Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Presber >

Von Ihr und Ihm

Rudolf Presber: Von Ihr und Ihm - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/presber/dialoge/dialoge.xml
typenarrative
authorRudolf Presber
titleVon Ihr und Ihm
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunSiebente Auflage
year1913
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120410
modified20161220
projectid372a6f88
Schließen

Navigation:

Die Rettungsmedaille

Es ist Spätsommer. Draußen spielt der Wind mit verbranntem Laub über dem Asphalt. Es regnet ein wenig, wie immer, wenn der Provisor in der Apotheke gegenüber seine Nangkingbeinkleider anhat. Ein Bollejunge klingelt. Die Elektrische rasselt. Zwei Taxameterkutscher beschimpfen sich. Auf dem Gesims des geöffneten Fensters sitzt ein ruppiger Spatz und verdaut.

Er und sie am Frühstückstisch. Er sitzt, den Kopf mit einer Kompresse bedeckt, eine italienische Seidendecke über den Beinen, im Sessel; auf der Nase hat er ein Pflaster, das eingerissene Ohrläppchen ist frisch genäht. Er riecht nach Karbol und Eau de Cologne, ist vierzig, talentvoll, wie er glaubt, ohne Beruf, wie jeder weiß, und gestern in den Kanal gesprungen, wie in der Zeitung steht. Sie ist aschblond, blonder als voriges Jahr, rotbäckig, rotbäckiger als nachmittags, schlank, schlanker als vor der Marienbader Reise, und eine jener Frauen, die kurze Zeit zu besitzen sehr köstlich und die dauernd zu besitzen sehr lästig genannt werden muß.

Er sieht mit etwas zittrigen Fingern die Post durch, während sie 25 Tropfen Zitrone in ihren Tee preßt.

Sie: Sagtest du etwas?

Er: Nein. Das ist bloß – die Flüssigkeit in den Gedärmen, das viele Wasser, das ich gestern geschluckt habe.

Sie: Trinke Tee!

Er: Davon wird doch die Flüssigkeit nicht weniger. (Schiebt ihr ein großes Kuvert hinüber, in das er nur von oben hineingesehen hat.) Schon wieder eine Verlobungsanzeige! Steck unsere Karten in ein Kuvert: Mit herzlichem Glückwunsch.

Sie: Wer ist's denn?

Er (gleichgültig): Ich weiß nicht.

Sie: Ah, unser lieber Doktor Heymann heiratet das kleine Fräulein Koppel, weißt du, die niedliche mit der Hasenscharte und den geschnittenen Drüsen am Hals. Sie hat zwar nichts, aber der Vater ist vortragender Rat. Ja, der Doktor! Ein Idealist!

Er: Beschimpfe doch die Leute nicht schon beim ersten Frühstück!

Sie: Ist Idealist ein Schimpfwort?

Er: Wenn du's sagst.

Sie: Jedenfalls ist es ein Glück für einen, wenn er wirklich in den Verhältnissen ist, so schlankweg heiraten zu können.

Er: Ja, aber noch ein größeres Glück für ihn ist's, wenn er's trotzdem bleiben läßt.

Sie: Gott, Ottomar, du mußt, scheint's, Wasser schlucken, um geistreich zu sein!

Er: Mir scheint, du solltest die letzte sein, die mir vorwirft, daß ich Wasser geschluckt habe! Denn ich habe es gewissermaßen für dich geschluckt. (Er knöpft die Weste und das Hemd auf und steckt diskret das Fieberthermometer in die Achselhöhle.) Du erlaubst?

Sie: Ich erlaube dir alles in Anbetracht deines nicht gewöhnlichen Zustandes – selbst solch unappetitliche Hantierungen am Frühstückstisch. Ich erlaube dir bloß nicht, alle Widerwärtigkeiten deines Lebens, vom Keuchhusten angefangen, den du als Kind gehabt hast, und den Stunden, die du in Quinta hast nachsitzen müssen, bis zu dieser gegenwärtigen Stunde auf mich zurückzuführen. Das nicht.

Er: Aber . . .

Sie: Pardon, ich rede. Mein Vetter, der Senator in Bremen . . .

Er: Schwöre mir, daß du nicht sagst: daß er ein Mahagoniboot hat, daß er »aus eigener Tüchtigkeit« auf Gummi fährt, daß er nun schon den Kronenorden dritter besitzt und in Preußen längst Exzellenz wäre . . . Ja, verstehst du denn nicht, daß mich dieser Mann in den Kanal getrieben hat?!

Sie: Du solltest das Fieberthermometer herausnehmen! Du hast Fieber. Was hat das Mahagoniboot des Senators mit der schmutzigen Kanalstelle am Halleschen Ufer zu tun, an der du »beinahe« ein Kind gerettet hast?

Er: Aber dies Kind, versteh doch, hätte ich ja nie gerettet . . .

Sie: Du hast es ja auch gar nicht gerettet. Schiffer haben es herausgezogen und dich . . .

Er (bewegt die Hände, als ob er sich am Rücken reiben wollte, beherrscht sich und läßt's): Also – liebe Aurelie . . .

Sie: Also – lieber Ottomar? Trinke Tee, ja. Onkel Ernst – du hast gelesen, er ist unter den Männern genannt, die ernstlich als Nachfolger des Kultusministers in Frage kommen – Onkel Ernst hat einen vortrefflichen Ausspruch . . .

Er: Also – liebe Aurelie, ich weiß nicht, ob mir jetzt der Tee bekommt. Aber das weiß ich, Aussprüche des Onkel Ernst verschlimmern jetzt meinen Zustand. Ich gebe zu, er verdiente, Kultusminister zu sein. Ich gebe zu, daß seine Aussprüche – zu mir hat er immer nur gesagt: »Woher kommt's, lieber Freund, daß ich Sie stets mit einem geheimen Postrat verwechsle, der einen so tragischen Tod erlitt, weil er in seiner Jugend so viele Postmarken geleckt hatte« – gebe zu, gegen seine Aussprüche sind die Sibyllinischen Bücher Fibelverse, Knallbonbonweisheit, Schüttelreime. Aber dieser Mann in Verbindung mit dem Bremer Konsul und dem Vetter Hugo, der Attaché in Tokio ist und schon den Orden vom aufgehenden Abendstern hat . . .

Sie: Morgenstern.

Er: Mir auch recht! Meinetwegen beide. Abend und Morgen. Und dann die Äbtissin von Heiligenwiege, der der Fürst zu Putbus den goldenen Hirtenstab gestiftet hat und die eine Duzfreundin von drei Prinzessinnen und deine Cousine ist – diese Suppe, diese Suppe.

Sie: Was denn, was denn?

Er: Sippe, Sippe wollt' ich sagen – diese ganze Sippe hat mich gestern in den Kanal gestoßen . . . ja, ja, sie!! Alle haben sie hinter mir gestanden und gehetzt: »Spring!« Und haben gelacht und gekichert: »Tu's! Wenn du schon ersäufst!« Und der Vetter, der Senator, hat gesagt: »Ich habe ein Mahagoniboot, aber untersteh dich nicht, dich daran festzuhalten!« Und der Onkel Ernst hat gedrängt: »Der Postrat, dem du ähnlich siehst, ist ja auch schon tot – also, was denn? Riskier's!« Und im Rücken hab' ich ein Picken gespürt wie von einem Stachel, jawohl – das war der Hirtenstab, den der Fürst zu Putbus gestiftet hat. Und die Äbtissin von Heiligenwiege hat ihn mir persönlich in den Rücken gebohrt . . .

Sie (ist erschreckt aufgesprungen): Ottomar – du hast . . . du bist wirklich krank. Ich werde den Sanitätsrat . . .

Er (faßt sie am Handgelenk und zwingt sie in den Stuhl zurück): Nichts wirst du! Und das alte Kamel schon gar nicht, das nur Abführmittel verschreibt, weil er selber hartleibig ist. Hier bleiben wirst du! Zuhören wirst du . . . Nicht mehr zum Aushalten war's mit der Familie! Orden, Gummiräder, Hirtenstäbe, Mahagoniboote – jeden Tag irgendeine Auszeichnung, irgendeine Notiz in der Zeitung. Und dann immer dein Gesicht und deine Litanei: »Ottomar, du solltest doch auch . . .« »Ottomar, könntest du nicht . . .« »Ottomar, ließe sich denn gar nicht . . .?« Morgens früh auf meinem Waschwasser schon ist das Mahagoniboot geschwommen. Ins Essen sind mir die Sterne und Komturkreuze gefallen. Am meine Mittagszigarre hast du mir die Gummiräder gewickelt. In meinem Bett abends hab' ich noch den Hirtenstab gefunden. Und ich? Nichts. Nichts in der Frackklappe, nichts hinter dem Familiennamen . . .

Sie (mit schwerem Vorwurf): Meier.

Er: Donnerwetter, ja doch, Meier!! Aber hab' ich denn von Meier geheißen, als ich dich in St. Moritz im Lift küßte? War ich denn Freiherr von Meier, als ich deiner Tante in Pontresina die sieben Schals trug? War ich Graf Meier, als du mir im Schweizerhof in Luzern das Jawort gabst? War ich Geheimrat, als du mir sagtest, daß du nichts mitbekommst als die Bettwäsche? War ich Königliche Hoheit als ich deinem Vetter, der nach Tokio ging, 20 000 Mark pumpen durfte? War ich ein Erzbischof, daß mich auch dein Onkel Ernst, als er eine Million mit einer zugehörigen Mannheimer Jüdin heiraten wollte, zu Madame Bi-Bi mit den gezähmten Kakadus schickte, ihr seine kindischen Liebesbriefe abzubetteln? War ich . . . Ha-tzi – ha-tzi . . .! (Ein furchtbarer Schnupfenanfall verhindert ihn, weiter zu erforschen, was er nicht war.)

Sie: Du warst nur eines immer – un-zart. Un-zart.

Er: Aha – unzart! Weil ich nicht versengt, zu Asche verbrannt, weggeblendet sein wollte von dem Glanz deiner Familie? Weil ich in der Todesangst meines Existenzkampfes Flecke in euren Sonnen erspähte? Weil ich zu konstatieren wagte, daß Onkel Ernst nicht nur mehr Orden auf dem Frack hat als die Portiers am Abgeordnetenhaus am Sonntag, sondern auch mehr Warzen im Gesicht als der selige Liszt. Daß der Bremenser Senator nicht nur ein Mahagoniboot hat, sondern auch den Ruf, ein Geldschneider und Leuteschinder zu sein. Daß die Äbtissin nicht nur Siegelring und Hirtenstab besitzt, sondern auch einen so dummen Hochmut, um drei Dalailamas daraus zu machen.

Sie (fortfahrend mit dem müden Lächeln der Märtyrerin, die für ihre Familie gefoltert wird): – und daß alle diese von Staat und Kirche hoch angesehenen Leute Verbrecher sind, die dich in den Kanal trieben, dich zu ertränken, das ist neu. Gestern noch hast du ein Kind retten wollen. Nachdem du dieses Kind nicht gerettet, aber von den Schiffern Prügel bekommen hast, änderst du nachträglich die Motive dieses edlen Sprunges . . .

Er: Nichts ändere ich! Seit Wochen bin ich jeden Tag am Ufer entlang gelaufen – an der Spree, am Kanal, bei Treptow, im Tiergarten, an den Grunewaldseen – und habe mich gefragt: Wo ist hier die meiste Chance, daß mal ein Kind hineinfällt?

Sie: Ottomar, du bist . . .

Er: Verrückt? Nein. Ich habe mir gesagt: du heißt Meier. Bloß Meier! Denn dein Vater hieß schon so. Du bist ein anständiger Kerl, der sein Auskommen hat, aber du hast kein Talent, es zu etwas zu bringen, das einem Senator, einem Geheimrat, einem Mahagoniboot, einem Hirtenstab zu vergleichen wäre. Der Fürst zu Putbus schenkt dir nichts. Prinzessinnen korrespondieren nicht mit dir. Die Zeitungen nennen dich erst, wenn deine Witwe annonciert: »Es hat dem Allmächtigen gefallen, meinen lieben Mann . . .« Das mußte anders werden! Irgend etwas mußte ich an Auszeichnung erwerben. Alles wäre mir recht gewesen: Kammerherr des Emirs von Buchara, Vizekonsul von Honduras, Ehrenkavalier der Königin von Madagaskar . . . Aber das alles ist gar nicht so einfach. Da plötzlich stand's vor meines Geistes Augen: »Du – rettest – ein Kind!« Aus was? Aus dem Wasser natürlich! Wann? Das hängt von dem Kind ab. Wo? . . . Ich ging die Ufer ab. Es gibt kein Ufer in und um Berlin, das ich nicht unter dem Gesichtspunkte geprüft habe: Fällt hier vielleicht bald ein Kind ins Wasser? Am Halleschen Ufer endlich fand ich ein paar Kinder, die dicht an der Böschung spielten. Ein ruppiges, struppiges Mädel, so etwa fünf Jahre alt, armselig, ungezogen, quengelig, den Mund immer mit Zwetschgenmus bekleckert – ein unleidliches Gör. Aber ich liebte das Kind. Jeden Morgen – wochenlang – promenierte ich am Halleschen Ufer. Sah die Kinder spielen und wartete. Lauerte! Schutzleute, Arbeiter, besorgte Frauen riefen es oft von der gefährlichen, abschüssigen Stelle. Mariechen – Mariechen hieß der Ausbund an struppiger Ungezogenheit – spielte immer wieder an der verbotenen Stelle. Einmal muß es doch . . . dacht' ich. Da – gestern! Ich biege gerade an der Möckernstraße ein, da seh' ich das Mariechen an der Böschung stehn; eine Sardinenbüchse hängt es an langer Strippe ins Wasser. Das sinnige Kind »fischt«. Ich lese rasch noch: »Wasserwärme 9 Grad.« Es geht noch, denk' ich . . . Ich wußte es: heute – heute oder nie! »Mariechen!« ruft eine entsetzte Stimme irgendwoher. Das Kind will sich umdrehen, gleitet, rutscht . . . Schon hatte ich den Rock aus, die Zugstiefel . . .

Sie: Also deshalb trugst du immer diese gräßlichen Zugstiefel?

Er: Natürlich! Schnürstiefel hätten aufgehalten . . . Ich sprang und –

Sie: Ja, du sollst noch vor dem Kind im Wasser gewesen sein.

Er: Das kann sein. Ich wußte aber doch, es kam nach! Aber ich war zu weit gesprungen. Die Schiffer von der »Daphne« – wie der abscheuliche Äpfelkahn zu dem Namen kommt, weiß der Teufel! – hatten das Mariechen schon mit Stangen gefaßt. An den gebauschten Röcken. Zogen's heran und . . . (Er schaudert in nicht angenehmen Erinnerungen.)

Sie: Dann hast du dich an ihren Stangen auch festgehalten.

Er: Es war doch nichts mehr zu retten im Wasser! Und bei 9 Grad in der Dreckbrühe – zum Vergnügen schwimmt da doch keiner herum!

Sie: Warum haben sie dich denn so geschlagen, als sie dich im Trocknen hatten?

Er: Das Ufer war voller Menschen. »Er hat sich ins Wasser gestürzt mit dem armen Wurm,« schrie irgendein Blödsinniger. »So'n Rabenvater« . . . »Wenn sich der Kerl versäufen will, soll er's doch man alleene machen« . . . »Und Lysol hat er'm erst noch zu trinken jejeben!«

Sie: Mein Gott, Lysol – –?

Er: Ja, siehst du, das war mein Unglück. An der Stelle, wo ich zur Rettung abgesprungen war, lag – der Satan weiß, wie sie da hingekommen – zufällig eine Lysolflasche. Leer natürlich. Das heißt: vielleicht war auch einmal Branntwein drin oder Ameisenspiritus oder Haaröl. Aber das alte Weib – ich seh' sie noch, sie hatte eine blaue Schürze und Hände wie Ofengabeln, die sie immer zusammenklappte – das alte Weib hatte »Lysol« gekreischt. Und der Schutzmann, der an der Flasche roch, widersprach nicht. Warum roch er überhaupt an der Flasche? Hätte er mich lieber geschützt! Die Leute waren ja wie verrückt. Ich glaubte, sie hätten mir das Kreuz zerbrochen. Und ein Mann in Plüschpantoffeln und ohne Kragen schrie immer: »Du Lump – du miserabliger!« Und auf der Polizeiwache erfuhr ich dann, daß es der Vater von dem Mariechen war, das ich retten wollte. Er war nicht davon abzubringen, daß ich das Kind ins Wasser geworfen. Solche Leute in Plüschpantoffeln sind schrecklich in ihren Vorurteilen.

Sie: Du sollst aber – das steht doch in den Zeitungen – ganz verworrene Redensarten geführt haben auf der Polizeiwache . . . (Sie entfaltet ein Blatt und liest) . . . »Der übel zugerichtete, offenbar geistesgestörte Mann behauptete seinerseits, in den Kanal gestoßen worden zu sein. Obschon niemand diesen Vorgang bemerkt hat . . .«

Er (reißt ihr das Blatt aus der Hand): Natürlich hat's keiner bemerkt! . . . Denn der Senator läuft nicht, wie ich, zu Fuß am Halleschen Ufer auf und ab. Der gondelt im Mahagoniboot oder fährt auf Gummi in Bremen. Und der Vetter Exzellenz hat gerade irgendwo seinen Katzenbuckel gemacht. Und der Attaché putzt seinen Abendstern für ein Kirschblütenfest oder was weiß ich. Und die Äbtissin trägt ihren Hirtenstab spazieren. Und sie wissen alle von nichts. Und wenn ich ihnen sage, daß sie mich in den Landwehrkanal geschmissen haben, daß ich ihretwegen das Wasser geschluckt und die Prügel bekommen und mir den Mann mit den Plüschpantoffeln fürs Leben zum Feind gemacht habe, so werden sie mich auch für verrückt erklären. Genau wie diese Zeitungsschreiber, die von nichts was wissen und über alles orakeln. Und sie sind's doch gewesen – doch . . . doch . . . doch!

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.