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Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten

Hilda Bergmann: Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
booktitleVon Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten
authorHilda Bergmann
year1928
firstpub1928
publisherGebrüder Stiepel
addressReichenberg
titleVon Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten
pages123
created20181128
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Sternenfichte und der Springbrunnen mit der verzauberten Seele.

Irgendwo in der Welt ist ein dunkler Tannenwald, ein Flußtal mit einem lebendigen, lustigen Wasser und eine verfallene Ritterburg. Die sie bauten und bewohnten, sind lange tot, die Mauern zerfallen und von grünem Gesträuch überwachsen. Am Waldrand aber plätschert ein alter Springbrunnen. Er springt Jahr um Jahr, Tag und Nacht. Er hat eine verzauberte Seele.

Nicht weit von ihm wuchs einmal eine junge Fichte heran. Sie hatte sich abseits von den andern ernsthaften alten Waldbäumen mitten in den Grasboden der Wiese gestellt, die an den Wald grenzte. Vielleicht, damit sie mehr Sonne und Regen abbekam; vielleicht, weil sie sich von Fichtenonkeln und Tannentanten nicht gerne etwas sagen lassen wollte; denn sie war eine sehr eigenwillige und durchaus nicht gewöhnliche kleine Fichte. Das konnte man am besten daraus ersehen, daß sie es sich in den Kopf gesetzt hatte, in den Himmel zu wachsen.

»Ein alter Sonderling!« pflegten die Bäume zu sagen, wenn auf den Springbrunnen die Rede kam, und zuckten die Achseln. 54 Über die kleine Fichte aber sagten sie gar nichts, wahrscheinlich weil sie sie für ein recht ungeratenes Kind hielten. Was war das auch nur für eine törichte Idee, in den Himmel wachsen zu wollen! Vernünftige Leute blieben auf der Erde und damit basta.

So kam es, daß der Springbrunnen mit der verzauberten Seele und die kleine Fichte, die den Spottnamen Sternenfichte bekommen hatte, gute Freunde wurden.

Jeden Morgen, wenn die Sonne ihr goldenes Antlitz über den Horizont hob und mit ihren Strahlen den verschlafenen Wald- und Wiesenleutchen ins Gesicht leuchtete, reckte sich die kleine Fichte und betete: »Liebe, gute Sonne, bitte lasse mich heute wieder ein Stückchen dem Himmel entgegenwachsen!«

Und nachts, wenn der Himmel ein weites, dunkelblaues Meer war mit den wandernden Goldpunkten der Sterne darin, dann sagte das Bäumlein: »Seid nur nicht gar so stolz, Geschwister Sterne, wenn ich erst groß genug sein werde, will ich euch alle pflücken und mir ein Sternfunkelkränzlein ins Haar flechten. Dann bin ich der herrlichste Weihnachtsbaum, den man je sah.« Die Sterne aber flimmerten kühl und gelassen am Himmel und wanderten weiter, ohne dem kleinen Bäumlein eine Antwort zu geben. Nur der Wind rauschte im Gezweige und murmelte. »Weit, unermeßlich weit, o Bäumlein, stehen die ewigen Gestirne über dir.«

»Ich kann dich verstehen, Sternenfichte,« sagte einmal der Springbrunnen plätschernd. »Ich weiß, wie das ist, wenn man hinauf zur Höhe will, immer hinauf zur Höhe. Mir geht es ebenso, ich habe ja eine verzauberte Seele!« »Erzähle mir, wie das ist,« bat die Fichte. Es war Nacht, die anderen Geschöpfe schliefen, nur Springbrunnen und Sternenfichte waren wach. Der Brunnen warf seinen Strahl in das Dunkel, dann fing er den herabfallenden in seiner steinernen Umfassung wieder auf.

»Das ist eine lange Geschichte,« plätscherte er. »Ich stamme vom Gebirge, mußt du wissen. Ich entsprang auf einem hohen, 55 hohen Berg! Er hatte ein graues Felshaupt und eine Schleppe aus blaugrünem Eis. Er war ein König unter den andern Bergen. Wo die Gletscherschleppe endigte, brausten hundert kleine Wasserläufe ins Tal. Unter ihnen war auch ich. Wir sprangen und plauderten, wir lachten und rauschten Tag und Nacht. Es war auch so himmlisch schön da oben im Gebirge!«

»Warum bist du dann nicht in deiner Heimat geblieben?« fragte die Fichte. »Wenn es so schön oben war, wäre ich nie fortgelaufen!«

»Das war ja eben meine unverzeihliche Torheit,« gab der Springbrunnen zu. »Ich könnte noch heute Welle im Bergsee sein und die weißen Wolken spiegeln. Aber ich dachte, unten im Tale müsse mir ein unerhörtes Glück begegnen. So sprang ich herab.«

»Das verstehe ich nicht,« murmelte die Fichte. »Ich möchte immer nur hinauf.«

»Höre weiter,« entgegnete der Brunnen. »Damals wohnte in jenem verfallenen Schlosse ein gewaltiger Zauberer. Der fing mich eines Tages in ein Rohr ein und leitete mich hierher. Der verzauberte mir die Seele. Er erfüllte sie mit unauslöschlicher Sehnsucht nach meiner Bergheimat, also, daß ich Tag und Nacht zur Höhe steige, um sie wieder zu finden. Aber zugleich sprach er den Fluch aus, daß mein Wasser immer wieder zur Erde zurückmüsse, immer wieder zur Tiefe. Was steigt, muß fallen; was steigt, muß fallen.«

Die Worte des Brunnens waren zum Schlusse zu einem unverständlichen Gemurmel geworden.

Die Fichte reckte ihre schlanken Glieder. »Ich aber will nur steigen und ich werde es auch,« sagte sie. »Ich wachse, bis ich den Himmel erreiche und mir ein Diadem von Sternen in den Wipfel flechten kann. Ich bin die Sternenfichte!«

Die Jahreszeiten gingen und kamen, gingen und kamen. Sonne beschien das Bäumlein, Regen netzte es, Schnee hüllte es ein; 56 es wuchs und wuchs. Es kam eine Zeit, da sah es auf den alten Springbrunnen mitleidig herab; es kam eine Zeit, da hatte es die uralten Tannen im Wuchs erreicht und übertroffen. Die Sternenfichte war der höchste und mächtigste Baum im ganzen Umkreis geworden. Die Vögel wohnten in ihren ausgebreiteten Ästen, das Eichhorn hielt sich mit Vorliebe in ihrem buschigen Wipfel auf. Alle Tiere des Waldes kannten und bewunderten sie. Fragte sie aber die weißen Wolken, die wie Schwäne über den Himmel segelten, wie weit sie es noch bis zu den Sternen habe, dann erwiderten ihr die fahrenden Wolken: »Hoch, unermeßlich hoch, o Fichtenbaum, stehen die ewigen Sterne über dir.«

Da reckte und streckte sich die Riesenfichte aufs neue, trieb einen frischen Quirl Äste, setzte einen frischen Jahresring an und murmelte: »Wie sagt der alte Springbrunnen? Was steigt, muß fallen? Ich steige und steige, solange ein Tropfen Saft in meinen Adern ist. Ich hole mir noch die Sterne herab. Ich stecke sie mir noch in den Wipfel, wie die Lichter am Weihnachtsbaum. Ich steige, ich steige!« Der Sommer war heiß und trocken in diesem Jahre. Strahlend ging die Sonne auf und nieder, strahlend stand der Mond über den schwarzen Baumwipfeln. Silbern klang das Lied des Springbrunnens. »O ferne, schöne Heimat, könnt' ich dich wiedersehen. Ich suche dich Tag und Nacht, Tag und Nacht. Ich steige und falle.«

Am Waldrand standen Glockenblumen und Königskerzen wie blaue und goldene Fahnen des Sommers. Die Wiese war überblüht von buntem Flor, in den Wipfeln der Bäume rauschte der Sommer, in tausend Wölklein flog er hin durchs Blau. Die Erde begann zu dürsten. »Kommt nicht bald ein Regen?« flüsterten die Blumen. »Wir verschmachten! Sogar der Tau ist ausgeblieben in den letzten warmen Nächten!«

»Ich vertrockne,« murmelte der alte Springbrunnen. Dünn wie ein Faden stieg sein Strahl in die Höhe, das Becken war kaum 57 zur Hälfte gefüllt. »Ich werde sterben und meine Heimat nie mehr sehen!«

»Hui–i–i« pfiff mit einem Male ein Windstoß durch die Bäume. Das Leuchten der Sonne war erloschen, graue Wolken türmten sich am Himmel. Ein noch stärkerer Windstoß folgte. Er war ein wilder, unhöflicher Geselle. Die Birken packte er an den grünen Schulmädchenzöpfen und riß sie hin und her. Die Wipfel der Tannen beugte er, daß sie krachten, den ehrwürdigen, alten Eichen raufte er mit kecker Hand ein Büschel Blätter aus dem Bart. Den dünnen Strahl des Springbrunnens zerstäubte er nach allen Richtungen. Er war wirklich gar nicht nett und höflich, der Wind.

Nur der Sternenfichte konnte er nichts anhaben. Die stand in stolzer Einsamkeit auf der Wiese, im Schmucke ihrer ausgebreiteten Äste und ihres hochragenden Wipfels.

»Was gehen die Dinge der Erde mich noch an?« sagte sie zu dem Sturme. »Ich wachse in den Himmel!«

Mit einem Male lief eine gelbe Zickzackschlange durch die schweren, hängenden Wolken. Dumpfer Donner grollte ihr nach.

»Ducken wir uns, ducken wir uns!« riefen die Blumen der Wiese und neigten ihre Köpfe.

»Neigen wir uns, beugen wir uns!« murmelten die Bäume des Waldes und neigten ihre Wipfel.

Nur die Sternenfichte stand aufrecht auf ihrem Platze.

»Was sollte mir der Blitz tun?« sagte sie. »Ich bin die Sternenfichte. Die Himmlischen alle sind meine Brüder. Ich werde die Sterne herabholen und sie mir ins Haar flechten.« Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da flammte abermals ein Blitz herab. Mit heißer Zunge leckte er nach der Sternenfichte. Ein Donnerschlag folgte, so heftig, als stürze die Welt in Trümmer. Die kleinen Blumen schlossen vor Schreck die Augen und trauten sich nicht, hinzusehen. Die Vögel verkrochen sich tiefer in ihre Nester. 58 Die großen, erwachsenen Bäume aber raunten. »Der Blitz hat in die große Sternenfichte eingeschlagen! Seht nur, die große Sternenfichte brennt!« Ja, die Sternenfichte brannte. Von ihrem Wipfel loderte die Flamme, aus ihren Ästen qualmte schwerer, schwarzer Rauch. Die Vögel flüchteten aus ihren Zweigen. Das Eichhorn sprang mit gewaltigem Satze zur Erde und rief: »Da hätte ich mir beinahe meinen schönen, roten Pelz verbrannt!«

»Natürlich, das kommt davon, wenn man immer in den Himmel wachsen will,« schwatzte von einem sichern Aste aus die Elster. »Sternenfichte mußte sie heißen! Ein Diadem von Sternen wollte sie haben, diese hochmütige Person! Ordentliche Leute bleiben dort, wo sie hingehören, und greifen nicht nach dem Unerreichbaren!«

»Von solchen Dingen verstehen Sie nichts, verehrte Frau Elster,« ließ sich der alte Springbrunnen vernehmen. »Dazu ist Ihr Verstand zu klein und Ihr Herz nicht gütig genug. Die Sternenfichte mußte sich nach dem Unmöglichen sehen, denn sie hatte eine verzauberte Seele, ganz wie ich. Wer eine verzauberte Seele hat, der muß steigen und wachsen und nach der Höhe sehen und wenn er auch tausendmal wieder zur Erde fallen muß oder am Ende wie meine Sternenfichte verbrennt! Was steigt, muß fallen! Was steigt, muß fallen!«

»Wenn nur nicht der ganze Wald zu brennen beginnt,« stöhnten die Bäume und wandten sich von der brennenden Fichte. Aber da öffneten sich die Wolken, ein Platzregen rauschte herab und löschte die Flammen.

Auf der Waldwiese, an der Stelle, wo die Sternenfichte nach dem Himmel geschaut hatte, stand ein schwarzer, verkohlter Strunk. Den kleinen Wiesenblumen ging ein Schauer über den Rücken, die Gräser erzitterten, die Bäume weinten dicke Harztränen vor Trauer und Mitgefühl.

Der Springbrunnen, vom Regen wieder aufgefüllt, stieg und fiel, plauderte und sang. 59

»Arme, verzauberte Seele,« erklang sein silbernes Geplätscher. »In den Himmel wolltest du wachsen, die Sterne wolltest du pflücken und als Kranz um deine Stirne flechten. Davon träumtest du Tag und Nacht. Darnach sehntest du dich Tag und Nacht. Wie schön war diese Sehnsucht. Aber niemand wird sie verstehen. Die Leute werden dumm und häßlich von dir sprechen. Nur ich werde dich nie vergessen, ich werde immer an dich denken, schöne, stolze, große Sternenfichte!« 61

 


 

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