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Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten

Hilda Bergmann: Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
booktitleVon Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten
authorHilda Bergmann
year1928
firstpub1928
publisherGebrüder Stiepel
addressReichenberg
titleVon Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten
pages123
created20181128
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Geschichte vom lustigen Wässerlein.

Es war ein Wässerlein auf die Welt gekommen, hoch oben im Gebirg. Schnee lag auch im Sommer dort und wo der Schnee abschmolz, war grüner Almboden, bedeckt von weißem und blaßviolettem blühenden Krokus. O, es war wunder-, wunderschön in der Heimat des kleinen Wässerleins!. »Glucks,« sagte das Wässerchen, »da bin ich!« und hüpfte munter über Gras und Blumen. Der Himmel war blau, die Sonne schien warm und es war ein Vergnügen, zwischen Krokusblüten und Anemonen dahinzufließen. »Glucks, glucks, glucks,« sagten aber rund herum die vielen anderen kleinen Wasserläufe, die ebenfalls hier oben zur Welt gekommen waren. »Seht nur, seht,« riefen sie mit ihren hellen Plätscherstimmen. »Da ist ein neues Brüderlein erschienen und was für ein lustiges obendrein!« Und in der Tat, niemand sprang so vergnügt von Stein zu Stein und lachte so silbern dazu, wie unser Wässerlein.

»Kling, klang, kling, klang,« läutete es im frischen Bergwind. Das war eine Anemone, die ihre Blüte schaukelte. »Bleib hier bei uns, kleines Wässerlein,« sang sie. »Du sollst ein weißes und blaßviolettes Kränzlein bekommen. Wir läuten dir unsere Kelche. Wir erzählen dir unsere schönsten Geschichten.« 16

Aber das Wässerlein schüttelte den Kopf:

»Kann nicht weilen,
muß immer eilen,«

plätscherte es und lief weiter. Denn tiefer unten in einer Mulde standen gelbe, leuchtende Dotterblumen und winkten ihm Grüße zu.

»Hopla,« rief es mit einem Male und prallte an einen Felsblock an, der sich breit und behaglich mitten in den Weg gelegt hatte und keine Miene machte, dem Wässerlein auszuweichen.

»Hopla,« rief es noch einmal, aber der Felsblock rührte sich nicht.

»Keine Eile,« brummte er. »Keine Eile! Morgen ist auch noch ein Tag!«

»Pfui, alter Felsblock,« eiferte zornig das Wässerlein und stemmte seine ganze Kraft gegen das unbequeme Hindernis. Aber der Felsblock lag fest und knurrte: »Du wirst es noch erwarten können, ins Tal zu kommen, kleiner Guck-in-die-Welt!«

Aber konnte man den ungefügen Felsen nicht einfach liegen lassen? Natürlich ging das. Und das Wässerlein teilte sich und lief rechts und links von dem unhöflichen Gesellen weiter. Mochte er im Wasser liegen bleiben, wenn es ihm Spaß machte.

Bei den Dotterblumen auszuruhen war wieder sehr schön. Das Wässerlein füllte eine Mulde und lag einen Augenblick still, die gelben Blumen und die hohen, weißen Wolken spiegelnd, die durch die Bläue zogen. Aber bald hatte es vom Stilliegen genug. »Bleib bei uns, kleines Wässerlein, bleib bei uns!« baten die goldfarbenen Blumen. »Nirgends kann es schöner sein als hier oben!«

»Kann nicht weilen,
muß weiter eilen!«

plätscherte aber das Bächlein und sprang weiter.

»Halt, nicht weiter!« rief ihm plötzlich eine Stimme entgegen. »Hinter mir ist der Abgrund!« Die so sprach, war eine Felsplatte, von der aus ein jäher Absturz viele hundert Meter senkrecht 17 ins Tal fiel. »Wer hier hinunter will, muß fliegen können und so viel ich sehe, hast du keine Flügel!«

»Laß gut sein, alte Felsplatte,« sagte das übermütige Wässerlein, steckte die Nasenspitze über den Rand und sah in die gähnende Tiefe hinab. Und mit einem Male machte es zum Entsetzen der Felsplatte einen Kopfsprung und stürzte sich in den Abgrund.

»Welch ein Leichtsinn!« jammerte die gute, alte Felsplatte, der der Schrecken durch alle Glieder rann. »Diese jungen Leute lassen sich einmal gar nichts sagen! Zu meiner Zeit war man viel vernünftiger und gesetzter!«

Aber das lustige Wässerlein lachte silbern mit all seinen hundert blitzenden Wassertropfen. Es hatte sich im Sturze in einen weißen, wehenden Schleier verwandelt und stäubte als herrlicher Wasserfall über die hohe, steile, glatte, dunkle Felswand und geradenwegs in einen blaugrünen Bergsee, der an ihrem Fuße lag.

»Seht, ein neuer Wasserfall,« staunten die Wellen und umarmten das Wässerlein voll Freude, als es sich mit übermütigem Aufspritzen in den See ergoß. »Willkommen bei uns, willkommen!«

Und das lustige Wässerlein erkannte in ihnen die großen und kleinen Kameraden vom Almboden wieder, die mit ihm zugleich auf die Welt gekommen waren. »Nein, so kopfüber in den See zu springen, das brachte nur unser Bruder Übermut zuwege,« sagten sie. »Jetzt ruhe dich aus und bleibe bei uns im See!«

Schön, wunderschön war es im blaugrünen Bergsee. Er spiegelte die hohen Felszacken und Steinwände wider, seine hundert Wellen kräuselten sich im Winde und schimmerten in der Sonne wie grüne und goldene Schuppen eines glänzendes Fisches. Bei Tag tanzten die Sonnenstrahlen auf dem Wasser und bei Nacht, da spiegelte es die vielen, vielen, leuchtenden Sterne. Da hätte es unserem Wässerlein schon behagen können.

Es behagte ihm auch für eine kleine Weile. Es ließ sich vom Onkel Wind als Welle treiben, es spielte mit den Fischlein und 18 haschte nach den Sonnenstrahlen. Dann aber wurde ihm die Sache zu einförmig.

»Ich will in die weite Welt wandern,« sagte unser Wässerlein, »wer kommt mit?«

»Ich, ich, ich, ich,« schrien seine Brüder. Und Hals über Kopf sprangen sie aus dem See und hüpften als munterer Wildbach ins Tal hinab. »Das soll eine lustige Reise werden, wenn du uns führst, Bruder Wässerlein.«

Der Wildbach war weiß von Gischt und sprühte Schaum von sich, wie er so zwischen Steinen und Baumstämmen einen Weg in die Tiefe suchte. An seinen Ufern blühten Alpenrosen, rot und leuchtend. Von rechts und links kamen andere Bäche herangebraust. »Nimm uns mit, lustiges Wässerlein,« riefen sie schon von weitem. »Das soll eine tolle Fahrt ins Tal hinunter geben!«

Und die reißenden Wasser packten Felstrümmer und rollten sie mit sich in die Tiefe.

Durch Wälder kamen sie und in bebautes Land. Wiesen breiteten sich aus, Häuser und Mühlen standen am Ufer, das lustige Wässerlein und seine Brüder mußten sittsam werden, hübsch im Bachbett bleiben und Mühlräder treiben. 19

»Husch, husch, husch,« liefen die Wellen über das moosbewachsene Mühlrad und lachten. »Dreh dich, altes Mühlrad, dreh dich!« Und mit Ächzen und Stöhnen setzte sich das Mühlrad in Bewegung, drehte die Mühlsteine und die zerrieben das Korn.

Weiter liefen die vielen Wellen, eifrig und mit leisem Geplätscher. »Dreh dich, Rad, dreh dich!« riefen sie ein Weilchen später einem anderen Rade zu und indem das sich drehte, versorgte es das ganze Land mit Licht.

»Sieh da, das lustige Wässerlein,« sagten die Vergißmeinnicht am Bachrand und ließen sich die Wassertropfen um die Köpfe spritzen. Und die rotpunktierten Forellen wohnten in seinen Tiefen und schwammen hin und her. Lachend und glucksend lief das große, schöne Wasser weiter, immer weiter. Jetzt kamen von rechts und links andere Wasser geflossen, große und kleine. »Nimm uns mit,« baten sie das lustige Wässerlein und es nahm sie alle mit. Sein Bett wurde breiter, sein Lauf langsamer, ja, das kleine Wässerlein war ein großer, starker Fluß geworden.

Und der Fluß rauschte mit seinen vielen, vielen, flinken, hüpfenden Wellen. Wer aber seine Sprache verstand, der vernahm Stimmen in diesem Rauschen und Brausen und die Stimmen sangen:

»Hoch oben im Gebirge ist meine Heimat, weit, weit von mir ist das ewige Meer. Das hat mich gerufen. Das verlangt nach mir. Seht, wie ich ihm entgegeneile, seht, wie meine hundert Wellen dem Meere zubrausen, Tag und Nacht. Nicht einen Augenblick ruhe und raste ich. Zum Meer, zum Meer.« Und aus dem Flusse war ein breiter, grauer Strom geworden, Brücken hoben ihre Wölbung über ihn, Schiffe schwammen auf seinem Rücken. »Ich bin alt geworden,« sang der Strom. »Aber meine fröhliche Seele habe ich doch nicht verloren. Ich glaube, ich komme bald zum unendlichen Meer.« 20

Ebenen begleiteten die Ufer des Stromes, weiter Himmel wölbte sich über ihm, dessen Lauf silbern erglänzte im Grün der Wiesen. »Schöne, schöne Welt!« sang der große Strom. »Wieviel Herrliches habe ich gesehen! Wieviel Glück habe ich erlebt. Und das größte Wunder werde ich noch erleben.« Mit hundert hurtigen Wellenfüßen wanderte der Strom. Und eines Tages erreichte er das Meer, das blau und grenzenlos vor ihm lag, und stürzte sich hinein.

Aber damit ist die Geschichte vom lustigen Wässerlein noch nicht zu Ende. Die Sonne schien hinab und trank mit durstigem Munde Nebel und Wolken aus dem Meere, der Wind trug die Wolken auf seinen Flügeln zurück zur Erde. Dort, wo die hohen Eisberge stehen, warf er die feinen Wassertröpflein als Schnee auf die Felsen und Alpenmatten herab. Kommt erst das Frühjahr und die Zeit der Schneeschmelze, o seht, da rieselt wieder unser lustiges Wässerlein mit seinen Schwestern und Brüdern über den grünen Wiesenboden. Krokus blüht an allen Ecken und Enden mit weißen und blaßvioletten Kelchen, Dotterblumen heben ihre gelben Gesichter und mit silbernem Gelächter springen alle die großen und kleinen Wässerlein ins Tal, um ihren Weg von neuem zu beginnen. 21

 


 

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