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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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19

Vorausgesehen – Sie tun sich leicht, lieber Freund. Wenn etwas geschieht oder geschehen ist, brauchen Sie nur den Epilog zu machen. Und Pedros Grabrede war allerdings eine Ihrer Glanzleistungen.

›Das Engagement war nicht für die Ewigkeit‹, das, ja, das konnte man wohl voraussehen. Und doch: wäre das Wiedersehen nicht so unglücklich inszeniert gewesen und der Onkel nicht so hartherzig, dann säßen wir jetzt vielleicht Hand in Hand auf einem Ozeandampfer. Ob ich nun mein wahres Lebensglück verscherzt habe oder ob es vielleicht ungeheuer gescheit war, selbiges zu verscherzen – wer kann das sagen? Die Trennung von John und Bobby hätte mir wahrscheinlich ebensosehr das Herz gebrochen. Pedro ›konnte‹ ich eigentlich doch nur im Ensemble, allein wäre ich ihm auf die Länge nicht gewachsen gewesen.

Unsere Koffer stehen schon halb gepackt, und dies ist voraussichtlich der letzte Brief, den ich Ihnen von hier aus schreibe. Die nächste Programmnummer wird heißen: ›Bobbys Insel‹.

Sir John will uns in Bälde nachkommen. Dann wollen wir den ganzen Sommer in der Sonne liegen und Bobby zum mondänen Dichter erziehen. John hat ja sozusagen die Verantwortung übernommen, daß etwas aus ihm wird, und er meinte, für diesen Typus würde er sich am besten eignen.

Die beiden haben noch viel mit ihren Reisevorbereitungen zu tun und sind meist in der Stadt. Ich habe auf der Terrasse einen traumhaft bequemen Schaukelstuhl und verbringe diese letzten Tage in stiller Beschaulichkeit.

Dabei habe ich eine neue Erkenntnis gewonnen – wieder einmal, werden Sie sagen. Aber diese hat sehr viel Endgültiges.

Lieber Freund, ich bin mir darüber klargeworden, daß mein Leben nach einem umgekehrten Prinzip verläuft – oder ist es deutlicher so: das Prinzip meines Lebens ist, daß alles umgekehrt geht.

Sie haben Sir Johns Diagnose anerkannt: ich bin im Grunde faul und energielos und gerate doch so oft in Lebenslagen, die Energie erfordern, also muß ich meiner Bestimmung entgegengesetzt handeln. Das erweckt einen falschen Eindruck, der mich wiederum zu lauter umgekehrten Handlungen zwingt. Nicht wahr, das stimmt?

Ferner: ich habe soviel Anlage zu passivem Glück, und dabei sind meine ›Glücke‹ fast immer stürmisch und bewegt. Ich ›kann‹ keine Konflikte, und immer gibt es welche.

Vor allem aber: was ich auch tue, beginne und plane, unweigerlich kommt dabei das Gegenteil heraus. Das kann doch nicht nur Zufall sein. Unternehme ich etwas ungemein Nützliches und Wohlüberlegtes, so gibt es sicher den größten Unsinn. Tue ich aber gänzlich unzweckmäßige und unüberlegte Dinge, dann kommt etwas Vernünftiges zustande. Kurz, ich ernte nie, was ich gesät habe, sondern jedesmal etwas ganz Überraschendes.

Und die Moral: wem das Los so fällt wie mir, nämlich umgekehrt, der suche eben umgekehrt zu leben, immer von vornherein das Umgekehrte zu tun – dann muß es sich wieder ausgleichen.

Seit diese Erleuchtung über mich gekommen ist, bin ich sehr zufrieden. Ich begreife, daß in der Erkenntnis wirkliches Glück liegen kann. Alle weitere Gedankenarbeit überlasse ich Ihnen, es war schon eine bedeutende Leistung, Ihnen das alles so wohlgeordnet vorzutragen.

Und die praktische Anwendung – mein lieber, guter Freund? Wie Sie mir schreiben: es wäre sicher das Beste, wenn ich jetzt zurückkäme, dorthin, wo ein getreues Herz für mich schlägt, und wenn ich nur wollte, auch eine sogenannte Existenz bereit wäre. Von diesem Herzen und dieser Existenz habe ich Ihnen ja in den Tagen der Regenstadt schon Näheres erzählt, und ...

Aber nein – ich werde von jetzt an nie mehr das tun, was sicher das Beste wäre und das Gescheiteste. Bobbys Insel ist gewiß das Dümmste, was ich tun kann – und ich wähle Bobbys Insel.

Sobald wir sie gefunden haben, schreibe ich Ihnen – wir wissen ja selbst noch nicht, wo sie liegt –, und deshalb sage ich Ihnen heute mit einer gewissen Feierlichkeit Lebewohl und – à tantôt ...

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