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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
titleVon Paul zu Pedro
publisherRowohlt Verlag
year1969
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid68f20f01
created20061101
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10

Nun bin ich fort – die Regenstadt liegt in weiter Ferne, die Klosterpforte hat sich hinter mir geschlossen, bis zur nächsten Retraite – die Äbtissin ... die Äbtissin war sehr liebenswürdig und hofft – machen wir drei Kreuze hinter ihre Hoffnungen.

Bahnhöfe und Hotelzimmer – ich bin sehr glücklich. Ein unschätzbares Gefühl: nicht hier und nicht da, sondern einfach fort zu sein. Daß ich den ersten Brief aus Venedig schreibe – Kopfschütteln Ihrerseits – Venedig? – Was wollen Sie, mein Freund; wieder einmal Schicksal, wieder einmal typisches Erlebnis. Nein, ich wollte auch gar nicht hierher, aber wenn ich nach Italien gehe, will ich regelmäßig nicht nach Venedig und komme regelmäßig doch hin. Erinnern Sie sich noch an das letzte Mal, als ich unerwartet und reisefertig zu Ihnen hinaufkam und Ihnen kundtat, ich müsse auf zwei Tage nach Brindisi fahren? Es handelte sich um ein längstersehntes Wiedersehen, und das ließ sich durchaus nicht anders arrangieren als eben in Brindisi. Es sollte auch sonst niemand darum wissen, aber an der Bahn traf ich einen entfernten Bekannten, der in denselben Zug stieg. Tags zuvor hatte ich ihm mit viel Mühe vorgeschwindelt, ich wollte nach Berlin fahren. – Nun fuhren wir zusammen bis Verona, und es half mir nichts – zur Strafe für den Schwindel mußte ich ihm versprechen: auf der Rückreise einen Tag Venedig.

An diese Reise denke ich heute noch mit Vergnügen. Italien und ich flogen so einander vorbei, es hat mir noch nie so gut gefallen.

Den Tag im Coupé, die Nacht im Schlafwagen – ein paar Stunden Rom, ein paar in Neapel, vierundzwanzig Stunden in dem gottverlassenen Brindisi – gerade genug für Wiedersehen und Abschied. Dann wieder Eisenbahn, Eisenbahn – übernächtig, glücklich und etwas wehmütig – irgendwann um Mitternacht in Venedig – auf dem Kanal, auf dem Markusplatz, im Hotel – mit dem entfernten Bekannten.

Genau sechs Tage nach der Abfahrt saß ich wieder bei Ihnen und hab Ihnen zur Strafe recht wenig erzählt. Denn Sie mokierten sich weidlich über meinen Ritt ins romantische Land und hatten allerlei schwarze Verdächtigungen.

Daß ich wirklich aus alter Treue – in der alten Treue bin ich immer stärker gewesen als in der neuen – in Brindisi war, daran glauben Sie ja noch heute nicht.

Und diesmal geschieht Ihnen ganz recht, daß es nicht viel zu erzählen gibt – es ist kaum der Rede wert –, nur die harmlose Geschichte vom roten Faden, die Ihre Sensationslust hoffentlich etwas enttäuscht.

Die Geschichte vom roten Faden handelt nämlich nur von einem Erlebnis, das nie zustande kam.

Ich muß etwas ausholen, denn die Anfänge der Begebenheit liegen schon um einige Jahre zurück, aber ich will es so kurz wie möglich machen.

Wir waren damals, was man einen animierten Kreis nennt, und S ..., der Held meiner Geschichte, gehörte mit zu diesem Kreis. Ein Freund von ihm war mein sehr guter Freund, mit dem ich gerade auf Reisen gehen wollte. Man war noch mitten in den Flitterwochen. Wir brauchten volle zwei Monate, um endlich fortzukommen, derweil lebten und wohnten wir zwischen unzähligen Koffern, die immer wieder aus- und eingepackt wurden, zwischen Flinten, Sattelzeug und wissenschaftlichen Apparaten, die uns alle begleiten sollten, und feierten unaufhörlich Abschiedsfeste, denn jeder Tag konnte der letzte sein. Es war eine beständige Konfusion von Wohnungen, Hausschlüsseln und improvisierten Nachtquartieren, woraus sich viele schwierige und heitere Situationen und eine angenehm sündhafte Atmosphäre ergaben. Wir – S... und ich – waren uns von Anfang an sympathisch und flirteten weidlich miteinander; aber ganz in Ehren, der Sachlage angemessen. Man blinzelte sich gewissermaßen zu: jetzt nicht, aber vielleicht später einmal.

Und dieses: später einmal – bildete den Inhalt der ganzen Historie. Ich ging auf Reisen und kam wieder zurück, man sah sich wieder, und inzwischen war verschiedenes anders geworden. S... und ich setzten uns ins Einvernehmen, daß jetzt der Moment gekommen sein dürfte. – Aber es sollte nicht sein. Ich weiß nicht, wie oft wir schon beisammen saßen und trauliche Zwiesprache pflogen – jedesmal gab es eine gänzlich unvorhergesehene Unterbrechung. Wir gaben uns Rendezvous, duzten uns auch einmal schon acht Tage lang – immer wieder kam etwas dazwischen. Wir hatten schließlich das Gefühl, als ob das Schicksal – meines oder seines – uns durch Detektive überwachen ließe, die pünktlich im gegebenen Moment uns die Hand auf die Schulter legten: bis hierher und nicht weiter.

Ich erinnere mich vor allem an einen Abend, wo er siegesfroh bei mir zum Souper erschien. Wir waren beide etwas verlegen und dachten: ... ja ... nun ... Aber es klingelte, und eine Freundin kam – ebenfalls mit Souperabsichten. Das wäre ja an sich noch nicht so schlimm gewesen – wir soupierten also zu dreien mit vieler Heiterkeit. S ... wollte sie dann heimbegleiten – ein Blick: ich komme wieder ...

Fünf Minuten später kamen alle beide die Treppe wieder herauf – der Schlüssel war in der Haustür abgebrochen. Es gab also wieder einmal Nachtquartier in der Mehrzahl, das die ironische Vorsehung schon so oft über uns verhängt hatte. Gute Miene und böses Spiel, denn die räumlichen Verhältnisse ermöglichten wohl eine pikante Situation zu dreien, verwehrten aber jedes Tête-à-tête. Nie vergesse ich den schmerzlichen Zug um seine Lippen, als er morgens beim Abschied sagte: ich möchte nur wissen, in welcher Konstellation wir das nächste Mal übernachten werden.

Aber es blieb bei dieser letzten, denn ich verreiste bald darauf und er verlobte sich – heiratete – war recht unglücklich in seiner Ehe und ließ sich wieder scheiden. Unsere Wege trennten sich, kreuzten sich hier und da wieder, wir blieben immer irgendwie in freundschaftlichem Kontakt, und es bildete sich allmählich die Tradition heraus, daß S... in angemessenen Zwischenräumen bei mir anfragte, ob mein Herz und meine Hand – sei es auch nur die linke – zur Zeit verfügbar sei.

Aber jedesmal, wenn er in zierlichen Redewendungen seinen Antrag stellte, waren Herz und Hand schon anderweitig in Anspruch genommen.

»Warum kommen Sie gerade jetzt? – Dienstag vor vierzehn Tagen ...«

Und war bei mir eine Vakanz, die ich gern vergeben hätte, so war er gerade in Spanien, um irgendeinen alten Meister zu entdecken, oder ging ernstlich damit um, ein junges Mädchen aus guter Familie zu heiraten. Das letzte Mal, als wir uns zufällig in Berlin trafen, meinte er förmlich erbittert: es sei allmählich höchste Zeit, daß diese Angelegenheit, die sich nun schon so lange wie ein roter Faden durch unser beider Leben ziehe, einmal ausgetragen würde. Von jetzt an sei es an mir, den Wink zu geben. Wir haben dann ausgemacht, daß ich ihm, wenn der geeignete Zeitpunkt käme, einen roten Faden zuschicken sollte.

Zwei oder drei Monate später lag der rote Faden bereit – es war sogar eine schöne, dicke, seidene Schnur – er lag schon kuvertiert in meinem Schreibtisch, und es war nur Bummelei, daß ich ihn noch nicht abgeschickt hatte –, da bekam ich wieder eine Verlobungsanzeige von Freund S ...

Am Vorabend seiner Hochzeit habe ich ihm den roten Faden in die Hand gedrückt, und wir haben heiter und herbstlich dazu gelächelt.

Letzten Winter hörte ich, daß er noch einmal wieder von der Ehe Abschied nehmen wollte – ja, und vor ungefähr acht Tagen kam ein Brief aus Venedig – in dem Brief lag meine rote Seidenschnur ...

Voilà – Freund und Doktor, das Weitere werden Sie nie erfahren – machen Sie sich keine Hoffnung. Bedenken Sie, daß die Lösung ja in jedem Fall banal ausfallen muß.

Legt die Vorsehung wieder ihr Veto ein, so wird es langweilig. Drückt sie aber diesmal ein Auge zu, so verliert die Geschichte vom roten Faden erst recht ihren Reiz.

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