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Von Paul zu Pedro

Franziska zu Reventlow: Von Paul zu Pedro - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleVon Paul zu Pedro
authorFranziska zu Reventlow
year1994
publisherGoldmann Verlag
addressMünchen
isbn3-442-07635-8
titleVon Paul zu Pedro
pages3-88
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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14

Mir ist in den letzten Tagen, wenn ich mich mit dem Dichter unterhielt, etwas aufgefallen, nämlich, daß man doch immer eine ganze Menge verschiedener Ansichten über ein und dieselbe Sache hat. Sie hängen ganz davon ab, mit wem man gerade spricht. Man dreht einen Gegenstand um, beguckt ihn von allen Seiten, stellt ihn auf den Kopf – jedesmal sieht er anders aus. Dann legt man ihn weg: o genug, gehen wir lieber ins Café. Ergo: man hat überhaupt keine Ansichten, und es ist auch sicher überflüssig.

Aber glauben Sie deshalb bitte nicht, daß unsere Gespräche sich immer um Ansichten drehen. Der Dichter ist, wie ich schon ahnend voraussah, sehr wißbegierig geworden, und wir rätselraten miteinander wie bei einem Gesellschaftsspiel. Ich erzähle ihm Schwänke aus meinem Leben und gehe um das allzu Persönliche möglichst herum. Zum Beispiel, die ersehnte Aufklärung über Sir John wird ihm beharrlich vorenthalten – ob es einmal war – wann es war und wie wir jetzt zueinander stehen. Ich fühle, daß ihn dies alles brennend interessiert, er möchte doch »das Leben kennen lernen«. Aber ich habe immer das Prinzip gehabt, daß jeder Mann so wenig wie möglich von dem anderen wissen soll – für alle Eventualitäten.

Mit dem Sizilianer liegt es anders, die ganze Sache ist zu offiziell. Ich habe das eigentlich nicht gern, es ist immer etwas mauvais genre. Aber hier in Rom, mit dem vulkanischen Pedro, dem Auto und dem Chauffeur, war es einfach nicht zu vermeiden.

Das alles und vieles andere hab' ich dem Dichter mit vieler Mühe auseinandergesetzt, und er gibt sich ebenso viel Mühe, es zu erfassen. Man sieht ihm manchmal förmlich an, wie sein unerfahrenes Gehirn arbeitet.

»Darf ich ganz offen reden?« – fragte er neulich, als wir von dem Rasta und von den Chancen sprachen. Ja, er durfte.

»Aber ich muß etwas sehr Freches sagen...«

»Ich bitte darum!«

»Ja – Sie leben doch eigentlich wie eine – eine –«

»Ganz falsch, lieber Dichter, ich lebe nur ein Privatleben, und es schaut viel zu wenig dabei heraus.«

»Und Ihr Sizilianer?«

»Ist eine zufällige Verbindung von angenehm und nützlich.«

»Aber Sie lieben ihn doch nicht wirklich?«

»Wie man es nehmen will.«

»Und Sir John – als ich Sie gestern abend bei ihm traf – – –«

»Junger Mann, sein Sie vorsichtig – das ist noch gar kein Beweis.«

»So...?... Aber Sie geben doch zu, daß Sie mehrere auf einmal lieben können?«

»Und?...«

»Es wundert mich, daß Sie bei dieser Veranlagung, oder wie man es nennen soll, eben nicht – –«

»Eine – eine geworden sind?«

»Ja, ungefähr das wollte ich sagen. – Sie sind böse?«

»Nein, ich bin diese Frage gewöhnt, – aber Sie sind noch so dumm. – Werden, das ist leicht gesagt. Denken Sie an Ihr einstiges Studium, Sie hatten auch keine Lust, etwas zu werden, und wollten lieber Verse machen, die nichts einbringen.«

»Herrgott, das ist doch etwas anderes.«

»O nein, ganz dasselbe. Aber zu jedem Beruf gehören ausgesprochene Fähigkeiten und Glück, wenn es etwas Richtiges werden soll.«

»Nun, was das Glück betrifft...«

»Nein, ich habe nur in der Liebe Glück, im Spiel versagt es.«

»Was versteht man eigentlich unter Glück in der Liebe?«

»O... ich denke, daß man oft geliebt wird und immer den bekommt, den man haben will.«

»Haben Sie nie eine unglückliche Liebe gehabt?«

»Nein. Sie liegt mir auch nicht, und ich kann sie mir beim besten Willen nicht vorstellen.«

»Lieber Gott, Sie müssen doch ungeheuer zufrieden mit Ihrem Schicksal sein.«

»Sicher, ich bin ganz verliebt in mein Schicksal. In dieser Beziehung benahm es sich tadellos, – aber dafür habe ich in anderen Dingen unerhörtes Pech.«

»Wieso?«

»Ich empfinde es beispielsweise als Schikane, daß ich nicht in Geld und Luxus schwimme.«

»Aber, teure Frau, dafür haben Sie doch in Ihrem Empfindungsleben den unerhörtesten Luxus getrieben...«

»Ach, Sie sind und bleiben ein Dichter – es war auch alles sehr schön, aber ich fange an, mich nach Seelenschmerzen und einem Bankkonto zu sehnen.«

»Und der Rasta macht Ihnen keine Seelenschmerzen?«

»Nein, das ist es ja gerade – deshalb bin ich auch so besorgt um das Bankkonto. Man wird abergläubisch.«

»Wissen Sie, ich glaube, Sie haben zu viel Persönlichkeit, um auf diesem Wege...«

»Lieber einziger Dichter, mit ›Persönlichkeit‹ können Sie mich die Wände hinaufjagen. Ich breche jeden Verkehr mit Ihnen ab, wenn Sie das noch einmal sagen.«

»Aber warum denn?«

»Weil es die ärgste Geschmacklosigkeit ist, die man einer Frau sagen kann – eine Redensart, die nur Reformmänner in den Mund nehmen. – Merken Sie sich das.«

»Ich will's gewiß nicht wieder tun, aber dann nennen Sie mich, bitte, auch nicht mehr Dichter, das ist sicher ebenso kränkend.«

»Schön, also – Bobby – oder ist das Sir Johns Privilegium? Bobby klingt ganz hübsch – verzogen und aus guter Familie...«

Der Dichter küßt mir die Hand. – Pause.

»Darf ich noch etwas fragen?«

»Bitte...«

»Warum sind Sie nicht irgend etwas anderes geworden? Sie haben doch so viele Fähigkeiten?«

»Ich hab's versucht, Bobby, aber es ist immer dieselbe Geschichte. Theater zum Beispiel – der bloße Gedanke, daß ich irgendwohin gehen muß, wenn ich gerade keine Lust habe, macht mich krank. Beruf ist etwas, woran man stirbt.«

Bobby denkt nach.

»Warum schreiben Sie nicht? Sie haben doch soviel erlebt und können gut erzählen?«

»Daran habe ich auch schon gedacht, – aber es hat soviel peinlichen Beigeschmack – eine schreibende Frau – schrecklich. Denken Sie nur, alle Leute, die man nicht kennt, taxieren einen auf geistige Interessen und dergleichen. Sonst hätte es vielleicht etwas für sich – man brauchte nur eine Füllfeder und einen guten Diwan – nein, ich müßte auch einen Kompagnon haben, sonst wäre es doch wieder langweilig und anstrengend.«

»Der Kompagnon steht zur Verfügung.«

»Wenn alle Stränge reißen, werde ich Sie beim Wort nehmen, Bobby, – aber jetzt müssen Sie mich heimbegleiten. Pedro wartet.«

»Immer Pedro! – Und wann sehe ich Sie wieder?«

»Wenn Pedro nicht auf mich wartet.«

Und darauf muß ich auch Sie heute vertrösten, lieber Doktor. Pedro wartet immer – es ist, weiß Gott, auch das ein hartes Brot!

 

Das war Montag – erst heute komme ich dazu, weiter zu schreiben. Ich hoffe, Sie gewöhnen sich allmählich daran.

Eben habe ich die ganze Gesellschaft spazieren geschickt. Die ganze Gesellschaft? – Ja, wir sind neuerdings zum Ensemble geworden. Es ist ein ganz wohltuender Zustand. Wie ich Ihnen schon einmal sagte – ich fing in der letzten Zeit an, mich mit meinem Vesuv beträchtlich zu langweilen.

Er war eben zu glücklich, und solch ein wolkenloses Glück in beständigem Tête-à-tête, das geht nicht auf die Länge.

Durch meine Seitensprünge zu den beiden anderen wurde es denn auch vorübergehend verdüstert. Der Vesuv grollte über meine häufigen Abwesenheiten und wurde mißtrauisch, als ich neulich schon wieder für einen Nachmittag Urlaub nahm – diesmal, um alte Bekannte zu treffen. Die bisherigen Vorwände waren schon etwas zu fadenscheinig. Er grollte, und der Chauffeur beglückte mein Herz zum erstenmal durch einen wohlwollenden Blick.

Bei Sir John war eine kleine Gesellschaft, und der Nachmittag dehnte sich ziemlich aus – bis zwei Uhr nachts. Als ich in mein Hotel zurückkam, wanderte der Sizilianer vor der Tür auf und ab – allein – zu Fuß – zornig und dramatisch. Es erfolgte eine animierte Zwiesprache, und ich benutzte den nächsten Tag, um beleidigt von der Bildfläche zu verschwinden und mit Johns Gesellschaft, die noch vollzählig beisammen war, in die Campagna zu flüchten.

Als ich diesmal nach Hause kam, fand ich ihn wieder vor, aber blaß und melancholisch. Der Chauffeur dagegen stand mit gütiger Miene in der Haustür. Beide hatten wohl gedacht, ich sei endgültig verschwunden.

Wir versöhnten uns wieder, und ich habe alles, was sich für seine Ohren eignete, gestanden. Daraufhin eine neue Kalamität, er wollte meine Freunde kennen lernen.

Ich liebe es gar nicht, meine verschiedenen Bekannten miteinander zu vermählen. Sie passen doch nie zusammen, und in diesem Fall schien es mir etwas riskiert. So wand ich mich anfänglich darum herum und verhandelte mit sämtlichen Beteiligten. Aber ich wurde überstimmt, der Sizilianer ermattete mich mit seiner Eifersucht, Sir John suchte meine Eitelkeit zu reizen, er meinte, ich wolle den »remarkable Rasta« nur nicht herzeigen – und der Dichter brannte natürlich auf Einblicke in die Lebewelt.

Ich brachte sie also zusammen, und Pedro lud die beiden mit wilder Gastlichkeit ein. Er gab ein fürstliches Souper in seiner Wohnung und gewann ihre Herzen im Sturm. Ich selbst fand ihn an dem Abend so reizend, daß ich mich ganz neu in ihn verliebte. Es gibt Männer, in die man nur richtig verliebt ist, wenn noch andere dabei sind.

Sir John strahlte vor innerem Pläsier, und der Dichter war so begeistert, daß er um keinen Preis mehr nach Hause gehen wollte. Man behielt ihn also da, bis zum nächsten Abend, wo wir alle Johns Gäste waren. Und so ging es ein paar Tage fort.

Lieber Doktor, ich bin noch zu schläfrig, daß ich es bis auf weiteres vorziehe, Ihnen Lebewohl und Gute Nacht zu sagen.

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