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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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16

Ich denke ja nach, Doktor, ich denke nach, ich habe noch nie so viel nachgedacht wie jetzt. Alles vereinigt sich, um mich nachdenklich zu stimmen. Ihr Brief und etliche längere Gespräche mit Sir John – es besteht eher die Gefahr, daß ich vor lauter Nachdenken tiefsinnig werde, als daß ich irgendeine große Kopflosigkeit begehe – wie Sie zu fürchten scheinen.

Lieber Freund, Sie sind ein Engel an Einsicht und Verstand, aber Sir John hat das ›Problem‹ meiner Seele doch besser erraten als Sie. Es geht entschieden eine Wandlung mit mir vor, denn, wie Sie sehen, fange ich jetzt auch schon an, mich damit zu beschäftigen.

Es war so heiß in der letzten Zeit, und wir sind träge und geschwätzig aufgelegt. Nachmittags bin ich gewöhnlich allein bei Sir John: ich auf dem Sofa, er in einem tiefen, bequemen Sessel, zwischen uns ein kleiner Tisch mit Kaffee und Zigaretten. So hielten wir es auch früher schon, in seiner Wohnung – in L ... – nur daß er dann immer in seinem Klubsessel saß – ich betone seinem, denn zwischen dem Klubsessel und ihm bestand eine ganz besondere Zusammengehörigkeit.

Also beinah wie mit Ihnen – nein, ich bin Ihnen sehr treu, es ist ganz anders, und eine Kaffeezwiesprache ist durchaus verschieden vom Teegespräch.

Nur eine entfernte Ähnlichkeit – Sir John vertieft sich manchmal mit großem Ernst in meinen Charakter – will ihn um jeden Preis ergründen. Das ist im allgemeinen etwas langweilig, ich interessiere mich wenig für meinen Charakter. Er geht doch schließlich nur die anderen an, und es bleibt immer zweifelhaft, ob man überhaupt einen hat.

Aber um sich die Zeit zu vertreiben, ist es hier und da ein dankbares Thema.

Nun, und an einem solchen Nachmittag hat Sir John neulich festgestellt, die Grundnote meines Wesens sei Faulheit, eine ganz namenlose Faulheit, wie er sie in diesem Grade noch bei niemandem beobachtet habe. Faulheit, wenn ich überhaupt etwas tue oder unternehme, denn es geschehe immer nur, um etwas anderes nicht zu tun – Faulheit, die Art, wie ich es anstelle, nämlich ungestüm und ungeduldig, um es so bald wie möglich wieder hinter mir zu haben. Und vollends sei ich unfähig, irgendeine Sache zu Ende zu führen, sei es eine Reise – denn ich reise nie dahin, wohin ich ursprünglich wollte (das ist wohl wahr) –, eine Ehe, eine Chancensache oder so etwas wie einen Beruf. O ja, John ging streng mit mir ins Gericht – er behauptete, wenn einmal alles glücklich soweit sei, dann ließe ich es liegen und machte mich erleichtert aus dem Staube (auch das mußte ich zugeben). Und lieber ließe ich die unangenehmsten Konsequenzen über mich ergehen – andere Leute hielten das irrtümlich für Seelenstärke –, als daß ich mich rechtzeitig aufraffte, um sie zu vermeiden. Ja, aus lauter Energielosigkeit legte ich manchmal eine auffallende Energie an den Tag.

Er teilte mir das alles mit wie ein Forscher, der jahrelang an einer wichtigen Entdeckung gearbeitet hat und nun endlich das Resultat veröffentlichen kann.

Es war geradezu eine rednerische Leistung – ich kann sie leider nur unvollkommen nachstammeln.

Und der Erfolg? – Ich war zuerst sehr verblüfft, aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: er hat recht.

Ich muß Ihnen gestehen, mein Freund, ich fühlte mich noch nie so verstanden. Mir war zumute wie einem Patienten, dem man endlich die richtige Diagnose stellt, die sich mit seinen eigenen ›unterbewußten‹ Empfindungen und Ahnungen deckt.

Liebster Doktor, ich habe eingesehen, daß ich Zeit meines Lebens bis zu diesem Nachmittag eine unverstandene Frau gewesen bin. Und Sie müssen zugeben, es liegt ein Stück Tragik darin, immer wieder für energisch, temperamentvoll, aufgeweckt und so weiter zu gelten, wenn man eigentlich nur faul ist.

Daß ich es nie zu etwas bringe, was man eine gesicherte Existenz nennen könnte, daß ich immer ein Bild ohne Rahmen bleibe – das Rätsel, an dem wir, meine Freunde und ich, so oft vergebens herumrieten: Sir John hat es gelöst, er hat mich entdeckt wie Bobbys Talent. Ja, wirklich, ich fühle mich jetzt endlich entdeckt, verstanden, gerechtfertigt. Und das Laufende? Von Pedro kommen viele Briefe – ungeduldig, vulkanisch, todunglücklich –, er weiß nicht, was er tun und was werden soll. Ich weiß es auch nicht, aber ich bin nicht unglücklich.

Sir John sagt, es sei mein Unglück, daß ich immer so glücklich bin. Oh, Sir John ist ein großer Weiser ...

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