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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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15

Ihren Brief habe ich hier vorgefunden, o nein, ich bin nicht für immer entschlafen – seit meinem letzten Brief aus Rom. Aber ich will gerne glauben, daß er etwas übernächtig ausgefallen ist.

Ich hatte auch wirklich die besten Absichten, Sie auf dem laufenden zu halten, aber das Laufende lief mit mir davon, und ich bin etwas außer Atem gekommen.

Man kann nicht immer im Zusammenhang bleiben, liebster Freund, das Leben ist gar so unzusammenhängend.

Momentan – aber wir wollen lieber erst die Ereignisse nachholen. Gott, ich habe es mir so angewöhnt, nur noch per wir zu sprechen. Das kommt davon, wenn man als Ensemble lebt. Manchmal muß ich mich förmlich erst darauf besinnen, daß ich auch noch ein Einzelwesen bin.

Also – wie schon mein Telegramm Ihnen meldete –, Bobby hat es aufgegeben und war neugierig – wir sind umgezogen nach Neapel.

Pedro bekam fortwährend Telegramme, woraus man schließen konnte, daß etwas nicht in Ordnung war, er hat sonst sehr wenig Korrespondenz. Und der Chauffeur war wieder ungewöhnlich finster.

Ich war sehr nett mit ihm – mit Pedro –, diskrete Teilnahme bei völliger Ahnungslosigkeit, und er schloß mir denn auch sein Herz auf.

In erster Linie Geld-, in zweiter Linie Brautverlegenheiten. Man wünscht, daß er sie heiratet. Das war ja eigentlich vorauszusehen, aber er scheint es sich nicht genügend klargemacht zu haben. Wir haben in den letzten Wochen wohl alle etwas vergessen, um was es sich handelt. Lieber Doktor, das ist immer der glücklichste Zustand, und ›wir‹ waren auch wirklich alle sehr glücklich.

Weiter: die Braut ist seine Cousine, folglich ihr Vater sein Onkel, und von diesem Onkel scheint er pekuniär ziemlich abhängig zu sein. Das Nähere hab ich natürlich vergessen, ich höre nie zu, wenn man mir ›Näheres‹ auseinandersetzt, und das ist manchmal verhängnisvoll.

Er, Pedro, treibt sich nun schon lange in Europa herum, und die Art, wie er das tut, scheint dem Onkel nicht mehr zu gefallen.

Summa: der Onkel macht bedenkliche Anstalten, ihn ›einzukassieren‹ (auch ein typisches Erlebnis, daß ›er‹ von meiner Seite weg einkassiert wird).

Pedro hat erst gerast, er wolle jetzt nicht heim, auf keinen Fall, dann bedrückte ihn wieder seine doppelte Verworfenheit – gegen sie und gegen mich.

O meine Chancen – es war schon die Rede davon, daß er mich in Rom oder Neapel etablieren wollte. Ich sollte immer irgendwie ›dasein‹, auch wenn er eine Zeitlang nach Hause müßte. Ich weiß ja selbst noch nicht recht, ob das sehr mein Fall wäre, aber es hat ja auch wieder etwas Verlockendes. Apathische Dauersache mit lebhafteren Momenten – ich hab ihn doch wirklich ganz gern.

Übrigens scheint es, daß wir in Rom beträchtliche Schulden gemacht haben. Ich riet deshalb zum Umzug nach Neapel, das heißt, die römische Wohnung sollte er behalten, Chauffeur und Auto zur Beruhigung der Gemüter noch eine Zeitlang dort lassen und dann von hier aus einen Besuch in Sizilien machen.

Meine Ratschläge in solchen Angelegenheiten sind immer gut. Wieder einmal muß ich hervorheben, daß ich viel Sinn dafür habe, jede Lebenslage tunlichst harmonisch zu gestalten. Sie fanden deshalb auch diesmal Anklang und bewährten sich.

Man hat uns ganz ruhig ziehen lassen, und der Chauffeur ist uns inzwischen schon nachgekommen.

Sir John und sein Schützling sind natürlich auch mit – was Gott so schön zusammenfügte, keiner von uns hätte den Mut gehabt, es zu trennen.

Wir haben unsere Namen hier etwas abgeändert – wie Sie auch aus meinem Telegramm schon ersehen haben – und gelten für eine Art Familie. Die Zusammenstellung erforderte einiges Kopfzerbrechen, aber wir haben doch eine halbwegs befriedigende Lösung gefunden. Wir sind nämlich aus Versehen in einem sehr braven deutschen Hotel abgestiegen und hatten keine Lust, noch einmal zu wechseln.

Pedros Abreise hat sich noch etwas hingezogen. Man konnte sich nicht gleich zur Trennung entschließen und wollte sich erst über verschiedene Punkte mit dem Onkel schriftlich verständigen.

Dann ist er abgefahren, und alles weitere bleibt eben abzuwarten. Die beiden anderen leisten mir dabei aufs angenehmste Gesellschaft, im Hotel sind allerhand ganz nette Leute, und wir kommen uns sehr respektabel vor.

Mit dem Dichter muß ich mich vor der Öffentlichkeit duzen, wir haben ihn für meinen Stiefsohn ausgegeben. Sein Ursprung verträgt zwar eigentlich keine nähere Beleuchtung, denn Pedro sieht kaum alt genug aus, daß er für eine Jugendsünde von ihm gelten könnte. Aber Stiefsohn klingt so überzeugend. Und Sir John ist einfach ›ein Schwager‹.

Bobby kann mich nicht recht begreifen, daß ich Pedro habe fahren lassen.

Aber was wäre, wenn ich ihn festgehalten hätte? Brouilliert er sich mit seinen Leuten, so wird er sehr auf dem trocknen sitzen und ich mit. Liebe in einer Hütte wäre mit diesem Mann sicher ein unglückliches Unternehmen.

»Aber wenn sie ihn nun festhält?«

»Ja, da kann man nichts machen.«

»Und was soll dann aus Ihnen werden?« (Wenn wir allein sind, nennen wir uns meistens wieder Sie.)

»Das steht bei Gott, Bobby. Es haben sich schon klügere Leute als Sie manchmal den Kopf zerbrochen, was aus mir werden soll.«

»Wissen Sie, daß Ihr Fatalismus für andere geradezu aufreizend ist?«

»Ja, das habe ich schon manchmal gehört. Aber ich habe es längst aufgegeben, die Vorsehung beeinflussen zu wollen.«

»In Rom hatten Sie doch noch die Absicht, ihn um jeden Preis festzuhalten?«

»Wir sind jetzt in Neapel, Bobby, und ich denke, Sie wollen auf Sir Johns ausdrücklichen Wunsch Lebensweisheit von mir lernen.«

»Ach, es ist, weiß Gott, ein bitteres Los, Ihr Stiefsohn zu sein, und Ihre Lebensweisheit ...«

»Ist tiefer, als Sie in Ihrem Unverstand meinen. Hören Sie also weiter, Bobby – wenn man eine Sache mit Begeisterung und Kraftaufwand betrieben hat, ist es eigentlich immer eine Erleichterung, wenn sie nicht zustande kommt. Ich bin nie glücklicher als in dem Moment, wo ich müßig und bewundernd meine Werke untergehen sehe. Dann kann doch wieder etwas Neues kommen.«

»Und wenn nun etwas viel Schlechteres kommt?«

»Ich bin abergläubisch, lieber Bobby – aus Erfahrung. Es gibt Glücksserien und Pechserien. Ich zähle sie, und es hat immer gestimmt, mit kleinen Schwankungen. Die Pechserie geht höchstens bis neun, die Glücksserie ist kürzer, bis vier oder fünf – Pedro ist gerade auf der Grenze ...«

»Nein, bitte, hören Sie auf – eine Frau von Ihrer Intelligenz und solche mittelalterliche ...«

»Intelligente Frau ist wieder eine Beleidigung – Sie Dichter ...«

»Sir John sagt es auch – und es sei erstaunlich, daß Sie trotzdem immer nur Dummheiten im Kopf hätten ...«

»Das ist ein tröstlicher Zusatz, Gott segne ihn dafür. Gehen wir jetzt spazieren, Bobby, die Lektion ist für heute zu Ende.«

Wir gingen spazieren und erwogen Zukunftsfragen. Bobby will von hier auf eine griechische Insel gehen und möchte, daß ich mitkäme. Wenn es hier schiefgeht – ja, wenn ... Die griechische Insel ist ein beliebtes Thema.

Sir John war aus, Pedro ist fort, und es war eine wundervolle Mainacht. Wir waren beide etwas sentimental aufgelegt, gingen immer wieder auf und ab durch die Straßen. Es war schon beinahe Morgen.

»Nein, Bobby ... Sie sind mein Stiefsohn, das streift die antike Tragödie ...«

Wir kamen an eine Straßenecke, an der Mauer steht mit Kreide ein großes, deutliches ›Ja‹ geschrieben – auf deutsch. Das ist sehr merkwürdig, wir bleiben stehen und wundern uns darüber.

»Vielleicht gilt es uns ...? Aber Sie halten ja nichts vom Aberglauben, Bobby ...?« »O doch!«

Ja, lieber Freund – der arme Bobby ist nun auch abergläubisch geworden ...

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