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Von Tür zu Tür

Friedo Lampe: Von Tür zu Tür - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVon Tür zu Tür
authorFriedo Lampe
year1946
firstpub1946
publisherClaassen & Coverts
addressHamburg
titleVon Tür zu Tür
pages259
created20160705
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Spanische Suite

»Sie können jetzt nicht reingehen«, sagte Frau Frese, die Garderobenfrau, »ist aber wohl bald zu Ende, das Stück.« Willy Mertens stellte sich an die geschlossene Tür und horchte in den Saal. Gramvolle, wehmütige Klage, die sich wandelte in milde, männliche Resignation – Brahms, das war doch Brahms? Frau Frese hatte sich schon wieder hingesetzt und las schnell weiter in ihrem Roman. Sie saß hinter der Theke vor den mit Zeug vollgestopften Garderobenständern, eine kleine rundliche Frau mit schwarzem Kleid, weißer Schürze, Häubchen auf dem grauen Haar, Brille.

Es hatte für sie immer was besonders Stimmungsvolles, hier zu sitzen und zu lesen, während aus dem Saal gedämpft die Musik herüberklang. Also wie war das mit diesem gräßlichen Clown? Hier, ja: »Asta wich bis in den äußersten Winkel des kleinen Wohnwagens zurück, und ihre Augen weiteten sich angstvoll, als der Clown Alfio ihr mit verzerrtem Gesicht immer näher kam. Seine Augen schossen grelle Blitze, und seine dicke rote Clownnase wirkte besonders furchterregend. ›So, nun glaubst du, weil du diesen Fernando hast, da könntest du mich wie einen räudigen Hund behandeln? Mir gehörst du, für immer, und ich rate dir . . .‹ – 56 ›Der Direktor will doch, daß er mein Partner ist‹, rief Asta in höchstem Entsetzen.«

Der Brahms war zu Ende. Willy Mertens schlüpfte durch die Tür in den Saal. Winter verbeugte sich vorne auf dem Podium, man sah seine spiegelnde Glatze. Klatschen, Klatschen. »Da bist du ja endlich«, sagte Anita, »warum kannst du nicht einmal pünktlich kommen?« – »Ach, da kam im letzten Augenblick Besselmann mit so einer wichtigen Sache«, sagte Willy Mertens. »Der Brahms war herrlich«, sagte Anita, »und denke dir, Winter hat alles auswendig dirigiert.« – »Ja, Brahms ist seine Spezialität«, sagte Willy Mertens, »wann kommt denn nun der junge Bulthaupt mit seinem Konzert?« – »Jetzt«, sagte Anita.

»Ich bin so unruhig«, sagte Heinz Stange, der Trompeter, zu seinem Nachbarn, »meine Frau liegt in der Klinik und erwartet ein Kind – ob ich wohl noch mal telephonieren kann?« – »Geh man hin«, sagte der Trommler, »ist wohl noch Zeit.«

»Ich glaube, jetzt ist es so weit«, sagte Juan Bulthaupt und stand auf. Er saß mit seinen Eltern dicht neben dem Orchester in der Loge. Winter hatte ihm zugenickt. »Nun geht's also los«, sagte Teresa Bulthaupt und sah ihn ängstlich an mit ihren glänzenden Mandelaugen, »Maria und Josef.« – »Du bist mir die Richtige«, sagte Konsul Bulthaupt, »erst kannst du nicht 57 abwarten, den Jungen da oben vorm Publikum stehen zu sehen, und nun zitterst du. Ihr habt's ja so gewollt, nun muß er sehen, wie er durchkommt.« – »Hab keine Angst«, sagte Juan und starrte einen Augenblick über den Saal hin, »vor denen da hab' ich keine Angst.« – »Na also«, sagte der Vater, »stolz will ich den Spanier. Ist doch auch nicht das erstemal für dich.« – »Aber seine erste Orchester-Komposition«, klagte Teresa.

»Er ist aufgestanden«, flüsterte Lili Bracksieck ihrer Freundin Eva Lohmann zu. Sie saßen in der zwölften Reihe. Lili Bracksieck war siebzehn Jahre alt und wohnte in derselben Straße wie Bulthaupts, in der Mathildenstraße. »Sieht er nicht reizend aus in dem Frack? Seine Mutter ist eine Spanierin, davon sieht er so brünett aus, und von ihr hat er auch die Augen. Den ganzen Sommer ist er in Spanien gewesen, sein Vater ist ja spanischer Konsul und hat ein Geschäft, weißt du, so eine Filiale, in Madrid.« – »Hast du denn mal mit ihm gesprochen?« fragte Eva. »Nein, jetzt nicht, aber wir haben früher zusammen gespielt. Ach, sein Vater war ja so dagegen, daß er Musik studierte, er sollte doch eigentlich Kaufmann werden – aber nun hat er's doch erreicht.« – »Na, das wird schöne Kämpfe gegeben haben«, meinte Eva.

Im Musikzimmer stand Generalmusikdirektor Professor Winter mit dem Bürgermeister zusammen. »Da ist er ja, unser junger Mozart«, rief 58 der Bürgermeister. »Lampenfieber? Tritt sie nieder, die Bestie Publikum.« – »Hab' keine Angst«, sagte Juan lächelnd und zeigte sein blendendes Gebiß. »Gott, Otto«, sagte der Bürgermeister, »erinnerst du dich noch, als wir damals, so vor fünfzehn Jahren, dein erstes Werk, die Frühlingssymphonie, aufführten? Na, da hast du schön gebibbert.« – »Komponieren Sie gar nicht mehr?« fragte Juan. »Nein«, sagte Winter, »ich bin der Ansicht, daß man überhaupt nichts machen soll, wenn man nicht das ganz Vollkommene machen kann. Halbtalente haben wir genug. Da halt' ich mich lieber an die großen Meister.« – »Schöne Ansicht, wo kämen wir damit hin?« sagte der Bürgermeister. »Das bedeutet Erstarrung, mein Lieber, aber wir müssen weiter, brauchen junges, neues Leben.« – »Na, ich geh' nun rein«, sagte Winter, »folgen Sie mir in ein paar Minuten – und alles Gute.« Matt drückte er ihm die Hand und sah ihn kaum an mit seinen grauen, toten Augen. So blaß war sein Gesicht. »Verkalkt, verkalkt«, murmelte der Bürgermeister, »ich kann Ihnen sagen, das war nicht leicht, Ihr Opus bei dem da durchzusetzen. Nun zeigen Sie ihm mal, was Sie können, bringen Sie mal etwas frischen, scharfen Wind in die alte Bude – ach, herrlich, so jung zu sein und mal ordentlich reinzuhauen . . .« – »Zirkusbeginn!« las Frau Frese, die Garderobenfrau, in ihrem Roman Asta, die Tochter der Luft. »Scheinwerferlicht, Pferdegeruch, 59 Marschmusik, die Ränge schwarz von Menschen, der Direktor zieht mit den Artisten in langem Zug in die Manege, die Clowns überkugeln sich – oh, Zirkusluft!« – In der vierten Reihe saß Fräulein Brandes, die Klavierlehrerin, fünfunddreißig Jahre alt, blond und zart. Was kommt nun? Ah, das moderne Stück Spanische Suite für Geige und Orchester von Juan Bulthaupt, Uraufführung. Da steht er ja schon mit seiner Geige, Winter flüstert ihm noch was zu. So jung und darf schon in einem Konzert auftreten mit einer eigenen Komposition. Nie werde ich in einem Konzert auftreten – nie, nie, und doch ist Musik das Schönste in. meinem Leben, was hab' ich sonst von meinem Leben? »Jetzt geht's los«, flüsterte Lili Bracksieck und betrachtete Juan durchs Opernglas. Juan stand ruhig vorm Orchester neben dem Dirigentenpult, er hatte die Geigensaiten noch einmal geprüft, nun stand er da und sah kühl und abwartend ins Publikum, die Geige unterm Arm, ein weißes Seidentuch in den Kragen geschoben. Er verachtet sie alle, dachte Lili Bracksieck, er ist ein Prinz, ein spanischer Prinz . . . »Stange, endlich«, sagt Winter und schüttelt mißbilligend den Kopf, »wie können Sie jetzt weglaufen.« – »Oh, Herr Professor«, sagt Heinz Stange und strahlt über sein gutes, rundes, rotes Gesicht, »entschuldigen Sie, ich habe mit der Klinik telephoniert, meine Frau hat einen Jungen geboren, jetzt gerade, nun denken 60 Sie mal, und man hat mir gesagt . . .« – »Schon gut, Stange, gratuliere, aber nun setzen Sie sich, erzählen Sie mir das später, das geht doch jetzt nicht.« – Der Bürgermeister trat in die Loge und beugte sich zu Konsul Bulthaupt runter: »Na, sind Sie nun nicht doch ein wenig stolz auf Ihren Filius?« – »Abwarten, abwarten. Mir wäre lieber, er wäre ein tüchtiger Kaufmann geworden als so ein Zigeuner mit der Geige. Die schöne, alte Firma, von Generationen aufgebaut – das wird beiseitegeschoben, als wär's gar nichts.« – »Hat er nicht eine fabelhafte Haltung, der Junge?« sagte Teresa Bulthaupt gerührt. »Er ist eben ganz die Mutter«, flüsterte ihr der Bürgermeister galant ins Ohr.

Winter hob den Taktstock – los! Erster Satz: In der Schenke. Allegretto vivace. Aufreizendes Gezupf der Geigen, scharf und abgehackt, Klappern der Kastagnetten, dumpfes Bum-Bum-Bum der Trommeln, Flöten schrillen dazwischen, frech und quäkend, immer schneller, immer schärfer und härter, aufstachelnd zum Tanz, zum Wirbel – ein Tumult, chaotisch zerreißend und doch zusammengehalten, zusammengezwungen durch diesen eckigen, brutalen Rhythmus. Sie tanzen, sie lachen, sie trinken und schreien, in einer Schenke, die Wilden, die Feurigen, stampfen und werfen sich nach hinten, he, olé, Tücher fliegen, Röcke schlagen flammende Räder, Messer blinken, und da, da, auf dem Höhepunkt – da bricht 61 es ab, Pause – und Juan hebt langsam die Geige ans Kinn, hebt sie ganz hoch, die Hand am Geigenhals, und stürzt sich – ruck – in das neu ausbrechende Gekrache. Die schwarzglänzenden Haare fallen ihm über die Stirn, zerstört der spiegelnde Scheitel; er wirft sich hin und her, stampft auf mit dem Fuß und summt durch die Nase die heiße, trockene Melodie mit, die nun aufsteigt wie eine glutrote Rakete und sich königlich entfaltet über all dem hämmernden Gebrodel. Komödiant, denkt Winter, schon wieder diese Varietémanieren. – Tanzen, tanzen, denkt Lili Bracksieck, o mit ihm in Spanien tanzen! Ich als Carmen, im schwarzen Seidenkleid mit der Mantille, girrend hinterm Fächer, Rose hinterm Ohr, Kastagnetten klappernd. Ach, ich bin keine Carmen, und was wird er für Frauen kennengelernt haben in Spanien. Und ich muß in Herrn Baumbachs Tanzstunde tanzen. – Warum soll ich die Weser-Aktien nicht nehmen, denkt Willy Mertens, warum soll ich Besselmann nicht vertrauen? Es ist nicht der erste gute Tip, den er mir gegeben hat. Ich nehme die Weser-Aktien. Und die Geigen zucken herausfordernd: nimm die Weser-Aktien, nimm die Weser-Aktien. Anita neben ihm denkt plötzlich: Himmel, hab' ich den Wasserhahn von der Badewanne abgedreht? Wenn das Wasser nun weiterläuft, im Badezimmer, in die Stube, durch die Decke? Heinz Stange bläst mit dickgeblähten Backen die metallisch 62 schmetternde Trompete: ein Junge, ein Junge, o Gott, ein Junge. – Und Frau Frese, die Garderobenfrau, draußen in dem Gang, liest in ihrem Roman: »›Fernando‹, ruft Asta in wilder Verzweiflung, ›gib heute abend auf den Clown Alfio acht, er führt was im Schilde, ich fühle es.‹ Aber Fernando, der junge, der strahlende, lächelt nur: ›Ach was.‹« Frau Dieckmann, die mit Frau Frese an derselben Theke die Garderobe bewacht, tritt zu ihr: »Oh, ich habe heute wieder solche Ischiasschmerzen, ich kann nicht stehen und nicht sitzen, weißt du denn kein Mittel?« – »Da nützt nur Wärme«, sagt Frau Frese, »aber nun stör' mich doch nicht, ist gerade so spannend, die Geschichte.« – »Wärme, das ist schön gesagt. Und dabei zieht es hier so scheußlich. Das ist ja das reine Gift für mich.«

Kurze Pause zwischen zwei Sätzen. »Sie müssen sich etwas mäßigen«, sagte Winter zu Juan. »Im Gegenteil, feuriger müßte alles sein, die Tempi waren zu langsam, immer noch zu langsam«, sagte Juan leise und kalt. »Angsthase, kleines Dummerchen«, sagte Willy Mertens, »natürlich hast du den Wasserhahn abgedreht, nun bilde dir doch nichts ein.« – »Meinst du?« sagte Anita und sah ihn erleichtert und dankbar an. Wie hübsch sieht sie jetzt aus, dachte Willy Mertens, die geröteten Backen, die strahlenden Augen, die zarte Haut, die leichten, hellen Haare an der Schläfe, und wie süß duftet das Veilchenparfüm, 63 das ich ihr zu Weihnachten geschenkt habe – ein kleines Mädchen ist sie ja noch, ein Kind, ich müßte mich viel mehr um sie kümmern, ich bin nicht gut genug zu ihr – dann begann der zweite Satz: Die Alhambra, Andante, ernst und feierlich, voll und weich. Juan schmiegte seinen schmalen Kopf sanft an den Geigenleib, und eine satte, inbrünstige Melodie erklang, nachtdunkel, durchtränkt von Wehmut und Schwärmerei. »Alhambra? Was ist das noch?« fragte Anita. »Ach, das ist so ein großes, altes maurisches Schloß, so ein Kastell, weißt du, in der Nähe von Granada, wo die arabischen Könige wohnten, genau kann ich's dir auch nicht sagen«, sprach Willy Mertens leise. »Danke«, hauchte Anita, »du weißt aber auch alles«, zärtlich strich sie ihm über die Hand. Da umfaßte er ihre Hand, drückte sie, streichelte sie, und so saßen sie da, die Hände ineinander. – Schön, dachte Fräulein Brandes, die Klavierlehrerin, und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, ich liebe die langsamen Sätze, das Traurige, Ernste und Feierliche, – das Bewegte, Heitere und Lustige ist nicht meine Sache. Das kommt wohl daher, weil ich so einsam bin. Spanien – ja, da müßte man hinreisen, da würde man was sehen und erleben. Aber so allein, nein, da habe ich keinen Mut. Es ist verkehrt, daß ich jeden Sommer in die Lüneburger Heide fahre. Ach, mir fehlen die Flügel, mir sind die Flügel beschnitten. – »Sieh dir mal seine Hände an«, sagte 64 Lili Bracksieck zu Eva Lohmann und gab ihr das Opernglas, »was hat er für wunderbare Hände, so schlank und braun und nervig.« – In der Ecke des Saals saß der Musikkritiker Dr. Hellmers vom Stadtanzeiger, er hatte eine Künstlermähne und einen Zwicker auf der Nase und machte sich fortwährend Notizen. Er ist ein Teufelskerl, ein Wunderknabe, dieser junge Bulthaupt, ein raffinierter Koloristiker. Wie er da nun diese arabischen Klangfarben rauskriegt, famos. Natürlich, man merkt die Abhängigkeit von Richard Strauß, Debussy und Respighi, das muß ich auch betonen, aber es ist doch eine Geschlossenheit, Architektonik, monumentale Struktur zu erkennen, die die neue Generation ankündigt . . . Teresa Bulthaupt träumte vor sich hin: die Alhambra! Maurische Bogen und Gänge, Höfe und Moscheen im warmen Mondenschein, das Gras wuchert wild und hoch, die Springbrunnen rauschen, Liebespaare flüstern in den Nischen . . . Ach, war es eigentlich richtig, daß ich von Spanien fortgegangen bin? Hier bin ich eine Fremde und bleibe ich eine Fremde, nur Juan versteht mich. Konsul Bulthaupt dachte: da steht er nun, der Junge, und spielt von Spanien, von Teresas Spanien. Hat er überhaupt etwas von mir? Kann ich ihn verstehen? Früher hätte ich ihn vielleicht verstanden, als ich Teresa kennenlernte, jetzt bin ich zu alt und zu kalt. Der Bürgermeister hinter ihm überlegte: begreif' ich etwas von Musik, 65 oder bin ich zu plump und zu banal? Schön klingt das, so zart, so traurig, aber ich glaube, im Grunde bin ich unmusikalisch. – Im Rang, in der ersten Reihe, saß der junge, neue Stadtbaurat Wilkens, schmales, scharfes Gesicht, energievolles Kinn, unruhig schweifende Augen: ich muß unbedingt noch mal nach Spanien reisen, den maurischen Einfluß auf den Baustil studieren, interessante Sache, wird ähnlich sein wie in Sizilien. Heute abend gleich noch mal die Alhambra ansehen, ich hab' da doch ein Buch . . . Und Juans Geige, das ganze. Orchester sang in warmen, satten Trauerklängen: Alhambra – Granada – Nacht – Mondschein – Vergänglichkeit.

Still und wie träumend saßen die Leute in der Pause. Der erste Geiger beugte sich zu Juan vor: »Merken Sie, wie das Publikum mitgeht? Sie haben gewonnen.« – »Glauben Sie?« sagte Juan und lächelte schüchtern. Er sah rüber zu seiner Mutter, sie sah ihn an, traurig und glücklich, sie nickten sich zu. Kraft durchdrang ihn und Zuversicht. »Weiter«, rief er Winter zu. »Immer langsam«, sagte Winter. »Nein, nein, nicht langsam«, sagte Juan, »jetzt aber mit Schwung!« Grau im Gesicht und schlapp stand Winter da und blickte leer und unglücklich über das Orchester. Scheußlich war das, der junge Kerl, der schaffte es nun, hatte einfach die Kraft, und ich muß ihm noch helfen bei seinem Erfolg. Übelkeit kam in ihm hoch, aber dann straffte er sich, nur 66 nichts merken lassen, Haltung, Haltung, nur nichts vorm Orchester merken lassen, oder hatten sie es schon erkannt, sahen sie ihn nicht alle so höhnisch und schadenfroh an?

Dritter Satz: Der Ruhm des Torero, beginnend mit einem blitzenden Allegro con brio. Dröhnende Marschrhythmen, festlicher Jubel, Blechgeschmetter. Die Sonne brannte glühend, die Arena wogte, die Kämpfer zogen auf, der Held wird gefeiert, der große Torero, der berühmteste, die Frauen jauchzen ihm zu, dicke Sträuße fliegen in die Arena, knallrot die Baldachine, Tücher und Fahnen, Stiergebrüll, ein strahlender Tag. Juan spielt singend, scharf mit dem Fuß taktierend, das Kämpfermotiv, sein Gesicht ist blaß und starr vor Gespanntheit, mitgerissen folgt das Orchester. »Ist er nicht herrlich?« flüstert Lili Bracksieck jubelnd, »dieses Temperament, nun ist ihm alles egal.« Ja, fühlt sie, ein Zigeuner ist er, er rast auf einem wilden Pferd über die Steppe und singt – und dann steht er breitbeinig auf dem Tisch in dem Wirtshaus und spielt die Geige, und alle Mädchen sind ihm verfallen. – Triumphierend bläst Heinz Stange die Trompete: er ist da, er ist da, also doch ein Junge! Sophie, sagt' ich es nicht? Ja, damit wirst du dich nun abfinden müssen. Und ein Trompeter wird er, das ist doch ganz klar. – Mut, mehr Mut müßte ich haben, denkt Fräulein Brandes, die Klavierlehrerin, ich müßte mich mehr 67 unter Menschen wagen, warum bin ich diesen Winter nicht auf den Ingenieur-Ball gegangen, dann hätt' ich Herrn Bäcker wieder getroffen, so übel war er doch gar nicht, natürlich, das Ideal ist er nicht, aber ich kann doch nicht bis an mein Lebensende diese Klimperstunden geben! – »Ich kaufe das Haus in der Parkallee, dann hast du deinen Garten, ich hab' mich eben entschlossen«, flüstert Willy Mertens Anita zu. »O Willy«, ruft Anita leise. »Ja«, sagt Willy Mertens, »du und Lotti, ihr braucht mehr Luft und Sonne. Dann kann Lotti doch schön im Garten spielen.« Im Garten spielen, im Garten spielen. – Stadtbaurat Wilkens wird ganz aufgeregt: der Philharmonie-Saal muß umgebaut werden, daß ich das jetzt erst sehe. Ich muß noch heute abend mit dem Bürgermeister sprechen. Völlig veraltet. Weg die Karyatiden, der Stuck, die Säulen, die Deckenmalerei, die protzigen Kronleuchter – alles abgerissen – ein klarer, heller, schlichter Saal, schmucklos, mit indirekter Beleuchtung. – »In riesigen Sprüngen, wie ein Panther«, las Frau Frese, die Garderobenfrau, »lief Fernando die Ränge hinauf zur Zirkuswand und riß den Clown Alfio an der Schulter herum: ›Schuft, was arbeitest du da mit der Feile an dem Eisendraht?‹ Es war der Draht, der das Trapezgestänge oben festhielt. Tief erschrocken, feige und tückisch sah Alfio ihn an: ›Ich wollt' da was in Ordnung bringen‹, murmelte er. 68 ›Scher' dich zum Teufel‹, rief Fernando und stieß ihn die Treppe hinunter, ›wir sprechen uns später.‹« – Musikkritiker Dr. Hellmers notierte mit fiebernder Hand: »Das ist Süd-Musik, wie sie Nietzsche erträumte, der Süden Mérimées, Bizets und Verdis, scharfes, helles Licht, trockne, heiße Luft, elementare Leidenschaft, naive Sinnenfreude, Verismus, heiter noch im Tragischen. Nur einer, der diese Welt im Blute hat, kann solche Töne finden . . .« Klirrend und grell schließt der Satz, Beifall bricht aus, plötzlich, Rufe: »Bravo, bravo.« Winter winkt schnell ab, hebt schon wieder den Taktstock, Ruhe, Ruhe, – und der letzte Satz beginnt: Südliches Meer.

Das ist nun – nach all dem Lauten und Bewegten – wie ein stilles Aufatmen, ein ruhiges, großes Sichverströmen. Das helle, blaue, glitzernde Meer im Mittagsglanz, ganz durchsichtig, in zarten Dunstschleiern, weiße Segel weich sich in der Luft lösend, unbändige Sonnenfülle, vollkommener, seliger Augenblick. Über dem flimmernden Silberglanz der Geigen und Flöten und Harfen zieht Juans einsamer Gesang ganz hoch und leicht und zart, verschwebend, verhauchend im wolkenlosen, tiefen Blau. Ein weißes Licht durchflutet den Saal. – Nun weitet sich die Musik ins Kosmische, denkt Dr. Hellmers, der Musikkritiker. – Ja, ich will diesen Sommer nach Norderney fahren, entschließt sich Fräulein Brandes, am Strande laufen, mit nackten Füßen, baden. 69 – Und alle anderen im Saale schwingen, klingen, singen mit: im Garten spielen mit Lotti – ein Junge, ein Junge – er ist ein Zigeuner, ein spanischer Prinz – der Saal muß umgebaut werden, ganz schlicht und weiß muß er sein – das ist Süd-Musik, wie sie Nietzsche erträumte – Spanien, o Spanien . . . Und Frau Frese, die Garderobenfrau, liest: »Da schwebten sie nun oben in der Kuppel des Zirkus, angestrahlt vom Scheinwerferlicht, leicht und weiß wie Vögel, im Takt der Musik, trafen sich, umschlangen sich, lösten sich, Asta und Fernando, die Königskinder der Luft, und die silbernen Schaukeln glänzten. Unten aber, am Manegeneingang, stand Alfio, der Clown, ohnmächtig bebend, und schaute haßerfüllt zu ihnen hinauf.«

Da hört Frau Frese den Beifallssturm im Saal, das Konzert ist zu Ende, die Saaltüren öffnen sich, die ersten Leute kommen zur Garderobe, seufzend klappt Frau Frese den Roman zu und legt ihn unter die Theke. Im Saal wildes Geklatsche, die Leute strömen vor zum Orchester, ich muß ihn doch noch mal sehen, bravo Bulthaupt, das war fabelhaft, bravo, bravo, komm, klatsch doch ordentlich, das hat er verdient, mein Gott, wie bescheiden verbeugt er sich, wie linkisch, ein sympathischer Junge, sieh mal, da schleppen sie ja Blumen heran, Kinder, was für'n großer Korb, und all die Sträuße, was für eine Fülle. »Die Rosen da, siehst du, an denen er jetzt 70 riecht, die sind von mir«, kichert Lili Bracksieck hochrot Eva Lohmann zu. Als Juan aus dem Saal lief, trat ihm Heinz Stange entgegen. »Herr Bulthaupt, ich hätte eine große Bitte. Ich habe eben erfahren, daß meine Frau einen Jungen geboren hat, nun wollte ich zu ihr in die Klinik und habe gar keine Blumen.« – »Da, nehmen Sie«, sagte Juan und stopfte ihm Lili Bracksiecks Rosen in den Arm.

Im Musikerzimmer fiel Teresa Bulthaupt ihrem Sohn um den Hals: »Mein Juan, mein kleiner Juan, das hast du schön gemacht, o deine Mami ist ja so stolz auf dich. Du wirst noch ein ganz, ganz großer Künstler. Papa, begreifst du nun endlich, daß er ein Erz-Musiker ist?« Der Bürgermeister schüttelte Juan herzhaft die Hand: »Na, wie haben wir das Kind geschaukelt? Toll, mein Lieber, das hatte Schmiß mit dem Torero, Donnerwetter noch mal, Bulthaupt, wenn Sie noch immer nicht einsehen, daß das mehr ist als doppelte Buchführung und Tabakimport, dann kann ich nur sagen: Sie sind ein Tyrann, ein Ignorant, ein Banause.« Konsul Bulthaupt lächelte etwas gequält und hilflos: »Nein, nein, ich sage nun gar nichts mehr, mach man so weiter, mein Junge, du hast schon recht.« – »Mein guter, alter Papa«, sagte Juan leise und strich seinem Vater über die Schulter. Winter stand abseits an einem Tisch und blätterte in einem Notenheft. »Otto«, sagte der Bürgermeister zu ihm, »nun 71 gib dir doch mal einen Ruck und sieh die Sache etwas überlegener und freier an, spiel doch nicht die gekränkte Leberwurst. Was hat dir denn der Junge getan? Er kann eben was, damit mußt du doch fertig werden.« – »Ja, ich bin ein Esel, ein blöder, kleinlicher Esel.« Winter sah einen Augenblick den Bürgermeister an, und es zuckte um seinen Mund. Dann ging er auf Juan zu und streckte ihm die Hand hin: »Es ist mir nicht leicht gefallen, Sie zu bewundern, Sie werden das vielleicht einmal verstehen, wenn Sie älter sind, aber ich bewundere Sie, Sie sind was, Sie können was.« – »Oh, Herr Professor, daß Sie das sagen«, Juan war tiefrot geworden, und seine dunklen Augen leuchteten warm, »ach, nein, nein, ich muß ja noch so viel lernen.« Stadtbaurat Wilkens drängte sich an den Bürgermeister heran: »Herr Bürgermeister, darf ich Sie einen Augenblick sprechen? Mir ist heute abend etwas Wichtiges klargeworden. Der Philharmonie-Saal muß umgebaut werden, er ist ja völlig veraltet, ich hab' da ein Projekt . . .« Der Bürgermeister nahm ihn unter den Arm. »Na, denn schießen Sie mal los, Wilkens, Sie wissen ja, für Veränderungen und Umwälzungen bin ich immer zu haben.«

Juan öffnete die Tür vom Musikerzimmer und trat auf den Balkon. Einen Augenblick allein sein, frei durchatmen. Dort unten lag dunkel die Stadt. Ein weicher, föhniger, feuchter Wind, man spürte schon das nahende Frühjahr. Der Schnee 72 schmolz von den Dächern und rieselte auf die Straße. Es war ein Rumoren und Ziehen und Drängen in der Luft, und Juan preßte die Fäuste an die Brust und atmete tief die Frühjahrsluft in sich ein, seine Brust dehnte sich, daß das weiße, steife Hemd knackte. Oh, es war großartig, und alles erst ein Anfang! 73

 

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