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Vor Jahr und Tag

Wilhelm Holzamer: Vor Jahr und Tag - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Holzamer
titleVor Jahr und Tag
publisherVerlagsgruppe Rhein Main
isbn3920615387
printrun1. Auflage
editorVerlagsgruppe Rhein Main
year1997
firstpub1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Obgleich die Dorth bis nach sechs Uhr hatte warten lassen, er war nicht gekommen.

Aber eines Tages saß er wieder in der »schönen Aussicht« an dem alten Plätzchen, das das unbequemste in der Stube war.

Es war ihnen beiden angenehm, beisammen zu sein und miteinander zu plaudern, aber sie hatten sich nichts zu sagen. Er hatte ja wohl etwas Friedliches für die Dorth – und es kamen bald ein paar Nächte, in denen sie nicht weinte – aber sie wäre wohl auch zum Frieden ohne ihn gekommen. Sie war nun ihrer selbst ganz sicher und brauchte keine Hilfe mehr.

Aber es war ein Stück Glück, das er für sie mitbrachte: Erinnerung, Jugend, Tanz und viel unbestimmtes Begehren und süßes Zweifeln. Wie ihr Herz aufgegangen war; – das klang nun wieder auf. Er hatte etwas Helles an sich.

Einmal brachte er Veilchen. Sie waren an der alten Schloßmauer des Schulgartens zum zweiten Male aufgeblüht. Da hatte die Dorth sich nicht überwinden können, die Tränen zu unterdrücken.

Er konnte so gut still sein. Er war auch jetzt still, da sie weinte. Aber er brachte keine Blumen mehr.

Die Dorth dachte, daß er so ein »feines Gefühl« habe. Das hatte er auch. Es lehrte ihn Zurückhaltung.

Sie sprachen von vielen Dingen, die der Tag so brachte, aber sie sprachen nie von sich. Es geschah aber doch einmal. Er hatte gesagt: »Es taugt nichts, mit sich herumzuschleppen, was vergangen ist.«

Sie war erschrocken und hatte ihn näher gefragt, was er damit meine.

Er meine nur, nichts Bestimmtes. Aber dann sprach er eines Tages von sich. Er vertraute ihr seine Herkunft an. Sie fragte:

»Das meinten Sie mit dem Herumschleppen, nicht?«

»Nun ja, wenn ich daran leiden wollte!«

»Das wäre dumm, kann ich Ihnen sagen«, fiel sie ein.

»Aber –« meinte er. »In den Augen der Leute. Jeder Mensch hat so etwas, darüber er hinauskommen muß.«

Darauf erwiderte sie nichts.

Im Dorfe gab es Geburten und Sterbefälle, Kindtaufen und Hochzeiten, die Kirchweih kam und die Weinlese und dann wurde der Neue wieder abgestochen. Es wurde Weihnachten, und es kam wieder das Neujahr – und kam wieder Ostern. So verging die Zeit. Was für ein Glück das ist, daß die Zeit vergeht und sich nicht aufhalten läßt.

Sie sprachen von allem, was die Tage und Monde so brachten.

Als von einer Hochzeit die Rede war – es war die vom Jean Steinert, der vom reichen Fleck von Winternheim die Tochter heimgeführt hatte – äußerte die Dorth:

»Ich tat mich doch in einem schwarzen Kleid trauen lassen, wenn's auch als eine Schande gilt.«

Der Vetterlein horchte auf. Hatte sie nach der Seite eine Heimlichkeit?

Sie fing den Blick auf, verstand ihn und belustigte sich über seinen Verdacht.

»Nicht deshalb«, sagte sie.

Er wurde rot.

»Warum denn?« fragte er in seiner Verlegenheit, obgleich er spürte, daß die Frage unschicklich war.

Nun wußte sie aber keine Antwort. Sie konnte es nicht über sich bringen, ihm etwas vom Jörg-Adam zu erzählen, und sie hatte es doch eigentlich darauf angelegt gehabt.

Aber so im Laufe der Zeit sickerte doch Tröpflein um Tröpflein durch – und der Vetterlein war ein schweigender Versteher, ein stummer Sammler des kostbaren Inhalts, der ihm anvertraut wurde. Und er war ein würdiger Vertrauter. Er wußte, woran er nicht zu rühren hatte.

So lernten sie einander tiefer kennen. Sie waren gute Freunde, die nichts voneinander begehrten.

Der Vetterlein liebte die Dorth, aber diese Liebe hatte er in seinem Herzen verschlossen – und auch in seinen heimlichsten Stunden ließ er sie nicht daraus hervorsteigen. Sie durfte nie ins Klare seiner Gedanken kommen – dann würde sie ihm gefährlich werden, sagte er sich – aber das durfte sie: sie durfte die Wärme in seinem Fühlen sein, ein Widerschein, wie das Abendlicht des Tages, das in den Fenstern der Häuser goldet.

Die Dorth verehrte den Vetterlein und war froh, einen Freund in ihm zu haben. Es war das Feiertägliche, das Feine, das er ihr brachte und das in seinem Wesen lag. Es hob sie über den Alltag. In der Stunde, da er da war, war sie förmlich ein anderer Mensch, ein reinerer und schönerer, und hatte von allem mehr Genuß.

Es kam wieder Krieg. Er brachte die gleichen Ängste und Aufregungen wie der frühere, aber er brachte auch die Begeisterung. Die starken Haßgefühle schwiegen, oder wo sie laut wurden, wurden sie übertäubt. Es dachte kaum jemand darüber nach, daß es gar nicht so selbstverständlich sei, mit dem früheren Feinde Seite an Seite zu kämpfen. Es geschah – es geschah mit Begeisterung. In ihr war man eins. Sie riß alle mit. Nur die alten Franzosensympathien, die brachten einen Mißton, nicht der Preußenhaß. Freilich kleideten sie sich manchmal in diesen.

Zudem war alles mehr direkt beteiligt. Kaum, daß ein Tag verging, an dem nicht Truppen durchzogen. Weit mehr Angehörige, die nach Frankreich gezogen waren. Nicht allen war's leicht geworden – auch unter den fremden Soldaten war mancher, dem's schwer war. Einmal stand die Blume Marie, die Frau Goschel, an der »schönen Aussicht« und sah mit noch vielen anderen dem Abmarsch zu. Sie hatte ihren Jüngsten auf dem Arm. »Ist das ein Junge?« rief ihr ein Soldat zu. Sie bejahte. »Tragen Sie ihn ins Wasser!« erwiderte der Frager. Aber die Begeisterung herrschte doch vor.

Der Vetterlein nahm nun Anteil an den Vorgängen. Die Nachrichten ließen nicht mehr so lange auf sich warten, der Telegraph spielte eifrig, und die Zeitungen kargten nicht mit Extrablättern. Direkte Depeschen kamen immer noch nicht ins Dorf, es gab noch immer keinen Telegraphen hierher – dafür war aber der Postdienst stark erweitert. Sieg um Sieg. Der Vetterlein begeisterte sich für die deutsche Sache. Er war wortreich unter den Leuten, er stellte dar, eröffnete Aussichten, gab Gesichtspunkte und wies in die Zukunft.

Nur bei der Dorth fand er taube Ohren. Sie wollte von all dem nichts wissen. Sie wußte nicht, wie ihr war – aber das war sicher, es war alles feindlich in ihr.

»Haben die Opfer Sechsundsechzig sein müssen, wenn's jetzt doch mit den Preußen zusammengeht?« war ihre stete Frage. Sie hatte nicht Franzosensympathien – sie war kein Mann und hatte sich nie um derartiges gekümmert, aber wenn einer in der Wirtschaft jetzt auftrat und ordentlich gegen die Preußen loslegte, konnte er sicher sein, daß ihm stillschweigend ein Schoppen auf seinen Platz gesetzt wurde.

In Mainz waren die ersten Gefangenen angekommen. Man zupfte eifrig Charpie. Zahlreiche Sendungen gingen hinaus ins Feld – Geld und Eßwaren. Soldatenbriefe kamen an. Schilderungen persönlicher Erlebnisse erhöhten die allgemeinen, die in den Blättern und Extrablättern enthalten waren. Charpie zupfte auch die Dorth, und Schinken, Schwartemagen und Geld gab sie, daß es nach Frankreich geschickt werde – aber die Zeitungen las sie nicht, und von den Briefen wollte sie nichts wissen.

Ihre Nächte waren wieder voller Tränen, wie in der ersten Zeit nach dem Tode des Jörg-Adam – und der Vetterlein hatte keinen Einfluß mehr auf sie. Er kam wie gewöhnlich – weil es so seine Gewohnheit in den Jahren geworden war – er brachte immer Nachrichten und Extrablätter mit; aber, dachte die Dorth, er hätte ebensogut wegbleiben können, es war ihr einerlei gewesen. Die Kaiserproklamation kam, der Friede kam. Der Einzug der Truppen in Darmstadt, die Heimkehr der Krieger.

Feste und Feste, das ganze Land war auf den Beinen. Fahnen und Girlanden an den Häusern, der Triumphbogen am Eingang des Dorfes, das Festgeläute der Glocken und das feierliche Hochamt mit Musik in der Kirche. Abends die Freudenfeuer rings auf den Höhen und die knallenden Böller, und die Wacht am Rhein in allen Straßen. Getrunken wurde – wahrhaft in Strömen floß der Wein. Die Dorth aber erlebte ihre tiefste Trauer und ihren schmerzlichen Haß. Sie war wieder gänzlich vereinsamt in all der Zeit. All ihre Gedanken, in Wachen und Schlafen, waren an den Gräbern von Laufach. Manchmal meinte sie, sie könne das Leben nicht mehr aushalten – es hing am Toten, und was gut geworden war all die Jahre, es war nur Lüge und Trug und Selbsttäuschung gewesen. Nein, sie konnte nie davon loskommen, nie frei davon werden, ihre ganze Jugend hing daran – und ihre Jugend war hingegangen damit. Sie war ihr getötet worden, und was nun auch noch das Leben war, und was es nun auch noch bot: es war leer, eine taube Nuß. Und sie selbst, sie selbst, sie wollt's nun auch nicht anders. Nein, grade nicht! Sie war betrogen und bestohlen um ihr Glück – wenn sie's wenigstens genommen gehabt hätte, wenn sie's wenigstens genossen hätte – aber so, nur einen Wink von ferne, nur einen Todeskuß, und aus alles, aus für immer, unwiederbringlich, das war trostlos, und es war schlimmer, als nie davon gewußt haben! Die jetzt gestorben waren – es war doch eine andere Sache gewesen; aber damals – damals: rein für nichts und wieder nichts. Diesmal war's ein Krieg gewesen, ein großer Krieg – der Mühe wert, aber damals – nein. Ihr Temperament war gebunden gewesen die Jahre her, künstlich gebunden mit der Sanftheit und der Ergebenheit in das Schicksal, und dem Verstehen, daß ihr der Vetterlin eingeträuft hatte – aber nun sprang's aus allen Adern und Poren wieder hervor und war wie ein Feuer, das sie verzehren mußte und das sie doch nicht löschen wollte.

Sie quälte den Vetterlein mit Reden, mit Hohn und Vorwürfen und mit der Unberechenbarkeit ihres Betragens; aber er ertrug sie. Er kam dennoch täglich, mochte sie auch am vergangenen Tage noch so unleidlich gewesen sein. Es mußte doch wieder die Ruhe über sie kommen. Kein Sturm hat Dauer – und was so hoch anschwillt, das muß auch wieder herabfallen. Es ward wieder Ruhe. Aber die Dorth war dann nicht mehr, die sie gewesen war. Sie hatte keine Frohheit mehr, sie war vergrämt und verbittert.

Umsomehr empfand aber der Vetterlein seine Aufgabe, ihr beizustehen, und er empfand nun seine Freundschaft wie eine Pflicht. Er erfüllte sie treu und selbstlos, wie es seine Art war.

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