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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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11

Falsch geraten – ich bin in Rom und S ... ist nach Norwegen gefahren.

Ein hoffnungsloser Fall – der arme Kerl strebt im Grunde seines Herzens doch nur danach, wieder zu heiraten. Für seine Bekannten ist ein Trost dabei: er ist immer am nettesten, wenn er eben eine Scheidung hinter sich hat. Das wirkt auf seinen inneren Menschen wie eine Art Wiedergeburt – aber es ist halt doch etwas umständlich.

Nun beschäftigt er sich neuerdings mit Rassentheorie und meint, an seinen bisherigen Fehl-Ehen sei vor allem die schlechte Rasse seiner Gefährtinnen schuld gewesen. Ja, und deshalb will er jetzt die reinrassigen nordischen Frauen näher studieren.

Wir saßen den letzten venezianischen Nachmittag am Markusplatz beim Eiskaffee und erwogen voller Wehmut, was geschehen wäre, wenn wir beide uns doch damals im Anfang unserer Bekanntschaft geheiratet hätten. Vielleicht wollte die Vorsehung nur darauf hinaus und hat unserer illegalen Neigung deshalb so viele Steine in den Weg gelegt, wer kann es sagen? Und wäre ich jetzt seine geschiedene Frau – rechnete er mit Bedauern aus –, so verfügte er doch wenigstens über eine kleine Rente, während er unter den obwaltenden Verhältnissen leider herzlich wenig für mich tun könnte. Kurz, er zeigte sich recht besorgt um meine finanzielle Gegenwart und Zukunft, gab mir viele gute Ratschläge und machte mich noch telegrafisch mit einem seiner vielen und merkwürdigen Auslandsfreunde bekannt, der gerade in Rom ist und mich denn auch mit fürstlichen Ehren empfangen hat. Man nennt ihn einfachheitshalber den Sizilianer, weil er meist in Sizilien lebt und seine Nationalität etwas verwickelt ist. Er ist in Madagaskar geboren, aber ich glaube, aus spanischer Familie, also immerhin reizvoll international – gebrochenes Deutsch –, nun, man wird ja sehen.

Ich gestehe Ihnen offen, manches von dem, was S ... mir sagte, ist mir wirklich zu Herzen gegangen. Er erklärte es für geradezu unverantwortlich, daß ich immer noch keine ernstlichen Schritte getan, um mich zu arrangieren.

Er hat recht, und ich habe es mir selbst ja auch schon hundertmal gesagt – und Sie – und verschiedene andere.

Ein schwieriger Punkt – ich kann das Gerede von Problemen sonst nicht ausstehen –, es sind ja fast nie welche – aber diese Sache erkenne ich an, als Problem, als alles, was Sie nur wollen.

Ganz sicher: es ist immer empörend für eine Frau, wenn das äußere Dasein sich nicht angenehm und schmerzlos abwickelt. Einmal hat ja doch jede – jede den angeborenen Hang zu Wohlleben und Bequemlichkeit, auch wenn sie es nicht wahrhaben will oder sich's nicht leisten kann.

Und dann tut es auch der Eitelkeit weh: Frau in Geldschwierigkeiten ist immer wie ein Bild, das schlecht gerahmt ist und am unrechten Platz hängt.

Teurer Doktor, da wir nun doch einmal von mir reden – seit ich aus meinem wertvollen alten Familienrahmen entfernt wurde, hat mir wohl keiner mehr ganz gepaßt. Mancher war recht gut, mancher wieder sehr mittelmäßig, und es gab auch Zeiten, wo das Bild nur mit Reißnägeln an die Wand geheftet war.

Ja, ja – und wie S ... mir auch wieder vorhielt – ich hätte alle möglichen Chancen haben können. Aber was wollen Sie? – die legitimen? Gott soll mich bewahren – und er hat mich bewahrt. Wenn ich eine gute Partie machen konnte, hatte ich immer gerade keine Lust zu heiraten, und das eine Mal, wo ich dann doch heiratete, wurde der Mann erst eine gute Partie, als ich schon wieder über alle Berge war (Sie wissen ja, wie lange meine Ehe gedauert hat). Jetzt hat er eine glänzende Stellung, und ich hätte sie auch. Aber was täte ich damit? Ach, und der Mann liebte mich – in der Ehe könnte ich das auf die Länge nicht aushalten. Höchstens eine Distanzehe mit sehr viel Geld, so daß jeder seinen eigenen Flügel bewohnte, seinen eigenen Train und seinen Verkehr für sich hätte. Zu den Mahlzeiten träfe man sich in großer Toilette und mit vielem Zeremoniell, will er mich außerdem noch sehen, so läßt er sich durch seinen Kammerdiener melden: der gnädige Herr läßt fragen, ob sein Besuch heute abend angenehm wäre? – Der gnädige Herr ist immer willkommen.

Habe ich Gäste, die sich für ihn eignen, so lade ich ihn ein. Seine Stellung als Hausherr wird dann natürlich betont, er dürfte nie kompromittiert werden – kompromittierter Ehemann ist geschmacklos und unmöglich. Und hat er Besuch, so mache ich auf Wunsch in seinen Räumen die Honneurs.

Das wäre die einzige Möglichkeit, auf die ich heiraten möchte – schade, schade, daß Sie nicht Geld genug haben, wir könnten es vielleicht versuchen. – Ich habe auch sicher in einem früheren Leben schon eine solche Ehe geführt, mir kommen alle Details so durchaus vertraut vor, auch die Art der Beziehungen und das Wesen des Eheherrn.

Aber kehren wir zu unseren moutons zurück – die illegitimen Chancen? –, sehen Sie, unsere guten Freunde denken im allgemeinen, wir täten uns so leicht damit – man brauchte nur zu wollen, so hätte man, was man wollte.

Nein, ich glaube, auf diesem Gebiet spielt der Zufall uns so willkürlich mit wie auf keinem anderen. Männer, die uns finanzieren wollen, gibt es genug, aber solche, die angenehm und dauernd finanzieren, dabei sympathisch oder wenigstens erträglich sind, nicht zuviel persönliche Ansprüche stellen und uns nicht plagen – ich fürchte, die muß man mehr oder weniger als seltenen Glücksfall betrachten. Meine besten Utilitätsbeziehungen, oder die es werden wollten, waren fast immer Leute, die ich von vornherein oder nach kurzer Zeit nicht mehr ausstehen mochte. In günstigeren Fällen standen sie gerade erst im Begriff, reich zu werden – man hätte warten und ausdauern müssen – oder sie hatten eben ihr Vermögen verloren. (Ich hoffe, Sie werden endlich einsehen, daß ich eigentlich doch ungemein wählerisch bin.)

Wie oft habe ich mir gesagt: liebes Kind, es muß nun einmal sein ... der Ernst des Lebens ... Schulaufgaben müssen gemacht werden, sonst gibt es kein Dessert ...

Aber ich habe weder als Kind noch später den nötigen Eifer für meine Schulaufgaben gehabt, es war immer etwas anderes da, was mich gerade mehr lockte.

Wenn man auf diesem Weg Karriere machen will und nicht ganz besonderen Dusel hat, muß man vor allem eiserne Nerven und eiserne Ausdauer haben. Und, wie beim Theater, möglichst früh anfangen, damit die Schattenseiten des Metiers zur Gewohnheit werden. Hat man sich erst daran gewöhnt, zu tun und zu lassen, was man eben gerne tun oder lassen möchte, ja, dann ist man zu verwöhnt. L'art pour l'art ist sicher schöner, erfreulicher, aber unrentabel.

Nerven und Ausdauer, also im Grunde etwa dieselben Qualitäten wie für die Ehe. Stellen Sie sich eine Dauersache mit Finanzhintergrund vor – auf einmal hat man keine Lust mehr, möchte ich ihn eine Zeitlang nicht mehr sehen – aber er kommt unweigerlich zwei Abende in der Woche, will einen womöglich zwischendurch noch sehen. Oder es gefällt einem plötzlich jemand anders – finanzielle Dauersachen sind noch eifersüchtiger als der verheiratetste Gatte. Manchmal lieben sie uns auch wirklich – sogar die Seele.

Und verschiedene à tempo – sehr unbequem! Sobald Männer Geld hergeben, sind sie viel scharfsichtiger und wissen besser Bescheid über Einkaufspreise: Jeder ahnt den anderen: Woher die indische Decke? – oder der Pelz oder sonst irgend etwas.

Man müßte denn schon eine offizielle Persönlichkeit sein – nur so oder mit Nebenberuf –, etwas Tanzendes, Singendes, Springendes. Das schwächt die Eifersuchten ab, weil man damit renommieren kann: die Soundso? Aha – kenne ich auch!

Und ein Beruf, wäre er auch noch so lustig – wir wissen es beide, lieber Doktor –, selbst wenn der Himmel mir die schönsten Talente in die Wiege gelegt hätte, die Ausdauer ist nun einmal vergessen worden, und ohne die geht es in keiner Branche.

Übrigens habe ich immer wieder die Beobachtung gemacht, daß die Mädchen, die aus unteren Schichten heraufkommen, viel energischer und zielbewußter danach streben, Karriere zu machen. Sie wollen um jeden Preis nach oben kommen und reüssieren deshalb auch viel eher. Wir anderen – ich zum Beispiel, bin sehr verwöhnt aufgewachsen, die äußeren Annehmlichkeiten waren einfach da und erschienen mir nie als etwas Außerordentliches. Das bleibt im Gefühl – hätte ich von heute auf morgen Haus und Hof, Equipage, Dienerschaft und so weiter – es würde mir nur selbstverständlich vorkommen. Ist es nicht vorhanden, so empfinde ich das eigentlich wieder nur als einen provisorischen, unangenehmen Zustand. Hat man den Zug verpaßt, so muß man halt auf irgendeiner mesquinen kleinen Station warten, aber man identifiziert sich deshalb noch nicht mit ihr.

Ich fürchte überhaupt, die gute Erziehung, das Aufwachsen in einer erstklassigen Umgebung (sehen Sie, wie ich mich in die Brust werfe) beeinträchtigt die Entwicklung der praktischen und kaufmännischen Instinkte sehr stark. Man empfindet es immer als widersinnig, daß die Existenzfrage sich nicht ganz von selbst erledigt. Ich bin überzeugt, daß keiner meiner näheren Standesgenossen imstande ist, einen Kursbericht zu verstehen; kommt er einmal auf den Gedanken, zu spekulieren, so läßt er es eben durch seinen Bankier machen. Und als Frau – sollte man zum mindesten einen Impresario haben, dann wäre es schon eine andere Sache. Aber dieses Amt übernimmt wieder kein Mann, der etwas auf sich hält.

Man müßte – man sollte – ich weiß schon, mein Lieber, Sie haben Ihre Freude daran, wenn ich auf dem Diwan liege und aus tiefster Seele sage: man sollte eigentlich ... und doch um keinen Preis aufstehen würde, um das, was man ›eigentlich sollte‹, in Angriff zu nehmen ...

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