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Von Tür zu Tür

Friedo Lampe: Von Tür zu Tür - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVon Tür zu Tür
authorFriedo Lampe
year1946
firstpub1946
publisherClaassen & Coverts
addressHamburg
titleVon Tür zu Tür
pages259
created20160705
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Am Leuchtturm

Lili sagte: »Ich kann nicht mehr.« Aber die Mutter meinte: »Iß man auf.« Die Satte dicke Milch war auch wirklich zu groß, eine tiefe braune Tonschüssel. »Während du nach oben gehst, werde ich Papa schreiben«, sagte die Mutter und holte einen Briefblock und einen Füllfederhalter aus ihrer großen Leinentasche. Lili hatte die Schüssel leergegessen und schob sie beiseite und faltete die Hände: »Ob ich nicht doch noch etwas warte?« – »Nein, geh man rauf, nun kommt er nicht mehr. Männer haben auch ihre Pflichten, mein Kind. Aber das ist nur gut, daß er fleißig ist – wer noch im Urlaub arbeitet, der bringt es auch zu was.« – »Jeden Tag kriegt er so große dicke gelbe Kuverts: An Herrn Ingenieur Doktor Fritz Wendland«, sagte Lili, »wie das klingt, und dabei ist er doch ein richtiger kleiner Junge . . . ein frecher Junge . . . weißt du, manchmal könnt' ich richtig wütend werden; beim Baden, da schwimmt er dann so hinterlistig unter Wasser und packt mich plötzlich an den Beinen und zieht mich nach unten, unverschämt, und dann spritzt er, kann ich dir sagen, aber dann ist er auch wieder nett, dann schwimmt er und trägt mich auf seinem Arm, und ich brauche gar nichts zu tun, solche Kraft hat er, und ich liege ganz ruhig, laß mich treiben . . .« Lili sah verträumt 34 über die grünen Tische und Stühle. Laß mich treiben, laß mich treiben, o wie schön das hinging über das ruhig wogende Wasser. Still war es jetzt hier. Sie waren die einzigen Gäste. Die Sonne schien warm und milde, rot glühten die Backsteine des Leuchtturms, ein paar Hühner liefen pickend und ruckend zwischen den Tischen herum, und der Kellner stand in der Tür des Leuchtturmhauses an den Pfosten angelehnt, die Serviette unterm Arm, und wartete auf neue Gäste. »Morgen ist Reunion«, sagte Lili, »ob ich mein grünes Seidenkleid anziehe oder das weiße Spitzenkleid, und dann steck' ich mir hier vorne die rote Rose an?« – »Ja, das Spitzenkleid mit der roten Rose«, sagte die Mutter, »da siehst du so entzückend drin aus.«

Um die Düne herum auf den Platz vorm Leuchtturm kam ein großer Kremser gefahren, vier kleine Kinder sprangen herunter, zwei Mädchen und zwei Jungens, und dann stiegen die Eltern langsam aus. Justizrat Bäcker aus Gießen mit Familie. Justizrat Bäcker hatte einen gelben Leinenanzug an, den Schillerkragen flott zurückgeschlagen, den Zwicker auf der Nase und die Haare borstig und kurz nach oben gekämmt.

»So, nun will ich aber raufsteigen«, sagte Lili. Sie ging durch die Tische zum Leuchtturm-Eingang. Drinnen im Turm war es schattig und kühl. Und sie lief die Stufen hinauf, immer im Kreis, es roch etwas faulig nach altem Gewölbe 35 und Moder, immer rundum, man konnte ganz schwindlig werden, sie mußte sich am Geländer festhalten, morgen Reunion, das Spitzenkleid mit der roten Rose, und wir tanzen zusammen, sein Arm um meine Taille, fester, fester, ja, da lag ich auf seinem Arm, ließ mich tragen, ließ mich treiben, und wie das dunkelgrüne Wasser so hinwogte . . . Ein kleines Fenster, tief in der dicken Mauer, o schon ziemlich hoch, aber höher, höher, klapp, klapp, klapp, immer rundum – und wir tanzen zusammen, und der Saal dreht sich.

Justizrat Bäcker rief: »Nun hört mal alle zu, Edith, Marga, nicht weglaufen. Wir wollen mal eben einen Schlachtplan entwerfen. Also ich bin dafür, daß wir zuerst einmal auf den Leuchtturm steigen. Wer will mit? Was, Kurt und Edgar, ihr wollt nicht mit? Euch reizt es nicht, einen Leuchtturm zu besteigen, ihr seid schon so oft oben gewesen? Da seht mir diese Übersättigten, diese Blasierten, na schön, also ihr wollt lieber Kaninchen fangen, viel Glück, viel Glück, da haben wir wohl heute abend einen Kaninchenbraten zu erwarten? Was? Ihr wollt das Kaninchen mit nach Gießen nehmen? Mama, geht das denn, ein Kaninchen bei uns zu Haus? Wie? In einer Kiste im Garten? Meinetwegen. So werde ich denn mit Marga und Edith allein den Turm besteigen. Nein, Mama, du kannst nicht mit, denk an dein Asthma, Mamachen, du bleibst hier unten, setzt dich an diesen Tisch. Herr Ober, 36 bringen Sie der Dame bitte –ja, was möchtest du – ja, eine Tasse Schokolade und ein Stück Topfkuchen, und Sie, Herr Heuer« – Herr Heuer, das war der Kutscher – »Sie genehmigen sich bitte Bier oder Köhm oder was Sie wollen. Also Kinder, kommt.«

Die Stube des Leuchtturmwärters. Wie gemütlich: ein großer Ohrenstuhl, ein Tisch, ein Bettverschlag, der mit einem rotgeblümten Vorhang verhängt war, auf dem Tisch ein großes Buch mit eingetragenen Zahlen und eine Brille, und durch das Fenster ein breiter Balken goldenen Nachmittagslichts in die schattige kühle Stille, an der Wand leuchtete die Photographie eines jungen lachenden Matrosen auf . . . Leise summte der Wind um den Turm. Lili stand einen Augenblick still: Gott, hier zu leben, so einsam, so hoch oben, und nachts, wenn dann der Sturm heult und das Meer brandet gegen die Dünen und die Dampfer tuten in Not . . . brr . . . Da sah sie die eiserne Wendeltreppe, die weiter nach oben führte, und sie stieg schnell die Stufen hinauf.

Und die Mutter saß unten und schrieb an den Vater: »Lili hat eine nette Bekanntschaft gemacht, einen Dr. Fritz Wendland, auch aus Bremen, er ist Ingenieur an der Weser-Werft, ein Neffe von dem früheren Direktor Wendland von der Weser-Werft, den Du doch auch gekannt hast. Mit seiner Mutter, die leider nicht mehr lebt, bin ich zur Schule gegangen. Lili hat ihn 37 auf der Reunion kennengelernt, ein reizender Mensch, so lustig und vergnügt, und scheinbar sehr verschossen in Lili, aber sie mag ihn auch gerne. Die beiden sind viel zusammen, er sitzt immer in unserer Burg, hat mit Lili zusammen die Wälle so hoch und dick aufgeschaufelt, daß ich in meinem Strandkorb kaum noch drüber wegsehen kann. Sie haben beide aus Sand einen großen Neptun modelliert, direkt künstlerisch, der liegt nun vor unserer Burg und wird sehr bewundert. Du, lieber Willi, ich glaube, diesmal ist es etwas Ernsteres, wir können uns so ein wenig auf eine Verlobung gefaßt machen. Ach, ich gönnte es ja so unserem Kinde. Da, Lili ist auf dem Turm angelangt und winkt runter . . .«

»Mutti, Mutti«, rief Lili und winkte wie wild mit dem Taschentuch. Ach, war das hier oben herrlich, schade, daß Fritz nicht bei ihr war und sie zusammen alles genießen konnten. Wie winzig da unten das Leuchtturmhaus und die grünen Tische und Stühle, und Mutti so ganz klein und niedlich. Über die ganze Insel konnte man wegsehen. Lili stand am Geländer und atmete tief, und ein lauer Wind wehte hier oben und strich ihr durchs Haar. Der Leuchtturm stand am Ende der Insel, einsam zwischen den Dünen, und Lili sah das Gewelle der Dünen, Wiesen mit braunem Vieh und gelbe Sandmulden und helles Dünengras und ganz dahinten die Dächer von dem Ort und die Hafenmole und die bunten Fahnen 38 und Wimpel vom Strand und auf der einen Seite das offene Meer, dunkelblau sich wölbend, und am Horizont ein paar große Dampfer scharf vor dem klaren Nachmittagshimmel mit ziehendem Rauch, und auf der anderen Seite das helle durchsichtige Wattenmeer, und klar die Küste, wie in der Luft schwebend, aber in allen Einzelheiten zu erkennen, ein grüner Streif, und runde Bäume und Bauernhäuser und Mühlen, Mühlen, Mühlen . . . Ein paar grüne Kutter mit braunem Segel, goldig von der Sonne angeschienen, schwammen im Wattenmeer, und die mennigroten Bojen, schief in der Strömung stehend, leuchteten sanft.

Der Leuchtturmwärter hatte lange mit dem Fernglas aufs Meer geschaut, auf einen Dampfer, der da hinten am Horizont hinfuhr – nun trat er zu Lili: »Fräulein, Sie haben wohl noch nicht bezahlt.« Lili schrak zusammen. Aber dann sah sie in das freundliche, gutmütige Seebärengesicht, rotbraun verwittert und verknittert, mit grauem flockigem Backenbart und scharfen blauen Augen und vielen kleinen lustigen Fältchen in den Ecken. Ja, zwanzig Pfennig kostete das Vergnügen, und hier hatte sie ihr Billet, ja, da hatte sie heute Glück, ein schöner klarer Tag, so weit sah man nicht häufig. »Tja, ich stand gerade da und guckte nach dem Schiff da hin, sehen Sie, da, den zweiten Dampfer von rechts – ja, der da – wissen Sie, wer darauf fährt? Mein 39 Junge. Hätt' ihn ja so gern hier zu Hause behalten, hätt' ihn so gut brauchen können. Ach, mit dem Leuchtturm, das macht einem doch allmählich etwas Mühe. Aber er wollte partout auf die Pallas zurück, nee, da war kein Halten, auch die Alma hat das nicht fertiggekriegt. Tja, was so'n richtigen Seemann ist . . .«

Und die Mutter schrieb: »Wir haben übrigens. seit ein paar Tagen eine sehr nette Burgnachbarin, eine Frau Martens aus Hannover, noch sehr jugendlich und schon Witwe, ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Lili hat sich sehr mit ihr angefreundet, sie sagt, von Frau Martens kann man etwas lernen, die kennt das Leben. Sie kommt oft zu uns rüber. Es ist zu reizend, wenn dann die jungen Leute, Lili und Doktor Wendland und Frau Martens in unserer Burg sitzen und so allerlei Unsinn treiben – ich bedauere nur, daß Du nicht dabei sein kannst.« Als die Mutter von ihrem Brief aufblickte, sah sie einen Herrn und eine Dame, die sich an einen Tisch setzten. Kammersänger Otto Laube, das war er. Wer mochte die Dame sein, ob es seine Frau war? Im Kurhaussaal hatte er ein Konzert gegeben, aber die Mutter und Lili hatten keine Karten mehr bekommen, solch ein Andrang war gewesen. Frau Martens hatte ihn gehört, sie war ganz begeistert, wie verrückt hatten die Frauen geklatscht, Zugabe auf Zugabe und Blumen über Blumen. Eine stattliche Erscheinung, vielleicht 40 etwas dick im Gesicht, etwas aufgeschwemmt, das hatten Sänger ja so leicht, ob das wohl vom Singen kam?

Kammersänger Otto Laube sagte: »Und dann ging's nach Chikago. Central-Theater, drei Wochen lang: Bajazzo, Tiefland, Siegfried, Tosca. Ein sehr dankbares Publikum. Ich mußte deutsch singen. Großer Erfolg, obgleich mich doch niemand verstand. Merkwürdig. Wie ist so was möglich?« Fräulein Binder sagte: »Was braucht man da verstehen, wenn man Ihre Stimme hört. Oh, das kann ich mir schon vorstellen.« Sie sprach leise, und ihre Stimme zitterte etwas. Nun saß sie hier am Leuchtturm mit dem großen Mann an einem Tisch. Was werden Alice und Elli sagen? Wie werden sie sich ärgern, daß sie nicht mitgegangen sind. Wenn sie erst mit ihm zusammen auf der Strandpromenade ging. Ob er das tun wird? Oder er kommt im Kurgarten auf mich zu während des Konzertes, begrüßt mich, setzt sich an meinen Tisch. Ob ich mein Gesicht doch etwas pudere, ein ganz klein wenig Rot auflege? Und wie von selbst ist alles gekommen, wie im Traum. Nur durch die glitschige, schwabbelige Riesenqualle, die da am Strande lag. Sonst wären wir doch nie ins Gespräch gekommen.

»Wissen Sie, was mir am besten in Chikago gefallen hat? Ein kleines deutsches Restaurant. Da kriegte man richtiges Münchener Bier und Eisbein mit Sauerkraut, ich sage' ihnen, so eine 41 Portion. Apropos Essen: was genießen wir? Hier soll es schöne dicke Milch geben.« Nein, Fräulein Binder wollte keine dicke Milch, jetzt nicht. »Herr Ober, also für die Dame Eis, gemischt, und mir eine dicke Milch mit Zucker und Schwarzbrot.«

Albert, der Kellner, ging ins Haus und rief in die Küche: »Eine Portion Eis, gemischt, und eine dicke Milch.« – »Albert«, sagte die Leuchtturmwärtersfrau, »kommen Sie doch noch mal eben rein. Albert, ginge es denn nicht, daß Sie wenigstens noch acht Tage bleiben, bis dahin habe ich vielleicht Ersatz für Sie. Ich kann doch jetzt nicht alles alleine mit Alma machen, jetzt in der Hochsaison.« – »Hochsaison«, lachte Albert höhnisch, »davon merkt man auch gerade was. Nein, deshalb geh' ich ja weg, weil hier nichts zu tun ist. Glauben Sie, ich kann die kurze Sommerzeit so ungenutzt verstreichen lassen? Jeder Tag ist da kostbar. Hab' schon viel zuviel Zeit verloren. Nein, morgen fang' ich im Kaiserhof an, das ist nun mal abgemacht.« – »Es ist scheußlich, einen so im Stich zu lassen«, – sagte die Leuchtturmwärtersfrau weinerlich und rührte in einem Topf am Herd. »Im Stich lassen«, rief Albert und schwenkte mit der Serviette, er stand mitten in der Küche, und sein schwarzgewelltes pomadisiertes Haar glänzte im Nachmittagssonnenschein, »wer ist hier der Angemeierte, ich oder Sie? Haben Sie mir etwa geschrieben, daß der Leuchtturm am Ende der Welt liegt, haben Sie 42 mir nicht versprochen, daß hier ein Hochbetrieb ist? Ich denke, der Leuchtturm steht mitten im Ort und ist das Zentrum des Verkehrs.« – »Alma, kannst du ihm denn nicht zureden«, sagte die Leuchtturmwärtersfrau, »auf dich hört er doch noch am meisten.« – »Lassen Sie ihn doch, wenn er fort will«, sagte Alma, »wir wollen schon fertig werden.« Sie hatte Eis auf den Teller gelegt und ging nun in die dämmrige Speisekammer, um die Satte dicke Milch für den Kammersänger zu holen. Katzenhaft weich war ihr Albert gefolgt und flüsterte ihr plötzlich im Rücken, dicht am Nacken: »Na, soll ich doch bleiben? Wenn Sie etwas nett zu mir sind, bleibe ich. Nun seien Sie doch endlich vernünftig.« – »Finger weg«, zischte Alma, »scheren Sie sich zum Teufel«, sie nahm die Satte dicke Milch vom Bord und ging schnell in die Küche zurück. »Dann wart man auf deinen John«, rief er ihr nach, »da kannste warten, bis du schwarz wirst.«

»Mir ist ganz schwindlig«, sagte die kleine Edith und schloß die Augen und hielt sich mit beiden Händen am Geländer fest. »Ach was, Mädel«, sagte Justizrat Bäcker. »Nun genießt doch mal die herrliche Aussicht. Ist das nicht wunderbar, so auf einem Turm zu stehen? Guck doch mal, Edith, da kannst du ja Kurt und Edgar sehen, mach doch mal die Augen auf – ob sie wohl schon ein Kaninchen gefangen haben? Sieh mal Marga an, Marga ist viel mutiger.« 43 »Edgar, Kurt, hu – hu«, schrie Marga und beugte sich weit über das Geländer und winkte. Aber die beiden Jungens da unten hörten sie nicht, sie knieten vor dem Kaninchenbau und waren wohl zu sehr in ihre Sache vertieft. Plötzlich tuschelte Marga ihrem Vater etwas ins Ohr. »Wollen mal sehen«, sagte der und wandte sich an den Leuchtturmwärter: »Könnten Sie uns wohl für einen Augenblick Ihr Fernglas leihen?« Und dann sah Marga durchs Fernglas: ob man wohl ihre Burg sehen konnte? Nein, da waren die Dünen davor, nur die Flaggenmasten vom Strand ragten über die Dünen hinaus. Lili stand dicht neben Marga. Sie kriegte auch Lust, mal durchs Fernglas zu sehen. Sie hatte nun die Aussicht von allen Seiten genossen und stand ruhig da und träumte so über das Dünengewoge hin. Immer milder wurde der Schein der Nachmittagssonne, immer blauer und klarer der hohe Himmel, immer sanfter und stiller der Wind, die Sonne neigte sich immer müder zum Meere hin, und ihr gegenüber stand der Mond bereits als zarte leichte Wolke am Himmel, klar und scharf bis in die kleinsten Winkel lag die Welt gebreitet, und die Nachbarinseln hoben sich goldenhell aus dem Meer, ruhig standen die braunen Mühlenflügel an der Küste, da glitt Lilis Blick in eine ferne Dünenmulde, nah beim Strande – sie zuckte zusammen – sein Panamahut, seine großkarierte Jacke – das war doch nicht möglich – ja, diesen weißen Schal 44 trug sie um den Kopf gewickelt – »darf ich wohl mal das Fernglas haben?«, sie riß es Marga geradezu aus der Hand. »Kind, du hast ja nun genug geguckt«, sagte der Justizrat, und vor Lilis Augen stand ein klares, rundes, scharfes Bild und schnitt wie Glas in ihre Seele: Fritz und Frau Martens, beide im gelben Sande liegend, sie wohlig ausgestreckt, die Arme hinter den Kopf gelegt, er den Panama zurückgeschoben, halb aufgerichtet auf sie herabsehend, lange, unbeweglich, und dann beugte er sich vor, beugte sich über sie . . . Lilis Hand zitterte und das Bild tanzte, sie ließ das Glas sinken, aber dann mußte sie es doch noch mal heben, o so schwer war das, und es wackelte vor ihren Augen, aber sie mußte doch noch mal gucken. Und indessen erklärte der Leuchtturmwärter dem Justizrat und den beiden Mädchen die Leuchtturmlampe. »Sehen Sie, die Lampe ist man so lüttje, aber das Licht wird verstärkt durch die Scheinwerferlinsen. Früher hatten wir ja man bloß Petroleumglühlicht, jetzt wird die Lampe elektrisch erleuchtet.« – »Kinder, ist das nicht ein Wunder«, sagte der Justizrat, »die kleine Lampe, und leuchtet so weit über das Meer.« Die beiden Mädchen starrten wie gebannt auf die vielen bläulich funkelnden Glasprismen, auf die große birnenförmige Glasglocke, und der Leuchtturmwärter sagte: »Kann Ihnen sagen, is 'ne aasige Arbeit, wenn man all die Linsen immer blitzblank haben will«, 45 und er nahm ein Ledertuch und wischte schnell mal über die Glocke hin. Und die Mutter unten am Tisch schrieb: »Wenn Lili sich verheiraten sollte, und, lieber Willi, wir müssen ja nun damit rechnen, dann könnten wir ihr doch für den Anfang der Ehe die zweite oder erste Etage abtreten, was sollen wir dann allein mit dem großen Haus, und wenn dann Kinder kommen sollten, dann gibt's wieder neues Leben bei uns.« Da kam ein leiser Wind, so ein sanfter Hauch, und wehte ein vollgeschriebenes Briefblatt von dem Tisch der Mutter gerade vor die Füße von Frau Justizrat Bäcker, und die Damen kamen ins Gespräch: »Nein, ich kann auch nicht mehr auf den Turm steigen, Asthma, wissen Sie; ja, die Seeluft ist sehr gut dafür, hier kann ich doch wenigstens ordentlich durchatmen.« Und am Nebentisch sagte Kammersänger Otto Laube: »Morgens um fünf segeln wir los, bei Ebbe, mit Heino Freerksens Kutter, ganz still und glatt ist das Meer, und der Nebel liegt noch auf dem Wasser, aber dann kommt die Sonne, und plötzlich sehen wir auf den Sandbänken die Seehunde liegen, eine ganze Familie, sie schlafen noch, werden so richtig überrumpelt, und dann geht's piff-paff.« – »Und sie haben so schöne, sanfte Augen«, sagte Fräulein Binder. »Wer?« fragte der Kammersänger. »Die Seehunde«, sagte Fräulein Binder und lief rot an, »wie Menschen können sie gucken. Und auf die mögen Sie schießen?« – »Das 46 Leben ist Kampf, mein Fräulein. Damit muß man sich abfinden. Aber nun wollen wir mal auf den Leuchtturm steigen, wird ja schon ganz abendlich.« Albert, der Kellner, kam in die Küche und stellte Geschirr aufs Abwaschbrett, ganz dicht neben Alma stand er und summte ihr zu:

Ich sag' dir ganz offen,
Treu bin ich nicht,
Es lügt ja der Seemann,
Wenn er Treu' verspricht.

»Clown«, murmelte Anna finster.

Durch die Dünen ging ein junger Mann auf den Leuchtturmhügel zu. Es war Fritz Freese, Redakteur der Inselzeitung. Jede Woche brachte er ein kleines Stimmungsbild von irgendeinem Platz der Insel, diesmal hatte er sich vorgenommen, einen Abend am Leuchtturm zu schreiben. Ach, er war sehr unzufrieden mit sich selber. Schon vierundzwanzig Jahre und noch immer nicht weiter. An eine große Zeitung drängte es ihn, aufregende Berichte wollte er schreiben. Und da lief er nun in den Dünen herum und schrieb einen Abend am Leuchtturm. Was passierte hier schon? Ein unergiebiges Thema. Und nicht mal zuerfinden konnte man etwas, so einen kleinen Mord oder ähnliches – dann kamen einem gleich die Leute auf den Hals. Nichts als Stimmung, Stimmung, Stimmung – wie hatte er das satt. »Als mächtiges Wahrzeichen der Insel ragte der rote Leuchtturm über die Dünen.« Phrasen. Aber 47 was sollte man erzählen? Vielleicht fingiere ich ein Gespräch mit dem Leuchtturmwärter und erzähle von der Rettung eines Schiffes durch das Leuchtturmlicht. Das ginge. Vor seinen Füßen krabbelten zwei Jungens vor einem Kaninchenloch. »Was macht ihr hier denn?« – »Wir wollen ein Kaninchen fangen. Aber es will nicht kommen.« – »Wie wollt ihr das denn fangen?« – »Ganz einfach. Auf der anderen Seite der Düne ist doch noch ein Eingang, da haben wir ein Feuer gemacht, nun zieht der Rauch durch die Gänge, und das Kaninchen wird ausgeräuchert und muß hier raus, und dann greifen wir es.« – »Ja, Jungens, aber wenn der Bau nun mehrere Ausgänge hat?« – »Meinen Sie?« Edgar und Kurt sahen Fritz Freese ganz entsetzt an. Und da hörten sie auch schon den Vater rufen. Justizrat Bäcker stand oben auf der Düne und winkte: »Schnell herkommen, wir fahren nach Haus.« Und da mußten sie zurück und hatten kein Kaninchen gefangen.

»Da bist du ja endlich, Lili«, sagte die Mutter. »Du siehst aber etwas blaß aus. Ob dir das Treppensteigen doch zu viel geworden ist? Sie winken schon, ja, ja, wir kommen. Du, wir können mit dem großen Wagen mitfahren. Ich habe eben mit der Dame gesprochen, eine Frau Justizrat aus Gießen, eine reizende Dame. Sie haben noch Platz für uns. Denke dir, sie leidet unter Asthma. Weißt du, wen ich eben hier gesehen habe? 48 Kammersänger Otto Laube. Hier ist der Brief an Vater. Ich konnte es nicht lassen, so einige Dinge anzudeuten . . . Der wird Augen machen. Steck ihn doch noch eben in den Kasten, da ist ja einer am Haus. Ich geh' schon zum Wagen.« Lili nahm den Brief und ging zum Kasten, der neben der Tür des Leuchtturmhauses hing. Sie blickte auf den Brief und drehte ihn in der Hand, dann zerriß sie ihn und warf die Fetzen in einen Papierkorb.

»Albert«, sagte die Leuchtturmwärtersfrau in der Küche, »bringen Sie doch bitte gleich meinem Mann das Abendessen rauf.« – »Nein«, sagte Albert, »das tu' ich nun nicht mehr. Das ist vorbei. Sehen Sie, das war auch so ein Punkt: ich war hier doch als Kellner angestellt und nicht als Laufjunge. Eine Zumutung, zweimal täglich auf den Leuchtturm zu steigen, um Ihrem Mann das Essen zu bringen.« – »Wie sind Sie frech«, jammerte die Leuchtturmwärtersfrau. »Ich bring's ja schon rauf«, sagte Alma, »reden Sie doch gar nicht mehr mit dem Kerl. Gehen Sie doch weg, Albert, so schnell wie möglich, wir wollen Sie hier gar nicht mehr sehen.« – »Tu' ich auch«, sagte Albert, »jetzt ist Feierabend«, und er warf die Serviette auf den Tisch. Dann stieg er die Treppe rauf, ging in sein kleines Zimmer, alles leer, nahm den dicken, braunen Koffer und eilte nach draußen, der Wagen wollte gerade abfahren, Familie Bäcker, Lili mit ihrer Mutter, alle saßen schon 49 drin, und er bat Herrn Heuer, den Kutscher: »Können Sie den Koffer für mich mitnehmen zum Kaiserhof?« Natürlich konnte Herr Heuer das. »Stellen Sie ihn man hier vorne hin. So, los, hü, hü.« Die Pferde zogen schwer an, und die Räder knirschten im Dünensande.

Kammersänger Otto Laube stand oben auf dem Leuchtturm, und er sang mit weitausholenden Armbewegungen in die Abendstille hinein, hoch über Dünen und Meer hinweg: Goldne Abendsonne, wie bist du so schön. »Der hat'n Kleinen sitzen«, dachte der Leuchtturmwärter, »aber 'ne schöne Stimme hat er, verflixt noch mal.« Und Fräulein Binder stand neben dem Kammersänger, rot vom Abendlicht übergossen, und ihre Augen glänzten, und es lief ihr süßschaurig den Rücken hinunter. »Er ist doch kein Materialist«, dachte sie, »er liebt die Natur. Was für ein Augenblick,. mit ihm auf einem Turm im Anblick des Meeres, der untergehenden Sonne. O jetzt müßte ein Orchester losspielen, eine Symphonie: Beethoven.« Aber da trat ein junger Mann zu ihnen, ganz bescheiden, und der Kammersänger hörte auf zu singen, und der junge Mann sagte: »Verzeihen Sie, Meister, wenn ich Sie störe, bitte singen Sie weiter. O das täte mir leid, wenn ich Sie unterbrochen hätte. Ich bin glücklich, diese Szene belauscht zu haben. Mein Name ist Freese, Redakteur der Inselzeitung. Ich habe die Absicht, einen kleinen Artikel zu 50 schreiben, ein kleines Stimmungsbild Abend am Leuchtturm. Dürfte ich da wohl diese Szene mit hineinbringen? Der Meister singend auf dem Leuchtturm, das würde Wirkung machen, etwas für die Damen sein. Ja, ich würde diese Szene in den Mittelpunkt stellen.« – »Nirgends hat man Ruhe, noch in die Wüste folgen sie einem nach«, seufzte der Kammersänger wohlgefällig und blickte Fräulein Binder triumphierend an, »aber wissen Sie; dieses dumme Lied, das lassen Sie mich nicht singen. Schreiben Sie, ich hätte gesungen – na, was? – O du mein holder Abendstern oder Freude, schöner Götterfunken – etwas Seriöses, nicht die Abendsonne.« – »Verstehe«, sagte Fritz Freese und machte sich Notizen in ein kleines Buch. »Ich habe mir auch erlaubt, Sie zu knipsen, wie Sie da' so singend standen, darf ich das Bild mit in die Zeitung bringen?« – »Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, sagte der Kammersänger. Und Fräulein Binder flüsterte dem Redakteur zu: »Bin ich auch mit auf dem Bilde?« Da trat der Leuchtturmwärter zu ihnen: »Nun muß ich Sie bitten, den Turm zu verlassen. Geht ja bald das Licht an.« Und dann ging der Leuchtturmwärter zur Lampe und sah nach, ob alles in Ordnung war, und dann stand er wieder da, das Glas vor den Augen und schaute auf den fernen Dampfer, die Pallas, die am Horizont des Meeres in den glühenden Sonnenuntergang hineinfuhr. Auf einmal stand Alma neben ihm. »Ich 51 habe Ihnen das Essen raufgebracht.« – »Da fährt er hin«, sagte der Leuchtturmwärter, »da ist die Pallas«, und gab ihr das Glas. Lange blickte Alma unbeweglich auf den Dampfer im Abendrot.

Ich sag' dir ganz offen,
Treu bin ich nicht,
Es lügt ja der Seemann,
Wenn er Treu' verspricht. –

»Warum ist er nur weggegangen?« sagte sie. »Ach, Deern«, sagte der Leuchtturmwärter, »ich war genau so. Aber eines Tages hat er die Nase voll, dann bleibt er zu Haus und wird ein guter Leuchtturmwärter. Mußt Geduld haben, mußt 'n bißchen warten können.« – »Ja, ich will warten, wenn's nur nicht zu lange dauert.« Die Sonne sank hinter das Meer, und das Meer wurde blauschwarz und stumpf, und die Dünen wurden blaß und grau, nur am Himmel lag noch ein roter Schein, und die Sichel des Mondes trat mit stärkerem Glanze hervor. Die Welt war ruhig und klar und still, ein kühler Wind begann zu wehen, und die Seeschwalben, die im Turm nisteten, flogen durch die dämmrige Abendluft. Alma stand da und blickte vom Turm auf die Insel. Nun waren sie wieder allein. Sie sah unten am Wattenstrand die letzten Gäste nach Hause gehen: den Kammersänger mit Fräulein Binder und dem Redakteur. Ganz dahinten fuhr der große Wagen dahin, der Alberts Gepäck mit forttrug, unten im Leuchtturmhaus ging in der 52 Küche das Licht an, Albert räumte draußen die Tische ab und klappte die Stühle zusammen, das war Alberts letzte Arbeit, dann ging er ins Haus, und nach kurzem kam er wieder mit Hut und hellem Paletot. Er ging durch die Dünen zum Wattenstrand, er ging zum Ort, zum Kaiserhof, er wurde kleiner und kleiner. »Es ist auch zu verrückt«, rief Alma, »Albert läßt uns sitzen, wir wissen nicht vor Arbeit wohin, und John hätte uns so gut helfen können, aber da gondelt er nun auf der See herum.« – »Alma«, sagte der Leuchtturmwärter, »warum hast du dein Herz auch an so einen spleenigen Kerl gehängt.«

Der Wagen fuhr am Wattenstrand dahin. Oft fuhren sie durch überschwemmte Stellen, dann platschte es um die Hufe der Pferde. Die Mondsichel stand über ihnen, ein Kaninchen, das im Grase geschlafen hatte, sprang aufgescheucht in die Dünen. »Da ist ja euer Kaninchen«, sagte der Justizrat. »Na, Jungens, nun laßt doch nicht so die Köpfe hängen. Wenn wir in Gießen sind, kaufen wir uns ein Kaninchen.« Davon wollten Edgar und Kurt aber nichts wissen. Das war doch nicht dasselbe wie ein Dünen-Kaninchen. »Und überhaupt, Kaninchen muß man selber gefangen haben«, sagte Edgar. »Na, Kurt, dann spiel noch mal ein bißchen auf deiner Mundharmonika, und wir singen dazu. Was wollen wir singen?« – »Und der Hans schleicht umher«, sagte Edith, »das ist so schön traurig.« – »Also los«, 53 und sie sangen Und der Hans schleicht umher, und Kurt zirpte auf seiner Mundharmonika dazu silberhell wie eine Zikade.

Lili dachte: »Was soll ich nun noch auf der Reunion? Wie soll das nun alles weitergehen? Den Neptun, den zertret' ich mit meinen Füßen«, und sie sagte zur Mutter: »Wollen wir nicht doch Montag nach Hause reisen?« – »Was«, sagte die Mutter, »wir haben uns doch gerade entschlossen, noch vierzehn Tage länger zu bleiben. Was würde Doktor Wendland denn sagen?« – »Och der«, sagte Lili. »Ich verstehe dich nicht mehr«, sagte die Mutter.

»Trübe Augen, blasse Wangen,
Und das Herz ihm befangen
Und der Kopf ihm so schwer«,

sangen die hellen Kinderstimmen zum klaren kalten Monde auf.

»Tränen?« fragte die Mutter, und dann sagte sie leise zu Frau Justizrat Bäcker: »Das Kind macht mir Sorge, sie ist zu nervös.« – »Schluß mit dem Klagegesang«, rief da Justizrat Bäcker, »wir wollen mal was anderes singen, wir singen jetzt: Was kommt dort von der Höh.« Und während sie sangen, ging das Licht auf dem Leuchtturm an, und der breite weiße Strahl begann ruhig über die dämmrige Insel zu wandern und zu kreisen. Und draußen auf dem Meer, weit draußen, da fuhr die Pallas, der Frachtdampfer, 54 er fuhr nach Südamerika, und vorne am Bug, an der Reling, da stand ein Matrose, das war John, der Sohn des Leuchtturmwärters, die Wellen schäumten und rauschten am Bug, der Wind wehte hart und kühl hier draußen und griff ihm in die Bluse, der Rauch quoll dick und schwarz aus dem Schornstein unter dem Abendhimmel, dunkel war das Meer und dunstig die ferne Insel, aber da kam das Licht von dem alten Leuchtturm und strahlte und winkte. Nun hatte der Vater die Lampe angemacht und saß wohl gerade da und aß sein Abendbrot. Ob Alma wohl noch einmal nach ihm ausgeschaut hatte vom Turm? Wie war sie böse gewesen, aber sie wird sich damit abfinden, wie gut, daß er weggegangen war – nein, ihr fangt mich nicht ein, noch nicht, nun rauschte es wieder und wehte und strömte, das Leben, und wurde weit. Lange, lange stand er und schaute nach dem Licht, dem wandernden Licht, dann wurde es matter und matter, längst war die Insel versunken, und dann versank auch das Licht, und es gab nur noch das Meer, den Wind, den Himmel und den Mond. Da wandte er sich weg und ging leise pfeifend, die Hände in den Taschen, hinunter in den Mannschaftsraum. 55

 

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