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Von Tür zu Tür

Friedo Lampe: Von Tür zu Tür - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVon Tür zu Tür
authorFriedo Lampe
year1946
firstpub1946
publisherClaassen & Coverts
addressHamburg
titleVon Tür zu Tür
pages259
created20160705
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eduard • Eine kleine Formenfibel

Brief

Liebe Eltern, ich kann Euch die freudige Mitteilung machen, daß Luise diese Nacht um zwei Uhr einen gesunden Jungen geboren hat. Wir sind ja so glücklich. Nach fünf Jahren des Wartens ist uns endlich unser Wunsch in Erfüllung gegangen. Ich habe Luise zur Klinik begleitet und mußte dort stundenlang im Gang warten, Dr. Heinrich wollte mich nicht zu ihr lassen. Luises Befinden ist ausgezeichnet. Zur Taufe müßt Ihr unbedingt kommen, das Kind soll Onkel Eduards Namen haben, Onkel Moritz wird ja böse sein, daß wir das Kind nicht nach ihm nennen, aber Moritz – nein, das geht doch nicht . . .

 
Drama

Onkel Moritz: Da sieh an, Luise, das ist aber nett, daß du deinen alten Onkel auch einmal besuchst. Was macht denn der Kleine?

Luise: Danke, Onkel, er ist quietschvergnügt. Ja, ich bin hergekommen, um dich zur Taufe einzuladen.

Onkel Moritz: Also Taufpate soll ich sein? Gerne, gerne, mein Kind. Das ist recht, daß ihr an euren alten Onkel gedacht habt. Ja, was soll ich dem Jungen dann schenken?

Luise: Ach, Onkel Moritz, verzeih – 104

Onkel Moritz: Natürlich kriegt der Junge ein schönes Geschenk. Onkel Moritz hat sich noch nie lumpen lassen.

Luise: Onkel, sei uns nicht böse, wenn –

Onkel Moritz: Kein Wort mehr, ich kenne meine Pflicht als Taufpate.

Luise: Onkel, entschuldige –

Onkel Moritz: Nur keine falsche Bescheidenheit. Wie wär's mit einem Kinderwagen?

Luise: Onkel, hör doch mal!

Onkel Moritz: Nun, mein Kind?

Luise: Du mußt uns richtig verstehen – bitte, braus nicht gleich auf. Sieh mal, der Name Moritz ist doch nun wirklich nicht schön und gar nicht mehr modern – die Kinder in der Schule würden später über den Jungen lachen –

Onkel Moritz: Was heißt das? Du willst doch nicht sagen –

Luise: Ja, .wir wollten den Jungen Eduard nennen – nach Onkel Eduard.

Onkel Moritz: So, mein Name ist euch nicht gut genug? Da steckt etwas anderes dahinter. Das ist ein Komplott mit Tante Lisbeth.

Luise: Nein, nein, Onkel Moritz!

Onkel Moritz: Immer Eduard. Eduard, Eduard. Ich verstehe, ich verstehe. Bloß weil er etwas mehr Geld hat, weil ihr glaubt –

Luise: Nein, Onkel, das ist es nicht.

Onkel Moritz: Mir kann man nichts vormachen. Ich durchschaue alles. O wie recht habe ich, mich 105 von dieser Familie zurückziehen. Ich soll zur Taufe kommen? Denke nicht dran. Ihr sollt euch wundern, Eduard, der wird dem Jungen noch lange nicht sein Vermögen vermachen, der Liederjahn, der alte Knicker. Pfui Teufel.

Luise: Onkel, glaub mir doch –

Onkel Moritz: Kein Wort mehr. Raus, raus, ich will dich nicht mehr sehen, nie mehr. Allein will ich sein. Pfui Teufel. Raus.

 

Taufpredigt

Pastor Wonnesam: Fünf Jahre gingen dahin, aber sie verloren nicht den Mut und den Glauben. Wer da die Hoffnung nicht aufgibt, der wird auch erhöret. Und siehe da, der Herr segnete sie. Da liegt er nun, unser kleiner Erdenbürger, gesund und rosig und vergnügt. Und alle sind um ihn, die Eltern, die Großeltern, der Onkel Eduard, der ihm den Namen schenken soll, und alle strahlen im Glück und Sonnenschein dieser Stunde. Ja, die Sonne, die Frühlingssonne, scheint warm und golden zu uns herein. O möge sie immer auf seinen Wegen leuchten. Nur einer, ein liebes Mitglied der Familie, muß ferne weilen, da ihn böse Unpäßlichkeit befallen – der Onkel Moritz. Aber auch er wird in Liebe auf seinem Krankenlager dieser Stunde gedenken und im Geiste bei uns sein . . . 106

 

Kanzleistil

Dr. Rebbein, der Notar, an Onkel Moritz:

Sehr geehrter Herr!

Ihr gefälliges Schreiben vom 12. 6. habe ich ergebenst zur Kenntnis genommen. Ich werde also Ihren Anordnungen gemäß dem Testament eine andere Form zuteil werden lassen. Ich wiederhole noch einmal die fraglichen Punkte, um sicher zu sein, daß keine Irrtümer unterlaufen. Ihr früherer Testamentsentscheid, demzufolge Ihre Nichte Luise W. oder ihr erstgeborenes Kind im Falle eines Ablebens Ihrerseits zum alleinigen Erben eingesetzt war, ist von Ihnen annulliert, und Sie haben sich jetzt entschlossen, Ihr ganzes Vermögen dem Verein zur Förderung der Gartenkultur . . .

 

Roman

Eduard war vor ihrer Garderobentür angelangt und wollte schon die Klinke niederdrücken, da hörte er leises Gelächter. Es waren diese sanft glucksenden, girrenden Taubentöne, die er so gut kannte. Aber was war das? Eine Männerstimme klang dazwischen, ein vergnügtes, zufriedenes Männerlachen. Eduard horchte, aber er konnte nichts Deutliches vernehmen. Da öffnete er schnell die Tür. Rosi saß vor ihrem Toilettentisch, die Puderquaste in der Hand, und über sie gebeugt stand der Direktor. »Ah, Sie sind's, mein Lieber«, sagte der Direktor im 107 harmlosesten Ton von der Welt, »wollen Sie auch unserem feschen Jägerburschen Ihre Begeisterung und Bewunderung zu Füßen legen? Also dann will ich nicht stören. Über das bewußte Projekt sprechen wir morgen, Rosi. Überleg's dir noch mal. Servus, servus.« – »Was wollte er? Warum ist er hier?« fragte Eduard finster. »Mein Gott, was Geschäftliches, mein Liebling«, sagte Rosi und betupfte ihr Gesicht mit der Quaste. »Aber ihr lachtet so vergnügt, ehe ich eintrat, und wenn du diese gurrenden Töne ausstößt, dann weiß ich . . .« »Nun hör aber auf, das ist ja fad. Er ist doch der Direktor, da muß ich doch freundlich sein. Sag lieber, wie du mich findest.« Sie sprang auf vom Stuhl und schritt graziös in ihrer schlanken grünen Jägertracht durchs Zimmer, den schwarzen Dreispitz keck auf der weißen Lockenperücke. Und dann legte sie die Hand hinter den Kopf und tanzte und sang: Meine Lust ist das Jagen im grünen Wald. Eduard umschlang sie leidenschaftlich. »Mein Jäger, mein süßer kleiner Jäger. Versprich mir, daß du mir treu sein willst, immer, immer. Ich hab' auch eine große Überraschung für dich.« Rosi hob schnell den Kopf und sah ihn gespannt an. »Ich bin heute bei meinem Notar Doktor Rehbein gewesen«, sagte Eduard, »wenn ich einmal sterben sollte . . .« »Sprich doch nicht davon, Liebling, das mag ich nicht hören.« – »Ja, dann sollst du mein ganzes Vermögen erben.« – »Still davon, mein Herzchen, 108 mein Goldiger, pfui, vom Tode zu reden. Und sag, dein Patenkind, dieser kleine Eduard, der soll nun gar nichts mehr haben? Mein Gott, wie traurig!« – »Gar nichts«, sagte Eduard, »Luise, die wird sich fuchsen, die wird einmal Augen machen, ha, ha.«

 

Lyrik

Schlaf, Eduard, schlaf in Frieden,
Noch ist dir Ruh beschieden,
Noch weißt du nichts von unserer Welt,
Von Ruhm und Stand und Ehr und Geld,
Noch kannst du glücklich lachen.
Ich will still bei dir wachen.
Der Mond, der scheint zum Fenster rein,
Wie kühl und heiter ist sein Schein,
Die Lampe, die ist ausgedreht,
Ein Wind sanft die Gardine bläht.
O bliebest du doch immer klein,
Und könnt' ich immer bei dir sein
Und sitzen so im Dunkeln
Beim klaren Sternefunkeln,
Doch schon auf Treppenstufen
Tönt Vaters Schritt. Gleich wird er rufen.

 

Reportage

Gestern abend brach in einem Hause der Charlottenstraße ein Feuer aus, dessen Ursachen bis jetzt noch nicht festgestellt werden konnten. Das Feuer griff schnell um sich und zerstörte den Dachstuhl und zwei Etagenwohnungen. Menschenleben sind nicht zu beklagen, auch ein großer Teil des Inventars konnte gerettet werden. 109 Bei diesem Ereignis tat sich besonders der 54-jährige Moritz M. hervor. Durch Zufall führte ihn sein Abendspaziergang in die Nähe des fraglichen Hauses, und als er den Flammenschein aus der Ferne sah, lief er sofort zur nächsten Telephonzelle und benachrichtigte die Feuerwehr. Aber nicht genug damit, er eilte zu dem Hause, in dessen dritten Stock sein Neffe Hans W. mit seiner Gattin Luise wohnte, klingelte, und als sich niemand meldete und er von den Nachbarn erfuhr, daß das Ehepaar zum Theater gegangen war, um sich die Oper Jägerglück anzusehen, die Fräulein Rosi Huber in der Hosenrolle des Alois zu einem so triumphalen Erfolge geführt hat, stürzte er in das brennende Haus, noch vor Ankunft der Feuerwehr, schlug die Haustür ein und rettete den kleinen Sohn des Ehepaares, Eduard mit Namen, aus Flammen und Qualm, unter größter Lebensgefahr. Diese Handlungsweise ist besonders ergreifend, wenn man erfährt, daß Moritz M. sich seit längerem mit seinem Neffen und seiner Nichte verfeindet hatte. Im Augenblick der Gefahr vergaß er allen Zwist, seine innige Liebe zu dem kleinen Eduard, sein tiefes Familiengefühl brach mächtig durch und trug den Sieg davon. Der Bürgermeister hat dem kühnen Mann die goldene Rettungsmedaille verliehen. Moritz M. tat noch ein übriges und nahm das obdachlos gewordene Ehepaar in seine geräumige Wohnung auf. 110

 

Singspiel – Libretto

Onkel Moritz, Hans, Luise, der kleine Eduard im Korbwagen, auf einem Balkon. Es ist Abend. Sie sitzen an einem Tisch, vor sich Weingläser.

Onkel Moritz: Wir wollen allen Streit begraben,
Wie bin ich froh, daß wir uns wieder haben.

Hans: Wie ist der Abend mild und lau.
O küsse mich, umarm' mich, Frau.

Luise: Den guten Onkel wolln wir preisen!
Klein-Eduard soll jetzt Moritz heißen.

Onkel Moritz: Ach, Namen sind ja nur ein Scherz.
Gehört mir nur sein kleines Herz,
So mag er heißen, wie er will.
Ach, seid mir von dem Namen still.

Alle: Ja, mag er heißen, wie er will,
Ach, seid mir von dem Namen still.
Die Namen sind ja nur ein Scherz,
Das Wichtigste ist doch das Herz.
So trinken wir denn allezeit
Auf Freundschaft und auf Herzlichkeit!

Sie heben die Gläser, der kleine Eduard jauchzt im Korbwagen, über den Dächern geht der große gelbe Vollmond auf. 111

 

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