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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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6

Dankend quittiert, cher ami.

Ihre Niederträchtigkeiten sind mir viel lieber als Ihre sentimentalen Anwandlungen.

Lassen wir Frau N ... begraben sein, wenn Sie es verschmerzen können.

Und mein Ruf ... nein, wissen Sie – in diesem Punkt muß ich Sie doch wohl etwas enttäuschen. Ich stehe gar nicht so sehr über diesen Dingen, wie Sie meinen.

Manchmal finde ich es verzweifelt unbequem, einen schlechten Ruf zu haben. Wäre ich noch einmal achtzehn Jahre alt, so würde ich die Sache anders angreifen, mich entweder ganz in die Tiefe begeben oder darauf schauen, gesellschaftlich durchaus oben zu bleiben. Der Mittelweg ist in diesem Fall an Freuden vielleicht reicher, aber jedenfalls bei weitem der unbequemste. Die Leute wissen so oft nicht, für was sie einen nehmen sollen.

Und der schlechte Ruf verpflichtet. Man kann sich so vieles nicht leisten, was eine unbescholtene Frau ruhig tun darf.

Jedes männliche Wesen, mit dem man über die Straße oder ins Restaurant geht, wird einem aufgerechnet. Sind es zufällig vier oder fünf an einem Tag, so werden alle vier oder fünf gebucht.

Folglich ist es peinlich, wenn man mit einem alten Professor oder mit drei grünen Jungen gesehen wird, oder wenn ein Jugendfreund in Velvethosen uns anspricht. Man dürfte sich nur mit solchen sehen lassen, die einem stehen oder die man sich gerne nachsagen läßt.

Bedenken Sie nur, wie viele Schwierigkeiten sich daraus ergeben und was für komplizierte Schiebungen manchmal notwendig sind. Es gab eine Zeit – zu meinem Leidwesen muß ich es erwähnen –, wo ich mich in einer solchen Lebensekstase, in einem so fortgesetzten Herzenstumult befand, daß ich wenig oder gar keinen Blick für dergleichen Äußerlichkeiten hatte. Es wird mir in der Erinnerung wirklich schwer, mich da hineinzudenken, aber ich weiß es als historische Tatsache. Und dazumal habe ich wohl mein Renommee schon so übel zugerichtet, daß es sich nie wieder ganz erholt hat.

Das war dumm, ungeheuer dumm, und ich würde heute jedem blutjungen Mädchen das leben und kompromittieren verwechselt, aufs dringendste raten, seinen Ruf zu wahren, bis es in dieser oder jener Welt – ich meine in Lebekreisen oder in der Gesellschaft – eine feste Position hat. Die Ausnahmestellung zwischen beiden Welten ist vom Übel, außer wenn sie ungemein glänzend finanziert ist.

Und Sie? – fragt mein Freund, der Doktor. – Cher ami, Anwesende sind immer ausgenommen. Ich weiß in jeder Blüte den Honig zu finden und lasse das Gift wohlweislich darin. So habe ich auch gar keine Neigung, unter diesen Kalamitäten zu leiden, sie sind mir höchstens lästig und machen mich gelegentlich nervös.

Nehmen wir an, ich kenne einen wirklich reizenden Menschen, mit dem ich mich sehr gerne unterhalte, aber er trägt Künstlerhüte oder einen unmöglichen Kragen – läßt es sich auch nicht abgewöhnen, denn er befindet sich ganz wohl dabei. Es würde mir sicher Vergnügen machen, einen Abend mit ihm zusammen im Café zu sitzen – mein Ruf verbietet es mir. Der Schlapphut würde sofort zu meinen Intimen gerechnet, und das lasse ich nicht gerne auf mir sitzen. Auch wenn es ein noch so wertvoller Mensch ist, lieber Doktor.

In M ... gab es in alten Zeiten ein verschwiegenes und entlegenes Weinrestaurant, das ich zu solchen Zwecken kultivierte. Ich will Ihnen die Adresse gern verraten und auch, daß ich manche meiner männlichen Bekannten dort getroffen habe – wenn sie mit der Toilette oder der sozialen Rangstufe ihrer Begleiterinnen nicht ganz einverstanden waren. Man wechselte dann einen stummen Blick, verstand und ignorierte sich. Und die, mit denen ich hinging, pflegten sich über meine Vorliebe für dieses mesquine Lokal zu wundern. Eben diese Leute, die keinen Wert auf ihr Äußeres legen, gehen mit Vorliebe in elegante Restaurants, um zu zeigen, daß auch sie zu leben verstehen.

Oder man muß in solchem Fall den bösen Schein durch irgendeinen starken Gegensatz korrigieren.

Erinnern Sie sich noch an den deprimierten Jüngling, den ich mir vergangenes Jahr an die Sohlen geheftet hatte, wie Sie so hübsch zu sagen pflegten? Er war zum Verzagen langweilig, aber unwiderstehlich, absolut unwiderstehlich elegant.

Als ich ihn gerade kennengelernt hatte und noch nicht unterzubringen wußte, fanden Lily – Ihre Lily und ich – zufällig ein Inserat in der Zeitung, das uns frappierte. Es lautete: Elegante Begleitdogge zu verkaufen – oder zu kaufen gesucht, das weiß ich nicht mehr.

Nach diesem Inserat wurde der Jüngling dann benannt und eingereiht.

Bei mir war gerade saison morte, ich hatte eine Herzensangelegenheit, die mich sehr in Anspruch nahm und in jeder Beziehung ganz nach Wunsch war, bis auf eine pathologische Vorliebe für farbenfrohe Krawatten. Ich machte es mir zur Lebensaufgabe, ihn davon zu heilen. Wie oft, ach, wie oft saßen wir stundenlang im Laden und ließen uns Krawatten, immer nur Krawatten vorlegen. Ich bot all meinen Einfluß auf, aber selbst wenn nach schwerem Kampf eine annähernd glückliche Wahl zustande gekommen war, so entdeckte er sicher im letzten Moment noch irgendein furchtbares Blau, Gelb oder Violett, das er durchaus haben mußte. Ich habe ihn wirklich geliebt, aber die farbenfrohen Krawatten kosteten mich meine Seelenruhe. Auf die Länge war es geradezu aufreibend. Meine einzige Erholung war die elegante Begleitdogge, denn man konnte überall und ohne Hemmungsgefühle mit ihr hingehen. Sie war immer vorhanden – immer melancholisch und immer tipptopp wanderte sie unentwegt mit langen Schritten und müder Haltung neben mir durch Straßen und Restaurants.

Gesprochen haben wir – der Jüngling und ich – oft stundenlang kein Wort, oder er schüttete mir sein wundes Herz aus, und ich hörte zu. Er hatte eine larmoyante Stimme und eine larmoyante Seele. Niemals konnte er die Frau finden, die er suchte, und wenn er sie einmal fand, wie zum Beispiel mich, so hatte sie gerade eine seriöse Dauersache mit farbenfrohen Krawatten. Darüber konnte er, wenn wir zusammen waren, endlos fortjammern, immer in derselben Tonlage. Unter anderen Umständen wäre mir das vielleicht schrecklich auf die Nerven gefallen, aber so, wie alles lag, erholte ich mich, während er friedlich fortlamentierte, von allen stürmischen Gefühlen und von den Krawattenhalluzinationen, die mich sonst verfolgten.

Manchmal mußte ich ihn auch an Lily ausleihen, wenn sie irgendwo besonderen Eindruck machen wollte, wie bei ihren Theateragenten oder beim Schneider. Die arme Lily war damals gerade etwas reduziert und brauchte in jeder Beziehung Kredit.

Aber sie mißbrauchte meine Großmut – sie telegrafierte dann auch noch späterhin, ich glaube aus Königsberg oder Stettin: »Schäbige Bande hier – bitte auf eine Woche Begleitdogge schicken.« Das war zuviel, und ich antwortete: »Unmöglich – brauche Dogge selbst.« – Und unsere Freundschaft bekam darüber einen argen Riß.

Ich hätte ihr ja gern den Gefallen getan, aber eine ganze Woche – es war undenkbar, wir waren uns zu unentbehrlich. Er konnte nicht mehr ohne unglückliche Liebe leben. Lily eignete sich nicht dafür, sie hätte ihn vielleicht glücklich gemacht, und meine Neigung zu dem Krawattenmann wäre vorzeitig in Trümmer gegangen, wenn die elegante Begleitdogge nicht mehr an meiner Seite wandelte.

Aber über diesen schönen Erinnerungen vergesse ich ganz, worüber ich Sie denn eigentlich, aufklären wollte. Ja richtig, ich wollte Ihnen auseinandersetzen, wie sehr der schlechte Ruf zur Korrektheit verpflichtet.

Manchmal stellt er auch in der entgegengesetzten Richtung Anforderungen, die ebenso lästig sind.

Man nimmt es uns förmlich übel, wenn wir uns zu ordentlich benehmen, ärgert sich, daß wir so durchaus salonfähig sind und die Hoffnung auf ganz besondere Sensationen nicht erfüllen. – Gehörst du einmal zum Zirkus, so spring durch Reifen und schlage Purzelbäume – ja, aber wir haben manchmal gar keine Lust, wir wollen zur Abwechslung auch einmal Zuschauer sein, in der Loge sitzen und Konversation machen.

Hier und da ist es wirklich ein großes Vergnügen, nur langweilig und korrekt zu sein.

Darüber ließe sich noch vieles sagen, aber ein andermal ....

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