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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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5

Ich bitte Sie, liebster Doktor, schelten Sie nicht schon wieder über meine Zerstreutheit – gerade Sie haben verhältnismäßig wenig darunter zu leiden gehabt, ich verwechsle Sie schon längst nicht mehr mit anderen Bekannten – ich weiß immer, wer Sie sind und wie wir miteinander stehen.

Sie können beim besten Willen nicht begreifen, daß ich Frau N..., mit der wir einen so netten Abend verlebten, nicht wiedererkannte? Damen erkenne ich fast nie wieder, sie sehen doch jedesmal anders aus – andere Toiletten, andere Hüte, andere Begleiter ....

Und der nette Abend hat Ihnen anscheinend mehr Eindruck gemacht als mir. Du liebe Zeit, ich habe mehr als einmal Leute nicht wiedererkannt, mit denen ich noch viel nettere Abende verlebt hatte – und die es mir tödlich übelnahmen.

Ihr Brief gefällt mir überhaupt nicht sehr, er klingt etwas trübselig und verstimmt. Und ich bin gerade so guter Laune, so ohne jeden Grund seelenvergnügt. Das ist bei mir ja öfters der Fall, und ich weiß schon, daß es manche Mitmenschen geradezu irritiert. Sie nehmen Ärgernis daran, daß man ohne Anlaß glücklich ist, um so mehr, wenn man infolge aller möglichen Lebensumstände Grund genug hätte, sich unglücklich oder wenigstens unbehaglich zu fühlen.

Aber sei dem, wie es will – ich kann diese schwarze Stimmung bei Ihnen nicht ausstehen –, mich macht es wiederum nervös, wenn ich jemand ohne schwerwiegende Veranlassung Trübsal blasen sehe. Und ich habe den edlen Vorsatz, Sie ein wenig zu trösten.

Wären Sie hier, dann könnte ich Ihnen doch wenigstens die Falten von der Stirn streichen oder – je vous donnerais une de ces heures, qu'un homme n'oublie jamais. (Diese hübsche Wendung ist leider ein Plagiat, ich habe sie irgendwo gelesen.) Aber Sie sind nicht da und grollen nur irgendwo in der Ferne, weil ich Frau N... gegenüber einen so heillosen Fauxpas begangen habe. – Schade, daß Sie nicht dabei waren, wie ich sie im Vorbeigehen leutselig auf die Schulter tippte: ja, Lily, wie kommen Sie denn hierher? – Doktor R... ist schon fort! Das Gesicht, mit dem sie sich da umdrehte, werde ich nie vergessen.

Es ist auch ein Kreuz, daß sie ganz genau weiß, um wen es sich handelt, und jetzt natürlich glaubt, ›jene Person‹ sei mit Ihnen hiergewesen. Was tun? Soll ich ihr einen Besuch machen und Ihre Schuldlosigkeit dartun? Ich fürchte, es würde nur das Gegenteil erreicht und Frau N... möchte unsere Beziehungen falsch einschätzen.

Armer Freund, da habe ich Ihnen einen rechten Henkersdienst erwiesen, und ich trachte doch immer nur danach, Sie glücklich zu machen.

Soll ich Ihnen als Balsam für diese Wunde von einer Frau erzählen, die manchmal noch viel zerstreuter war, als – nun, als ich bei der Begegnung mit Frau N...?

Sie behauptete und behauptet immer noch, es sei eine Art Neurose. Ihr Gedächtnis in bezug auf Persönlichkeiten und Begebnisse sei zeitweilig überbürdet worden und habe dadurch gelitten. Sie geriet denn auch manchmal in eine Art somnambulen Zustand, verwechselte alles und alle – Situationen, Personalien, Erlebnisse, Namen, Gesichter – und schuf sich und anderen manches Herzeleid. Eben diese Dame reiste viel herum und, wie es nun einmal zum Reisen gehört, mit verschiedenen Begleitern und unter verschiedenen Namen. Dabei geschah es des öfteren, daß sie den gegenwärtigen Zustand mit irgendeinem früheren verwechselte, zum Beispiel von Bukarest nach Konstantinopel telegrafierte: Komme mir bis Salzburg entgegen – und einen Namen darunter, den der Betreffende noch nie gehört hatte. Oder wenn sie mit Sir John auf dem Starnberger See eine Segelpartie machte, sagte sie plötzlich aus tiefem Sinnen heraus: »Du – Hans, wie das Mykalegebirge heute klar ist – wir wollten doch morgen einmal nach Smyrna hinüberfahren.« (Worauf Sir John antwortete: Very well, aber ich wollte lieber morgen früh in Norwegen Supper essen.)

Zu ihrem Leidwesen besaßen nicht alle ihre Freunde so viel liebenswürdige Anpassungsfähigkeit. So hatte sie einmal eine ungewöhnlich dauerhafte und in jeder Beziehung erfreuliche Liaison, auf die sie sehr viel Wert legte. Es wurde sogar ernstlich erwogen, ob man sich nicht heiraten solle. Der Mann war wohlhabend, sympathisch und viel auf Reisen – und sie befand sich gerade in einer jener inneren Krisen, wo man sich nach Ruhe und nach einer ›Basis‹ sehnt. Aber ein unglücklicher Zufall, wie sie es nannte, gab der Sache eine andere Wendung.

Der Betreffende war einige Monate verreist gewesen, und als sie zum erstenmal wieder einen Abend mit ihm verbrachte, ging sie, nicht ohne innere Bewegung, durch sämtliche Räume seiner Wohnung und feierte Wiedersehen mit allen vertrauten Gegenständen. Dabei blieb sie plötzlich in der offenen Tür zum Schlafzimmer stehen, betrachtete nachdenklich das breite englische Messingbett und sagte: »Du – die Seide an dem Bett war doch immer rot – warum hast du es jetzt in Grün machen lassen? Und wo ist der Kranich geblieben?«

Ja, und dann konnte sie zuerst nicht begreifen, warum diese harmlose Äußerung ihn so verstimmte – die Seide war immer grün gewesen und grün geblieben, aber es gab genau dasselbe Bett in Rot, und das stand in der Wohnung eines ihrer gemeinsamen Bekannten. Und darüber am Plafond hing ein ausgestopfter Kranich mit ausgebreiteten Flügeln, der sich langsam drehte, wenn das Zimmer stark geheizt war. Der gemeinsame Bekannte hatte eben einen sonderbaren Geschmack – und der ausgestopfte Kranich über seinem roten Bett war schuld daran, daß unsere zerstreute Freundin wieder nicht dazu kam, ihr Dasein auf eine feste Basis zu stellen.

So etwas ist Schicksal. – Der Mann meinte nachher, sie sei doch wohl nicht zur Ehe prädestiniert, denn sie würde bei jeder Gelegenheit wieder Grün mit Rot und stilisierte Ampeln mit Kranichen verwechseln.

Ja, ja – Zerstreutheit in amore soll eine bedenkliche Sache sein.

Trotzdem haben Sie, lieber Doktor, noch unlängst eben diese Eigenschaft bei einer Dame Ihrer Bekanntschaft als reizvollen Zug bezeichnet und verschiedene liebenswürdige Bosheiten darüber gesagt. So wollten Sie öfters und mit Vergnügen beobachtet haben, wie sie den ganzen Abend irgendein langweiliges oder unausstehliches Visavis aus reiner Gedankenlosigkeit überaus seelenvoll ansah. Das Visavis glaubte schon eine ganze Welt von Empfindung in ihr geweckt zu haben, aber sie hatte nur an jemand anders gedacht und war höchst erstaunt, wenn es Konsequenzen daraus ziehen wollte.

Sie haben mir auch erzählt, wie Sie diese Ihre Freundin eines Abends abholten – sie stand vor einem Schrank und suchte endlos nach ihren Handschuhen. Sie halfen ihr suchen, und dabei kam es zu einigen liebenswürdigen Annäherungen Ihrerseits, die sie gelassen annahm und erwiderte. Sie – der Doktor R... dachten: endlich! Denn der Fall war konversationsweise schon mehrmals zwischen Ihnen beiden erörtert worden.

Sie fühlten sich dann nachher etwas enttäuscht, als Ihre Freundin Sie bei Tisch seelenvoll ansah und sagte: »Nehmen Sie es nicht übel, aber ich muß jetzt die ganze Zeit darüber nachdenken, ob ich Ihnen nicht schon einmal an diesem Schrank einen Kuß gegeben habe, als ich meine Handschuhe nicht finden konnte – ja, nein – richtig – da hab ich ja den Schleier gesucht und ...«

Armer Doktor, an dem Abend fanden sie den amourösen Somnambulismus, wie Sie es nannten, gar nicht ›reizvoll‹ und malten ihr mit einiger Bitterkeit aus, wie es in noch intimeren Situationen wirken möchte, wenn die geliebte Frau plötzlich sagt: Hören Sie – wir haben uns doch schon früher – ja, nein –, pardon, damals kannte ich Sie ja noch gar nicht.

Leben Sie wohl – es ist spät, und wenn ich noch weiterschreibe, könnte ich vielleicht zu indiskret werden.

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