Im Felde flatterten die kleinen Fähnchen auf hohen Stangen, die die Bahnlinie, die schon vor Ausbruch des Krieges projektiert worden war, absteckten; von Mainz quer durch Rheinhessen in die Pfalz bis Kirchheimbolanden sollte sie führen.

Der alte Rosenzweig wehrte sich, es ging ihm über zwei Äcker. Er war ein Starrkopf und meinte, die Ereignisse aufhalten zu können. Natürlich nahm das Fuhrwesen ab, wenn einmal die Eisenbahn hier fuhr, und natürlich verlor seine Wirtschaft am allermeisten dabei, aber deshalb mußte die Eisenbahn doch gebaut werden, und deshalb konnten doch die meisten Leute froh sein, daß sie kam, denn sie hatten einen Vorteil davon. Nachteilige und Benachteiligte gab's bei so Neuerungen immer, darnach war nicht zu fragen, und das mußte sich mit der Zeit so nach und nach ausgleichen.

Auch dem alten Rosenzweig half sein Widerstand nichts. Er bekam den gesetzten Preis für seine Äcker, und die Fähnlein des Geometers flatterten triumphierend über seiner Scholle. Es war ziemlich rasch gegangen mit der Ausmessung, und nun war auch schon die Bearbeitung der Strecke in vollem Gange. Das Dorf war voll von Italienern, und in der »schönen Aussicht« hob sich's jeden Abend. Sie fragten nicht nach dem Gelde – sie verdienten aber auch Geld wie Heu.

Es war gerade, als sei der Krieg erst nötig gewesen, die Durchführung der Eisenbahnlinie recht dringlich zu machen. Die Jahre vor siebzig waren reiche gewesen, Wohlstandsjahre; jetzt aber hatte alles einen so plötzlichen und rapiden Aufschwung genommen, daß man den Mangel an geeigneten, der Neuzeit angemessenen Verkehrsmitteln nur deutlicher fühlte. Es war ein Treiben im Lande, wie man's nie gekannt, nie erlebt hatte, es war ein Aufschießen von neuen Unternehmungen, als wachse alles wie Pilze nach einem Regen aus dem Boden hervor. So war man doppelt pressiert mit der Eisenbahn und sparte nicht an Kräften.

Die gewöhnlichen Erdarbeiten konnten ja auch die Einheimischen machen, aber für den Tunneldurchstich zwischen Marienborn und Klein-Winternheim hatte man die Fremden doch nötig. Und dann verstanden sie ausgezeichnet den Ausbau des Tunnels selbst, der Brücken und Viadukte mit den behauenen roten Flonheimer Steinen, die aus den eigenen Brüchen der Hessischen Ludwigsbahn-Gesellschaft kamen.

Es war viel Unruhe im Dorf, viel Lärm und Streitigkeiten, besonders an den Sonntagen. Da kamen sie von allen Ortschaften, wo nur am Bahnbau gearbeitet wurde, die roten Schärpen um, die weiten, unten eng zugehenden Hosen aus schwarzem Samt an, die schweren Stiefel mit den hohen, schmalen Absätzen aufklappernd, die breitkrempigen, eingedrückten Hüte ein wenig auf die Seite gerückt; die feurigen Augen, die gelenken Bewegungen und die goldenen Knöpfe und Anker und Kreuze in den Ohrläppchen. Meist junge Burschen, die rein nicht mehr zu halten waren, wenn sie getrunken hatten. Und die hiesigen Mädchen waren wahrhaft des Teufels. Sie rissen sich förmlich um die Italiener, alte Freundschaften wurden geopfert, bös Wort ging um, und eine hängte der anderen Übles an. Sie machten einander das Leben sauer, und keine gönnte der anderen auch nur einen Blick. Herrgott, die Augen, die die Kerle aber auch im Kopfe hatten!

Der Reiz des Fremden, die sehnige Kraft, die Leichtigkeit der Bewegungen und ihre Anmut – der Wohlklang der Sprache und der Ausdruck ihrer Gestikulationen, das konnte den Mädchen schon gefallen, die selbst, meist schwarzhaarig und schwarzäugig, leichtbeweglich und munter wie Stare, nicht übel zu ihnen paßten. Sie hatten fast ein bißchen was von ihrer Rasse – altes Römerblut, Zigeunerblut, Franzosenblut, wie's hier überall noch hervortritt.

Mochten sie aber wild sein wie die Katzen und Augen haben wie glühende Kohlen, der Ingenieur Kamper, der den Bahnbau leitete und besonders den Tunneldurchstich projektiert hatte, brauchte sie nur anzusehen, so kuschten sie wie die Jagdhunde.

Er sprach nicht viel – seine Anordnungen gab er kurz – aber er hatte die Gewalt in den Augen. Die waren grau und scharf wie Habichtaugen. Sie bohrten sich in alles hinein, was sie ansahen, sie durchbohrten die Menschen und nahmen sie wie an Eisenklammern fest. Seine Augen, die waren grad das Außerordentliche an ihm, und in der ganzen Gegend gab's nicht noch einen, der so Augen hatte, so eine Farbe und so eine Schärfe. Er war nicht schön, er war ordentlich häßlich. Er hatte eine zu große Nase, die sehr scharf gebogen war, schmale, ein bißchen welke Wangen, und über die Stirne war die Haut so glatt und straff gezogen, daß sie förmlich davon glänzte. Sein Kopf war lang und die Stirne hoch, der Mund breit und scharf, und der Bart war an den Wangen spärlich, verdichtete sich aber am Kinn und lief spitz aus. Er war von einem harten, rostigen Rot, mit ein paar grauen Härchen an den Seiten untermischt. Der Ingenieur Kamper mochte ein Vierziger sein, vielleicht gar schon etwas drüber.

Eines Sonntags kam er in die »schöne Aussicht«, gleich nach dem Hochamt, als es schon laut da herging und die Italiener eifrig die Würfelbecher schwangen.

Einen Augenblick wurde es still in der Stube, als der Ingenieur eintrat. »Buon giorno!« Er sagte ein kurzes und hartes: »Guten Tag, Leute!« darauf.

Dann ging der Lärm von neuem los.

Die Dorth war zusammengefahren, als sie den Kamper gesehen hatte, und als er sie ins Auge faßte, duckte sie sich beinahe vor ihm und wendete den Blick weg. Sie war scheu und unsicher, so lange er in der Stube war. Sie brachte kaum ein Lächeln heraus, viel weniger einen Lacher. Es lag ein Alp auf ihr.

Ihr Vater war gewiß ein Starrkopf, aber hier saß einer, der war's noch viel mehr, das spürte man. Der war ein Beherrscher. Lärmten auch jetzt die Italiener wieder, sie war sicher, er brauchte nur aufzustehen, und es gab Ruhe. Wenn auch nur auf einen Moment; aber es gab doch Ruhe. Er hatte sie alle in der Gewalt, wie ein Reiter ein wildes Pferd, nur dadurch, daß sie wußten, daß er da war, wie das Pferd weiß, daß die Zügel einer hält, der es meistern kann. Wie merkwürdig war's, daß die Italiener, die genug Deutsch sprechen konnten, wie der Dalma und der Machetti, auch »Meister« zu ihm sagten. Sie stellten eine Frage – er nickte nur, und sie war erledigt. Es gab keinen Einwand. Der Machetti war der Vorarbeiter an den Mauerungen. Er stand am Tisch vor dem Ingenieur und erklärte mit ein paar Bleistiftstrichen etwas von der Tunnelmauerung. Er war seiner Sache nicht ganz sicher – da nahm ihm, mit einem ganz leichten Lächeln, der Ingenieur den Bleistift aus der Hand, griff nach seinem Notizbuch und zeichnete die Sache auf. Er sagte dabei nur: »So« – nach einer Weile: »Und hier so.« Dann hielt er dem Machetti die Zeichnung hin und sagte: »Verstehen Sie?«

Nein, so wortkarg wie der Herr Ingenieur aber auch war! Der Italiener überlegte, und man sah's an seinen Augen, wie er noch einmal alle Linien und Schnitte nachfuhr. Er grinste, denn er verstand. Mit einer Verbeugung dankte er, ging an seinen Tisch und erklärte seinen Leuten auf italienisch, was zu machen war und wie es sein sollte.

Der Ingenieur ging – es gab wirklich einen Augenblick der Stille, als er aufstand – dann Gruß und höfliches Hutrücken – und der Lärm ging von neuem los.

Als an diesem Tage der Vetterlein kam, fand er die Dorth aufgeregter als sonst. Sie hatte es eilig, die Hände frei zu bekommen, um mit ihm plaudern zu können.

»Kennen Sie den Ingenieur, der den Bahnbau leitet?« war sie pressiert, zu fragen.

»Nein«, sagte der Vetterlein, »er soll sehr tüchtig sein. Und es sei nicht gut mit ihm Kirschen essen, er sei unerbittlich streng.«

»Das glaub ich gern.«

»War er da?«

»Ja.«

»Und?«

»Es war mir ordentlich leicht, wie er fort war. Er hat Augen wie ein Weih, ich möcht nit von ihm angeguckt sein, wenn er im Zorn ist.«

Der Vetterlein lächelte.

»Aber bei diesen Italienern, da muß auch einer so sein – ich tat mich schön bedanken«, meint er. »Wer da nicht ganz seine fünf Sinne beisammen behalten kann, der ist verloren.«

»Ist das schwer mit dem Tunnel?« fragte die Dorth.

»Na, schwer – der Boden soll nur sehr übel sein. Lauter Wasseradern. Da muß einer auch gleich das Unerwartete aufgreifen und benützen oder ausgleichen können. Sie sollen ja bald durch sein.«

Nun ja, und es war ein Schaustück. Es wurde nur von einer Seite aus gegraben, von der Marienborner, und sie waren schon über die Hälfte. Wenn sie durch wären! Eines Tages war der ganze Verwaltungsrat aus Mainz da – der Durchstich sollte vollendet werden.

Nicht einmal mannshoch war das Loch erst, es war Vorsicht geboten, daß nicht ein Nachrutsch eintrat. Eine Szene hatte es gegeben. Der Direktor der Ludwigsbahn-Gesellschaft hatte als erster hindurchgehen wollen. Der Ingenieur hatte es nicht gestattet: er trat als erster aus der Öffnung heraus, und ihm nach kam der Arbeiter, der den letzten Bickelhieb getan hatte. Darauf hatte er bestanden, und er hatte es durchgesetzt. Ihm nach schlüpften dann die einzelnen Mitglieder des Verwaltungsrates durch die Pforte. Den Tag beschloß ein Festessen bei der Beckers Lene in Klein-Winternheim. Neben dem Direktor saß der Ingenieur, und als das Hoch auf den Großherzog ausgebracht war, wurde eines auf ihn ausgebracht. Er stieß mit den Mitgliedern des Aufsichtsrats an, aber er hielt nachher keine Rede. Er saß unbeweglich und trank nur wenig – und als alle tolle Köpfe hatten, war er noch so ganz klar, als sei er noch bei seinem ersten Glas. Er trank nicht – nur rauchen tat er, und als die Mainzer fortgefahren waren, bestellte er sich bei der Beckers Lene »einen starken schwarzen Kaffee«.

»Morgen muß man wieder auf dem Posten sein«, sagte er.

»Ach, Sie!« sagte die Lene, die ihn kannte.

»Nun, machen Sie nur einen tüchtigen Schwarzen!«

Man erzählte sich, daß es doch noch einmal einen Rutsch gegeben habe; aber der Ingenieur habe den Kopf oben behalten, sei Tag und Nacht auf dem Platze gewesen, habe selbst zugegriffen und nachher nicht mehr geruht, bis der Tunnel fix und fertig ausgemauert war. Und als die Sprießen weggenommen wurden, sei er drin stehen geblieben. Es mußte eben halten, und er wußte, daß es halten mußte. Darum war er unter dem Gewölbe stehen geblieben, weil er den Glauben an sein Werk hatte und ganz sicher war, daß sich nichts drin rührte, vielweniger daß es über ihm zusammenschlüge.

Dann kam die Arbeit am »hohen Damm«. Die Mulde, durch die die Chaussee zum Goschel seiner Ziegelei hinaufstieg, mußte von einem Damm quer durchzogen werden, und gerade am Goschel seinem Haus wurde der Viadukt gebaut.

Der alte Goschel meinte:

»Das hält zu Lebtag nicht, Herr Baumeister.«

»Warum meinen Sie?«

»Weil ich den Boden hier kenne und den Wasserlauf.«

Der Ingenieur lächelte. Er kannte Boden und Wasserlauf auch und hatte alles schon in seinen Berechnungen berücksichtigt und seine Maßregeln darnach getroffen. Aber glatt ging die Arbeit nicht von statten, trotz aller Peinlichkeit in den Aufschüttungen und der genauesten Prüfung des Materials; es verging fast kein Tag ohne Dammrutsch, und keine Woche, daß nicht ein Arbeiter verunglückte, leichter oder schwerer, wie's das Unglück wollte. Der Ingenieur Kamper wohnte beim alten Goschel. Er hatte sich von ihm ein Zimmerchen gemietet, weil nun auch ständig des Nachts gearbeitet werden mußte, als der Damm eine gewisse Höhe erreicht hatte. Hier konnte er stets an Ort und Stelle sein und die Arbeit von seinem Schreibtisch aus beobachten, denn das Fenster seiner Giebelstube ging gerade auf den »hohen Damm« hinaus. Der Ingenieur kam öfter in die »schöne Aussicht«, und eines Tages machte er aus, daß er hier sein Mittag- und Abendessen nehmen wollte.

Die Dorth war dagegen und machte allerhand Einwände, aber der alte Rosenzweig hieß sie schweigen. So mußte sie sich fügen.

Es war ihr nun immer so, als liege ein Alp auf ihr, wenn der Ingenieur da war. Sie fühlte sich an allen Gliedern gebunden, als wenn ihr eine Kette angelegt wäre oder als wenn sie Blei in den Knochen hätte. Und einmal traf sie sein Blick. Dieser Blick ging ihr durch Mark und Bein. Sie wollte aber nicht so angesehen sein. Drum hob sie erst recht den Kopf und faßte auch ihn ins Auge. Aber sie hielt's nicht aus. Sie mußte den Kopf senken und in den Schoß sehen, und sie spürte, wie ihr die Glut in den Wangen und am Halse hämmerte.

Er sollte ihr nur fern bleiben. Er sollte es nur nicht wagen, ihr nahe zu kommen. Dann gab's ein Unglück. Er blieb ihr auch fern. Er kam still, blieb still und ging still. Kaum ein gutes Wort – ein »Danke schön«, wenn sie servierte, ein »Bitte schön!« wenn er etwas wollte. »Guten Tag!« und »Guten Abend!«, das war alles. Aber seine ganze Art und seine Augen, die wie Stahl waren und so unerbittlich bezwangen, daß man ihn fürchten mußte vor lauter Respekt, den man vor ihm hatte – die waren mehr als Worte und Unterhaltung. Die waren wie ein Frost, der auf den Feldern liegt, so bezwingend kalt und waren doch auch wie eine Spannung in der Luft, ehe ein Gewitter losbricht.

Ob er gut war?

Den ganzen Tag dachte die Dorth an ihn. Und sie hörte genau, was die Leute von ihm erzählten.

»Streng, aber gerecht«, hieß es, »und wie er seine Sache versteht!«

Und: »Stolz ist er – vor keinem beugt er sich – und kommt der Oberingenieur von Mainz, dann weiß man nicht, wer der Vorgesetzte ist und wer der Untergebene.«

»Er ist ein Preuß!« warf einer hin. Aber niemand hörte darauf.

»Er ist seiner Sache vollständig sicher – er kennt jeden Stein, der im Damm drin steckt. Widerrede duldet er nicht, und will er, der Oberingenieur, etwas dreinreden, wird er jedesmal abgeführt. Nur manchmal ist's vorgekommen, daß der Kamper geschwiegen hat – mit einem feinen Lächeln. Dann ist, wenn der Oberingenieur fort war, gerade das Gegenteil von dem gemacht worden, was er angeordnet hat. So ist er – es ist fast noch schlimmer, wenn er schweigt, als wenn er redet.« Die Dorth wollte sich's nicht eingestehen, aber solche Reden freuten sie. Sie war heimlich stolz drauf, denn sie sagten gerade das, was sie selbst von dem Ingenieur dachte.

Wenn er nur nicht die scharfen, bezwingenden Augen hätte, die wie Augen von einem Weih blickten, wenn er »stößt« und seines Raubes sicher ist.

Er konnte wohl nicht gut sein, er konnte nur bezwingen und unterkriegen. Er hatte einen ganz in seinem Bann.

Die Dorth wehrte sich dagegen – aber sie fühlte es doch, es war auch etwas über ihr wie ein Bann und ein Zwang. So sehr sie Furcht davor hatte, von ihm angesehen zu werden – sie ertappte sich immer wieder dabei, daß sie seinen Blick suchte. Als ob sie bezwungen werden wollte – sie könnte ihn am Ende doch bestehen.

Es war eine beständige Lust, die Gefahren zu wagen. Ein Spielen mit dem Feuer – und doch schien er ihr ja gar nicht gefährlich, was ging er sie denn an! Nichts. Ging sie ein Mensch auf der Welt etwas an!

Ein Mensch auf der Welt? Keiner! keiner, und wenn er voller Gold und Edelstein hinge!

Einmal traf der Vetterlein mit dem Ingenieur zusammen. Die Dorth war erstaunt, wie gut sich die beiden zusammen unterhielten. Das hätte sie weder dem einen noch dem anderen zugetraut. So zwei grundverschiedene Menschen! Merkwürdig! Nun konnte der Ingenieur auch gesprächig sein. Die beiden saßen lang beisammen.

Der Ingenieur bestellte sogar noch einen halben Schoppen Wein – er trank sonst nie zwei halbe – während der Vetterlein bei dem einen blieb. Von nun an kam's, daß die zwei sich öfter trafen. Der Vetterlein kam ein bißchen später oder blieb ein bißchen länger, der Ingenieur ging von seiner festgesetzten Stunde nicht ab.

Dem Lehrer gefiel der Mann. Das war einer, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte und in dem, was er sagte, den Nagel auf den Kopf traf. Er imponierte dem Lehrer, und er fand gewissermaßen einen Halt an ihm.

Das Harte und Feste an ihm, das Scharfe in seinen Augen, das fühlte er nicht abstoßend, sondern wohltuend. Es zog ihn an. In ihm war alles wie ein Pendelgang gleichmäßig, ruhig. Da war der Ingenieur wie das Ausheben vorm Schlag und wie der Stundenschlag selbst. Eine Ergänzung – ach, der Vetterlein konnte sich alles so schön auslegen! – und so wurden sie ganz gute Freunde, soweit man eben mit ihm gut freund sein konnte, denn er trug nicht sein Herz auf der Zunge und schloß die Lippen eher, als daß er sie öffnete.

Eines Tages sagte der Vetterlein zur Dorth:

»Fräulein Dorthchen, das wäre ein Mann für Sie!«

Die Dorth sah ihn an. Der Lehrer machte so Späße für gewöhnlich nicht. Und er war auch jetzt vollständig ernst, er hatte es aufrichtig gemeint und aus seinem selbstlosen Herzen heraus gesagt. Die Dorth wollte die Spitze abbiegen und eine wegwerfende Äußerung dagegen tun. Sie wußte wohl, was sie sagen wollte, aber sie brachte es nicht heraus.

»Ja«, nickte der Vetterlein, »so ein ganzer Kerl – im Ernst, Fräulein Dorthchen – der sollt Sie zur Frau haben. Und Sie ihn – herzlich gemeint, als ihr alter Freund.«

Er strich ihr über die Hand.

Die Dorth stürzte hinaus. Sie war wütend auf sich. Es war ihr heiß, und sie spürte, wie sich ihr die Tränen in die Augen zwangen. Sie stampfte mit dem Fuße auf. Grad nicht!

Dann kam ihr ein Verdacht. Sie eilte wieder in die Wirtsstube und fuhr auf den Vetterlein los:

»Hat er Ihnen was gesagt?« schnaufte sie.

Der Vetterlein sah erstaunt zu ihr auf. Er lächelte.

»Meinen Sie, wenn der eine Absicht hätte, der tät mich benutzen?«

Dann beruhigte er sie. Aber es machte sich ganz von selbst, daß er das Lob des Ingenieurs dabei sang.

Die Dorth war nun wie ein gehetztes Wild. Sie hatte nun keinen Beistand mehr – und in sich gar keine Auswege. Es war alles zugeschlossen in ihr, und sie konnte sich nicht davon freimachen, sie mußte sich dumpf ergeben. Es war wie ein Schicksal, das auf sie zuschritt – wie wenn ein Wasser anschwillt – und immer anschwillt und anschwillt – oder wie wenn Feuer um sich frißt – unerbittlich.

Ihr schien's, sie sei schon bezwungen, eh sie sich nur gewehrt hätte. Das war das Gräßliche, dagegen sie immer wieder aufpochte, dagegen sie die Fäuste ballte und die Finger ineinanderkrallte und mit dem Fuße stampfte. Es war ihr alles zu eng geworden. Die Welt war ihr zu eng geworden. All ihre Tore waren ihr zugeschlagen, sie saß gefangen und konnte sich nicht vom Fleck rühren. Sie raste, und sie lernte das Fluchen. Niemand im Hause konnte sie ertragen.

»Geh zum Teufel, du Narrenluder«, schalt der Vater, »du machst ei'm 's Blut zu Wasser, du Aas!«

Und die Annelies Brabender sagte:

»Mädchen, bist du denn rein behext? Da ist ja kein Verstand nit. Man meint ja – du bist ja grad wie herumgewend't.«

Sie mußte still dazu sein und mußte sich für den Augenblick beherrschen – aber es fand sich schon einmal wieder etwas anderes, daran sie ihre Launen austoben konnte. Es war eine Qual – als wenn ihr langsam die Kehle zugeschnürt würde.

Und es war doch alles nichts, rein gar nichts – es war nur ihre Einbildung, ihre verrückte, vermaledeite Einbildung, von der sie nun einmal nicht loskommen konnte.

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