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Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten

Hilda Bergmann: Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten - Kapitel 13
Quellenangabe
typefairy
booktitleVon Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten
authorHilda Bergmann
year1928
firstpub1928
publisherGebrüder Stiepel
addressReichenberg
titleVon Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten
pages123
created20181128
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Geschichte von Faßhand und Laßhand.

Im Tale zwischen den grünen Waldbergen lag das graue Städtlein mit Giebeln und Stadtmauer, mit Kirche und hohem Turm. Am Stadttore hatte der Faßbindermeister sein Haus mit geräumigem Hof und luftiger Werkstatt und da gab es den ganzen Tag ein gar lustiges Hämmern, wenn er die weißen Bottiche zimmerte und die großen Fässer mit Reifen umwand. In der Stube oben saß indessen die Meisterin und hatte zwei Büblein in der Wiege, die in der alten Stadtkirche auf die Namen Peter 112 und Paul getauft waren. Aber niemand nannte die Zwillinge bei diesen Namen. »Faßhand« nannte die Meisterin den größeren, braunäugigen und rotbackigen Bruder, der mit beiden festen Fäustchen nach allen Dingen griff, die in seine Nähe kamen, war es ein Spielzeug oder ein gelbes Äpflein oder gar der lange Bart des Vaters. Das Brüderchen aber, das zumeist still in dem Bettchen saß und mit großen blauen Augen nach einer Fliege oder einem Schmetterling sah und dem eine bunte Blume der lieblichste Anblick war, wurde nur »Laßhand« genannt, denn es ließ sich sanft und geduldig alles aus den Händen nehmen, was der größere Bruder verlangte, die Schelle und den Ball und sogar seinen liebsten Gefährten, den braunen Bären. »Das ist gar kein richtiger Junge!« zürnte der Vater, wenn er das sah, und ließ den lustig kreischenden Faßhand auf seinem Knie reiten. Die Mutter aber nahm das stille Bübchen aus der Wiege, trug es im Garten von Blümlein zu Blümlein und sang:

»Alle Blumensterne
hat mein Büblein gerne,
aller Vögel Lieder
hört im Schlaf es wieder,
jedes grüne Bäumlein
sendet ihm ein Träumlein,
von des Himmels Stufen
hörts die Englein rufen.«

Dann sah der kleine Laßhand in die blaue Luft und nach den weißen Wolkenschifflein und darüber ließ er alles aus den Händen fallen, was er eben darin hatte. »Aus dem wird nichts,« sagte der Vater Faßbindermeister dann unwillig. »Aus dem wird etwas ganz Besonderes« widersprach die Mutter und küßte den Kleinen.

So wuchsen die Buben heran und kamen zur Schule, in der freien Zeit aber spielten sie im Hof und Garten mit den 113 Nachbarskindern. Dann war der wilde Faßhand Räuberhauptmann und schwarzer Mann und führte mit viel Geschrei und Kraft die Schar der Kameraden an, die ihm gehorchen mußte. Laßhand aber saß indessen mit der braunzopfigen Nachbarsgrete unter dem Apfelbaum und erzählte ihr von Riesen und Zwergen, von Drachen und tapferen Rittern und wie sie beide später, wenn sie groß wären, in die weite Welt gehen wollten, um das Wunder zu suchen.

Als aber die Jahre vergangen und die Eltern gestorben waren, da saß Bruder Faßhand als stattlicher und gewichtiger Faßbindermeister auf dem väterlichen Grunde, hatte Haus und Hof, Werkstatt und Garten an sich gebracht und die braunzopfige Nachbarsgrete gefreit, indes Laßhand nichts in den immer leeren Händen behalten hatte als ein Bild seines Mütterleins und den Tauftaler, den seine Patin ihm als Taufgeschenk in ein Tüchlein gebunden hatte. An einem schönen, sonnigen Frühlingsmorgen aber hatte Faßhand den Bruder zur Haustüre geführt und ihm gesagt: »Du Guckindieluft mit deinen ewig leeren Händen bist zu keiner Arbeit zu gebrauchen und wirst es im Leben zu nichts Rechtem bringen. Ich kann dich nicht ernähren! Geh in die weite Welt und sieh zu, ob dort noch etwas aus dir wird. Bei mir ist kein Platz mehr für dich!« 114

Da wandte sich Laßhand traurig aus dem Hause, in dem er geboren und aus dem Städtlein, in dem er aufgewachsen war, sagte der alten Linde am Tore und dem singenden Plätscherbrunnen auf dem Markte Lebewohl, verabschiedete sich noch von dem Grabe der Eltern auf dem Kirchhofe und ging dann mit langsamen Schritten traurig auf die Landstraße hinaus. Hier lachte den Verstoßenen die Sonne freundlich an, die Wiesen leuchteten im Morgentau ihm entgegen, die weißen Wolken nickten ihm zu, aber ihm war weh und traurig zumute und aus seinen blauen Augen kollerten die Tränen herab und liefen in den Staub der Straße.

Da tönte von einer Wegbiegung her ein gar jämmerliches Ächzen an sein Ohr und als er raschen Schrittes näherkam, sah er ein verschrumpftes, altes Weiblein, das unter einer hochgetürmten Reisiglast zu Boden gefallen war und sich nicht erheben konnte. »Bin so alt und krank,« klagte es, als Laßhand ihm wieder auf die Füße geholfen und es vom Staube gereinigt hatte. »Kann nicht einmal mehr das Reisig zur Stadt schleppen. Was soll ich nun beginnen?«

»Was tuts, ob ich den Patentaler besitze oder nicht,« dachte Laßhand bei sich und sein weiches Herz war voll Mitleid mit der gebrechlichen Alten. »Ich will ihn dem armen Mütterchen schenken!« Er holte ihn aus dem Beutlein und legte ihn in die bittend aufgehobene Hand. »Sollst ein Gegengeschenk haben, mein Söhnchen,« erwiderte unter vielen Segenssprüchen die Alte. »Besseres als Geld und Gut, Hof und Haus kann ich dir geben. Will dir ein Schleierlein wegtun von Aug' und Ohr, auf daß du die Welt in anderen Farben siehst und auf daß du mehr hörst, als andere Leute vernehmen. Wirst noch an mich denken und mir dankbar sein, mein Söhnchen!« Damit erhob sich das Weiblein, machte seltsame Gebärden um des erstaunten Laßhand Haupt, so als wickle sie es aus feinsten Spinnenfäden, dann humpelte es davon. 115

Mittlerweile war die Sonne am Himmel höhergestiegen und sie mußte eine besondere Kraft haben an diesem gesegneten Morgen, denn Laßhand schien es, als blaue der Himmel tiefer als sonst, als leuchteten die Blumen in bunteren Farben und als sei ein Glanz und eine Glorie über allen Dingen, wie sie sein Auge nie vordem gemerkt hatte. Die Mücken flirrten, die Falter flatterten, das Hummelvolk brummte vergnüglich durch die Luft und Laßhand wollte seinen eigenen Ohren nicht trauen, denn mit einem Male unterschied er verschiedene Stimmen, ja er vernahm Worte und Melodien, von denen er bislang keine Ahnung gehabt hatte. Und das schönste war, er verstand, was die Grashalme einander ins Ohr wisperten, was die Tannenwipfel rauschten und die Lämmerwölkchen miteinander sprachen, während sie über den Himmel flogen. Selbst die feine Musik der tanzenden Sonnenstrahlen war ihm offenbar geworden und Laßhand fühlte sich nicht mehr einsam und verstoßen, sondern als Bruder von Pflanze und Getier, Wolke und Wind. Mit offenen Armen und Freude im Herzen schritt er durch die blühenden Wiesen, durch Federnelken und Vergißmeinnicht und kam endlich zu einem tiefen, tiefen Wald. An seinem Rande stand ein großer Schirmpilz und darunter saßen drei Wichtelmännchen und sie mußten einander gerade eine lustige Geschichte erzählt haben, denn sie lachten aus Herzensgrund.

»Darf man ein wenig mitlachen?« sagte Laßhand und trat näher.

»Ja, wer bist du denn?« fragten die Wichtelmännchen ganz erstaunt. »Für deinesgleichen sind wir doch unsichtbar!« Da erzählte Laßhand von seinem Leben, seinem sonderbaren Namen, von dem hartherzigen Bruder und dem alten Weiblein, dem er sein letztes Gut, den Patentaler, gegeben und dafür die Gabe eingetauscht habe, Dinge zu sehen und zu hören, die die anderen Leute nicht bemerkten.

»Das war das Wurzelweiblein,« sagten die Wichtelmännchen und stießen einander an. »Du mußt in besonderer Gunst bei den 116 Unsichtbaren stehen, daß dir das Geschenk zuteil wurde! Wem das Wurzelweiblein Aug' und Ohr geöffnet hat, der ist das seligste Geschöpf, er tauscht mit keinem Könige und Kaiser.«

»Was gedenkst du nun zu beginnen?« fragte jetzt das älteste Wichtelmännchen, das mit seinem roten Näslein und runden Bäuchlein nicht nach einem Kostverächter aussah. »Gehst du in deine Stadt zurück oder in die weite Welt hinaus, um das Wunder deiner verwandelten Augen zu erproben?« »Nein,« sagte Laßhand. »Hier ist es schön und still. Die Tannen segnen mich mit ihren breiten Armen. Die Glockenblumen läuten mir lieblich zu. Die Waldtauben rufen: Gurruh, gurruh, hier findest du Ruh'. Ich will hier bleiben und bei Blumen und Tieren wohnen.« »Dann wollen wir dir unsere Gastgeschenke machen,« sagten die Wichtelleute. »Du, Eßgern, beginne!« Mit einer Verbeugung stellte sich das wohlgenährte Wichtelmännchen vor Laßhand hin und hub an:

»Für Trank und Speise
auf seine Weise
an jedem Morgen
laß Eßgern sorgen.«

Es klatschte in die Hände, eine Krähenschar rauschte heran, jede Krähe trug etwas im Schnabel und legte es vor Laßhand ins Gras. Da waren Brezeln und Kuchen, Semmeln und Wecken, Würstchen und Brote, alles klein und zierlich, aber für den bescheidenen Laßhand ausreichend. Inzwischen trat das zweite Wichtelmännchen heran und sprach sein Sprüchlein:

»Ein Häuslein zum Wohnen,
ein Seßlein zum Thronen,
ein Bettlein zur Ruhe,
den Tisch und die Truhe
wird gerne bis morgen
dir Lachgern besorgen.« 117

Dabei steckte Lachgern zwei Finger in den Mund und stieß einen hellen, scharfen Pfiff aus, worauf eine Schar Wichtelleute aus dem Wald gelaufen kam mit Zimmermannsgerät und Tischlerwerkzeug. Und dann fing ein Hämmern und Sägen, Zimmern und Bauen an, Bäume wurden gefällt, Pflöcke eingeschlagen und ehe der Tag um war, stand ein Häuschen da wie das eines Klausners, aus Stämmen und Rinde, mit Tisch und Bank, Bett und Truhe, wie es Lachgern versprochen hatte, und war gar freundlich und schmuck anzuschauen. Da kam aber auch schon das dritte Wichtelmännchen mit feierlicher Miene auf Laßhand zu, es trug ein großes Buch mit weißen, leeren Blättern, Tintenfaß und Gänsekiel herbei und sagte sein Sprüchlein:

»Die Speisen am Morgen
will Eßgern besorgen,
Haus, Bettlein und Schränke
sind Lachgerns Geschenke.
Allein was ich bringe,
ist mehr als die Dinge.
Welt sollst du und Leben
nachschaffend verweben.«

Und als der erstaunte Laßhand ihn groß ansah, fügte der Wichtelmann hinzu. »Dieses Buch sei dein Gefährte und Freund. Ihm vertraue deine Lust und dein Leid, ihm erzähle, was dir der Wald tönt, was die Dämmerung spinnt, was die Nacht singt, was die Blumen flüstern. Und du wirst glücklich sein, wenn du also tust.«

So blieb Laßhand im Walde und war glücklich. Sonne und Mond, Tiere und Pflanzen waren ihm Umgang und Gefährten. Von jedem lernte er, mit allen war er gut Freund und in sein großes Buch schrieb er all das Wunderbare ein, was er im tiefen, tiefen Wald erlebte. 118

Da geschah es eines Tages, daß der Friede des Waldes und der Waldwiese, wo Laßhands Hüttlein stand, durch rauhe Töne und wüsten Lärm unheilvoll gestört wurde. Von allen Seiten pfiff und knallte es, tönte Hörnerschall und Hundegebell und von allen Seiten stürzte erschrecktes Wild herbei und eilte weiter in die Tiefen des Waldes. Jetzt knackte das Unterholz, ein schöner Rehbock, aus einer Halswunde blutend, kam auf die Lichtung und suchte Zuflucht in Laßhands Haus. Als Kitzlein hatte Laßhand das Tierchen bei sich gehabt und gepflegt, jetzt kam es hilfeheischend zurück. Ihm folgte ein stattlicher Jäger mit Wurfspieß und Hifthorn.

»Friede sei mit Euch,« grüßte er den verwunderten Laßhand, den er für einen Klausner hielt.

»Auch mit Euch, wenn Ihr den Waldfrieden nicht länger stört,« entgegnete dieser. »Gönnt meinen armen Tieren Leben und Ruhe, dann sollt Ihr willkommen sein.« 119

Da legte der Jäger die Waffe von sich und hielt Rast vor Laßhands Hütte.

»Hier steht so manches drinnen, was ich unsern stummen Brüdern, den Tieren, in meiner Einsamkeit abgelauscht habe,« sagte Laßhand lächelnd und wies auf das Buch.

»Kenntet Ihr sie so wie ich, Ihr würdet sie nicht mehr mit Speerwurf und Pfeilschuß verletzen.«

Der Jäger griff nach dem Buche, das vollgeschrieben auf dem Tische lag, blätterte darin, las darin und konnte kein Ende finden. Endlich rief er: »Ihr seid ein Dichter, lieber Freund, einer, zu dem die verborgenen Seelen der Dinge sprechen, die niemand sonst versteht. Gebt mir das Buch! Ich will es halten wie meinen kostbarsten Schatz. Ich will es drucken lassen zur Freude aller Menschen, die es lesen. Die besten Maler meines Landes sollen es mit bunten Bildern schmücken und in keinem Hause soll es fehlen, so wahr ich der Fürst dieses Landes bin!«

Da wurde es dem guten Laßhand, der Haus und Hof und den letzten Taler ohne Herzleid hingegeben hatte, sonderlich schwer ums Herz. Tränen traten in seine Augen, er drückte das Buch an sich und sagte: »Dies Buch ist mein einziger Besitz, Herr, von dem kann ich mich nicht trennen! In ihm wohnen meine sonnigen Tage, meine sternhellen Nächte und meine geheimsten Gedanken. Nie wieder könnt' ich es schreiben und es ist mir teuerer als mein Leben.« »Verlange dafür, was du willst!« drängte der Fürst. »Wünschest du dir ein stolzes Haus in meiner Hauptstadt? Willst du einen Meierhof mit Pferden und Rindern? Ich erfülle dir jeden Wunsch!«

Traurig schüttelte Laßhand den Kopf. Seine Blicke gingen über die stille Waldwiese hin, auf der er so glücklich gewesen war. Da erblickte er den Zwerg Träumgern, der ihm winkte und lebhaft Zeichen machte, an seiner Seite.

»Gib das Buch,« flüsterte er nur Laßhand vernehmlich. »Du bekamst das Geschenk des Wurzelweibleins nicht für dich allein. 120 Alle deine Brüder sollen mit deinen Augen sehen, mit deinen Ohren hören, an deinen Freuden sich erfreuen. Ein Dichter darf nicht engherzig sein. Und du wirst künftig noch viel schönere Bücher schreiben!«

Da legte Laßhand sein letztes Eigentum, sein Buch, in die Hand des Fürsten. »Nehmt es,« sagte er, »ich verlange keinen Lohn. Wenn das Buch einen einzigen Menschen erfreut und beglückt, hat es seinen Zweck erfüllt.«

Über ein Jahr aber stand in den Buchläden der Hauptstadt ein Buch mit vielen schönen Geschichten und vielen bunten Bildern und das trug in großen Buchstaben die Überschrift: »Was Laßhand, der Träumer, im tiefen Walde erlebte.« Da war von Wald und Wiese, von Schirmpilz und Glockenblumen so lieblich erzählt, daß groß und klein mit Entzücken darin lasen und nur den einen Wunsch hatten, im Walde ebenfalls so wundervolle Dinge zu erleben wie der Träumer Laßhand. Ja, die Menschen begannen, behutsamer und liebevoller mit den Tieren umzugehen, die Laßhand die stummen Brüder der Menschen nannte und deren Seelen er kannte wie niemand sonst.

Dann erschien das Buch und die Kunde von ihm auch in Laßhands kleiner Vaterstadt im Tale zwischen den grünen Waldbergen. Das war ein Aufsehen und eine Aufregung unter den guten Bürgern! »Da muß an dem verträumten Laßhand doch mehr sein, als wir dachten,« sagten sie und schüttelten die Köpfe. »Wer hätte das gedacht!« Der ehrsame Rat berief sogar eine Sitzung ein, in der man beriet, wie man den verstoßenen Laßhand ehren sollte.

»Wir rufen ihn feierlich in die Stadt zurück, aus der ihn der Unverstand seines Bruders vertrieb,« sagten die einen. »Wir ernennen ihn zum Ehrenbürger und errichten eine Gedenktafel an seinem Geburtshause,« meinten die andern. »Und wenn er heimkommt, gibt es einen Fackelzug und ein Ständchen.«

Am aufgeregtesten aber gebärdete sich Meister Faßhand, als er von dem Ruhm seines verachteten Bruders hörte. Ja, das 121 war etwas, was er nicht in seine Hände bekommen konnte, mochte er auch alles andere gefaßt und festgehalten haben.

»Wer das gewußt hätte, wer das gewußt hätte,« rief er ein über das anderemal und dachte reuevoll an Laßhands blaue Augen und wie traurig die dreingeblickt hatten, als er den Bruder aus dem Hause schickte. »Da hätte man jetzt die schönste Gelegenheit, Hoffaßbindermeister zu werden und womöglich noch den Adel und den Orden vom goldenen Kalb zu bekommen, wenn man nicht so dumm gewesen wäre!« jammerte er. Doch da kam ihm ein rettender Gedanke.

»Weißt du was, Frau,« rief er erfreut und rieb sich die Hände. »Du ziehst morgen die Kinder fein sonntäglich an und wir wandern allesamt zu Bruder Laßhand und bitten ihn, zurückzukehren und wieder bei uns zu wohnen. Ich wette, er hat sein Einsiedlerleben im Walde längst satt und kommt gerne zu uns in die kleine Stadt.« Und Meister Faßhand war vergnügt und guter Dinge und freute sich auf den morgigen Tag. Der kam auch mit Sonnenschein, Vogelgezwitscher und blauem Himmel, daß es eine Pracht war. Und obwohl es gewöhnlicher Wochentag war, hatten der Meister und die Meisterin sich und die vier Kinder sonntäglich angetan und zum Erstaunen der Nachbarn wanderten sie mit Blumen und einem großmächtigen Kuchen in den Händen zum Städtlein hinaus und auf der Landstraße dem großen Walde zu, in dem Laßhand wohnte. Der Weg war lang, die Sonne brannte heiß herab, die Blumen in den Händen der weißgekleideten Mädchen wurden welk, der Kuchen fiel zu Boden, die Kinder wurden müde und weinten. Meister Faßhand aber marschierte rüstig voran und sagte: »Ich habe noch alles erreicht, was ich wollte, ich werde auch diesmal meinen Willen durchsetzen!« Endlich kam die Waldlichtung und Laßhands Einsiedelei. »Geht voraus, Kinderchen, und gebt dem lieben Onkel schön die Hand,« sagte Meister Faßhand und trocknete sich mit einem mächtigen roten Taschentuche 122 die Stirn. »Und Vater und Mutter kämen gleich nach und freuten sich schon, den guten Onkel zu sehen!«

Als die Kinder über die Waldwiese liefen, die über und über voll von Kuckucksblumen und Hahnenfüßen stand, flog ein Schwarm Waldtauben auf und gurrte.

»Gurruh, gurruh,
gebt Laßhand Ruh'!«

Und der Kuckuck rief aus dem Walde.

»Kuckuck, Kuckuck,
geht wieder zuruck!«

Der Specht aber trommelte mit dem Schnabel an einen Baumstamm und rief.

»Geht nur geht, geht nur geht,
ihr kommt viel zu spät.«

Davon verstanden nun die Kinder nichts, sie liefen zum Holzhäuschen und öffneten die Tür. Nach einem kleinen Weilchen aber sprangen sie wieder heraus und hielten ein Blatt Papier in den Händen, das sie den Eltern brachten.

»Was steht denn da drauf?« fragte Meister Faßhand und hielt das Blättlein seiner Frau unter die Nase, denn mit Geschriebenem mochte er nicht gerne zu tun haben. Und die Frau Meisterin las, während die Kinder mit offenen Mäulchen um sie herumstanden und Meister Faßhand seine Ungeduld kaum bezwingen konnte:

»Wenn Meister Faßhand kommen sollt':
ich hab' nicht Haus, nicht Gut noch Gold,
nicht Grund und Boden, Frau und Kind.
Ich leb' mit Blume, Baum und Wind
und bleibe arm und unbekannt
sein Bruder mit der leeren Hand.
Drum tu' ich meine Türe zu
und jedermann laß mich in Ruh'.« 123

»In Ruh', in Ruh',« gurrten auch die wilden Tauben, als die Meisterin dies gelesen hatte, und flogen mit rauschendem Flügelschlag nach dem tiefen Walde.

Ja, jetzt war Meister Faßhands Traum von Titeln und Würden, von Adel und Orden ausgeträumt und obendrein mußte er sich sagen lassen, daß sein verachteter Bruder nichts von ihm wissen wollte. »Ich habe mir immer gedacht, daß er etwas Besonderes wäre,« sagte die Meisterin leise. »Er hat mir immer die allerschönsten Geschichten erzählt.«

Während die sich also still und niedergeschlagen auf den Heimweg machten, ging Laßhand mit seinen Tieren und begleitet von den freundlichen Wichtelmännchen noch tiefer in den unermeßlichen Wald hinein. Seine Augen strahlten, seine Seele lauschte auf die Stimmen des Abends, sein Herz war voll Frieden, Freude und Dankbarkeit. So schritt er der sinkenden Sonne nach und einer neuen Heimat entgegen.

 


 

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