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Von Tür zu Tür

Friedo Lampe: Von Tür zu Tür - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVon Tür zu Tür
authorFriedo Lampe
year1946
firstpub1946
publisherClaassen & Coverts
addressHamburg
titleVon Tür zu Tür
pages259
created20160705
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die kalidonische Eberjagd

Demeter Feldfrüchte, Korn und Äpfel, Bacchus aber die Traubenbündel, Athene Öl auf den Altar, und auch den andern starken Göttern die fetten Opfer zum Dank für des Sommers strömenden Segen. Nur nicht Diana, die soll nichts haben, denn Oeneus, der König des waldigen Kalidon, ist wütend auf sie. Hat sie ihm doch nicht vergönnt, den weißen Prachthirsch zu erlegen mit den rosigen Lefzen und dem Geweih, elfenbeinern. »Nichts kriegt Diana, die andern alles«, schreit Oeneus trunken, dumpf dröhnen die Pauken, Gesänge schallen, und Wein durchglutet den Rundtanz.

Meleager aber, der Sohn des Königs, der braune Prinz mit dem nachtschwarzen Haar und den Augen dunkel und schwimmend in Schwermut, Meleager liegt im Monddunst auf dem Lager und wirft sich hin und her, weil er träumt von Atalante, der wilden Jägerin, wie sie springt durch die Wälder, und es ritzt ihr den Schenkel der Dornbusch. Aber Diana, badend im Waldweiher und umflutet vom Monddunst, und es heulen die Hunde zum Mond auf, und die Gefährtinnen stehen an der Kante des Weihers, halten ihr das Gewand und den Köcher und das gebogene Jagdhorn, Diana muß hören von dem Prachthirsch, dem weißen, der angesprungen 129 kommt und platscht zu ihr in den Weiher und legt das weiche Maul an ihr Ohr, von Oeneus Frevelgeschrei. Und springt auf, die Göttin, aus dem stillen Bade und schimpft und flucht, und dann nimmt sie das Jagdhorn und bläst gell in den Nachtwald. Da bricht durch Baumdunkel Urno, der Eber, Dianens Liebling, und: »Hin nach Kalidon und verwüste das Land«, befiehlt sie. Das tut auch Urno und tollt durch Kalidon, zerstampft das gelbe Korn auf den Feldern und frißt die Trauben und Oliven und schlitzt mit den Hauern den Schafen den Bauch auf, steht schnaubend auf der Tenne, durchstößt die Wände und Tragbalken; und der Landmann jammert, wenn das Dach wackelt und einbricht, und wirft sich vor Oeneus und berichtet stammelnd von Urnos Wut: von seinen Stacheln, von seinen Hauern, groß wie Zähne des Elefanten, von seinen rollenden roten Augen und seiner Feuerkraft.

Da ruft Meleager, der junge, braune, der immer träumt von Atalante, der wilden Jägerin: »Vater, wir wollen ein Jagdfest bereiten und wollen jagen Urno, den Eber, und auch das andere Wild in den Wäldern, das üppig in Rudeln drängt durch die Stämme, aber es soll ein Jagdfest werden rauschender als all die vergangenen Jahre, und wollen laden eine große Menge von Helden aus Griechenland, und Atalante, Arkadiens Fürstin, muß auch dabei sein.« – Aber da 130 fragt Oeneus: »Warum Atalante, ein Weib?« – »Weil sie«, so ruft Meleager klagend, »die wunderbarste ist der Jägerinnen, schön und mörderisch wild wie Diana, und weil ich träum' von ihr all die Nächte, jetzt auf dem einsamen Sommernachtslager, und weil sie mein Weib werden muß.« – Aber da lacht nur Oeneus spöttisch: »Da sieh dir mal an den Grünschnabel, nun, deine Wahl ist gar nicht so übel, sie ist, beim Styx, ein verflixtes Weibsbild, aber sicherlich schwer zu zähmen, nimm dich in acht.«

Und dann kommen sie alle zu Haufen, alle die Helden und großen Jäger, mit Pferden und Knechten und Pfeilen in Köchern und kläffenden Hundekoppeln. Mynthas aus Samothrake und Durcas aus Theben und Kastor und Pollux, die Zwillingsbrüder, Jason aus Korinth und Menalcas aus Boeotien und noch viele andere berühmte Helden, mächtig in Schultern und Brust und Armen, und dazu Oeneus, Kalidons König, und Meleager, der feurige, braune, und zwei Brüder von Meleagers Mutter, Thestios Söhne – aber zuletzt kam auch Atalante, schlank und hochbeinig, die windschnelle Läuferin, und lachend mit weißen Zähnen, die Augen blank und die Stimme singend, dunkel wie Waldvogelsang. Auf der Schulter den Elfenbeinköcher und in der Linken den Bogen, mit der Rechten aber an Leinen haltend drei große gefleckte Doggen. Ausgesetzt als Kind in einer Höhle und gesäugt von 131 Bären, getätscht von den Tatzen junger Panther, hat Atalante nur gelebt in Wäldern und war in keiner Behausung zu halten und ist so die große Jägerin geworden, hinstürmend unüberwindlich. Denn als damals die frechen Zentauren Bippo und Kadaunes angesprengt kamen, sie zu überwältigen im Höhlendunkel, da schoß sie beiden den sirrenden Pfeil in Kehle und Brust, und aufbäumend, brüllend und hufeschlagend schlugen sie um – tot. Nun zum ersten Male trat sie unter die Schar der Helden, und es zuckt ihr in allen Gliedern, Urno, den Eber, Dianens Liebling, hinzustrecken, denn sie haßt die Göttin und ihre größere Gewalt in den Wäldern. Als drum Meleager, glutend dunkel, ausruft: »O Atalante, schöner noch bist du als Diana, die Göttin –«, da sieht sie ihn an dankbar und groß, und es wird ihr plötzlich so weich, der Harten, und möchte hinsinken, die Weiße, Blonde, hin an den dunkeln Mann. Aber eh sie noch sprechen können und die Arme heben, reißt sie schon der Jagdzug hinweg, und mit Hallo und Hurra und Gekläff und Hornruf braust der Schwarm in die Wälder.

Das war im August, in Sommers Hoch-Zeit, wo das Korn schwer wogte auf Feldern im warmen Wind, wo Wolken, großbauschig und weiß, schwammen in zitternder Bläue, wo Trauben, prallrund und blau, goren in Gluten der Mittagssonne, wo Wälder, schauernd und laubüberfüllt, strömten gebirgab zum Meere, und 132 Brandung leckte wollüstig hin über heißen und weißen kalidonischen Strand, und Efeu kletterte gierig auf und kraftaussaugend an Zedernstämmen, und das Schilf in Sümpfen und die braunen Kolben rochen scharf, aber Insekten und Libellen zuckten flirrend darüber hin. Und bald bis tief in die Sumpfwildnis rein drängte die Schar den Eber. Hinter Binsen lauernd, brach er plötzlich hervor, Pfeile und Speere trafen vorbei, schnappende Hunde schüttelt er ab, und, gestochen von harten Stacheln, jaulen sie blutend. Er aber rennt auf Durcas los, der aus Theben gekommen ist, schmeißt sein Pferd um und schleudert ihn hoch und spießt ihn auf mit den Hauern. Und dann duckt er sich wieder zurück in den Sumpf bis an den Kopf im moorigen Wasser. Und bricht wieder hervor, und diesmal durchstößt er Menalcas, daß das Gedärm ihm heraushängt, und verschwindet wieder im Sumpfe. Aber Atalante, ihn hinter Binsen erspähend, traf ihn als erste an Ohr und Stirn, und das Blut lief ihm über die Augen und über die weißen Hauer. »Ein Weib, ein Weib traf ihn zuerst, ihr Helden«, schrie da Meleager. Diana aber, die längst dabei war, ungesehen von der Schar der Helden, hetzt Urno an: »Nun raus, mein Urno, zerreiß sie, die Freche, die Frevlerin, die mehr sich dünkt als Diana, die Göttin, zerstampf sie unter den Klauen.« Und toll vor Wut tanzt Urno heraus, spritzend von braunem Moorschlamm, und hopst 133 und grunzt und schnaubt und rollt rot die glotzenden Augen. Da aber schießt ihm Meleager, risch, den Pfeil in die weiche Flanke. Und Urno plumpst hin, schwer wie ein Sack, im Grase unter der Eiche. Und nun rammen die anderen Helden ihm auch Speere und Pfeile in den Leib rein, und Urno liegt da und röchelt und jappt und schnaubt traurig den letzten Hauch aus. Da schreit Diana: »Rache euch zwein, das werdet ihr bitterlich büßen«, Meleager aber stemmt den Fuß auf Urnos Kopf zum Zeichen des Sieges und hebt den Arm, und dann zieht er dem Eber die Haut ab, schlägt auch ab den Kopf und legt Haut und Kopf Atalante zu Füßen: »Denn dir vor allen stehn sie ja zu, du hast zuerst ihn getroffen.« Diana aber in Jägergestalt, bald ist sie der und bald ist sie der, mischt schnell sich unter die Schar der Helden und zischt ihnen giftige Worte zu, Haß und Zwietracht zu säen: »Wie das? Warum einem Weibe den Preis? Was hat sie denn schließlich geleistet? Die Jägerin hat Meleager den Kopf verdreht, das lassen wir nicht auf uns sitzen. Her das Fell, ihr steht es nicht zu, wir haben alle unsern Teil dran.« Da treten zu Meleager seine beiden Onkel, Thestios Söhne, die Brüder seiner Mutter, und fahren ihn an: »Die Haut bleibt in unserem Hause. Dort in den Festsaal gehört sie hin, wo die anderen Trophäen hängen.« Und aus Gekeif wird Kampf, und Meleager schlägt tot Thestios Söhne, beide.

134 Als aber Murra, Meleagers Mutter, die Bleiche mit dem schwarzen Haar, und so groß und düster und ernst von Gestalt, hört, daß Meleager Urno besiegt hat, geht sie hin zum Altar mit Dienerinnen und läßt lodern die Dankesflamme, und blickt still ins Feuer schwarzen Blicks, und es tanzen die Mädchen langsam. Abend ist's, und silbrig zirpt durch den Dämmerraum die Kithara. Da sieht sie Oeneus verstörten Gesichts hinter der Säule geistern. Und erfahren muß sie: die Brüder tot, erschlagen vom eigenen Sohne. Da hebt sie die Arme und flucht dem Sohn und klagt um die Brüder, beide, und dann schreit sie hart: »Schluß mit dem Tanz, und still du mit der Kithara.« Und neigt das Haupt, so flechtenschwarz, und brütet lange vor sich hin: Das war damals, als Meleager geboren, da brannt' auf dem Altar das Holzscheit. Und hin zu ihr trat schattend die flüsternde Parze: »Solange nur, wie dies Holz besteht auf dem Altar, wird Meleager leben.« Da riß sie das Holzscheit vom Steinblock und barg es tief in der Truhe. Das holt sie nun raus und tritt zurück zum Altar und hält in die Flamme das Holzscheit, und dunkles Schluchzen füllt ihr die Kehle um die Brüder, die toten, und den armen Sohn, um den es nun auch bald geschehn ist. Und schluchzt so laut und zieht zurück das Holz aus dem Feuer, doch wütend dann wieder stößt 'sie's zurück in die Flamme.

135 Aber Meleager, liegend auf dem Pantherfell und neben ihm Atalante, und das Dunkel kommt weich, und die Fackeln lohen blutig zwischen den Stämmen, und Tanz auf der Waldwiese im Flackerschein und Beckengeklirr und Flötengeschrill, und Wein und Duft von gebratenem Fleisch, von Urno, dem Eber, am Spieße, »o endlich«, ruft Meleager, »ist die Stunde da, mein heißester Wunsch ist nun erfüllt, nun kann die Feier beginnen«. Da verhüllt Venus mit Schleiern das Haupt, und den bleichen Elfenbeinstab hebt Proserpina und beginnt traurig aus dem Hades zu winken. Und da steigt schon in ihm die dunkle Flut, das schläfernde Nachtgewässer, steigt durch die Glieder bis in den Kopf und füllt ihm die Augen mit Schwärze. Was war es? War es die Liebe, der Wein, war es die Müdigkeit nach der wütenden Jagd, es sinkt ihm das Haupt schwer hintüber. Und Atalante ruft und schüttelt ihn noch: »Meleager, du Brauner, du Dunkler, bleib wach – das Fest hat ja eben begonnen.« Doch er hört sie nicht mehr, und der Blick so starr – da, ahnungsvoll, beugt sie sich über den Toten.

Und aufgebrannt ist das Holz am Altar, und Murra, die Mutter, schleppenden Schritts, geht fort aus dem Tempel zur Kammer. Bindet los die Hüftschnur und hängt sich auf am dicken Balken der Decke. Und Monddunst schwillt um die stille Frau, die Frau in der stillen Kammer.

136 Das ist das Lied von Lust, Rausch und Tod, von der großen Jagd im waldigen Kalidon, von Atalante und Meleager und der Rache der Göttin Diana. 137

 

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