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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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13

Armer Freund, Sie haben es in letzter Zeit schlecht gehabt – Fragmente, Ansichtskarten und leere Versprechungen, aber heute abend bin ich nur für Sie vorhanden und gedenke, es wiedergutzumachen.

Zuerst will ich Ihnen danken, daß Sie mir Ihren Segen nicht weiter vorenthalten und sich so liebenswürdig mit dem ›Rasta‹ ausgesöhnt haben. Wer weiß, ob Sie ihn nicht demnächst unter die Wertvollen einreihen.

Auch in meinen Augen hat er immer mehr gewonnen. Es hängt viel davon ab, wie ein Mann die ersten Schritte gestaltet, und das hat er sehr hübsch gemacht, erst allmählich und diskret, dann dramatisch und flammend.

Wie angenehm, daß man als Frau dieser Mühe überhoben ist – es muß gar nicht so leicht sein, den rechten Ton zu finden, und einige fangen es denn auch recht dumm an – so der Siegertypus, der beim ersten leisen Zeichen von Wohlwollen mit einer großen Gebärde die Tür schließt: Nun bist du mein!

Überhaupt haben manche einen feststehenden Trick. Ich weiß einen älteren Herrn – wenn der zufällig mit einer Frau allein im Zimmer ist, setzt er seinen Zwicker auf, sieht sich vielsagend um und bemerkt: Ist das nicht eine wahnsinnig komische Situation! – (Durch Freundinnen habe ich erfahren, daß er es jedesmal so macht.) Ob das wirksam ist? Ich weiß nicht – auf mich hat es keinen verführerischen Eindruck gemacht. Ich wußte nur zu antworten: ja, es sei wirklich zum Totlachen – und da schwieg er betroffen und enttäuscht. Vielleicht lag es auch daran, daß ich ältere Herren überhaupt nicht besonders schätze.

Aber ich habe Ihnen heute noch viel zu erzählen ...

Die Hauptbegebenheit – also hören Sie: ich sitze neulich unten in der Halle und warte auf den Chauffeur, der mich abholen soll, warte schon lange und schlafe beinah ein. Jeden Augenblick gehen Leute vorüber, und dann bleibt jemand hinter mir stehen – ein wohlbekanntes: How are you? – Sir John mit einem jugendlichen Begleiter – und im gleichen Augenblick der haßerfüllte Chauffeur, um zu melden, daß sein Herr mich draußen erwartet. Nur gerade Zeit zu einem ungeheueren Händeschütteln, Vorstellung des Begleiters und einer raschen Verabredung, dann stürzte ich meinen Verpflichtungen nach und hörte nur noch ein etwas verwundertes: O I say! hinter mir herklingen.

Wir trafen uns denn auch nächster Tage, in einem Tea-room natürlich. Keine Wehmut, mein Freund, wenn Sie hier wären – nein, doch nicht –, es würde jetzt kein gutes Dreieck geben.

Also, mit Sir John im Tea-room, seinen neulichen Gefährten hatte er mitgebracht. Der junge Mann ist Dichter, zeigt aber keine äußeren Symptome seines bedenklichen Handwerks, verhielt sich sehr schweigsam, sehr erzogen, sehr diskret, während wir einem lebhaften Austausch frönten.

Dieses Wiedersehen war beiderseitig ein großes Fest.

Sir John, der vielgenannte, den Sie ja leider nie kennengelernt haben, ist wohl der Mann, mit dem ich mich von allen am besten verstehe. Ich muß wieder einmal etwas indiskret sein, um Ihnen das zu erläutern. Es besteht zwischen uns ein on revient toujours – wirkliche Freundschaft mit amourösen Intervallen, die immer ohne Tragik, ohne Konflikte und Bitternis verlaufen sind.

Er hat sehr vielfältige Beziehungen zu Frauen und kultiviert jede einzelne wie ein Gärtner seine Pflanzen, jede bekommt ihr besonderes Terrain und ihre besondere Pflege. Für jede ist er der aufmerksamste und angenehmste Galan und suggeriert durchaus das Gefühl, daß er im Moment nur für sie da ist. Unmöglich, ihm übelzunehmen, wenn er sagt: Sie müssen sich unbedingt für heute abend freimachen, denn übermorgen treffe ich eine Frau, die ich sehr liebe, aber es ist eine etwas tragische Sache, und ich werde dann ein paar Tage Melancholie haben. Ebenso wird er dieser Frau sagen, sie müsse einen Tag warten, denn er wolle vorher noch mit einer anderen sehr vergnügt sein.

Er erzählt viel von seinen Amouren, taktvoll und aus wirklich tiefem Interesse, denkt über jede einzelne sehr ernsthaft nach, hat auch gerne, wenn man ihm erzählt, und denkt ebenso ernst darüber nach.

Die sizilianische Angelegenheit erfüllte ihn mit innigem Vergnügen, als hätte ich ihm einen großen persönlichen Gefallen erwiesen. Nun, mich freut sie ja auch, besonders seit die beiden hier sind. Man hat manchmal sehr gerne jemand zum Miterleben. Die allzu ausführliche Zweisamkeit fing gerade an, mich etwas zu ermüden, und was ich hier sonst en passant kennengelernt habe, war nichts Rechtes. Italiener haben immer die gleiche fade Feurigkeit, ob es ein Offizier, ein höflicher Kutscher oder ein Priester ist.

Nun kann ich wenigstens, sooft es geht, mit Vergnügen ausreißen, meinem Amante habe ich mit einiger Mühe plausibel gemacht, daß ich manchmal allein sein müßte, um römische Eindrücke in mich aufzunehmen. Nur muß man vorsichtig sein, und das ist immer eine Pein für mich.

Aber wie Sie sehen, bin ich diesmal sehr darauf bedacht, meine Chancen zu wahren – ich habe Grund, aus allerlei explosiven Äußerungen zu schließen, daß sie nicht schlecht sind, trotz der Braut in Sizilien, deren er manchmal – nach beiden Seiten hin – mit Reue und Bedauern gedenkt.

Letzte Woche war ich mit Sir John und seinem Schützling in den Katakomben; Sir John wollte dort irgendwelche Studien machen und betrieb sie mit seiner englischen Gründlichkeit, während der Dichter und ich draußen in der Sonne saßen und uns unterhielten. Sir John hat uns beide vorsorglich gewarnt, wir sollten nicht miteinander in love fallen; mich: er sei noch gar so jung und grün – und ihn: ich dürfe mir die berühmten Chancen nicht durch eine überflüssige Amourette verderben.

Das Spiel ist ungefährlich, ich würde mich schwerlich mehr in einen Dichter verlieben. In früheren Zeiten ist es schon vorgekommen, aber es war immer sehr anstrengend. Man mußte soviel posieren, sonst wird der Dichter ernüchtert – muß ihn immer im Rausch erhalten, denn ein richtiger Dichter will eben Rausch – Purpur – Gold – und so weiter. Für das alles hat man aufzukommen, muß immer auf dem Sockel stehen. Eine Zeitlang ging das auch – nein, eigentlich ging es doch wohl nicht, es war immer viel Schwindel dabei. Nur gefiel es einem, auch einmal pathetisch genommen zu werden. Aber dann verlangte man doch wieder herunter, sehnte sich wie Nebukadnezar danach, mit den Tieren des Feldes Gras zu fressen. Das können die Dichter nicht leiden. Und dann sollte man Seele haben, möglichst viel Seele. Ich hatte auch einmal so etwas, oder man hielt es dafür. Ich glaube, es war nur, wenn ich mich aus irgendeinem Grund nicht wohl in meiner Haut fühlte. Das halten die Mitmenschen ja gerne für ein Kennzeichen von intensivem Seelenleben.

Gott, es muß ja auch nicht immer ein professioneller Dichter sein, aber Sie können sich schon denken, welche Art Leute ich meine.

Der Knabe, mit dem ich hier über alten Gräbern wandle, scheint übrigens nicht zu dieser Sorte zu gehören. Ich interviewte ihn recht gründlich darüber, und er wurde ganz unglücklich. Er habe nun einmal Talent, und das Schreiben mache ihm Freude, während er sich mit einem bürgerlichen Beruf schwer abfinden würde. Aber Dichter – ja, es sei eine peinliche Bezeichnung, das fände er selbst, und es wäre ja trostlos, wenn die Frauen einem deshalb davonliefen.

»Oh, ich bin Ihnen noch nicht davongelaufen – und wie war's denn mit den anderen?»

»Ach, die Frauen, die ich bis jetzt – geliebt habe, waren eigentlich alle schrecklich ...«

»Das ist ein melancholisches Bekenntnis – armer Dichter!«

»Und wenn mir eine wirklich gefiel, hat Sir John jedesmal gesagt, sie sei nichts für mich.«

»Sie richten sich also immer danach, was er Ihnen sagt?«

»Gott, er hat mich doch entdeckt und meine Eltern überzeugt, daß ich Talent habe. Ich brauche jetzt nicht mehr zu studieren, und sie haben mich ihm gewissermaßen anvertraut. Da muß ich mich doch etwas nach seinen Ratschlägen richten. Zum Beispiel, als Sie ...«

Pause.

»Aha, es geht also auch auf mich?«

Der Dichter, verlegen, aber dann mutig: »Ja – auch auf Sie ...«

»Bitte, etwas Näheres darüber, das macht mich neugierig.«

»Ich weiß nicht, ob es nicht indiskret ist ...«

»Dichter sind immer indiskret – meint John, daß ich Ihr jugendliches Gemüt ...«

»O nein, im Gegenteil. Ihr Umgang wäre sehr gut für mich. Aber Sie sind doch – pardon, es klingt so ...«

»Nur weiter.«

»Also, er sagte, ich sollte mir keine Illusionen machen, Sie seien sozusagen in festen Händen ...«

Ich mußte so lachen, daß er ganz bestürzt war.

»Ist es am Ende nicht wahr?«

»Doch, es ist wahr, das heißt – ich bin eigentlich nie in sehr festen Händen ...«

Er sieht mich etwas verwundert an: »Wieso? Ich dachte, Sie liebten ihn?«

»Wen? Sir John oder den Rasta?«

Ein rascher Blick – das war etwas unvorsichtig von mir, nun wird er anfangen, Rätsel zu raten.

Dann kam Sir John, und wir konnten das lehrreiche Gespräch nicht fortsetzen.

Und meinen Brief werde ich heute auch nicht mehr fortsetzen, ich erzähle Ihnen doch nur dummes Zeug.

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