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Von Ihr und Ihm

Rudolf Presber: Von Ihr und Ihm - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorRudolf Presber
titleVon Ihr und Ihm
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunSiebente Auflage
year1913
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120410
modified20161220
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Donatello

Er – Mann der Kunst, wo sie nur noch Arbeit ist. Ein blonder Zyklop mit – was bei einem Zyklopen wundernimmt – zwei blauen Kinderaugen. Vor diesen Kinderaugen eine goldgefaßte Brille, die ein wenig die große und gerade Nase wundgescheuert hat. Etwas unbeholfen in den Bewegungen, die nicht verraten, daß er viel mit schönen und zierlichen und seit Jahrhunderten unzerbrochenen Dingen zu tun hat. Seine Kleider sind aus gutem englischen Stoff, aber von einem Schneider, den er aus Mitleid beschäftigt; und da der Schneider einen Buckel hat, baut er die Anzüge alle für ebenso gewachsene Gentlemen. Er spricht langsam und gewählt, aber mit falschen Interpunktionen. Wenn er erregt ist, wirft er, wie ein scheuendes Pferd, seine blonde Stirnlocke zurück, die ihm fast auf die Nasenwunde unter dem goldenen Brillenbügel fällt. Er heißt – nach dem Maler Schwind, den der Vater kannte, liebte, sammelte – Moritz.

Sie – Dame der Welt, wo sie nur noch Oberfläche ist. Eine zarte Brünette mit seelenvollem Augenaufschlag ohne viel Seele. Sehr elegant in den Bewegungen und tief überzeugt davon. In einem Hauskleid, das ein Pariser Modell war und demgemäß das Fünffache seines Wertes gekostet hat. Wenn sie erregt ist, wiegt sie den zierlichen Oberkörper in den abgeschnürten Hüften, daß das Leibchen leise kracht. Sie heißt – weiß der Himmel warum – Eudoxia.

Das Gespräch begibt sich in seinem Studierzimmer, einem Raum, der durch viele Bücher die Gelehrsamkeit, durch gute Stiche und Bronzen den Geschmack seines Bewohners und durch allerlei unpraktische Nettigkeiten die offizielle und wenig nachdenkliche Liebe seiner Gattin anzeigt.

Moritz (indem er fünf verschiedenfarbigen Mappen Stiche und Photographien nach Werken Donatellos entnimmt und auf einem geräumigen Tische ausbreitet): Also – meine liebe Eudoxia, ehe man eine Arbeit – allein oder gemeinsam – beginnt, muß man sich über Weg und Ziel klar sein. Nach unserem gestrigen, vielleicht nicht notwendigerweise etwas heftig gewordenen Gespräch –

Eudoxia: Bitte, Moritz – du warst heftig, ich nicht.

Moritz: Ich erinnere nur daran, daß du den Ofenschirm umwarfst, liebe Eudoxia, und meinen kleinen Buddha zerbrachst . . .

Eudoxia: Nur weil du meine Familie angriffst – jawohl, meine Familie, auf die ich nichts kommen lasse, nichts!

Moritz: Entschuldige – ich sagte nur: deine lieben Brüder und deine verehrten Schwestern seien – durch die Gunst der erfreulichen Verhältnisse – berechtigt, zu glauben, daß Tennisspielen, Autofahrten, Jeuen in Monte und Kostüm-Quadrillereiten in Berlin – »arbeiten« bedeute und die solche »Arbeit« Ausübenden berechtige, über das Schicksal zu klagen, das ihnen Nerven statt der Schiffstaue in den Organismus eingesetzt hat.

Eudoxia: Also – du fängst schon wieder an?

Moritz (eilfertig): Nein – gewißlich nein! Lassen wir das, lassen wir's durchaus. Also: wir kamen, da du mir zeigen wolltest, welcher Selbstentäußerung und Ernsthaftigkeit dein liebes Persönchen fähig sei, überein – oder besser: du entschlossest dich – oder noch richtiger: du hattest die Freundlichkeit, dich zu entschließen, mir beim Einordnen, Rubrizieren, Textieren der Bilder für meine Monographie des großen Donatello zu helfen. Mithin: du willst ernste Arbeit tun. Ich salutiere dankbar der Helferin. Aber – ich erinnere auch daran, daß Diderot gesagt hat: Le goût des beaux arts suppose un certain mépris de la fortune, je ne sais quelle incurie des affaires domestiques, un – –

Eudoxia: Also bitte, – wollen wir jetzt Diderot behandeln oder Donatello?

Moritz: Ich danke dir, liebe Eudoxia, für den erfrischenden, auf die Arbeit selbst zufliegenden Ernst, mit dem du diese Stunde, – diese, wie ich gestehe, oft von mir ersehnte Stunde, auffaßt.

Eudoxia: Aber ja! Das wissen wir doch nun. Übrigens diese Stunde – (sieht auf die Uhr) – du, jetzt setzen sie sich bei Brückensteins zu Tisch. Sie hat mir das ganze Menü telephoniert. Die geben nun auch wieder den Lachs nach den Hühnern. Das ist jetzt todschick. Blöd, nicht? Aber man muß es mitmachen. Weißt du, es ist mir ganz lieb, daß ich abgesagt habe. Ich hätte wieder neben dem langweiligen Geheimrat aus Hannover gesessen, – der ist ein Welfe, sagen sie. Ich weiß nicht, was das ist; aber wenn alle Welfen so wenig und so leise reden, so laut und so viel essen, dann werden sie keine Geschäfte machen in der guten Gesellschaft. Denke dir . . .

Moritz (mit leiser Ungeduld): Wollen wir nicht lieber anfangen?

Eudoxia: Natürlich. Aber was willst du eigentlich? Ich bin die ganze Zeit bereit, – du redest von meinen Schwestern und von Monte und vom Tennis und von Diderot; – das hat doch alles nichts mit Donatello zu tun, – oder –?

Moritz: Nein, freilich nicht. Ich bitte um Entschuldigung. Noch einmal: ich freue mich, wie eifrig du bist. »Durch Arbeiten lernt man arbeiten!« hat Friedrich Wilhelm gesagt. Ich habe gute Hoffnungen, liebe Eudoxia, daß auch du einmal mit Shakespeare bekennen wirst: »Die Arbeit, die uns freut, wird zum Ergötzen!« Beginnen wir. Du mit deiner schönen Handschrift führst die Listen nach meinem Diktat, nicht wahr? Also bitte, reich mir mal jenes Blatt dort herüber.

Eudoxia: Das nackte Kerlchen mit dem Schwert?

Moritz: Ja. Es ist der berühmte »David«. Um 1430 entstanden. Es ist vielleicht der erste, sicherlich der schönste nackte Jünglingskörper, den ein Künstler seit dem Ausgang der Antike schuf.

Eudoxia (lachend): Gott nein, Moritzel, sieh doch nur, – nein, hast du das schon gesehen, was er für einen komischen Hut aufhat?

Moritz: Einen Schäferhut, der . . .

Eudoxia: Also jetzt paß auf. Meine Modistin hat mir gesagt: Schäferhüte werden nächstes Jahr wieder Mode. Also du, ich habe eine glänzende Idee. Glänzend! (Sie klatscht in die Hände.) Du, also Moritzel, du mußt mir das Bild lassen, nein leihen, nur leihen! Das heißt, es könnte ja schließlich auch verloren gehen. So Modistinnen haben keinen Respekt vor Bildern. Nun gar noch vor alten Bildern. Das heißt, ich brauche nur den Kopf mit dem Hut. Den können wir doch herausschneiden? Die Rose Levy, – ach, ich sag' immer noch so, aber jetzt hat ja die Pringsheim das Geschäft, das war der Rose Levy ihre erste Direktrice, hat im kleinen Finger viel mehr Geschmack, wie die Levy in ihrer ganzen dicken Person, – die hat übrigens jetzt Gallensteine, die Arme. Ich wollt' sie immer mal besuchen. – Überteuert hat sie uns ja gehörig; das tun sie alle, nicht? . . . Also die Pringsheim muß mir den Hut nachmachen, – muß sie, wird sie, genau so . . . Und keinem Menschen sagen wir, woher wir das Modell haben, gelt? – Großartig mit dem eingelegten Zweig und hinten dem Band . . . Teuer wird er ja werden, denn so einfach er ist, die Pringsheim rechnet wieder siebzig Mark für »Fasson« . . . Also die Pringsheim muß mir ihr Ehrenwort geben, daß sie niemand sagt, woher . . . Ich sag' dir, Moritzel, die Neustädter wird bersten . . . bestimmt, die reist noch mit dem Nachtzug nach Paris . . . Ideen hat er schon gehabt, dein Donatello, was?

Moritz: Allerdings. Ich wollte dir ja immer einmal die Einleitung zu meinem Buche vorlesen. Es wäre vielleicht nicht übel, wenn wir damit begännen . . .

Eudoxia: Später, Moritzel, später! Heute arbeiten wir, nicht? Und »Einleitungen,« – weißt du, da geht's mir allemal wie mit den Ouvertüren. Ich komm' lieber immer erst zur ersten Arie in die Oper.

Moritz: Schön. Also arbeiten wir. Willst du mir vielleicht jetzt einmal jenes bunte Blatt links von dir herüberreichen?

Eudoxia: Den Bubenkopf? Nett ist der, wirklich nett.

Moritz: Ja. Du könntest ihn übrigens kennen, liebe Eudoxia. Es ist der St. Johannes der Täufer, und das Original steht im Kaiser-Friedrich-Museum.

Eudoxia: Natürlich – im . . . Sicher hab' ich ihn da gesehen! Ich war ja zur Eröffnung damals drin. Ach nein, jetzt verwechsle ich's mit dem Hotel Esplanade – da war ich zur Eröffnung. Aber im Museum war ich auch – wart mal. Richtig, mit der Betty und dem . . . wie heißt er doch – dem Rittmeister von den Garde-Ulanen, der der Betty damals so den Hof gemacht hat. Erfolglos – ich schwör' dir's. Aber weißt du, wenn der schon mitgeht – die Witze – also man kommt gar nicht dazu, sich was anzusehen . . . Wirklich ein nettes Kerlchen, der Johannes – (wie inspiriert) Moritzel – du, jetzt hab' ich's!

Moritz: Was hast du?

Eudoxia: Wem er ähnlich sieht, hab' ich. Also genau wie Onkel Emil, genau!

Moritz: Erlaube mal, liebe Eudoxia, Onkel Emil ist einundsechzig Jahre, hat keine Zähne mehr und ist völlig kahl.

Eudoxia (gekränkt): Du brauchst mir nicht zu sagen, wie Onkel Emil aussieht! Er hat mich doch mal partout heiraten wollen. Die Leute schaut man sich doch an. Und damals hat er mir seine Kinderbilder gezeigt. Alle Männer, die Absichten haben, zeigen uns ihre Kinderbilder. Gewissermaßen als Empfehlung: so war das – so kann das werden! . . . Und genau so einen offenen Mund, wie dein Johannes, hatte Onkel Emil auf allen Bildern von damals. Später haben sie ihn in Ems an der Nase gebrannt, da verlor sich das. Er hatte eine Verengung in der Nase, weißt du. Knorpel, glaub' ich, oder so.

Moritz: Aber liebes Kind, Onkel Emil kann doch nie sehr intelligent ausgesehen haben, während dieser Johannes . . .

Eudoxia: Also bitte, warum kann Onkel Emil nie sehr intelligent ausgesehen haben? Ach so – natürlich, weil er einmal mich heiraten wollte! Alle Leute, die mich einmal heiraten wollten, waren Idioten, wenn man dich hört. Auch der Hauptmann von den Elisabethern . . .

Moritz: Aber der arme Mann ist doch im Irrenhaus.

Eudoxia: Da kann jeder hinkommen. Und die zu viel denken, erst recht. Jeder – du auch. Und war etwa der Bankier Strützel aus Wien ein Idiot?

Moritz: Da er sich an Kundengeldern vergriff und heute noch steckbrieflich verfolgt wird, wäre es eine Gnade für ihn, wenn man's annähme.

Eudoxia: Also, mein Lieber, für deine »Gnaden« meinen Verehrern gegenüber dank' ich . . . Aber mit dir ist ja nicht zu streiten! Du wirst ja gleich persönlich.

Moritz: Ich???

Eudoxia: Laß schon, laß schon! Machen wir weiter. So arg viel Zeit hab' ich sowieso nicht. Ich muß mir noch die Haare waschen lassen.

Moritz (enttäuscht): Heute? Ich dachte, du hättest dich für den Abend freigemacht?

Eudoxia: Ja, soll ich etwa wochenlang mit schmutzigen Haaren herumlaufen wie eine Fischverkäuferin von Santa Lucia, weil du über Donatello schreibst? Und die Kamillen sind doch schon aufgesetzt. Und wenn ich's heute nicht tue, gibt's Unordnung in dem ganzen Haushalt. Mit einem Weichselzopf ließest du mich herumlaufen. Und dabei – du bist's doch selbst, der immer predigt, Robespierre habe gesagt: die Ordnung ist das geheiligte Recht aller Menschen.

Moritz: Rousseau, Kind, Rousseau.

Eudoxia: Pedant! Rousseau und Robespierre – das ist schon ein Unterschied! Das ist aber deine Taktik: wenn du unrecht hast, gleich korrigierst du an Nebenmenschen herum, damit man's nicht merkt. Ich kenn' dich aber besser als die Leute, die deine Bücher lesen. Denn in den Büchern bist du zurechtgemacht, aber im Verkehr mit mir gibst du dich ohne Retuschen.

Moritz: Wollen wir nicht lieber von Donatello – –

Eudoxia: Natürlich wollen wir. Wer schweift denn immer ab –? Du!

Moritz: Also entschuldige. Möchtest du wohl so freundlich sein, mir jetzt den Kopf des Gattamelata herüberzugeben? – – Aber nein, was du in der Hand hast, ist doch die Grabplatte des Papstes Martin V. Bitte, leg das noch weg.

Eudoxia: Da hast du dich nun wieder. Ich soll Anteil nehmen, soll mich »interessieren«. Interessier' ich mich wirklich mal – soll ich's »weglegen«. Was soll ich nun eigentlich?

Moritz: Also schön – betrachte das Blatt. Gefällt's dir? Du erinnerst dich vielleicht der Grabplatte noch aus S. Giovanni in Laterano?

Eudoxia: So was von Ähnlichkeit hab' ich noch nicht gesehen! Genau so lag meine Großmutter im Sarg. Es war eine herrliche, kluge Frau, frisch bis ins höchste Alter. – Das heißt: eigentlich war's meine Stiefgroßmutter. Du weißt, Papa war zweimal verheiratet. Sie hatten ihr die Zähne wieder angezogen und ihre Sonntagshaube aufgesetzt – und auch die Haube hatte Ähnlichkeit mit dem Ding da, das dein toter Papst aufhat. Hab' ich nicht recht?

Moritz: Ich kenne deine liebe Großmutter eigentlich nur aus den mir peinlichen Erbschaftsprozessen, die deine Geschwister dich mitzuführen überredet haben . . .

Eudoxia: Also, bitte, Otto ist Pfarrer, und Eugen ist Jurist. Ein Pfarrer und ein Jurist werden wohl vor Gott und Menschen verantworten können, wenn sie das unsinnige Testament einer kindisch gewordenen alten Frau einfach anfechten. Und wie das nun wieder beweisen soll, daß sie dem Papst Martin V. nicht ähnlich gesehen hat, das erkläre mir ein anderer! Wenn das »logisch« sein soll – dann bin ich lieber unlogisch und habe recht.

Moritz: (unruhig): Pardon, liebe Eudoxia, jetzt eben zerknitterst du in ganz unbegründetem Ärger das richtige Bild des Gattamelata. Gib mir's lieber her.

Eudoxia: Was, das ist der Grottamarmelada – –?

Moritz: Ganz richtig: der Gat-ta-me-la-ta, die »gefleckte Katze«.

Eudoxia: Das hab' ich doch gesagt!

Moritz: So, dann hab' ich's falsch verstanden. Verzeih. Ja, das ist er. Vor dem Santo in Padua steht sein wundervolles Denkmal. Der Doge Francesco Foscari hat den einstigen Bäckerjungen, der zum siegreichen Feldherrn der Venezianer aufstieg, geadelt. Hier reitet er trotzig auf dem herrlichen Schlachtroß in die Straßen seiner Vaterstadt hinein.

Eudoxia: Also – Moritzel, bloß Franz-Josefs-Koteletten brauchst du dir hinzuzudenken und das Haar etwas besser zu bürsten – und du hast Onkel Theodor, wie er leibt und lebt.

Moritz (lachend): Liebste Eudoxia, was für eine Phantasie! Wirklich, du schwärmst. Dein Onkel Theodor ist Tuchfabrikant und –

Eudoxia: Und wird nächstens Kommerzienrat.

Moritz: Mag sein. Ich gönn's ihm gewiß. Aber von einem Kondottiere hat Onkel Theodor doch ganz und gar nichts – mit seinem runden Bauch und seiner fixen Idee, überfahren zu werden. Auf einem Pferd würde er doch direkt eine komische Figur machen, wenn schon seine stark gekrümmten Beine, die er in karierte Hosen zu stecken liebt . . .

Eudoxia: Moritz, ich muß es mir energisch verbitten, daß du jede Gelegenheit benutzt, angesehene Mitglieder meiner Familie zu höhnen und herabzusetzen.

Moritz: Aber ich setze doch nicht herab, liebe Eudoxia. Es ist, das mußt du doch zugeben, einfach ein Unding, sich den guten Onkel Theodor, der in seinem Leben nichts geritten hat als den Kopierbock und der zum Kondottiere so ungefähr das Zeug hätte wie ich zum Heldentenor, auf einem Pferde Donatellos mit dem Kommandostab zu denken. Man muß doch wirklich ein klein bißchen kulturhistorisches Gefühl haben.

Eudoxia: Jawohl, Gefühl muß man haben . . . Gefühl überhaupt. Aber davon hast du für keinen halben Pfennig. Freilich für deine Schüler hast du's und für Leute, die dich anstaunen, den »großen Gelehrten«, und die den Mund halten und in Ehrfurcht ersterben. Aber für die Familie deiner Frau hast du keine Gefühle. Nicht mal wem von Bedeutung ähnlich sehen sollen meine Onkel dürfen! Du wirfst in deiner Herzlosigkeit ehrwürdigen, angesehenen Männern ihre Glatze, ihre Franz-Josefs-Koteletten und ihren Leibesumfang vor. Deine Respektlosigkeit macht nicht mal halt vor der Haube einer ehrwürdigen toten Greisin. Mich aber, die Enkelin, die Nichte dieser Leute, denen außer dir niemand die Achtung versagt, niemand, hörst du – mich zwingst du, unter dem Vorwand, langweilige alte Bilder zu ordnen, deine Verunglimpfungen mit anzuhören.

Moritz: Aber ich zwing' dich doch gar nicht, Eudoxia . . . du selber erklärtest dich zu meiner Freude bereit . . . du wolltest . . .

Eudoxia: Ja, ich erklärte mich bereit – ich wollte. Mit heiligem Eifer und im Bewußtsein, dir wirklich nützen zu können, hab' ich sogar die Gesellschaft bei Brückensteins abgesagt, wo ich mich himmlisch amüsiert hätte. Einen Ehrenplatz sollt' ich haben. Der grundgescheite Geheimrat aus Hannover sollte mein Tischnachbar sein. Ein entzückender Causeur, wenn er auch einer von den Welfen ist, die du auch zu bespötteln und zu beschimpfen liebst.

Moritz: Ich?

Eudoxia: Jawohl, du. Aber ein für allemal: ich lasse mich nicht tyrannisieren. Und daß du's jetzt nur weißt: Onkel Theodor sagt, deine Bücher sind langweilig. Und Onkel Emil sagt: Donatello interessiert keinen Menschen mehr. Denn wir haben den Eberlein und den Rolandsbrunnen und den . . . den . . . nun den, der die Totenmaske von Großmutter gemacht hat, die leider bei der Pfingstputzerei kaputt gegangen ist; sonst wollt' ich dir beweisen, daß sie doch dem Papst ähnlich gesehen hat. Und überhaupt anständige, wahrhaft vornehme Leute brauchen gar niemand »ähnlich« zu sehen. Die können einfach so ausschauen, wie nur sie ausschauen. Das ist meine Meinung. Und wenn du heute in Berlin W herumfragst, wie Onkel Theodor aussieht, das wissen sie alle, vom Wirklichen Geheimrat Boxenhagen bis zum jüngsten Kammergerichtsreferendar. Aber der Grottamarmelada ist ihnen ganz schnuppe. Und wenn sie nach Padua im Automobil fahren, haben sie den Baedeker und brauchen nicht auf dich zu warten. Und wie Onkel Emil sich hat porträtieren lassen von Alois Amadeus Schultze, der ein Schüler von einem Schüler von Begas ist, hast du gar nichts gesagt – und über den Grottamarmelada schreibst du dicke Bücher. Ja, glaubst du, daß so was unsere Familie nicht ärgert? Wir haben nur zu gute Kinderstube, um davon zu reden. Und verlangst noch, daß ich dir helfe! Nein, mein Lieber, das wäre einfach würdelos von mir – wür-de-los. Und das bin ich nicht. Ich weiß, wo ich herkomme – und ich weiß, wo ich hingehe. (Sie hat geklingelt, der Diener erscheint.) Peter, telephonieren Sie zu Brückensteins, daß ich nach Tisch noch ein Stündchen komme.

Moritz: (räumt schweigend die Donatellobilder zusammen und verschließt die Mappen).

 

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