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Von Tür zu Tür

Friedo Lampe: Von Tür zu Tür - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVon Tür zu Tür
authorFriedo Lampe
year1946
firstpub1946
publisherClaassen & Coverts
addressHamburg
titleVon Tür zu Tür
pages259
created20160705
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Raub der Europa

Zeus hatte anstrengende Tage hinter sich – oder waren es Jahre? Was wissen wir von der Zeit der Götter? Jahre sind für sie Tage und Tage Stunden. Flüssen hatte er einen anderen Lauf gegeben, Meere eingedämmt, Unwetter über die Erde gejagt und Blitze geschleudert, Kriege der Menschen entfacht und neue Reiche gegründet, Wolken verschoben und Sterne an den Himmel gestellt. Nun war er müde, nun war alles getan, er war zufrieden, aber er war müde, in Ordnung kreiste die Welt, einsam thronte er dort, hoch oben auf dem Berg in dem schweren, goldenen Stuhl, und es war später Nachmittag, der Dunst der schwülen Stunden hatte sich verzogen, Helios' Gespann trabte schon ermattet schnaufend dem Westen zu, hoch über Zeus' Haupt in der stillen Luft kreisten seine beiden Adler – da umfaßte Zeus mit einem großen Götterblick, strahlend, ruhig und klar, die vor ihm gebreitete Welt, Städte und Dörfer, Gebirge und Meere, Inseln und Häfen und Schiffe –vom griechischen Land bis in das ferne uralte Asien hinein, alles schwimmend im silbernen Spätlicht, und er lehnte sich aufatmend und seufzend in seinen Stuhl zurück und sagte leise vor sich hin: »Gut, gut, das wäre getan. Feiern möchte ich jetzt, aber mit wem? Leer ist die Götterhalle, allein haben sie 138 mich gelassen. Soll es denn keine Freude mehr für mich geben, nur Arbeit und Sorgen? Feiern möcht' ich wie in den alten glücklichen Tagen. O damals mit Leda, damals mit Semele, mit Alkmene . . . Weiß ich denn noch, was Freude ist?« Und es traf ihn ein kühler Hauch, der erste Abendhauch, und er erschauerte leis.

Da glitt sein Blick, fast achtlos, über die Küste von Asien hin, und da war eine Bucht am Meer, weit geschwungen und von dunkelbewaldeten Bergen umschlossen, und aus Zedern und Zypressen ragte die weiße Königsstadt Tyrus, und unten am Strande auf den saftigen Wiesen spielte die Prinzessin Europa, die Tochter des Königs von Tyrus, mit ihren Freundinnen. Sie warfen sich den goldenen Ball zu und liefen kreischend und die schweren Röcke raffend ihm entgegen und griffen ihn aus der Luft, und die Schiffe mit den sanftgeblähten roten und braunen Segeln glitten vom Meer in den Hafen von Tyrus, und vom Berge herunter, aus dem schwarzen Zedernwald zog die Rinderherde des Königs von Tyrus hinunter in das Tal und auf die Meerwiesen, wo die Prinzessin spielte, und der Hirt Andos, ein brauner Jüngling, trieb sie an, und die Rinder begannen zu grasen, und sie liefen zum Strande und tranken. Und der Abendnebel begann leise aus den Wiesen zu steigen, und Europa hörte auf mit dem Ball zu spielen und ließ sich auf einen Hügel gleiten und befahl 139 den Mädchen, Blumen zu pflücken, und während die Mädchen die Blumen sammelten, Hyazinthen, Veilchen, Narzissen, Krokus und Quendel, und ihr in den Schoß legten, und Europa dicke Kränze daraus wand, schaute sie verstohlen zu Andos hinüber, der sich auf einem Stein, nicht weit von ihr, niedergelassen hatte, den Hirtenstab hatte er ins Gras gelegt und seine siebenröhrige Flöte an den Mund gehoben, und nun blies er ein klagendes, sehnsüchtiges Lied, o das klang so süß, so schwer, so herzzerbrechend, seine Blicke hatte er niedergeschlagen, und nur manchmal wagte er es, zu der Prinzessin hinüberzusehen mit seinen braunen vollen Augen. »Sieht er nicht aus wie Apoll, als er dem Admet die Rinder hütete«, flüsterte Europa ihrer Freundin Arkane zu.

Nun sieh dir diesen Fant an, dachte Zeus, ist nichts als jung und schön und nur ein Hirte und kann ein bißchen auf der Flöte blasen und gewinnt das Herz einer Prinzessin, o diese Blicke, die hin und wieder gehen, o wie sind beide traurig, wie sind sie glücklich. O an seiner Stelle sitzen, so angeblickt werden . . . Wie konnt' ich dies Mädchen übersehen, zu lange hab' ich mich nicht um Tyrus bekümmert, zuviel hat man im Kopf. Damals, das war doch ein kleines unscheinbares Ding, was da im Schloß von Tyrus herumhüpfte, und nun ist daraus diese Jungfrau geworden, halb Prinzessin, halb Bauernmädchen und Hirtin, 140 kräftig und saftvoll in den Gliedern, mit runden Armen, weichem, perlmutternem Fleisch, üppigem, festem Busen, mit Grübchen in den Backen, einem blinkenden Mund und schwimmendem blauem Blick, und das strotzende Goldhaar, die weizengelbe Mähne, in ein Netz gebändigt über dem schweren Nacken.

Und nun waren die Kränze fertig, und Europa rief: »So, nun wollen wir die Kühe schmücken, jede soll sich ein Tier aussuchen, das ihr am besten gefällt«, und die Rinder, als hätten sie Europas Ruf verstanden, drängten sich näher an die Mädchen heran und leckten ihnen Hände und Arme mit den rosigen, fleischigen Zungen. Ach, Europa hatte sich das alles ja nur ausgedacht, um auf diese Weise Andos zu schmeicheln und zu ehren, denn am liebsten hätte sie ihm selber den Kranz auf die nächtlichen Locken gedrückt. Und als Europa umherschaute, um einen Stier zu finden, der ihres Kranzes würdig sei, da war Zeus' Entschluß gefaßt, ein zuckender Blitz ja sind die Taten und Verwandlungen der Götter, schon war der olympische Thron leer, und ein mächtiger Stier drängte sich aus der Herde an Europa heran und rieb sein gewaltiges Haupt an ihrem gelben, seidenen Kleid und gab ihr einen kleinen ermunternden Stoß. »Dies ist mein Stier«, rief da Europa, »o was für ein prachtvoller Stier, Arkane, Medune, Arietta, nun guckt euch doch bloß dieses Tier an, kommt, 141 helft mir ihn bekränzen, er ist der schönste von allen.« Und die Mädchen kamen herzu, und Europa hing ihm die schweren duftenden Kränze um die gewundenen Hörner, und die Mädchen schmückten seinen Hals, seine bebenden Flanken, seine Beine. Indessen blies Andos weiter auf seiner Flöte und wiegte sein Haupt im Takt und war so versunken in seine süßen werbenden Töne und in das Bild der Prinzessin, daß er gar nicht sah, was für ein seltsamer Stier sich da unter seine Herde gemischt hatte. Es war ein Stier, größer und königlicher als alle anderen, mit einem weichen Fell, das honiggelb schimmerte, mit stolz gedrehten Hörnern, großen glänzenden Kugelaugen und sanften, rosig bebenden Nüstern, mit einer breiten fetten Wampe, die majestätisch hin und her schwankte. Und plötzlich sank der Stier demütig vor Europa in die Knie und hielt ihr den Rücken hin, und die Mädchen riefen: »Europa, er will, daß du auf ihm reitest, setz dich doch drauf.« Und Europa sagte: »Meint ihr, ich soll's versuchen?« – »Ja, setz dich drauf«, und schon saß Europa auf dem Rücken, der Stier erhob sich und ging gemächlich und zufrieden brummend über die Wiese und zum Strand und platsch, platsch, platsch in die ersten Wellen. »Jetzt reit' ich fort übers Meer mit meinem guten Stier«, rief lachend Europa ihren Freundinnen zu, und als der Stier schon bis zum Bauch im Wasser stand, flüsterte ihm Europa 142 ins Ohr: »Nun aber nicht weiter, mein Lieber«, und der Stier schien langsam mit dem Kopf zu nicken und wieherte leise auf – klang das nicht wie Gelächter? Und dann – ja, dann gab es plötzlich einen Ruck, Europa fiel vornüber und klammerte sich an die Hörner, und der Stier warf sich weit voraus und brauste, brauste ins Meer hinaus. »Beim Zeus«, rief Europa, »er ist verrückt geworden«, und die Mädchen am Ufer kreischten und winkten: »Europa, spring doch ins Wasser, schwimm zurück, wenn du auch naß wirst«, aber da waren sie schon so weit draußen, daß Europa nicht mehr den Mut hatte, abzuspringen, und sie schrie: »Andos, Andos, hilf doch«, und da erst wachte Andos aus seinen melodischen Träumereien auf, erkannte, was geschehen war, warf die Flöte ins Gras, riß das Lammfell ab, raste zum Strand und schoß in die Brandung, weit griff er aus, ruck, ruck, ruck, er war ein glänzender Schwimmer, und er prustete, und er winkte mit dem braunen Arm: »Prinzessin Europa, ich komme . . .« Ach ja, er gab sich wirklich alle Mühe, der arme Junge, aber er wußte ja nicht, mit wem er es zu tun hatte, und ob Europa nun weinte und schrie und schimpfte und flehte und mit ihren weichen Fäusten auf den Stier einhämmerte: »zurück, zurück«, und ihn an den Hörnern zerrte, darum kümmerte sich das Untier gar nicht, es brauste weiter, erhobenen Hauptes, und aus seinen geblähten 143 Nüstern drang ein dumpfer, seliger Ton. Schon sah Europa den Andos nicht mehr, sah ihre Freundinnen nicht mehr, die Küste schwamm zu einem graugrünen Streif zusammen und versank hinterm Horizont, und sie waren allein auf der offenen See. Ganz still wurde da Europa, hörte auf zu weinen und schaute mit großen ängstlichen Augen umher. Was war das für ein Tier, das so rasend schnell schwimmen konnte, und wohin würde es sie führen? Und: »muh, muh« klang es von dem Stier, so tröstend, so begütigend, als wollte er sagen: sei nicht traurig, hab doch keine Angst.

Längst war die Sonne untergegangen, der Mond stand am Himmel, rund und hell, und das Meer erglänzte in der Weite. Wind drängte sich ihnen entgegen und blähte Europas gelben Seidenrock, daß er flatterte und knisterte, hoch rauschte die Welle an der Brust des Stiers, und sein honiggelbes Fell glomm sanft und verbreitete eine goldene Aureole, und es drang eine Kraft aus dem Leibe des Stiers in Europa, in das ganze Meer ein, ein Schauer von Wonne und Entzücken bebte und zuckte durch seine Gründe hin, und ein Schauspiel begann, daß Europa die Augen übergingen. Scharen von Delphinen tauchten auf und umkreisten, umkugelten ihre Fahrt, und ihre fetten Rücken spiegelten wie Mondsicheln, weiße Najadenleiber hoben sich aus der Flut, streckten die Arme Europa entgegen und zergingen wie 144 Meerschaum, Tritonen schossen hoch, umgriffen mit sehnigen Armen den Bauch des Stiers, triefend die Zottelbrust und das schilfbekränzte, moosgrüne Haar, und grinsten mit ihren pausbackigen, kastanienroten Gesichtern, den dicken Knollnasen, dem bleckenden, weißen Gebiß Europa frech entgegen. Und weiter ging's in rauschender Fahrt – muh, muh – unter Kreischen und Lachen und Jubel des Meervolks: Inseln tauchten auf mit felsigen Grotten, aus denen Nymphenchöre geisterhaft ihnen zusangen, und versanken, Wind wehte warm und duftete von Meertang, Wolken zogen über ihnen hin, Möwen schrien, und der Mond glänzte. Und als dann ein Wagen über das Meer kam, gezogen von sechs fliegenden Schwänen, und darinnen saß die Meerkönigin Amphitrite und stand auf und winkte ihnen zu, und hinter ihr standen drei Mädchen mit Harfen, die machten eine Musik, silbern wie flüssiges Glas, und als ein riesiger Wal seinen Rumpf aus den Wogen wälzte, und auf seinem Rücken saß Poseidon in höchsteigener Person, in der einen Hand den Dreizack schwingend und in der anderen ein dickbäuchiges Muschelhorn, und darauf tutete er sein schwertoniges, sausendes Windlied, und die Tritonen und Najaden umschlangen sich, sangen und grölten und tanzten danach ihre Reigen, und als das Licht des Mondes immer stärker wurde und tief hinunter schien in die Gründe des Meeres, daß die 145 Korallenriffe, kristallenen Wälder, Grotten, Paläste und gesunkenen Schiffe aufflimmerten, und Europa die Schwärme von Fischen sah, die silberblitzend unter ihnen dahinschossen, und als dann noch aus dem Haupt von Poseidons Riesenwal ein breiter Strahl aufsprang und platschend zerstäubte wie eine Fontäne, da war Europa nicht mehr zuhalten, vergessen hatte sie alle Angst und Traurigkeit, und sie warf sich hinein in den Wind, in die mächtige Strömung, die sie ergriffen, und sie preßte die Hände an die Schläfen und beugte sich trunken nach hinten, und aus ihrer Kehle drang ein jubelnder Schrei, und der Stier antwortete ihr darauf mit seinem tiefen langgezogenen Muhton. Und weiter, weiter. Versunken Poseidon und Amphitrite und das ganze Meervolk, und neue Inseln, in der Ferne vorüberfliegend, und die schweren, dunkelgrünen Wogenberge mit beglänzten Schaumkämmen vorbeirollend, und der Stier leicht und schnell darüberhin, und das Wasser rauschend an seiner Brust.

Und dann endlich tauchte eine Küste auf, die kreidiggrell im Mondlicht gleißte, und darauf zu steuerte der Stier – muh, muh – und schon stieg er an den Strand und blieb im Sande stehen. Europa glitt von seinem Rücken, der Stier sah sie noch einmal nachdenklich von der Seite an mit seinen glänzenden Kugelaugen, dann schritt er davon und verschwand in einem nahen 146 Eichenhain. Verwirrt, betäubt blieb Europa zurück. Weiß leuchtete die Küste und steil, Wälder strömten in Schluchten zum Meer, und dort unten, nahe am Strand, vor dem kleinen Eichenhain, stand ein Tempel mit Säulen, und aus seinem Inneren kam ein rötlicher Schein. Gleich ging Europa darauf zu. Vielleicht traf sie dort Menschen, die sie schützen und zu ihrem Vater zurückführen konnten. Und sie durchschritt die Säulenvorhalle und trat in den Innenraum. Kohle glomm in Becken, Weihrauch wirbelte süß und berauschend, gedämpfte Musik erscholl von irgendwoher und schwoll immer mehr an, aus dem Rauch stieg im rötlichen Dämmer das Bildnis der Göttin Aphrodite, sie hob grüßend die Hand und lächelte verheißungsvoll, und in die Falten ihres Gewandes verbarg sich, verschmitzt blickend, ein kleiner Eros. Da hörte Europa hinter sich Schritte, hastig drehte sie sich um, und vor ihr stand – Andos. Ja, er war es und war es auch wieder nicht. Das war seine Gestalt, sein Lächeln, sein Auge, aber alles ins Größere, Glänzendere, Heldenhafte gehoben. Und er trug nicht mehr das Lammfell, sondern ein gesprenkeltes Pantherfell, und der Hirtenstab in der Hand hatte sich in einen geschnitzten, elfenbeinernen Königsstab verwandelt, und in den nächtlichen Locken und auf der schmalen, braunen Stirn trug er einen goldenen Reif, in dessen Mitte ein großer Rubin blutig glühte, aber noch tiefer und 147 feuriger glühten seine schweren dunklen Augen. Und Europa wankte ihm entgegen, sank an ihm hin: »Bist du es denn, Andos? Wie kommst du hierher? Bist du denn nicht ertrunken? O ich hatte solche Angst vor dem Stier, du mußt mich vor ihm schützen. Bist du denn kein Hirte, wie siehst du denn aus, wer bist du denn, Andos?« Aber er schloß ihr den Mund, sanft, und legte den Arm um ihren Nacken und sagte: »Du wirst sehen, wer ich bin, hab Vertrauen, komm –« Und da ging im Hintergrunde des Tempels ein Vorhang auseinander, Trommeln ertönten und Flöten und Harfen, und eine große Halle tat sich strahlendhell vor ihnen auf, und da saßen an langen Tafeln –

Doch halt, halt. Was jetzt beginnt, ist eins von jenen Festen, wo Götter und Halbgötter in Lust und Seligkeit hinschmelzen und vergehen, wer vermöchte das in armen Worten zu schildern? Bescheiden wir uns und berichten nur noch schnell den Schluß der Geschichte.

Als Europa am nächsten Morgen aufwachte, glaubte sie zunächst, sie läge auf ihrem Lager im Königsschloß Tyrus. »Ein herrlicher Traum«, rief sie aus, »oh, wenn's doch immer so weiterginge«, aber dann sah sie, wo sie lag, nämlich auf einem Wiesenhügel unter einem Weidenbaum vor dem Tempel der Aphrodite. Die Sonne stand schon hoch überm Meer, weiß und erbarmungslos leuchtete die Kreideküste ihr entgegen, und 148 die Brandung rollte gleichgültig über den Strand. Da sprang sie auf und raste umher. Also alles Wirklichkeit, und sie sah das strenge Gesicht ihres Vaters, nie wieder durfte sie ihm unter die Augen treten, mit dem Hirten Andos, wie konnte sie nur, sie war bezaubert, verhext, und sie raffte den gelben Seidenrock und war entschlossen, auf den Felsen zu steigen und sich ins Meer zu stürzen, das war ja das einzige, was ihr noch übrigblieb. Als sie aber an dem Tempel vorbeikam, erklang ein dunkelweicher Gongschlag, und die Türe sprang auseinander, und auf den Stufen erschien die Göttin Aphrodite, sie lächelte freundlich und ein wenig schuldbewußt und winkte sie heran, und in die Falten ihres Gewandes verbarg sich, verschmitzt blickend, der kleine Eros.

»Du Törin«, sagte die Göttin, »laß doch das Rasen. Du hast allen Grund, stolz zu sein und zu frohlocken, denn wisse, Zeus selber war es, der geruht hat, dich als Stier zu besuchen und zu entführen und der diese Nacht in der Gestalt des Hirten Andos bei dir war. Große Ehre ist dir widerfahren.« – »Oh«, rief Europa und sank in die Knie. – »Durch alle Zeiten hin wird dein Ruhm glänzen«, sagte die Göttin, »du wirst einen Sohn gebären, der ein großer Held und König sein wird, und dies Land, zu dem dich Zeus von Asien her übers Meer geführt hat, soll auf immer deinen Namen tragen: Europa, zur Erinnerung an die Seligkeit dieser einen Nacht, traurig 149 war Zeus' Herz gewesen, und du hast es froh gemacht.« Aber Europa schien wenig Sinn für diese Gnaden und großen Ausblicke zu haben, denn sie jammerte plötzlich: »Ach, lieber hätte Zeus das nicht tun sollen. Was wird mein Vater sagen, nichts wird er mir glauben, wie soll ich ihm das alles denn begreiflich machen?« – »Auch dafür ist gesorgt«, sagte die Göttin, »schon in der Nacht hat Zeus Hermes als Boten an deinen Vater gesandt, der ihn von allem unterrichtet hat. Dein Vater ist der glücklichste der Menschen, schon hat er ein Schiff ausgesandt, um dich zu holen.«

»Und Andos, wo ist Andos?« rief Europa. »Ja, mein Kind«, sagte die Göttin und senkte die Stimme, »Andos, der Hirte, ist, als er dir nachschwamm, in den Wellen ertrunken. Er ist nicht zurückgekommen. Aber ein Hirte, Europa, das wäre ja doch nie gegangen.« Und da weinte Europa, weinte und weinte und klagte: »Andos, armer Andos, für mich hat er sein Leben hingegeben, und ich glaubte, noch diese Nacht ihn in den Armen zu halten, und er war schon tot.« Da schob Aphrodite sachte den kleinen Eros vor, und Eros lief zu Europa und schmiegte sich an sie und streichelte ihr Haar und küßte ihr die Tränen von den Augen.

 

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