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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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18

O Freund, o Doktor – das war eine schicksalsvolle Woche, und ich flüchte mich wie einst in der Regenstadt zu Ihnen, um mein müdes Haupt – nein, das geht nicht – um Ihnen mein Herz – nein, das geht auch nicht – also, einfach, um Ihnen zu schreiben.

Mir ist zumute wie nach einer Kinematographenvorstellung, an der ich stark beteiligt war – also hören Sie:

Sonntag: Eilbrief aus Sizilien und drei Telegramme – er fragt, ob ich mit ihm durchbrennen will – nach Amerika, natürlich. Man brennt ja immer nach Amerika durch.

Ich weiß nicht, ob ich will. Wir beratschlagen den ganzen Tag. Erst mit Sir John unter vier Augen – dann mit Bobby unter vier Augen – dann John und Bobby miteinander und ich für mich alleine und mit dem liebenswürdigen Herrn bei einer Flasche Sekt. Wir zählen an den Knöpfen ab, Bobbys Knöpfe sagen nein, Johns Knöpfe sagen ja. Bobby findet mich herzlos, aber es freut ihn, Sir John meint, meine Energielosigkeit habe den Kulminationspunkt erreicht, und er weidet sich daran. Wir zanken uns, vertragen uns wieder, werden sentimental und fühlen, daß es unendlich hart wäre, wenn wir uns jetzt so plötzlich und endgültig trennen sollten.

Mit Pedro allein einer ungewissen Zukunft entgegengehen – der alte Herr rät mir entschieden ab. Wer weiß, ob er nicht als Kellner in Chicago endet – für ihn ist's doch sicher besser, er heiratet die Cousine.

Montag abend schicken wir ein unentschiedenes Telegramm ab. Nachher bin ich sehr traurig, es tut mir leid, wenn ich ihn nun vielleicht nie wiedersehe. Bobby freut sich und wird schlecht behandelt.

Mittwoch: nicht etwa Pedro, sondern sein Onkel tritt auf. Man meldet mir, Signor Alfàro wünsche mich zu sprechen – derselbe Name – ich will die Treppe hinunter und in seine Arme stürzen – der liebenswürdige alte Herr erscheint und warnt mich. Ich verstecke mich in Bobbys Zimmer, Sir John geht mit Fassung dem Onkel entgegen, entführt ihn in die Stadt und redet ernste Männerworte mit ihm. Der Onkel läßt sich überzeugen, daß ich nicht mehr hier wohne, und Sir John siedelt am Nachmittag in ein anderes Hotel über, damit wir einen sicheren Zufluchtsort für alle Fälle haben.

Abends ist der Sturm vorüber, und wir wollen bummeln gehen. Wir gehen schon seit Wochen jeden Abend bummeln. John wünscht eine Variation, ich soll mich in einen Knabenanzug stecken lassen, schon damit der Onkel mich nicht erkennt, wenn wir ihn zufällig treffen. Er könnte ja bei Pedro Bilder von mir gesehen haben. Sir John hat manchmal solche Einfälle.

Vorsorglich hat er eine ganze Auswahl von Anzügen kommen lassen, ich gehe also hinüber, sein Hotel liegt nur zwei Häuser weiter, wechsle bei ihm die Kleider, Bobby muß einen Friseur holen, der mich mit einer schwarzen Perücke und vieler Schminke in einen ganz sympathischen Knaben verwandelt. Ich habe mich selbst kaum wiedererkannt, als ich mich im Spiegel sah. John war außer sich vor Vergnügen und wollte uns nun in allerlei ›merkwürdige Lokale‹ führen.

Wir gingen also unter seiner Leitung in allerlei merkwürdige Lokale – davon erzähle ich Ihnen noch gelegentlich – und kamen erst in der Morgendämmerung heim.

Ich konnte zu dieser Stunde unmöglich in meine Behausung zurück, hätte mich wenigstens erst umziehen müssen, und die Rückverwandlung in meinen vorigen Zustand war ziemlich zeitraubend. So überließ John mir sein Schlafzimmer – er hat noch einen Salon daneben. Drüben in dem anderen Hotel sollte Bobby die Dehors wahren und uns Nachricht bringen, wenn der Onkel am Ende wieder erschienen wäre. Bei Tage konnte ich dann unauffällig wieder hinüberwechseln.

In heiterer Seelenruhe legte ich mich nieder und schlief bis sechs Uhr nachmittags.

Als ich aufwachte, stand Bobby vor meinem Bett.

»Um Gottes willen, Pedro ist da, und John ist ausgegangen ...«

»Wo ist Pedro?« Aber in dem Augenblick kam er selbst herein.

Lieber Doktor, ich war so verschlafen, daß ich mich überhaupt nicht besinnen konnte, wo ich war und was die beiden von mir wollten. Der Anzug von gestern abend hing noch über einem Stuhl, und meine Kleider waren drinnen im Salon. Ach, man sollte doch immer abends seine Tür zuschließen.

Ich muß zugeben, daß der Schein gegen mich sprach: Bobbys Anwesenheit – Johns Zimmer – der Knabenanzug – und es tat mir furchtbar leid, den armen Pedro so empfangen zu müssen. Wie es sich dann weiter entwickelte? Immerhin noch ›harmonischer‹, als man hätte annehmen sollen. Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe (schlechtes Gewissen ist das Gefühl, einem anderen etwas Unangenehmes getan zu haben), kommen immer meine schönsten Herzenseigenschaften zum Vorschein. Ich hätte es nicht über mich gebracht, mich in Bösem von ihm zu trennen. Es war diesmal eine phantastisch schwere Aufgabe, aber sie ist gelöst worden.

Pedro und ich fuhren noch denselben Abend nach Amalfi und nahmen dort drei Tage lang Abschied.

Wir haben uns auf vorläufige Trennung geeinigt. Mit dem Durchbrennen wäre es ohne des Onkels Zustimmung doch eine untunliche Sache gewesen. Er sollte also mit dem Onkel, den Sir John inzwischen bändigte, nach Sizilien zurückfahren und ruhig heiraten.

Ich hoffe, Sie, teurer Doktor, werden nie wieder an meinem Altruismus zweifeln. Dieser Mann braucht entschieden eine Frau, die ihm immer treu ist, und ich habe ihm wohl oder übel auseinandersetzen müssen, daß mir das schwerfallen würde.

Wir gedenken uns zwar über kurz oder lang wiederzusehen, aber der Abschied ist uns doch recht schwer geworden. Es ist ein Elend – habe ich jemanden sicher und für immer, so wird es mir bald über, aber wenn ich ihn weggeben muß, reut es mich wieder. Jetzt ist er fort. In mein Hotel bin ich nicht mehr zurück, sondern habe mich drüben einquartiert. Sie kennen meine Gewohnheit, nach jeder Katastrophe vor allem gründlich auszuschlafen – so habe ich mich auch diesmal gleich in mein Zimmer zurückgezogen und von Montag bis Donnerstag immer nur geschlafen. John und Bobby besuchten mich von Zeit zu Zeit und waren sehr besorgt um Wohlergehen und Seelenzustand. Sie wußten eben noch nichts vom Katastrophenschlaf, und ich konnte sie erst darüber belehren, als er zu Ende war.

Und jetzt? Ja, das weiß ich noch nicht, jetzt muß ich mich erst wieder vom vielen Schlafen erholen ...

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