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Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten

Hilda Bergmann: Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
booktitleVon Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten
authorHilda Bergmann
year1928
firstpub1928
publisherGebrüder Stiepel
addressReichenberg
titleVon Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten
pages123
created20181128
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Streit der Elfen.

Jede Blüte hat ihre eigene Elfe. Zart wie ein Hauch, durchsichtig wie Tau und Sonnenschein wohnt sie im Blütenkelch. Sie trägt die Farbe der Blüte, die ihre Heimat ist; sie schaukelt auf den Halmen und Gräsern; sie tanzt in mondklaren Nächten mit den Gefährtinnen den Elfenreigen. Dann zünden die Glühkäferchen ihre grünen Laternchen an und leuchten, die Grillen stellen die Musik bei und die großen Nachtschmetterlinge flattern durch die Luft und geben acht, daß niemand das Fest störe. Eines Tages war aber großer Streit ausgebrochen zwischen den Elfen der Waldwiese und den Elfen der Gartenblumen, ein so großer Streit, daß keine Feste mehr gefeiert wurden, kein Elfentanz stattfand und die Wiese in den klaren Vollmondnächten verödet dalag und schlief.

»Was ist denn geschehen, was ist denn geschehen?« fragten die Glühwürmchen einander und leuchteten die Wiese ab. »Schon die dritte Vollmondnacht und kein Elfentanz! Wozu haben wir unsere Laternchen so schön geputzt, wenn es keine Festlichkeiten zu beleuchten gibt?«

»Einen Streit hat es gegeben,« zirpte eine Grille aus dem Grase hervor. »Natürlich wegen der Kleider! Da kam die Gartenelfe Tulipane zum letzten Elfentanz in einem violetten Seidenkleid, wie es Tulpen sonst niemals tragen. Infolgedessen waren die Glockenblumenelfen beleidigt.

»Blauviolett ist unsere Farbe,« sagten sie. »Ihr Tulpen geht schon in weißen und gelben, in roten und geflammten Kleidern herum; ist das nicht Auswahl genug? Müßt ihr jetzt auch noch unser Violett nachahmen?« »Wir tun, was wir wollen,« erwiderten hochmütig die Tulpenelfen, an ihrer Spitze die schöne Tulipane. »Wir lassen uns von niemandem etwas dreinreden und verbieten, 84 am wenigsten von solchen gewöhnlichen Waldglockenblumen, wie ihr es seid!«

»Gewöhnliche Waldglockenblumen!« wiederholten diese und läuteten vor Empörung mit allen Glocken. »Und was seid ihr denn Anderes und Besseres als wir?«

»Ich bin eine Gartenelfe und stamme aus Holland,« erwiderte Tulipane schnippisch. »Alle feinen Blumen stammen aus Holland: die Hyazinthen und Dahlien, die Gartenwicken und Hortensien. Es war eine große Herablassung von uns, euer Vollmondfest zu besuchen; denn wir sind die gehegten, gepflegten Lieblinge der Menschen. Seit Hunderten von Jahren züchten sie uns und verleihen uns die köstlichsten Farben. Im übrigen verzichten wir von nun an auf das Vergnügen, mit euch zu tanzen!« Damit flatterte das ganze buntgekleidete Gartenblumenelfenvolk davon und auf der Wiese blieben nur die Wald- und Wiesenelfchen in ihren einfachen Fähnchen zurück und drängten sich um die liebliche Baldriane, ihre Führerin.

»Aber wie ich höre, soll ein Friedensbote unterwegs sein,« schnarrte eine Heuschrecke. »Die Elfe des Türkenbundes will die feindlichen Parteien versöhnen!«

»Der Türkenbund ist unter Wiesen- und Gartenelfen wohlgelitten,« entgegnete die Grille. »Vielleicht gelingt es, vielleicht gelingt es. Es wäre wirklich schade um die schönen Nächte des Elfenreigens!«

Ja, die Türkenbundelfe hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Elfen miteinander zu versöhnen. Aber Baldriane grollte: »Diese hochmütige Gesellschaft von Gartenelfen! Wie steif und stolz sind ihre Blüten! Wieviel bilden sie sich auf ihre Herkunft und Abstammung ein! Und dabei haben sie nichts im Kopf als ihren Putz und ihre grellen, bunten Kleider. Wir Wald- und Wiesenelfen dagegen brauen die heilsamen Säfte und wirksamen Tränke. Nicht wahr, Elfe Arnika?« 85

Die Angeredete schaukelte sich auf der goldfarbenen Strahlenkrone der Arnika. »Das will ich meinen,« erwiderte sie. »Die Menschen kennen unsere Geheimnisse und wissen uns wohl zu schätzen. Ich wette, wenn sie zu entscheiden hätten, gäben sie uns den Vorzug!«

»Haha,« lachte dagegen Tulipane aus vollem Halse, als die Türkenbundelfe im gesprenkelten Kleidchen bei ihr vorsprach und den Menschen als Schiedsrichter vorschlug. »Blumen haben schön zu sein wie der lachende Frühling und nichts weiter. Schön sein und gefallen, Garten und Haus schmücken, das ist unser Beruf. Aber wenn die Menschen entscheiden sollen, ist's mir recht. Ich weiß im voraus, wer den Sieg erringen wird.« Mit dieser Botschaft kam der Türkenbund auf die Wiese zurück. »Die Menschen sollen entscheiden,« sagte nun auch Baldriane mit blitzenden Augen. Um sie scharten sich die Elfen von Arnika und Enzian, Rittersporn und Eisenhut. »Wir wollen sehen, wer Sieger bleibt: aufgedonnerte Kleiderpracht oder stilles, hilfsbereites Wirken. Wir wollen schon sehen!«

Also kam es, daß eines schönen Morgens fremde Gäste auf der Wiese aufgeblüht waren, die kein Auge noch dort erblickt hatte: da stand eine blendendweiße Lilie neben dem schüchternen Thymian, flammendrote und gesprenkelte Tulpen breiteten ihre bunte Pracht in der Morgensonne aus, eine Kaiserkrone hatte sich unter dem Vergißmeinnicht angesiedelt und am Strauch der Heckenrose prangten die gefüllten Kelche der Zentifolie. Auf ihren Blumen aber saßen übermütig schaukelnd die Elfen, dunkelrot gekleidet die der Rosen, bunt und geflammt die der Tulpen, schneeweiß die der Lilie und sahen lachend auf die Waldglocken und Hahnenfüße, Königskerzen und Salbeiblüten auf der Wiese herab, wobei sie kicherten:

»O ihr ehrsamen und gediegenen Waldwiesenelfen, heutzutage gilt farbiges Aussehen mehr als alles andere, das werdet ihr noch selber einsehen!« Am Wiesenende unter den breitarmigen Fichten 86 stand die zierliche rosenfarbene Blüte der Elfe Baldriane. Neben ihr hatte Tulipane Wurzel geschlagen, hielt ihr violettes Seidenkleid dem Winde hin und sagte von oben herab: »Nun, für einen Tag lasse ich es mir hier in der Wildnis gefallen; für gewöhnlich ziehe ich allerdings meinen Garten vor: Da gibt es gepflegte Beete und kiesbestreute Wege. Da wachse ich im Kreise meiner vielfarbigen Schwestern und bin die Schönste von ihnen. Es ist eben viel vornehmer im Garten als hier unter dem Unkraut auf dem Lande.«

Baldriane hörte dies und wurde vor Ärger blaß. Aber ehe sie noch erwidern und sich gegen den verächtlichen Ton Tulipanes und das Wort »Unkraut« wehren konnte, klappten sämtliche Elfen die Flügel zu und tauchten im Inneren ihrer Blüten unter. Vom Wiesenwege her vernahm man Schritte. Ein junges Bauernmädchen kam heran, es summte ein Lied und bückte sich von Zeit zu Zeit nach Blumen. »Die sollen mich heute beim Tanz schmücken,« sagte das Mädchen und sah wohlgefällig auf den dicken Vergißmeinnichtstrauß in seiner Hand. Mit einemmal riß es Mund und Augen auf und lief auf den Strauch der Heckenrose zu. »Ein Wunder,« rief es mit lauter Stimme und warf die armen 87 Vergißmeinnicht achtlos zur Erde. »Der wilde Busch trägt rote Rosen! Die sollen mich heute beim Tanz schmücken!« Und eilfertig, als könne ihm jemand zuvorkommen, plünderte das Mädchen den Rosenbusch und lief mit seinem Schatze davon. Aus der Tiefe von Tulipanes Blüte kam spöttisches Gelächter. »Nun?« fragte die Elfe und tauchte aus dem Kelche. »Wo bleibt die Wertschätzung euerer vortrefflichen Eigenschaften, verehrte Wiesenelfen? Duft und Farbe, Schönheit und Fülle! Das verlangt man von den Blumen, solange sie blühen, und alles andere ist Unsinn!«

»Ich schlage vor, noch eine Probe zu machen,« sagte der Türkenbund beschwichtigend, denn Baldriane sah aus, als ob sie in Ohnmacht fallen wollte. »Was versteht auch so ein junges Ding! Das greift nach dem Bunten, wie ein Kind nach Spielzeug.«

Tulipane entfaltete ihre glashellen Flügelchen und wiegte sich auf ihrer Blume. »Ich bin meiner Sache sicher,« sagte sie. »Mag kommen und Schiedsrichter sein, wer will!« Durch den Wald schlenderte ein junger Mensch; er hatte eine grüne Botanisiertrommel umhängen und pflückte ab und zu eine Blüte, wobei er einen lateinischen Namen murmelte, Staubgefäße und Blütenblätter zählte und die Pflanze sorgfältig in die Büchse schob. 88

»Ein Botaniker,« jauchzte Elfe Baldriane, als sie seiner ansichtig wurde. »Der kennt uns von der Wurzel bis zur Krone; der weiß um unsere Heilkräfte und unsere verborgenen Schätze. Gewiß, der fragt nach innerem Wert und nicht nach äußerem Glanz.« Der Wanderer kam näher, angezogen von dem matten Glanz der stolzen Lilie, die sich über den Wiesenblumen erhob. »Lilie, Gartenlilie,« rief er. »Wie kommt dies herrliche Geschöpf unter das Wiesenvolk? Ein Samenkörnlein muß sich hierher verirrt haben. Nie traf ich im Freien Lilien an.« Sprachs und begann mit Messer und Spaten die Wurzeln bloßzulegen und die Pflanze aus dem Erdreich zu heben. »Deine Schönheit soll einen würdigeren Platz erhalten,« sagte er. »In meinem Garten magst du wurzeln und blühen, weiße Prinzessin!« Und er schritt achtlos an den Wiesenblumen vorbei, in seinen Händen die Lilie tragend, deren Blüten schaukelten. Tulipane aber sang:

»Ei seht die klugen Menschen an!
Sie greifen nicht nach Löwenzahn,
nach Arnika und Baldrian!
Sie lassen alles andre gehn,
wenn Lilien am Wege stehn.«

Empört wandten die Glockenblumen sich zur Seite, die empfindsamen Sonnenröschen schlossen die Augen und der Thymian senkte seine Köpfchen noch tiefer zur Erde. »Ist der Streit nun zu unseren Gunsten entschieden?« fragten die Gartenelfen. Da kam ein weißhaariges Männlein des Weges gegangen, freundliche Augen zur Erde gerichtet, suchend und spähend. »Dritte und letzte Probe,« rief die Elfe des Türkenbundes aus und verschwand in ihrer Blüte. »Ei, ei, sieh nur den schönen Türkenbund,« sagte das Männlein und blieb vor ihm stehen. »Und hier die brennroten Tulpen, die leuchten ja wie ein Feuerlein. Wie kommt ihr auf meine Wiese mit euerer steifen Pracht? Euch hat wohl ein Windhauch 89 hergeweht und jetzt steht ihr da und müßt euch recht ungemütlich fühlen unter meinen Kräutern.«

»Hm, hm,« räusperte sich Tulipane ärgerlich, aber das Männlein vernahm es nicht.

»Ja, ja,« setzte es sein Selbstgespräch fort, »was der Kräuterpfarrer braucht, das gibt ihm keine Gartenblume. Aber hier mein Baldrian, der sorgt für Beruhigung und Schlaf, hier meine Arnika ist gut für schlimme Wunden und das bittere Tausendguldenkraut macht mir manchen Kranken gesund. Was finge ich ohne meine guten, heilsamen Kräuter an!« Und der Kräuterpfarrer grub den Baldrian aus, pflückte Tausendguldenkraut und Arnika und trug seine Schätze nach Hause, ohne sich weiter um die Gartenblumen zu kümmern.

»Der versteht nichts!« rief Tulipane empört. »Der hat ja keine Ahnung, was schön, fein und vornehm ist. Ich erkenne das Urteil nicht an.« Sie hatte Grund, ärgerlich zu sein, die schöne Elfe Tulipane, denn im Vorübergehen hatte der Kräuterpfarrer ihre herrliche Blüte unabsichtlich geknickt.

Da beendete die sanfte Baldriane den Streit. »Wollen wir uns nicht versöhnen?« rief sie zu Tulipane hinüber und bot ihr die Hand. »Hat nicht jedes von uns seine Zeit und seinen Platz, seine Aufgabe und seine Bestimmung? Sind wir nicht alle Kinder der großen, mächtigen, ewig fruchtbaren Mutter Natur? Ihr Gartenelfen schmückt die Gärten der Städte, die Einförmigkeit der Mauern mit euerem Farbenbunt. Seid gepriesen für die Freude die ihr spendet, das Entzücken, das ihr in den Menschen erweckt.« »Du hast recht, Baldriane,« entgegnete Tulipane hierauf. »Der Streit war unnütz und töricht. Jedes zu seiner Zeit und an seinem Platze, so will es die Mutter Natur.« »Geht also friedlich heim,« sagte Baldriane. »Folge jedes seinem eigenen, eingeborenen Gesetz. Ihr zu erfreuen und zu schmücken, wir zu helfen und zu dienen. Und beim nächsten Vollmond vereinigen wir uns zum Elfentanz.« 90

Da umarmten einander Gartenelfen und Wiesenelfen, feierten Versöhnung und saßen friedlich beisammen, bis mit einem Husch das lustige Völklein verschwunden war, die einen mit dem Sommerwind in ihre Gärten zurück, die andern in die unscheinbaren Kelche ihrer Wiesenblüten. Am nächsten Morgen sah die Wiese aus wie immer, von den stolzen Gästen aus den Gärten war nichts mehr zu sehen. Aber die Arnika hielt ihre goldenen Teller der Sonne hin, das Minzkraut duftete aus unzähligen Kelchen, die Königskerze strahlte, der Wegerich blühte und durch Hunderte von Kräutern, Blüten und Halmen ging ein Summen und Murmeln. »Jedes zu seiner Zeit. Jedes an seinem Platz! Die andern erfreuen und schmücken, wir Wiesenkinder helfen und dienen.« Und so ist es auch geblieben bis auf den heutigen Tag. 91

 


 

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