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Von Ihr und Ihm

Rudolf Presber: Von Ihr und Ihm - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenarrative
authorRudolf Presber
titleVon Ihr und Ihm
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunSiebente Auflage
year1913
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120410
modified20161220
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Ein Schäferstündchen

Ein kleines Hotelzimmer im Südwesten. Es riecht – trotz der sieben Zigaretten, die er geraucht, und trotz des »Koniferenduftes«, den er auf Bett, Plüschsessel und Vorhänge gespritzt hat – nach Sauerbraten und alten Teppichen. Er ist bereits seit anderthalb Stunden anwesend, hat die Rouleaus heruntergelassen, die Schubladen des Nachtkästchens untersucht, eine alte Schnurrbartbinde, einen Hühneraugenring und drei Briefkuverts ärgerlich daraus entfernt und in den Eimer geworfen. Hat konstatiert, daß der Schlüssel zum Schrank, den er nicht braucht, fehlt, und daß einmal eine Dame mit tiefschwarzen Haaren sich am Fenster frisiert haben muß. Hat siebenmal die Anweisung über dem aus verschossener Blaublümchentapete heraushängenden Schellenknopf gelesen: daß man dem Zimmermädchen zweimal, dem Hausknecht aber dreimal stark läuten soll; hat den Kofferständer – der unnötig ist, denn er hat natürlich kein Gepäck – zusammengeklappt und unter das Bett geschoben, eine Brummfliege mit dem Handtuch erschlagen, drei Glas Wasser getrunken und mehrfach vergeblich in den Taschen des hellen Sommerpaletots nach etwas gesucht, das er lesen könnte. Er ist schlank, hellblond, am Anfang der Dreißig und am Ende seiner Geduld. Wie er gerade dabei ist, sich zum achtenmal zu vergewissern, daß man »dem Zimmermädchen zweimal, dem Hausknecht dreimal stark läuten« soll, klopft's. Ein Kellner steckt einen Kopf voll Sommersprossen über einem unsauberen Kragen durch die Türe und meldet mit einem verständnisinnigen Lächeln: »Die gnädige Frau ist soeben angekommen – von der Bahn.« Das »Angekommen« betont er, als ob's ein Fremdwort wäre; und das »– von der Bahn« fügt er an, als ob er eigentlich erwartet hätte, sie käme mit dem Luftballon. Dann zieht er den Kopf mit den vielen Sommersprossen erst in den schmutzigen Stehkragen und dann mit diesem zurück, schließt die Tür, um sie gleich wieder zu öffnen und mit einer mehr wohlwollenden als devoten Verbeugung »sie« an sich vorbeizulassen und hinter ihr zu schließen.

Sie ist eine allerliebste Blondine, nicht groß, beweglich, ein bißchen stark geschnürt und warm vom eiligen Gang. Denn anzufahren hat er ihr streng verboten; das fällt auf. Man müßte denn Gepäck haben; und sie hat natürlich keins. Aber Päckchen hat sie eine Menge. Als ob's Weihnachten wäre. Es ist aber ein lachender Frühlingstag; man könnte dieses Lachen sogar an zwei kümmerlichen Kastanienbäumen vor dem Fenster – auf dem Klischee über den Rechnungen und Prospekten des Hotels sind es vier und auch im Wachstum vorgeschrittenere – beobachten, wenn eben nicht die Rouleaus dicht vor den Scheiben lägen.

Sie: Also, was sagst du – da bin ich. Nicht anfassen – uff, ist mir heiß!

Er: Gott sei Dank, sag' ich, daß du da bist . . . Ich dachte schon . . .

Sie: Immer »denkst du schon«. Und ich bin doch erst einmal gar nicht gekommen.

Er: Zweimal.

Sie: Pardon, das eine Mal hatte ich mich bloß im Tag geirrt. Oder vielmehr, du hattest »Dienstag« telephoniert . . .

Er: Montag. Dienstag kann ich doch nie.

Sie: Also – Nathanael, ich könnte schwören. Ich schlug dir schon damals vor, die Telephondame von Amt III auf ihren Diensteid zu fragen, ob . . .

Er: Die wird sich gerade erinnern! . . . Aber lassen wir das doch jetzt! (Stürmisch) Die Hauptsache ist: du bist da und –

Sie: Und – (sich ihm entziehend) muß gleich wieder weg.

Er (nimmt eilig die Pakete von ihrem Arm und legt sie auf Tisch und Stühle): Aber – Kind, Liebling, Schnucki, He-le-ne, das ist doch nicht dein Ernst?

Sie: Wenn ich dir sage – du, warum haben wir eigentlich heute Nummer vierzehn?

Er: Unsere Nummer sieben hat eine Russin . . .

Sie: Russin –? Um Gottes willen, Russinnen verkehren auch hier? Großer Gott, sie wird doch nicht aus Reval sein – und Schulze heißen . . .?

Er: Ich weiß nicht. Aber Rußland ist doch so groß.

Sie: Wenn man Pech haben soll, wird Rußland ganz klein . . . Also das wäre schrecklich! Wir haben voriges Jahr in Bansin eine Russin getroffen – Olga Schulze aus Reval – ich glaub', Olga heißen alle Russinnen, oder –? Sie schnurrte die »r« so nett und roch nach Bisam und rauchte furchtbar viel Zigaretten . . . also Adolf hat ihr sogar die Kur geschnitten . . . du, wenn die ahnte, daß ich . . . daß du . . . daß wir . . .

Er: Aber mich kennt sie doch gar nicht! Und wie soll sie denn ausgerechnet aus Reval in dies Hotel –?

Sie (wie von einer Eingebung erfaßt): Weißt du, ob es einen Stern im Baedeker hat?

Er: Einen – Stern? (lacht) du, weißt du, das ist eine Idee! Das bist wieder ganz du. Also da muß ich . . . (Er will sie küssen.)

Sie (wehrend): Nicht doch, Nathanael, nicht . . . du zerzaust mich. Und der Herr auf der Steuer sieht mich immer so an, weißt du.

Er: Aber, Kind, sei doch nicht ungemütlich. Komm, leg ab. (Will ihr helfen.)

Sie: Nicht zu machen . . . du ahnst ja gar nicht, was ich alles zu tun habe. Nur einen Sprung komm' ich . . .

Er: Immer diese Sprünge!

Sie: Für Seitensprünge schon zu lang.

Er (flehend): Um Gottes willen, werd nicht witzig. Dann zanken wir uns nachher immer.

Sie: Weil du über meine Witze nie lachst. Ich habe neulich in einem sehr gescheiten Buche gelesen: es sei ein Zeichen schlechter Erziehung, wenn man über die Witze des anderen nicht lacht.

Er (forciert): Ha–ha–ha–ha–. (Sehr ernst) So, nun hab' ich nachgeholt. (Mit werbender Zärtlichkeit) Und nun – legt meine kleine Maus ab – gelt? Und ihr guter Nathanael hilft ihr dabei – (will ihren Hut abnehmen).

Sie (retirierend): Ach, nein – nein! Ich hab' ja gar keine Zeit. Und der Herr auf der Steuer . . .

Er: Potz Donner noch mal, was willst du denn immer mit dem »Herrn auf der Steuer«.

Sie: Aber, da muß ich doch hin. (Eifrig) Denk dir bloß – (unterbrechend) sind das Kakes? (Sie nimmt einen Kakes von dem Tellerchen und knabbert.) Ach, Schokoladenguß! Das ist lieb von dir, daß du daran gedacht hast . . . Du, ob mir der Herr von der Steuer das übelnimmt, wenn ich ihm so ein paar für seine Kinder – also, Kinder hat er bestimmt; er sieht so aus, weißt du . . .

Er: Ja, willst du mir nicht vielleicht sagen . . .

Sie: Ach so, du weißt nicht? Also, denke dir, während wir verreist waren, vierzehn Tage nach Wiesbaden . . .

Er: Sechzehn und einen halben.

Sie: Also gut – sechzehn. Streithämmelchen! (Sie küßt ihn flüchtig) – wegen Adolfs Rheumatismus – denk dir, er hat ihn jetzt im linken Arm – da muß ein Steuerzettel gekommen sein. Auguste – also sie ist so dumm, daß man Wände mit ihr einrennen könnte – Auguste hat das Papier verlegt, verloren, Feuer mit angezündet, Lockenwickel daraus gemacht – was weiß ich. Da kommt vor ein paar Wochen eine Mahnung – ja – also die hab' ich nun wohl verlegt.

Er: Oder verloren, Feuer mit angezündet, Lockenwickel draus gemacht.

Sie: Willst du damit etwa –

Er (rasch begütigend): Nein. Aber weiter. Nun ist eine neue Mahnung gekommen?

Sie: Ja, denk dir: »zahlen innerhalb drei Tagen«, oder – wir werden gepfändet. Also, du, Adolf darf das ja gar nicht wissen. Der würde sich ja was antun, korrekt, wie er ist.

Er: Aber Liebling – in drei Tagen. Da hast du doch noch drei Tage Zeit.

Sie: Aber der ekelhafte Wisch kam doch schon vor vier Tagen.

Er: Ja, allerdings – dann!

Sie: Siehst du. Also – ich muß gleich fort. Bis fünf Uhr ist nur die Kasse auf. Denk dir, wenn der Gerichtsvollzieher . . . Der soll blaue Marken auf alles kleben . . . Also, wenn Adolfs Violoncell so eine blaue Marke hätte, er ginge aus dem Fenster . . . Und um halb sechs Uhr muß ich überhaupt zu Hause sein, da kommt Adolf zum Tee und bringt einen Geschäftsfreund aus Oschatz mit. Ach du, Nathanael, wo liegt Oschatz?

Er (unsicher): Ich – ich glaube bei Dresden – oder Leipzig – so an der Elbe, denk' ich.

Sie (klatscht in die Hände): Hurra – der große Gelehrte – mein unfehlbarer Papst weiß auch mal was nicht! Du, also ich muß das aber wissen. Um halb sechs. Als Adolf ging, hat er noch mal gesagt: »Helene, um was ich dich bitten wollte, gib dir beim Tee keine Blöße!« Und nun weiß ich nicht mal, wo Oschatz liegt . . . Komm, Bubi, schell mal dem Kellner und laß dir rasch einen Atlas heraufkommen, ja? Einen guten – Kiefer oder wie er heißt.

Er: Kiepert. Aber Kind, wir machen uns doch lächerlich. Wir kommen ohne Gepäck hierher – getrennt, allein – jeder weiß, was das heißt . . . und dann schellen wir, und der Kellner kommt herunter mit der Bestellung: »Die Herrschaften auf Nummer vierzehn wünschen einen – Atlas.«

Sie: Gerade das macht einen ausgezeichneten Eindruck. Übrigens: Nummer vierzehn. Du weißt doch: das ist eigentlich – dreizehn. Die Unglücksnummer. Denn die Dreizehn führt kein anständiges Hotel.

Er: Das ist doch auch kein anständiges Hotel. Ich wollte sagen, die Leute sind hier sehr vernünftig. Sie haben bestimmt eine Nummer dreizehn. Unsere Vierzehn ist ganz in Ordnung.

Sie (hat auf die Uhr gesehen): Ums Himmels willen – halb fünf –! Ich komm' nicht mehr hin – zu dem Mann auf der Steuer. Ach, weißt du was, Nathanael, ich glaube, wenn du morgen früh – ganz früh – gleich wenn aufgemacht wird, hingingst – und mir dann die Quittung per Rohrpost schicktest . . .

Er: Aber gern. Verlaß dich auf mich. (Zärtlich drängend.) Und nun komm, Schatz, mach dir's bequem . . .

Sie: Hier ist also das Geld. Abgezählt im Kuvert . . . Gott, wenn Adolf wüßte, daß du so in seine Verhältnisse hineinsiehst . . . Er mogelt ja ein bißchen bei der Deklaration, weißt du . . . Zweiundzwanzig Pfennige fehlen. Du bist so gut und legst aus, gelt? Ich hatte keine Nickel mehr. Und Kupfer sieht man ja ein halbes Jahr nicht in Berlin. Ich denke mir, in kleinen Städten ist das anders – zum Beispiel in . . . Oschatz. Großer Gott, Oschatz! Hast du nach dem Atlas geläutet?

Er (nervös): Aber nun haben wir ja Zeit – nun können wir ja beim Weggehen . . .

Sie: Nein, nein, Nathanael, wir haben keine Zeit! Ich hab' dir ja noch gar nicht das Schreckliche erzählt. Denke dir, Paulchen hat plötzlich einen Ausschlag bekommen – ein Rätsel, woher – Adolf hat nie einen Ausschlag gehabt. Na, und daß meine Haut . . .

Er (zieht sie zärtlich an sich): Schneewittchen!

Sie (entwindet sich ihm): Schneewittchen sagst du? Nein, das ist geradezu zum Schaudern. Als ob es Ahnungen gäbe, geheime Beziehungen . . . Also denk' dir, der Arzt war da, hat Paulchen einen Umschlag gemacht – also wie einen Maulkorb – der arme kleine Kerl, so lieb sieht er aus – du mußt mal kommen – ganz offiziell, – ihn dir ansehen. Also, und morgen früh soll der Umschlag erneuert werden. Dazu hat er nun eine Salbe aufgeschrieben – lateinisch natürlich, um's wichtig zu machen – hier siehst du – ach, du kannst's ja doch nicht lesen. Und wie ich vorhin fortging – »Rabenmutter«, wirst du denken, aber . . . ich mußte doch auf die Steuer.

Er: Nun aber, da du einen gefunden hast, der für dich auf die Steuer geht . . . der für dich durchs Feuer geht . . .

Sie: Wie nett du reimst! Aber was ich erzählen wollte, da hab' ich – schon in Hut und Mantel – dem armen, kleinen Paulchen versprochen, ich bring' ihm ein Märchenbuch mit . . . und da haben seine Augen geleuchtet – also Adolf hat genau solche Augen als Bräutigam gehabt – und hat gerufen: »Aber vom Schneewittchen und den Zwergen« . . . Nein, wirklich – und das muß ich jetzt haben. Im Kaufhaus gibt's jetzt solche Märchenbücher mit bunten Bildern zu einer Mark.

Er: Aber das Kaufhaus ist reichlich dreiviertel Stunden von hier.

Sie: Ach, mit 'nem Auto?

Er: Auto –! Das sind die »billigen« Bilderbücher. Aber ich will dir was sagen: ich fahre nachher rasch dort vorbei und schicke es dir durch einen Messenger-Boy.

Sie: O du, das ist lieb von dir! (Rechnend.) Nun bin ich dir also schuldig – zweiundzwanzig Pfennige und eine Mark, macht eine Mark und zweiundzwanzig Pfennige.

Er: Oh, du bist mir viel mehr schuldig – viel mehr. Eine köstliche, himmlische Stunde bist du mir schuldig. Eine Stunde, auf die ich mich gefreut habe seit . . . seit . . .

Sie: Seit dem letztenmal.

Er: Ach, da hast du mich ja zu eurem früheren Hausherrn geschickt, dem Rentier Rösicke, nachfragen, wie's geht . . .

Sie: Mein Gott, Nathanael, wie gut, daß du mich erinnerst! Der arme Mann ist ja vorgestern gestorben.

Er: Er war zweiundachtzig Jahre, da kann man das leichter nehmen.

Sie: Ja, aber einen Kranz – einen Kranz müssen wir schicken. Das heißt: Adolf und ich. Also morgen ist schon die Beerdigung. Möchtest du so gut sein, ja? Sonst müßt' ich gleich fort und . . . Stechpalmen, die halten sich so gut – und ein paar Rosen vorn hinein – die hat er so geliebt. Er hat immer selber die Blattläuse abgesucht im Gärtchen und war doch schon halb blind. Fünf oder sechs Mark, ja? Wir verrechnen's dann – oder warte mal: hier sind zehn Mark. Du bist dann noch so gut – du gehst ja doch an einer Apotheke vorbei – und läßt Paulchens Salbe machen. Die ist sicher gleich fertig, du kannst vielleicht darauf warten und gibst sie dann dem Messenger-Boy mit, der das Märchenbuch bringt, nicht? Oder hast du keine Zeit – dann natürlich . . .

Er: Wie kannst du denken! Aber nun komm, setz dich auf mein Knie und . . .

Sie: Sei mir nicht böse – aber ich muß weg. Ich muß noch in die Leipziger Straße . . . Ach, es ist zu dumm – ich wollte es dir nicht sagen – aber morgen ist nämlich Adolfs Geburtstag – er wird fünfundvierzig – sieht noch ganz gut aus dafür, nicht? Die Russin aus Reval – wenn sie's doch wäre! – also erkundige dich mal, wenn ich weg bin, wie sie heißt – versprich mir's. Also die hat ihn für achtunddreißig gehalten. Da hat er den ganzen Tag aus »Rigoletto« gepfiffen, so stolz war er. Wenn er stolz ist, pfeift er immer aus »Rigoletto«. Ja – und zu seinem Geburtstag hab' ich ihm einen Regenschirm gekauft – nicht sehr poetisch, aber sein alter geht wirklich nicht mehr. Und nun hab' ich vergessen, da soll das Monogramm in den Silbergriff graviert werden: »A. F.« Es ist eine Marotte von ihm, er hat überall gern Monogramme . . . Schließlich – wo ich dir's doch nun gesagt habe – könntest du nicht rasch an dem Geschäft vorbeigehen?

Er (nickt resigniert): O ja, ich kann.

Sie: Ach – und Nathanaelchen, gleich nebenan ist ein Geschäft von . . . von . . . nun von Damenartikeln – da hab' ich gestern (stockt) – aber nein: wir können uns doch alles sagen, gelt –? Wir sind doch Liebesleute.

Er: Ich versteh' immer: Liebesleute. Aber, Helene, was die Liebe anbetrifft . . .

Sie: Pst – horch . . . um Gottes willen – da schlägt eine Uhr (zählt leise mit): zwei – vier – sechs . . . Sechs? Das ist nicht möglich . . . Aber ja! meine Uhr steht. Was mach' ich? – Was mach' ich? . . . Adolf und der Freund aus Oschatz . . . (Sie rafft ihre Pakete zusammen.) Also, Bubi, vergiß nicht – gleich neben dem Regenschirm ist der Laden . . . ich habe mein neues Korsett hingetragen . . .

Er (in zärtlicher Wallung): Dein – Korsett . . . Ach, Helene . . .!

Sie: Es ging nicht . . . es drückt mich. Ich bin in der linken Hüfte so empfindlich . . . Also du brauchst ja nicht zu wissen, was es ist . . . Du sagst einfach: »Das Bewußte für Frau Helene . . .« Sie werden dich für meinen Mann halten . . . (Innig): Nathanael, wenn du mein Mann wärst . . .! (Rasch) Aber ich muß fort . . . fort . . . fort . . . Wo ist mein Schirm – nein, das ist um . . . Adieu, Bubi . . . also reizend hast du's hier gemacht . . . und es riecht so gut . . . Und meine Lieblingskakes . . . Also, gelt, du vergißt nichts. (Sie küßt ihn rasch.) Und vorsichtig mit dem Messenger-Boy . . . (Schon an der Türe) Und sei freundlich mit dem Mann auf der Steuer – er ist immer so nett zu mir. Adieu, Bubi, auf bald – bald . . . (Sie ist hinausgehuscht.)

Er (läßt sich auf einen Stuhl fallen, schließt die Augen und reibt sich mit der flachen Hand die Stirn).

Sie (steckt den Kopf noch einmal zur Türe hinein): Bubi – wegen Oschatz könntest du vielleicht noch telephonieren. Laß mich an den Apparat rufen – sage: »Der Schlächter will die gnädige Frau selbst sprechen.«

Er (nickt): Der Schlächter – schön. Das heißt, hör mal, Helene . . .

Sie (ist fort).

Er (geht im Zimmer umher und rekapituliert an den Fingern): Also – den Kellner fragen, ob die Russin auf Nummer sieben aus Reval ist und Olga heißt – Paulchens Salbe machen lassen und drauf warten. Das Märchenbuch im Kaufhaus holen. Einen Messenger-Boy schicken. Den Kranz für den Rentier Rösicke – Stechpalmen mit Rosen. Dem Mann aus der Steuer ein Kuvert plus zweiundzwanzig Pfennige bringen. Adolfs Regenschirm. Und das Bewußte . . . Uff, manchmal möcht' ich Adolf sein. Oder . . .

Der Kellner (erscheint mit einem Lächeln zwischen den Sommersprossen): Pardon, ich habe dreimal geklopft. Die gnädige Frau hat mich gebeten, dem Herrn unseren zwölften Band des Konversationslexikons: »Moses bis Petroleum« heraufzubringen. Der Herr wisse schon.

Er: Moses – bis Petroleum? Ach, richtig: Oschatz! Beinah' hätt' ich den Mann aus Oschatz vergessen!

 

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