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Von Erde zu Erde

Paul Steinmüller: Von Erde zu Erde - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Steinmüller
titleVon Erde zu Erde
publisherFleischhauer & Spohn Verlag
year1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130909
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Zweiter Teil

Herr Corswand saß in dem dunklen Raum seines Arbeitszimmers, vor ihm stand der kleine David. Dieser unentbehrliche Mittler des Kornkaufmanns hatte eben seinen Tagesbericht geendet. »Noch etwas, David?« fragte Corswand. Der Kleine, dessen flache Nase der eines Spürhundes glich, zuckte die Schultern: »Einer der Gebrüder Schindler aus Kniephagen hat sich hier in der Stadt eingemietet. Er will seine Erbangelegenheit von hier aus betreiben: Aufteilung der liegenden Gründe usw., aber man weiß, er ist ein gefährliches Subjekt, und man wird ein Auge auf ihn haben müssen.« – »Geht uns nichts an, David.« – »Könnte doch sein, Herr Corswand, wenn das zutrifft, was man behauptet. Seine Partei unterhält ihn hier, damit er Bericht gebe. Kann ein unangenehmer Aufpasser werden, ganz abgesehen von den Hetzreden.« Corswand tat gelangweilt, aber David wußte, er tat nur so. »Und dann Herr Corswand, Plessow! Wie lange wollen wir noch hinhalten? Er ist restlos erledigt. Es wäre Barmherzigkeit ...« Der Chef hob die Hand: »Ich will nicht hören, was wäre, sondern was ist, David.« Das Faktotum machte eine zustimmende Bewegung. Er empfand es grausam, die Zeit zu verlängern, in der der Verurteilte, den Kopf auf den Block gelegt, den Todesstreich erwartete. Aber der Chef hatte zuweilen etwas Seltsames vor. – »Noch etwas, David?« – Der Buchhalter verneinte. Er raffte seine Akten zusammen und schloß leise hinter sich die Tür.

Corswand lehnte sich zurück; mechanisch griff er nach dem Buch, das ihm immer zur Hand war, in dem die Schuldner und ihre Abhebungen aufgezeichnet waren. Nun konnte das Tagewerk beginnen. Und wieder wartete seiner das gleiche wie alle Tage. Es war, als sei er in den Hohlraum einer gläsernen Kugel eingeschlossen und von allen Seiten dröhne ihm das eine Wort entgegen: Not, Not! Fand sich denn niemand, der dieses klingende Zeitgebilde zerschmetterte? Corswand dachte daran, daß man ihn als hartherzig verschrie. Nun freilich, zuweilen mochte er so erscheinen. Aber die ihn so nannten, begriffen nicht, daß sein Wesen sich gegen die Not verhärtete, weil ihn die Gefahr bedrohte, unter dem ständigen Ansturm zu zerbrechen. Zuweilen merkte er, daß seine Widerstandskraft sich lockerte. Dann packte ihn das Entsetzen, daß er den nötigen Halt verlieren könnte. Das wäre für manchen verderblich gewesen.

Er begann in dem Schuldbuch zu blättern. Plessow! Ja, David hatte ganz recht: Es wäre barmherzig, hier einen Schlußstrich zu ziehen. Jeder wußte es, der arme Rüdiger rannte den Tag über wie sinnlos umher, von seinem Hof auf die Landstraße, von einem leeren Scheunenfach in die frostige Kälte ungeheizter Wohnzimmer. Die Lampe auf seinem Arbeitstisch erlosch selten vor der Morgendämmerung. Er redete kaum noch mit jemandem. Also: Schluß! Und doch sträubte sich etwas in Corswand dagegen. Die gleiche Frage war es mit Jürgenshof. Man sagte, der junge Baron suche sobald wie möglich davon loszukommen. Und so war es da und dort und überall. Die schwarze Fahne flatterte über Bauern und Herrengehöften.

»Herr Pfarrer Prätorius, Herr Corswand!« Der Kaufherr fuhr unter dem Ruf der anmeldenden Stimme empor. Prätorius? Pfarrer? Wer war dies? Aber dann besann er sich, den Namen im Zusammenhang mit der Verwaltung der Unheimer Pfarrstelle gelesen zu haben. Bevor er zustimmende Antwort geben konnte, trat der junge Geistliche ein. Frisch, heiter, lächelnd schien er den düsteren Raum mit etwas Hellem zu füllen, und diese Helle wurde laut, als er Corswand begrüßte. Dieser Menschenkenner, der sich als Beherrscher der Menschen seines Lebenskreises hielt, war beim Anblick des viel Jüngeren etwas betroffen. Seine weltmännische Art versagte. Man sah solche heiterhellen Menschen jetzt so selten. Bevor Corswand seine übliche Höflichkeit anbringen konnte, saß der Besucher schon ihm gegenüber.

Man sprach natürlich von dem Jammer der Zeit. »Sie werden ein schweren Stand haben, Herr Pfarrer; man fragt heute wenig nach Kirche und Religion.«

Prätorius bezweifelte dies. »Ich komme aus einer Landschaft, in der ein reges Fragen war. Auch bin ich der Ansicht, daß diese harte Zeit ihre Werte hat. vielleicht beruht unsere Aufgabe darin, diese Werte zu entdecken.«

Corswand fühlte sich angeregt. Weniger das, was der junge Pfarrer sagte, als die Art, wie er es vorbrachte, fesselte ihn. »Sie haben, wie es scheint, noch Hoffnungen?« – Und freimütig kam die Antwort: »Wäre ich sonst hier? Hätte ich sonst dies Amt gewählt? Ich hoffe nicht für mich allein, sondern denke auch in anderen Hoffnung zu wecken. Ein wenig mehr Freude, Herr Corswand!« – Corswand, der in seiner Selbstsicherheit jeder Meinung, die nicht die seine war, kritisch und ablehnend gegenüberstand, sah sich aller seiner Waffen beraubt. Fast demütig erwiderte er: »Ja, wenn Sie das könnten, Herr Pfarrer! Sie wären dann wirklich Goldes wert.«

Prätorius lächelte ein wenig. Ein Pfarrer und Goldes wert! Nun, der Kaufmann, der nur mit Zahlen umging und mit Geldwerten arbeitete, sah wohl schließlich in jedem Vertreter der geistigen Lebenskreise eine Zahl. So wollte er denn dies Wort Brücke sein lassen zu dem, was ihn hergeführt hatte. Bei den Besuchen in seinem Kirchspiel war er zu dem Bauer Munk gekommen, der sich in arger Bedrängnis befand, weil ihn die Sorgen in der letzten Woche völlig ausgehöhlt hatten. Der Pfarrer hatte sich vorgenommen, mit dem Hauptgläubiger Corswand zu sprechen, und ihn um Mittel und Wege zu bitten, die der Mann befolgen könne. Corswand, der jedem Vermittler gegenüber eine ablehnende Haltung gewahrt hätte, zeigte sich auch hier zugänglich. Er versprach, noch einmal die Termine hinauszuschieben. Es war damit die Not nicht gehoben, aber die Sachen, die in weiter Sicht lagen, konnten durch eine Verordnung begünstigt werden, eine Verordnung, die von der Regierung längst zugesagt war und die man immer wieder hinauszögerte.

Der Pfarrer, der an den Erfolg seiner Bittfahrt selbst nicht geglaubt hatte, war überrascht, den Machthaber so entgegenkommend zu finden. Ja, so willig war Corswand an diesem Morgen, daß er noch in der Gegenwart des Bittenden seine Hinrichtungsliste öffnete und den nötigen Vermerk eintrug.

Jetzt meldete der Jüngste aus der Schreibstube: »Die Herren Howe, Henneke und Wittmüs sind draußen und wollen Herrn Corswand sprechen.«

Prätorius erhob sich. Er hatte erreicht, was er wollte, und für eine Unterhaltung war wenig Zeit. Er verharrte einen Augenblick und blickte sich in dem düstren Raum um: »Das hat das alte Kalandhaus sich auch nicht träumen lassen, daß es in dieser bewegten Zeit noch bedeutungsvoll würde. Sie haben in Ihrer Hand das Wohl und Wehe vieler Menschen, Herr Corswand; ich wünsche, viele empfingen Gutes, wie ich es soeben erhielt.« Corswand begleitete den Besucher. Er behielt den Türgriff in der Hand und lud die drei Männer durch eine Gebärde ein.

In der Art, wie sie das Privatzimmer des Kaufherrn betraten, war schon die Bedeutung ihres Besuches ausgedrückt. Langsam und beinah feierlich kamen sie herbei, grüßten Corswand mit einem gemessenen Kopfnicken, wie man es bei Leichenbegängnissen sieht, und nahmen umständlich Platz. Corswand wußte, daß es lange währen würde, wenn er auf ihre Anrede warten wollte. Darum begann er.

»Nun, meine Herren, was bringen Sie Neues? Ihre Mienen verraten, daß es um eine ernste Sache geht. Wenn Sie rauchen wollen, bitte.« Henneke schüttelte den Kopf, Howe murmelte etwas, was unverständlich blieb. Wittmüs aber zog die angebotene Kiste näher an sich, wählte bedachtsam eine Zigarre aus, setzte sie umständlich in Brand und stieß die ersten Wolken zufrieden von sich. Howe schien auch hier zum Sprecher ernannt zu sein. »Sie sind jedenfalls von unserer Versammlung unterrichtet, Herr Corswand, Sie kennen unsern Willen und unsern Beschluß?« Corswand nickte ihm zu: »Steuern oder Dünger, nicht wahr?« Die drei bejahten. »Inzwischen sind zu uns auch die übergetreten, die damals fehlten. Und unser Entschluß lautet einstimmig: Keine Steuern, aber dem Acker, was dem Acker gebührt! Wir sind deshalb soeben auf dem Steueramt gewesen und haben unsere Erklärung abgegeben. Wir hätten ja noch warten, es einfach darauf ankommen lassen können, wenn man uns drücken will. Aber Henneke und ich wollten, daß die dort völlig klar sehen.«

»Was hat man Ihnen geantwortet?« sagte Corswand. Seine Haltung drückte Kampf und Bereitschaft aus. Howe fuhr fort: »Wir baten um Erlaß der Steuer. Der Vorsteher unserer Abteilung tat das mit einem kalten Nein ab. Wir baten um Stundung. Auch dies wurde rundweg abgelehnt. Da sagten wir, daß wir nicht zahlen würden. Er machte uns auf die Folgen aufmerksam. Wittmüs erklärte ihm, warum uns jede Zahlung unmöglich sei. Es war vergebens; der Mann hat weder für uns noch für unsere Lage Verständnis.«

»Er kann es nicht haben,« warf Henneke ein, »er ist aus einer anderen Welt.« Wittmüs sagte: »Henneke hat recht. Als wir über den Marktplatz gingen, rief uns einer der Arbeitslosen eine Unflätigkeit nach; es klang wie: Vollgefressene Kerle. Wir drehten uns nicht um. Der Mann war in jenem Augenblick gar nicht er selbst, sondern sein Magen. Wenn wir an jenem Fleck gestanden hätten, wer weiß, ob wir nicht nach dem gleichen Wort gegriffen hätten.« »Und das Ende?« sagte Corswand. »Wie endete Ihr Besuch?« Der alte Henneke richtete sich auf und legte seine Faust auf den Tisch: »Wir erklärten: Wir zahlen nicht und damit gut. Machen Sie mit uns, was Sie wollen.«

Corswand neigte den Kopf. War diese Gebärde eine Zustimmung zu den Worten des Alten oder nicht? Vielleicht hatte er die Worte gar nicht gehört, denn er sah nur die geballte Hand, die wie zur Bekräftigung eines Schwurs dalag. Es war eine rauhe und häßliche Hand, grob und eckig geworden durch jahrzehntelange Arbeit in Regen und Sonnenbrand auf dem Acker. Diese Hand erschien Corswand einem großen Erdbrocken gleich, über den die Egge hinweg geglitten, einem Erdklumpen, dem Regen und Sturm nichts anhaben konnten, der beseelt und in gewissem Sinn durchgeistigt war. Corswand hatte manche Bauernfaust gesehen, aber nie war ihm der Gedanke gekommen, der ihn jetzt bewegte, der Gedanke, daß diese Faust ein Stück Erde sei.

Er klappte die Liste, die er aufgeschlagen, wieder zu. Er tat es in einer Art Abwesenheit. »Und was gedenken Sie nun zu tun, Herr Howe?« fragte er. »Wollen Sie meinen Rat haben?« Kaum hatte er das Wort gesagt, als er sich inne wurde, wie töricht die Frage klingen mußte. Die Männer verneinten und Wittmüs entgegnete: »Nein, Herr Corswand, ein Rat käme zu spät. Wir wollen Ihren Beistand.«

Er entfaltete einen Bogen Papier und reichte ihn Corswand. »Wir wollen bei Ihnen den künstlichen Dünger bestellen. Einige meinten, wir sollten es ohne Stickstoff versuchen. Aber man kann es dem Acker nicht zumuten. So wollten wir wissen, ob Sie unsern Auftrag annehmen.«

Corswand besann sich keinen Augenblick. »Sie haben ganz recht, wenn Sie dem Acker geben, was ihm gehört. Ich beliefere Sie. Aber wie ist es mit der Bezahlung?« Howe räusperte sich: »Die meisten von uns, die hier aufgezeichnet stehen, bezahlen bar. Die, deren Namen ein Kreuz trägt, werden nach der Ernte zahlen.« Corswand las den Bogen, er überschlug für und wider. »Also einen Wechsel auf sechs Monate,« sagte er. Er bemerkte die nachdenklichen Mienen der Männer. »Wechsel möchten wir nicht geben, Herr Corswand. Übrigens, wer sollte die ausstellen? Wir sind siebenundneunzig Besteller.« Etwas wie eine Last senkte sich auf Corswands Brust. Der Kaufmann in ihm lehnte sich gegen den Vorschlag auf. Ging er auf ihn ein, so war dies eine unkluge Handlung. Wer schloß heute ein Geschäft ab mit so geringer Sicherheit? Ging die Sache schief, so war die Grundlage seines Geschäfts nicht nur erschüttert, sondern wahrscheinlich ruiniert. Und doch brachte er das Nein nicht über seine Lippen. Diese drei Männer waren zu ihm gekommen, daß er ihnen helfe. Versagte er sich ihnen, keinen andern würden sie bereit finden. Schließlich ... Aber er wußte ja nur zu gut, daß ihn etwas anderes bereitwillig machte. Das war das Wort, das der junge Prätorius vor kurzem gesprochen und das noch immer in diesem Raum lebendig war, das Wort von der Hoffnung und von dem einen, was den Menschen jetzt nottat, von der Freude. Corswand wunderte sich selbst, daß diese Erinnerung neben der kaufmännischen Erwägung noch Platz fand und für ihn bedeutsam war. Aber es war nun einmal so und ihm schien, er dürfe sich ihm nicht entziehen.

»Lassen Sie mir diesen Bogen hier, ich will die Angelegenheit überlegen. Ich liefre den Stickstoff, meine Herren.« Er sah, wie den dreien die Bürde von den Schultern sank, ihre Gesichter entspannten sich. Man verlor nicht viele Worte mehr, die Bauern hatten es eilig, wenn sie zu Mittag daheim sein wollten.

»Gehen wir über den Markt?« fragte Howe, als sie aus dem Haus traten. »Gewiß tun wir das, gerade heute!« »Laß sie nur gaffen, wir haben alle Ursache den Kopf hoch zu tragen.« »Kinder, wir haben heut Glück gehabt wie lange nicht. Einmal dem Steuermann unsre Meinung gesagt. Und dann unseren Einkauf.« »Wenn ich aufrichtig sein soll, so muß ich sagen, ich habe an unsern so schnellen Erfolg bei Corswand nicht geglaubt.« »Corswand ist ein anderer, als er zu sein scheint. Denkt an das Geld, was er der Baronin Cedergren gab. Das war auch von vornherein auf eine Niete gesetzt.«

Sie hatten den verschatteten Kirchhof überschritten und betraten den Markt, auf dem noch immer Gruppen von Arbeitslosen umherstanden. Die Bauern blickten steil vor sich hin und gingen Schulter an Schulter über das Pflaster. Es war eine Art Spießrutenlaufen, dem keiner entging, der diesen Weg wählte. Nicht aus übler Meinung, sondern nach der Gewohnheit des Kleinstädters tauschten die müßigen Männer, deren Hände zu feiern gezwungen waren, mehr oder weniger laut ihre Meinungen über die vorübergehenden aus. Dabei kamen die Landbewohner nicht immer glimpflich fort. Aber man nahm es den feiernden Leuten nicht eigentlich übel.

»Sieh, wer hat sich dort eingestellt?« sagte Wittmüs. Keiner der drei wandte den Kopf, aber sie hatten schon alle den erblickt, auf den Wittmüs sie aufmerksam machte. Bei einer größeren Gruppe stand Konrad Schindler und redete mit großen Armbewegungen. »Was tut der Mensch hier?« fragte Henneke, und Howe belehrte ihn: »Bei uns zu Hause sagt man, der Konrad Schindler sei nach Bukow gezogen, um gegen die Brüder prozessieren zu können. Aber das ist nur Spiegelfechterei. Wir haben dem Rechtsanwalt rundheraus erklärt, daß kein Bauer mehr sein Büro betritt, wenn er sich solcher Sache annimmt. Trotzdem bleibt der Schindler hier, und wie ihr seht: hier auf dem Markt sät er Unkraut.« Der alte Henneke wollte eine Frage stellen. Ihm lag ein Vorgang im Sinn, der die Sache der Bauern in ein schlechtes Licht gerückt hatte, und hier witterte er einen Zusammenhang. Aber er schwieg; es war unklug, seine Vermutung voreilig kundzugeben. Sie gingen in den kleinen Gasthof, wo sie auszuspannen pflegten, traten aber nicht in die Gaststube, wo ein müßiger Kellner auf sie wartete. Seit geraumer Zeit verzehrte kein Bauer mehr etwas in der Stadt, sondern bezahlte dem Wirt nur mit einem Erzeugnis seiner Wirtschaft.

Gerade als der Kastenwagen, auf dem die drei saßen, durch das Stadttor fuhr, brach die Sonnenstunde des Tages an. Denn diese grauen Februartage, die nebelgetrübt waren, schenkten nur eine Mittagsstunde blassen Sonnenscheins. Die Männer saßen schweigsam, die heitere Siegesstimmung war schon wieder verflogen. »Appelmann steht heute ja nicht auf seinem Posten,« bemerkte Wittmüs, als sie an dem kleinen Haus vorüberfuhren. Aber Howes Jägerauge hatte bereits die Gestalt, die ihnen aus der Ferne entgegenkam, richtig erkannt. »Da kommt er,« sagte er und deutete mit der Peitsche auf den Näherkommenden. Der Wagen hielt an und es begann ein kurzes Gespräch. »Nun, habt ihr unsere Düngerbestellung durchgedrückt?« fragte Appelmann. »Alles in guter Ordnung. Übrigens, ein Druck war nicht nötig ...« In Appelmanns ernstem Gesicht verzog sich keine Miene; es schien, als bemühe er sich, dies Unwahrscheinliche zu begreifen. Er wandte den Kopf und blickte nach seinem Anwesen zurück. »Warst du drüben?« fragte Henneke. Der andere bejahte mit einem kummerschweren Seufzen, aber jeder der drei begriff den Mann und seine Not. Er war Schmied in Rosenau gewesen, als seiner Frau eine Erbschaft zufiel, die ihm ermöglichte, eine Siedlungsstelle in Wobeser zu kaufen. Der Gedanke an ein eigenes Stück Land hatte in dem sparsamen Manne wie eine Krankheit gezehrt. Kaum hatte er sein Heim bezogen, als der Krieg ihn fortriß. Inmitten von Tod und Gefahr war der Gedanke an seinen Acker in ihm ohne Aufhören lebendig. Dann war er heimgekommen. Aber er fand die Frau krank vor. Als die Krankheit zunahm, drang der Arzt darauf, daß er ein ruhiges Leben suche. Und wiederum gab er das preis, was allein ihn ausfüllte. Er übergab die Wirtschaft dem Sohn und zog sich zurück. Aber ihm schien, als vermöge niemand dies Opfer zu ermessen, das er dargebracht hatte. Appelmann unterbrach das Schweigen: »Nun kommt bald der Termin für die Steuer; es bleibt also bei unserer Abmachung, keinen Pfennig abzuführen?« Wittmüs, der umständlich seinen Tabak in Brand gesetzt hatte, erwiderte: »Es bleibt dabei, natürlich bleibt es dabei.« Appelmann sagte: »Ja, ich fragte nur, weil der Termin auf einen Montag fällt, aber das kann man ja nicht ändern.« »Nein, ändern läßt sich das nicht. Montag hin, Montag her, man muß nicht zu sehr an altem Aberglauben hängen.« Appelmann nickte und reichte den dreien die Hand, dann entfernten sie sich voneinander.

In winterlichem Schweigen lag das Land da mit seinen feuchten Erdschollen. Es war etwas wie Erwartung über ihm. Nur die Krähen hatten sich gesammelt und fuhren kreischend über den Weg. Die drei Männer zogen schweigsam dahin. Jedes Gedanken waren auf verschiedenen Wegen und hatten doch alle ein Ziel. Dann begann Henneke zu reden: »Mir geht im Kopf herum, was du vorhin sagtest, Wittmüs. Montag hin, Montag her! Hältst du wirklich nichts davon? Das würde ich tief bedauern.« Wittmüs klopfte seine Pfeife aus und erwiderte: »Ach, es wird so viel geredet, über das kluge Leute lachen. Man weiß nicht, was man davon halten soll.«

Hennekes bartloses Gesicht verdunkelte sich in dem Ernst, mir dem er die Worte aufnahm. »Es ist eine gottlose Zeit, und vieles geht zugrunde. Aber du, Wittmüs, darfst das nicht. Keiner von uns darf das. Ein Bauer ohne Sitte ist ein Haus ohne Rauch. Fällt die Sitte, gleich ist die Unsitte da. Und du mußt immer daran denken, daß viele Leute auf dich acht geben.«

Howe nickte, man wußte nicht, ob seine Gebärde Zweifel oder Zustimmung ausdrückte.

»Henneke hat recht,« sagte er, »und doch gibt es Dinge, da weiß man nicht ... Ihr wißt, der Artikel in dem Blatt der Roten, der gegen uns hetzte und die Regierung gegen den Bauer scharfmachte. Wir waren uns ja einig, daß ein Spion dahintersteckt, vielleicht sogar in unseren Reihen sich aufhält. Na, mir ließ die Sache keine Ruh. Was meint ihr, was ich tat? Ich bin zu der alten Richterschen gegangen. Mein Vater wußte schon, daß sie auch die Zukunft voraussagen kann. Und ich dachte bei mir: eine Spur wird sie wohl finden, und wenn nicht, so ist's auch kein Schade.« Wittmüs schüttelte den Kopf. Henneke blickte den Sprecher forschend an. Spielerisch ließ dieser den Peitschenriemen ein paarmal über die Kruppe des Pferdes tanzen. »Die Alte war nicht in ihrem hellsichtigen Zustand oder vielmehr, sie war zu sehr in ihm befangen. Käthe Richter sagte mir gleich, als ich den Hof betrat: Mutter wird wohl nicht reden. Sie hat wieder in der Nacht sehr gelitten. Eine Stunde lang hat sie am Kammerfenster gestanden, und draußen sind die Toten vorbeigezogen, alle unsere Gefallenen in langen Mänteln in dem Stahlhelm, sind lautlos gegangen, und zuweilen hat einer den Kopf gewandt und zu ihr hingeblickt. Und das waren immer Männer aus Kniephagen und Ükershof. – Nun, ich sagte, ich käme in wichtiger Sache, und dann ließen sie mich auch ein.« Henneke hatte sich so gewandt, daß er Howes Gesicht deutlich vor sich sah. Wittmüs aber drängte: »Also, was hat sie gesagt?« »Wie gesagt, sie war von ihrem nächtlichen Gesicht noch ganz erfüllt und gab nur dunkel Bescheid. Sie wußte, daß in unserer Nähe ein Spion ist. Aber sie sagte, sie sähe noch nicht klar. Aber sie gab zu verstehen, unsere Bewegung sei auf rechtem Weg und in allernächster Zeit werde ein Ereignis kommen, das uns die Augen öffnet.« ? »Ja, aber wo sollen wir unsere Versammlung halten? Wir können nicht immer nach Bukow gehen, und in dem Gasthaussaal sind wir nie vor Horchern sicher.« »Danach fragte ich auch, und die alte Richter sprach etwas vom Heidengrab. Darüber wollen wir bei unserer Zusammenkunft schlüssig werden.«

Nun sprach keiner von den dreien. Waren sie Gläubige oder waren sie Zweifler? Ein jeder von ihnen fand die Worte der alten Frau bedeutsam genug, um sie wie ein Geheimnis zu hüten und über sie wie über einen höheren Befehl nachzudenken.

*

Der Zeitpunkt kam herbei, an dem die Zahlung der Steuer fällig war. Kein Pfennig ging ein. Man ließ den Bauern Zeit, zwei, drei Tage. Dann kam die Drohung, dann war wieder Stille. Die Frauen waren sehr ängstlich, und manche von ihnen ließ, wenn sie ihre Kinder zu Bett brachte, ein Wort fallen, was sich den Bitten der Kinder anreihte. Oder die Mutter fühlte plötzlich eine heiße Angst in ihrem Nacken aufsteigen, wenn sie den Schweinetrank einrührte oder auf dem Melkschemel saß. Dann war die Arbeit plötzlich unterbrochen: »Lieber Gott, hilf doch!« Ach, man hatte zu viel erlebt, und das Herz flatterte ängstlich bei dem geringsten Anlaß wie eine Taube, auf die der Stößer zielt. Diese langen Kriegsjahre, dann die Plage der Umlage, wo keine Behörde danach fragte, was recht und billig sei. Dann die Inflation. Und jetzt dieser langsam bohrende Haß der Oberen, der wie ein Wurm im Gebälk grub. Nein, es war wirklich kaum noch zu ertragen, und ein großes Verwundern war in jedem, daß die deutsche Menschheit auf den Bauernhöfen noch immer dies zu tragen fähig war.

Als nun ein Tag nach dem andern verrann und kein Schlag fiel, da glaubten die schwachen Naturen schon an einen Erfolg. Aber die Erfahrenen und die Willensstarken dachten: Der Hieb, vor dem der Arm sich ruht, der wird um so schärfer fallen.

Da zeigte der Vorgang auf St. Jürgenshof, was ihnen bevorstand. War dies das Ereignis, von dem die alte Richter sagte, daß es den Landleuten die Augen öffne? Howe stand nicht an, es so zu deuten. In die Flut wilder Gerüchte über Jürgenshof, die in aller Munde waren, trat plötzlich eine Bestätigung, als man vernahm, daß von dem Schloßinventar etwas auf dem Zwangswege versteigert werden sollte. Es handelte sich um alte Stücke, die geschichtlichen Wert besaßen: um Möbel und Kleidungsstücke, die von Karl XII. herrührten. Die Baronin hatte Einspruch erhoben. Diese Dinge seien alter Familienbesitz und gehörten den Verwandten in Schweden. Aber daran hatte sich der Gläubiger nicht gebunden gefühlt, und ein Anwalt, der keine Achtung vor geschichtlich Gewordenem besaß, fand einen krummen Weg, um die Preisgabe der Gegenstände zu erzwingen. Die Nachricht von dieser Gewalttat lief durch das Land, als habe sie der Wind von Tür zu Tür getragen ... Hier war keine Vorliebe für die Familie Cedergren, hier war kein Mitleid mit dem jungen Baron, – dies Geschehen war eine Warnung für die kommenden Ereignisse, die den bäuerlichen Stand bedrohten. Und die Führer des Landvolks glaubten, einen Damm gegen die Gefahr aufwerfen zu können, wenn sie von Anfang an ihre Tatkraft unverhüllt spielen ließen. Gewiß, die Wertstücke des Schwedenkönigs gingen sie nichts an, aber sie wußten: die Behörde will den Boden, und der Boden sind wir. Mit Wohnungsgerät oder mit Vieh beginnt es und mit dem Acker hört es auf. So waren denn alle Bauern bereit und alle wußten, um was es ging, als an die Tür gepocht wurde und das Notzeichen von einem Hof zum andern wanderte.

Wo aber noch Bedenkliche waren, da wurde ein Rest von Zaghaftigkeit beseitigt, als man einen Tag vor der Versteigerung in der Zeitung eine Notiz las, die Bauern seien bereit, sich der Auktion zu widersetzen und diese werde ein unerwünschtes Ende nehmen. Von wem kam diese Nachricht? Und wer hatte sie der Zeitung verraten? Carl Reger, der in der Stadt zu tun hatte, wurde beauftragt, bei der Druckerei vorzusprechen und den Urheber zu erforschen. Doch er kam ohne Bescheid zurück. Man hatte ihm eine gewundene und nichtssagende Erklärung gegeben. Nun, davon hing die Ausführung schließlich nicht ab; man ärgerte sich, aber man war entschlossen, nach Jürgenshof zu ziehen.

An dem Tage, da Gustav Brüdgam, der Tagelöhner, sterben wollte, da geschah es. Der Kranke wartete auf den jungen Pfarrer Prätorius, der ihm das Abendmahl reichen sollte. Draußen gingen unablässig Menschen, alle in einer Richtung. Der Kranke wurde unruhig, denn die vielen Tritte Vorübergehender schienen ein Ziel zu verfolgen, das nicht seines war. Er fragte endlich die Frau, die hin und wieder ging, die Kommode mit einem weißen Tuch bedeckte und zwei geborgte Kerzenstümpfe aufstellte: »Mutter, wohin gehen die vielen Leute?« Und die Frau gab ihm Bescheid: »Nach Jürgenshof. Du weißt ja.« Der Kranke gab sich nicht zufrieden. »Ob sie wohl die schwarze Fahne aufgezogen haben?« »Wir werden einen fragen, wenn sie zurückkommen.« »Ob sie sich wohl durchsetzen, Mutter? Das würde ich gern noch wissen, ehe ich ...« Seine Gedanken zerflossen und seine Blicke schienen durch die Zimmerdecke in unbekannte Fernen zu gehen. Die Frau trat vor die Tür, um auszuschauen, ob der Pastor bald käme. Es war höchste Zeit.

Die Männer, die vorübergingen, ahnten nicht, daß die Gedanken eines Sterbenden sie begleiteten. Ruhig und gemessen wie auf dem österlichen Kirchweg schritten sie dahin. Sie sprachen nicht, sie blickten sich nicht um, aber sie gaben ihrem Ernst dadurch Ausdruck, daß sie ihre Stöcke bei jedem zweiten Schritt hart aufsetzten. Als sie sich ihrem Ziel näherten, sahen sie die schwarze Fahne auf einem der Ecktürme, und einer nickte dem andern bedeutsam zu. Ketelböter stand zum Empfang am Hoftor. Die kleinen Augen des Mannes blickten dabei listig den Ankommenden entgegen: »Die Auktion findet auf der Diele statt, aber der Exekutor soll noch kommen.«

Die Männer gingen über den Hof, er war gut aufgeräumt. Aber die Ordnung konnte den Mangel nicht verdecken. Die Stalltüren waren geöffnet, doch man hörte keine Kette klirren. Drunten in der Halle waren die Gegenstände aufgestellt, die zur Versteigerung kommen sollten. Die Eintretenden schoben sich bis zum Tisch am Fuß der Treppe vor, sie musterten die blauen Röcke mit den farbigen Aufschlägen. Ein Kühner trat an den Baldachin des Himmelbettes heran und rieb die morsche rote Seide zwischen seinen Fingern. Hier also hatte der Schwedenkönig eine Nacht geschlafen. Aber was bedeutete das für die Gegenwart! Von den anwesenden Bauern würde auf diese Dinge kein Gebot abgegeben werden. Der junge Baron tauchte einmal auf. Er trug seinen Jagdanzug und den Trauerflor um den Ärmel. Im übrigen war er heiter, grüßte nach rechts und links und schüttelte den Nächststehenden die Hände. Man wußte jetzt, daß er im Dienst des Landbundes arbeitete und mit großem Mut den Gewalttaten der Machthaber entgegentrat.

In diesem Augenblick brummte der Kraftwagen des Versteigerungsbeamten vor der Tür, und bald erschien der große Mann in der Halle. Er war einigermaßen verwundert, so viele Teilnehmer zu finden. Aber als er seinen Gruß nicht erwidern hörte und die abgewandten Gesichter der Männer bemerkte, die an ihm vorüberschauten, als sei er ein Nichts, da kam ihm die Erkenntnis, daß diese Versteigerung vergeblich sein könne. Er erfüllte seine Maßnahme, forderte zum Bieten auf und wiederholte seine Worte. Kein Laut kam von den festgeschlossenen Lippen der Männer. Es war erschreckend, dies Verstummen jeglichen Lebens. Der Beamte fuhr auf, als in einem Winkel der Halle einem Mann der Handstock fortfiel und krachend auf den steinernen Fußboden schlug. Nein, hier war kein gut Verweilen. Mochte der Gläubiger sehen, was er aus den alten Stücken herausschlagen konnte; er hatte seiner Pflicht genügt.

Als der Kraftwagen draußen lärmend abfuhr, verließen die Hintenstehenden die Halle. Eigentlich war es dumm, daß man wegen solchen Theaters einen halben Arbeitstag versäumt hatte. Aber es war nun einmal gebotene Pflicht. Plötzlich wurde der Weggang gehemmt. Die in der Tür standen, wandten sich wieder um und horchten auf die Stimme, die da drinnen sprach. Baron Jesko, der während der Versteigerung unsichtbar gewesen war, stand jetzt auf der unteren Stufe der Treppe. »Landsleute, ich danke euch, daß ihr kamt. Das vergesse ich euch nie. Und wenn ihr, was Gott verhüten möge, in eine Notlage wie diese kommen solltet, so werdet ihr mich in euren Reihen finden. Wir streiten für unsern Boden.« Er winkte ihnen zu und ging mit Kroll daran, das wurmstichige Bett des Schwedenkönigs zur Seite zu rücken.

Prätorius, der Pfarrverweser, saß an Gustav Brüdgams Bett. Der Mann hatte das Abendmahl empfangen, seine Gedanken waren gesammelt und klammerten sich an die himmlische Tröstung, die ihm der Pfarrer von Zeit zu Zeit vorsprach. Da begann auf der Straße das Wandern wieder, doch diesmal gingen die Schritte südwärts. Der Sterbende wurde unruhig. Seine Sinne waren noch bei ihm, und es war, als hätten sie sich an den Dingen dieser Welt festgesogen. Er lallte, seine Hände machten eine hilflose Bewegung. Die Frau wandte sich an Prätorius: »Er will wissen, was in Jürgenshof wurde,« sagte sie. »Bleib nur ruhig, Vater, du hast nun an andere Dinge zu denken.« Aber Prätorius war anderer Meinung. Sollte der arme Tagelöhner noch in der letzten Minute seines Erdendaseins in Zweifelsnot bleiben? Warum konnte ihm nicht geholfen werden? Er erhob sich leise und trat vor die Tür. »Ging es gut?« fragte er eine Gruppe, die eben vorüberging. Und Howe antwortete: »Sehr gut, Herr Pastor, sehr gut.« »Wollet ihr nicht einer armen Seele den Abschied leicht machen, indem ihr ihr die frohe Nachricht bringt?« Die Männer verstanden nicht sofort, um was es sich handelte. Aber nachdem Prätorius ihnen die Lage erklärt hatte, folgten Howe und ein anderer Mann in die Tagelöhnerstube. Sie blieben an der Tür stehen, sie sahen, daß sich die Seele des armen Mannes vom diesseitigen Ufer löste. Mühsam wandte er ihnen sein Gesicht zu. »Alles ging gut, Gustav,« sagte einer von ihnen. »Es waren ein paar hundert Männer da, und wir haben es durchgedrückt ohne Wort und ohne Tat!« Der Sterbende wandte den Kopf zur Wand. Einen tiefen Seufzer tat er, und es war, als werfe er mit diesem Seufzer seines Heimatbodens Not und die ganze Erdenbürde, die er auf seinen hageren Schultern getragen, von sich. Howe und seine Begleiter wandten sich zum Gehen, und Pfarrer Prätorius sprach leise ein Vaterunser.

*

Der Triumph der Bauern, den sie errungen, als sie die Versteigerung auf St. Jürgenshof verhinderten, wurde ihnen bald geschmälert. Einmal, der Verlauf der Handlung stand in dem kleinen Hetzblatt des Regierungsbezirks. Keine sachliche Schilderung, sondern eine Wiedergabe, die um sich biß und verwundete und herabsetzte. Man hätte diesen gehässigen Bericht, der die Sache der Bauern verhöhnte und die Regierung mit versteckten Bosheiten aufforderte, sie werde nun bald abdanken müssen, wie vieles andere hingenommen und vergessen, wenn nicht durch jenen Bericht wieder eine Spur gelaufen wäre, die andeutete, daß einer der ihren dieses schlimme Schreibwerk verursacht hatte. Wer mochte dahinterstecken?

Aber diese Frage verstummte in dem Geräusch, das sich jetzt erhob, als der Baron Cedergren und der Bauernhofeigner Howe in Unheim wegen dieser Störung der Auktion zur Rechenschaft gezogen wurden. Störung? Konnte man dies eine Störung nennen, wenn man seine Beteiligung an einer gewaltsamen Handlung versagte? Die Empörung war eindeutig, als man erfuhr, der öffentliche Ankläger habe den jungen Herrn Baron und den Hofbesitzer Howe vor den Schnellrichter geladen wegen Störung einer politischen Versammlung und wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Wegen dieses Vorfalls schüttelten jung und alt die Köpfe.

Der alte Justizrat Berg stand bei seiner Rückkehr vom Gericht mit Corswand auf dem Marktplatz, als Jesko vorüberging und ihn fröhlich grüßte. »Sehen Sie, mein Lieber,« sagte der alte Herr, »dem jungen Mann dort können Sie absehen, was Furchtlosigkeit heißt, von seinem Gut gehört ihm kaum noch ein Dachziegel, und er trägt dabei seine neue Last, als sei sie ein Kinderspiel. Nun, Sie haben ja wohl gehört, was man sich erzählt. Man vergißt fast, sich darüber zu wundern, so unerhört ist der Fall. Ein Beamter ladet zur Versteigerung ein, die Eingeladenen bieten nicht, und zur Strafe dafür werden der Bauernführer und der, auf dessen Grund die Versteigerung stattfindet, unter Anklage gestellt. Mit welchem Recht? Ja, das weiß niemand, ich auch nicht. Aber wir beide können noch lernen von dem Jungen, wie man solche Gewaltsamkeiten auffängt.« Und der alte Herr schüttelte seinem Begleiter die Hand und trat in sein Haus.

Das Unverständliche wurde Ereignis. Es war an einem Märztag, als Howe von der Gerichtsverhandlung heimkehrte. Er hatte sich jede Begleitung verbeten, er wollte allein sein. Er war freigesprochen, aber diese Tatsache hatte seine Freudigkeit nicht gehoben. Der junge Baron und sein Anwalt hatten alles aufgeboten, den Blick der Anklagebehörde auf sich zu lenken: »Meine Herren, wenn jemand schuldig ist, so bin ich es, denn ich habe den Bauern für ihr Verhalten gedankt! Herr Howe hat aber während der ganzen Versteigerung den Mund nicht geöffnet und sich durch nichts betätigt. Kann man einen Mann, den die Uniformen des Schwedenkönigs nicht interessieren, deshalb bestrafen?« – Nein, der Staatsanwalt hatte wirklich die Anklage gegen Howe fallengelassen, und auf seinen Antrag war Jesko Cedergren zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Das hatte den Baron wenig angefochten. Spöttisch erklärte er, daß er keinen Pfennig Bargeld besitze und daß er seine Strafe absitzen wolle. Es war, als dränge er sich danach, Märtyrer zu werden. –

Howe versuchte seine Gedanken auf anderes zu richten. Die Luft war milde, beinahe frühlinghaft, und der Winter schien endgültig abziehen zu wollen. Man würde bald mit der Vorbereitung zur Frühjahrsbestellung anfangen können. Die Wintersaat bekam schon Färbung, und die Schollen der umgepflügten Äcker waren trocken, wie die Gäl-Gössel, die kleinen gelben Ammern, schon in den Bäumen am Wege spielten! Drüben hob sich eine Lerche, aber ihr Lied brach bald ab und sie ließ sich wieder in das dunkelbraune Erdreich fallen.

Er sog die Luft tief ein, seine Brust weitete sich, wie jedes Landmanns Lunge sich dehnt, wenn er den ersten Frühlingshauch vom Boden aufsteigen spürt. Aber den hellen Klang der Freude vernahm er doch nicht. Denn was war sein Freispruch anderes als ein Aufschub. Der Kampf begann erst, der Kampf für das Recht des Bodens, das zugleich Recht des Landmanns war. Wie hatte der Cedergren doch vor dem Richter gesagt? »Sie wundern sich, meine Herren, daß wir für das Recht unserer Scholle bis zum Tode zu streiten bereit sind? Der Acker, das sind wir, des Ackers Leben ist Bauernleben. Durch hunderte von Jahren hat er uns genährt, und unsere Leiber sind aus seinen Krumen aufgebaut; wir haben ihm dafür Treue gehalten, wir lassen auch jetzt nicht von ihm. Man kann uns einsperren, man kann uns totschlagen. Wir werden ihn nähren, wie er uns nährte, und kann er sonst nichts mehr haben, so soll er unsern Leib empfangen!« ?

Man begriff gar nicht, wie der Staat so töricht sein konnte, eine solche Anklage zu erheben. Es würde ein Sturm aufstehen, der das ganze Land durchtobte, ein Wille, der diese Machthaber fortfegte wie ein Frühlingssturm, der das trockene Geäst brach. Und der Bauer, in dem wie in vielen Landmännern ein Mystiker steckte, glaubte die geheimen Zusammenhänge zwischen Natur und Menschenleben schon am Werke zu sehen.

Als er den Fußweg kreuzte, der nach Kniephagen führte, blieb er stehen. Ihm fiel ein, daß sein Neffe, der Waldemar Schindler, ihn gebeten hatte, einmal bei ihm einzusehen. Es gab da allerlei zu besprechen und zu ordnen. So lenkte er ein, um den Wunsch Waldemars zu erfüllen. Der Tag war doch verloren, und so bald würde er für die Familienangelegenheit keine Zeit finden. Er traf Schindler im Stall. Die Sau hatte Ferkel geworfen, und die zwölf weißen Jungen lagen saugend an der Mutter.

»Mit der Schweinezucht haben die Schindlers immer Glück gehabt, ihr Erbe hast du auch angetreten, scheint es«, sagte Howe. Aber Waldemar vollführte eine Gebärde, die das Gegenteil bedeuten konnte, und führte den Onkel in das Wohnhaus. »Alles, was Erbschaft heißt, ist mir gründlich verleidet. Warum? Nun, du wirst gleich von mir hören.« Er rief in die Küche, daß man den Kaffee auftrage, weil Onkel Howe einen Imbiß nehmen sollte. Als die bauchige Kanne auf den Tisch gesetzt war, schickte Waldemar die Magd fort und trug selbst Tassen und Teller herbei. Er hatte es eilig, mit Howe allein zu sein. Auch als Howe, während er sein Brot strich, gemächlich von der Gerichtsverhandlung erzählte, zeigte der Jüngere keine Aufmerksamkeit. Seine Einwürfe waren der Ausdruck einer zurückgedrängten Ungeduld. Howe schien das gar nicht zu bemerken. Er redete von den möglichen Folgen dieser Verhandlung und zeigte sich erst zu hören bereit, nachdem er seine Sache eingehend vorgetragen hatte. »So, Waldemar, nun rede du!« – Waldemar begann sofort. Der Konrad sei wieder hier und zu aller Plage. Denn natürlich sei er nur gekommen, um seine alte Forderung an das Vatererbe zu erheben. Er habe jetzt einen Rechtsbeistand, einen von seinen Leuten, der gewaltsam vorgehe. Und sein übelstes Stück wäre dies, daß Konrad sich hinter den Fritz stecke und diesen aufhetze, seinen Anteil auch zu fordern. Und das alles nur, weil er, der Waldemar, zu einer anderen Fahne schwöre, der der Bruder den Krieg erklärt habe. Waldemar wolle dies dem Onkel mitteilen, weil der Konrad keine Mittel scheue, seinen Zerstörerwillen durchzusetzen, und weil dieser Zwist einfach nicht mehr zu ertragen sei.

Der Alte schüttelte den Kopf. Der Waldemar war freilich ein ernster Mensch, aber wo es sich um Parteiwesen handelte, da waren heutzutage die Menschen alle wie gereizte Hunde. Er wußte nicht, wie er die Sache anpacken sollte, aber sie von sich weisen, das ging auch nicht an. In dieser Angelegenheit konnten Folgen entstehen, die heute noch unabsehbar waren. »Ich will mit dem Konrad reden. Wo ist er?« Waldemar zögerte: »Es wird uns nichts nützen.« Aber als er sah, daß Howe auf seinem Entschluß bestand, erhob er sich. In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und der Bruder trat ein.

»Wenn von eurer Angelegenheit gehandelt wird, so gehöre ich wohl auch dazu«, sagte er. Er begrüßte in seiner lässigen Art den Onkel, setzte eine Zigarette in Brand und nahm am Tisch Platz. Howe gab eine Erklärung: »Wir wollen allerdings von eurer Sache reden und ich will versuchen, euch einen nützlichen Rat zu geben. Euer Vater hat kein Testament hinterlassen, also müßt ihr euch nach Bauernrecht einigen. Nun sage mir, Konrad, was du forderst.« Der Gefragte entgegnete: »Was ich will, das hat er dir wohl gesagt. Ich fordere mein Drittel an Land.« – »Du wirst doch wohl die Wirtschaft nicht zerreißen wollen; keiner von euch hätte was davon.« – »Das geht mich nichts an. Was ich mit meinem Teil anfange, das wäre meine Sache, aber weil ihr noch in alten Vorstellungen lebt, habe ich mich bereit erklärt, meinen Anteil in Geld anzunehmen, wenn er mir in bar bezahlt wird.« – »O, es gibt schon genug.« – »Aber um welchen Preis? Wenn der Waldemar solche Schuld verzinsen will, so kann er die Wirtschaft schließen.« – »Das geht mich nichts an.« – Unter den Brauen des Alten fuhr ein scharfer Blick zu Konrad hinüber. Die gehässigen Antworten, vereint mit dem törichten Lächeln des Konrad, begannen Howe zu reizen. Er preßte die Lippen aufeinander und schob seine Tasse von sich. Die Faust wollte freies Feld haben für den Fall, daß sie aufdonnern sollte. Der Konrad fuhr fort: »Ihr sagt, dies geht nicht und das geht nicht, ja, was geht denn? Ich bin ebensogut meines Vaters Sohn wie der, wenn ich auch nach ihm geboren wurde. Und kurz und gut, ich klage um mein Geld.« – »Du klagst? Du willst klagen? Unsere Angelegenheit vor fremde Leute tragen? Jung, du bist ja wohl nicht klug, Bruder wider Bruder und Sohn wider Vater! Waldemar wird dir deinen Anteil verzinsen, und kommen bessere Zeiten, so kann man an Auszahlung denken, so ist es jetzt üblich.« Konrad setzte sich breit auf seinen Stuhl, wie ein Hahn, der die Federn bläht. »Mich geht's nichts an, was üblich ist, ich will mein Recht. Und darum bestehe ich darauf.« Howe entgegnete scharf: »Hast du dir einmal klargemacht, was deine Forderung bedeutet? Die Schindler sitzen seit zweihundert Jahren hier; wenn du auf deinem Recht bestehst, so zwingst du deinen Bruder, mit dem weißen Stab abzuziehen.« Der Konrad zuckte die Schultern. Aber diese geringschätzige Bewegung schlug bei dem Alten wie ein Schürhaken in die Glut. Seine Faust fiel auf den Tisch, daß Löffel und Tassen aneinanderklirrten. »Also so einer bist du! Ich habe dich immer verteidigt, wenn andere mich vor dir warnten, aber nun muß ich sagen: sie haben recht. Du bist überhaupt kein Bauer, du gehörst nicht zu uns. Nein, rede nicht darein, du bist ein Wegwisch. Und das will ich dir sagen: Wenn es in dieser dreimal verfluchten Zeit so scheinen mag, als triumphiere der Unsinn und das Recht, was kranke und erhitzte Köpfe sich ausdenken, – Menschenrecht und Bauernrecht bleiben doch bestehen.«

Die Stubentür wurde geöffnet und der jüngste der drei Brüder trat ein, blieb aber bleich und mit zitternden Lippen auf der Schwelle stehen. Howe ging auf ihn zu und packte ihn an die Brust, als sei der Fritz der Übeltäter. »Du hast gehört, was ich zu deinem zweiten Bruder sagte. Wenn er einen Funken von Scham besitzt, so wird er jetzt auspacken und davongehen. Du aber laß dir nicht einfallen, den Waldemar durch Forderungen zu bedrängen. Wir stehen alle für einen, und wehe dem, der mit uns anbindet.« Er ließ den langen Jungen los, wandte sich halb zurück und blickte Konrad an, blickte ihn herausfordernd und solange an, bis der, der seinen Platz am Tisch auf immer zu verteidigen dachte, sich erhob, wieder die Achseln zuckte und töricht lächelnd langsam der Tür zusteuerte. Die drei blieben im Zimmer. Sie sahen, daß nach kurzer Zeit der Konrad sein Rad über den Hof führte, am Eingang aufsaß und ohne um sich zu schauen davonfuhr. »Ich sah es an seinem Schädel, er gehört nicht zu uns, dieser Fremdling«, sagte Howe und schickte sich an, zu gehen.

*

Menschen, die in unserer Landschaft wohnen, erschließen sich schwer und lassen andere ungern in ihr Inneres blicken. Auch schwere Gedanken wälzen sich langsam, wie das Meer große Steinblöcke über den Grund rollt bis an den Strand. Aber zuweilen findet sich unter diesen schwersinnenden Menschen ein Herzenskundiger. Und das wird bei seltenen Gelegenheiten offenbar. Ein solcher Fall trat ein, als Jesko Cedergren seine Haftstrafe antrat.

Die Knechte von Rosenau waren beim Pflügen. Es war ein schlechtes Pflügen, das vor keinem Landmann bestehen konnte. Denn wer pflügt wohl um Winterausgang seinen Acker, der vom Herbst an ohne Pflugfurche liegen blieb, noch dazu, wenn dieser Acker sehr verqueckt ist, noch dazu, wenn das Erdreich naß ist und keinen Frost bekam. Danach kann nichts gedeihen als Unkraut. Darum pflügten die Knechte ihren Acker mit Unlust, und Lukas Düvel, der Vorknecht, packte den Pflugsterz wütend an und stieß ihn hart zur Erde, wenn das Schar auf einen Stein prallte, an denen kein Mangel war. Die Knechte saßen am Grabenrand unter dem dürren Weidenbusch nieder und hielten zweites Frühstück. Sie sprachen nicht miteinander, sondern blickten auf ihre Pferde, die geduldig dastanden, obgleich ihnen ein Wind die Mähnen und Schwänze aufblies. Da fuhr Cedergren vorüber und rief ihnen ein »Guten Morgen, Leute!« zu. Die Knechte rückten die Mützen und sahen Düvel an, der kunstgerecht zwischen den Fingern der Linken Speck und Brot hielt und der für sie alle den Gruß mündlich erwiderte. Einer sagte: »Da fährt nun der Baron in die Stadt, um sich einsperren zu lassen. Ist wohl noch nicht dagewesen auf Erden. Ob er dort wohl auch ein Himmelbett findet?« Der Mann wartete, doch die andern lachten nicht, es trat nur eine peinliche Stille ein, und Lukas Düvel sagte nur mit einem Blick auf seine Speckschwarte: »Rede kein dummes Zeug, Karl.« Und das war geradeso, als hätte der Spötter eine Ohrfeige erhalten. Um dieselbe Zeit stand Herr von Rosen auf Rosenau am Fenster und wartete auf den Ruf zum Frühstück. Heute war es ihm noch sicher, morgen schon konnte der Tisch hier für einen andern gedeckt sein. Da erblickte er den Jürgenshofer Wagen drüben auf der Chaussee. Er wußte, der junge Cedergren fährt fort zur Stadt, um sich einsperren zu lassen. Er stieß einen Laut aus, der wie ein Lachen klang, aber sein Gesicht legte sich dabei in Falten. Plötzlich fand er, daß er diesen Mann beneide, diesen jungen Menschen, der aus einer Welt voll platter Nützlichkeiten den Weg ins Heldische fand. –

Lätare, Lätare, rief die Glocke in dem hölzernen Turm der alten Granitsteinkirche in Unheim über das Dorf. Es war nur noch eine Glocke, die beiden andern hatte der Krieg gefordert. Lätare, rief sie, freue dich! Ja, wer sollte sich freuen in dieser Passionszeit, in dieser grauen Notzeit eines Volkes? Was alle nicht begriffen, nämlich, daß ein Herz ganz freudehell sein kann mitten auf dunklem Passionsweg, das wußte der junge Prätorius, als er unter dem Geläut über den dürren Totenacker zur Kirche schritt. Eigentlich erwartete ihn allerlei, was geeignet war, einen Menschen herabzustimmen: ein schmuckloser Raum, dem seit langem die zierende Hand der Liebe fehlte, ein kalter Ofen, vor allem ein leerer Raum. Denn die Gemeinde, die sich zu dieser Stunde hier hätte sammeln sollen, die fehlte. Die geringe Anzahl der Konfirmanden war da und einige Mütterchen und ein Altenteiler oder zwei. Aber von denen, die in dem brausenden Sturz der Tage handelnd und zum Eingreifen bereit in Saft und Kraft standen, von denen kam, ausgenommen an den hohen Feiertagen, keiner. Aber wenn auch Prätorius die Bitternis dieser Erfahrung Sonntag für Sonntag ausschmeckte, so war er doch gerecht genug, die Schuld da zu suchen, wo die Boten der frohen Botschaft sie am wenigsten finden möchten, bei sich selbst. Und wenn sich nur einer einfand, dem er hörende Ohren zutraute, so redete er zu diesem einen so, als wären alle Bänke gefüllt, und seine Worte waren aus der Not der Zeit geboren und für den Jammer der Zeit gesagt. Heute sah er im Winkel unter dem Orgelchor einen fremden, städtisch gekleideten jungen Mann, und so sprach Prätorius denn zu diesem einen. »Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott von ferne her? Meinst du, daß sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich dich nicht sehe.« Und dann erstand in der kalten, kahlen Kirche aus diesem Wort ein flammendes Glaubenszeugnis.

Als der junge Pfarrer zwei Tage darauf bei Pfarrer Asmus in Kniephagen eintrat, der sich wegen Amtsüberbürdung krank gemeldet hatte, erblickte er seinen einsamen Kirchenbesucher als Gast im Pfarrhaus. Der schien über die Lätarepredigt berichtet zu haben, denn Pfarrer Asmus nahm den jungen Amtsbruder, ehe dieser fortging, zu einer väterlichen Ermahnung beiseite: Er möge sich vorsehen und in seinen Predigten nicht die Tagesfragen streifen, die Luft sei mit Sprengstoff angefüllt und der Funke, der sie entzünde, dürfe nicht von einer Kanzel fallen. Der Junge hörte dem Älteren aufmerksam zu. Er war schon bereit gewesen, sich von dem alten Sofa zu erheben. Nun aber blieb er noch sitzen, seine Gedanken hielten ihn am Platz. Er blickte auf den alten Pfarrer, dessen Gesicht voller Falten war und der einen Halsumschlag trug. Dann umfaßte sein Blick auch den Raum; dieses Studierzimmer mit seinen alten Bücherregalen, in denen die theologischen Werke vor vierzig Jahren vermoderten und verstaubten. Diese Polsterstühle mit den gehäkelten Deckchen und gestickten Kissen, dieser Schreibtisch, auf dem Aktenbündel mit Pachtverhandlungen neben Merkblättern für die Predigt lagen. Die blanke Messingtür der Ofenröhre war geöffnet und von dorther drang der süßliche Geruch des Kamillentees, der das Zimmer beherrschte neben dem Duft von altem Tabaksrauch. Es war ein sehr gemütliches Zimmer und es erschien Prätorius begreiflich, daß ältere Menschen sich hier wohlfühlten und den Blick nur ungern über diese begrenzte Heimstatt erhoben, um dem Treiben des Märzwindes draußen zuzuschauen, der in tollen Sprüngen verkündete, daß ein neuer Frühling nahe. Dann erhob sich Prätorius jäh aus seinem Sofawinkel und es sah aus wie ein Protest. Asmus blickte seinen jungen Amtsverweser an. Er erwartete eine Antwort. Aber die Gedanken des Jungen gingen noch auf anderen Wegen. Ganz zerstreut erwiderte er: »Ich danke Ihnen, Herr Pastor, für Ihren Rat, aber die Art der Verkündigung ist mein Eigenstes, ich weiß nicht, ob ich davon lassen kann.« Als er draußen ging, die Hand am Hut, den ihm der Wind entreißen wollte, waren seine Gedanken noch immer in der wohlgeheizten Pfarrstube. Doch sie verweilten dort nicht mehr, sondern suchten den Weg nach den kalten frostigen Kirchen, in denen die Kanzeln über den leeren Bänken schwebten, und ihm schien, als sei zwischen da und dort ein ursächlicher Zusammenhang. Er hörte sich plötzlich sagen: nein, ihr Halben und Wohltemperierten, meine Weise sollt ihr mir lassen. – – –

Es war eine wortlose Unruhe im Land, deren Ursache nicht der aufgekommene Frühlingssturm war. Wenn zwei einander begegneten, so fielen wohl die gebräuchlichen Worte nach woher und wohin. Aber neben dem war ein Forschen des einen in den Blicken des andern, ein Fragen nach neuen Nachrichten, das mit einem Kopfnicken oder mit einem Wort beantwortet wurde. Auch hinter geschlossenen Türen und Fensterläden sprach man nicht von dem einen, das aller Herzen bewegte. Aber alle gingen mit gefalteter Stirn und fragenden Augen umher. Es war, als glaubten die Menschen, die Ackerbreiten und die Dinge in Wohnung und Stall hätten Ohren bekommen, vor denen sie sich hüten müßten.

Und über dem allen fuhr der Märzwind über Felder, deren Schollen er bald trocknete, und über Wälder, von deren Knospen er den heimlichen Duft in das freie Land trug. Der alte Henneke in Ükerhof, der seit Jahren schon nur in wenigen Nachtstunden schlief, wanderte jetzt durch das Haus und stieß dabei oft gegen einen Stuhl, der ihm wehe tat, doch konnte er es nicht lassen. Und wenn seine Schwiegertochter darüber erwachte, so bedurfte es vieler Worte, bis er seine Lagerstatt wieder aufsuchte. »Es ruft jemand auf dem Hof, Marie. Es klingt kläglich, als sei er in Not.« »Ach, Vater, da reibt der Wind den alten trocknen Lindenast wieder gegen den Stamm.« Der Alte murrte ein wenig, denn er hatte den Ruf wohl vernommen, aber er fügte sich und legte sich aufs neue. ? Und Appelmann wurde auch von der nächtlichen Unrast emporgetrieben. Er lief zuweilen zweimal des Nachts vor das Haus, stand am Gartenzaun und ließ den Wind in seinem Grauhaar spielen. Er blickte hinüber in die Gegend, wo sein verlassenes Ackerland unter der Gewalt des Sturmes lag. Aber er erkannte in dem unsicheren Licht des werdenden Mondes nichts und kehrte mir ungestillter Sehnsucht in seine Schlafstube zurück. –

Und eine war noch da, die in der unruhvollen Zeit keine Ruhe fand. Das war die Bäuerin Käte Richter in Kniephagen. Häufiger noch als ehedem erhob sie sich von ihrem Lager, ging ihrer Gewohnheit nach zu dem Bett ihres Knaben, zog ihm das Deckbett bis ans Kinn, zupfte hier und dort und blieb endlich stehen, um den Atemzügen des Kindes zu lauschen. Aber einmal, da sie trotz aller Müdigkeit nicht wieder den Schlaf fand, wurde es ihr klar: es ist gar nicht die Sorge um den Jungen, die sie wachhält, es ist ein rätselhaftes Verlangen im Blut. Als sie darüber sann, mußte sie eingestehen, daß sie an den Fremden inmitten ihrer Geschäftigkeit oft dachte. Würde er sein Wort halten und wiederkehren? Sie zweifelte nicht daran und doch tauchte die Frage immer aufs neue in ihr auf. Dann stand sie mitten in ihrer Arbeit still, die allzeit schaffenden Hände sanken ihr nieder und ihre Blicke gingen in die Ferne. Einmal, als sie aus einem so verträumten Augenblick aufsah, bemerkte sie, daß ihre Schwiegermutter sie betrachtete, sie hatte sie offenbar während der ganzen Zeit angeblickt. Verlegen strich die Frau die Haarsträhne zurück und schickte sich an, eine unterbrochene Hantierung zu beenden. Da hörte sie Größing fragen: Du hast die fliegende Röte im Gesicht, Käte, bist du krank?« Die Junge lachte verlegen auf: »Nein, Größing, nicht krank bin ich. Du weißt ja, Kind Heinrich! Es ist noch immer dasselbe.« Die wortreiche Entgegnung befriedigte die alte Frau nicht. Sie wiegte langsam den Kopf: »Dieses Mal war es wohl unser Heinrich nicht, an den du dachtest, warum auch, es geht ihm ja gut.« Die Bäuerin hatte ein Handtuch ergriffen und glättete es sorgsam. Sie wußte, den scharfen Sinnen der alten Frau entglitt keiner mit einer täuschenden Antwort. »Ach, Größing, was wird es sein, man hat wohl mal seine Gedanken.« Die alte Frau nickte: »Gut, gut!« Mochte die Käte denken was sie wollte. Sie hatte ihr zu verstehen gegeben, daß sie Bescheid wisse. Diese versonnene Haltung der jungen Frau galt sicher weniger dem kranken Kinde als dem Krankenhelfer. In den Augen der Jungen hatte gleich beim Eintreffen dieses Mannes etwas aufgeleuchtet. Sie hatte auch zuviel gefragt, als daß man annehmen könne, dieser Mann aus Hannover sei ihr gleichgültig. Kam da eine neue Verwickelung? Wurde da der Friede dieser drei Menschen bedroht? Die alte Frau sann oft darüber nach. Aber obgleich es ihr gegeben war, den Tod auf jemand zukommen zu sehen, so versagte ihr zukunftsheller Blick immer, sobald es sich um eine andere Schickung Gottes handelte.

Der Käte war das Schweigen peinlich, sie begann von einer anderen Sache zu reden. »Ich wollte dich noch etwas fragen, Größing. Die Munk hat mir erzählt, am Heidengrab sei alle Nacht ein Licht zu sehen und große Schatten von unsichtbaren Männern huschten dort umher.« Die alte Frau winkte ab: »Laß nur, Käte, man muß von solchen Dingen erst sprechen, wenn sie ausgetragen sind.«

Aber trotzdem die alte Richter stumm blieb und trotzdem keiner der anderen davon redete, alle wußten es: es lebt wieder um das Heidengrab. Zwischen Kniephagen und Ükershof, da, wo die Gemarkungen dreier Gemeinden zusammenstießen, dort lag das Hünengrab. Es war ein kegelförmiger Hügel, auf dem Erlen und Brombeeren wuchsen und Sommerblumen, deren Samen Vögel und Wind herzugetragen hatten. Das Grab war längst durchforscht; seine Schätze waren gehoben und wurden in einem Museum der Provinz gezeigt. Dennoch wußte man: Den alten Recken, der hier vor tausend und mehr Jahren bestattet war, ihn hatte man nicht entfernen können, sein Staub hatte sich mit der Erde gemischt, und sein Geistiges webte um diesen Ort, den die Menschen mieden und auf dem nur die Tiere des Feldes Zuflucht suchten. Der Pfleger vorzeitlicher Altertümer hatte dieses Hünengrab in seinen Schutz genommen und verboten, es anzurühren. Das wäre den Bewohnern des Landes gegenüber unnötig gewesen, denn ihre Ehrfurcht war größer als ihre Neugier. Sie wußten auch, daß sie die Grabstatt des alten Heidenkönigs wie ein Erbteil übernommen hatten, obschon sie das Kreuz anbeteten. Sie wußten, daß trotz dem Wandel der Zeit der Alte im Hügel zu ihnen gehöre. Man erzählte es nicht, aber jedermann wußte es, daß in Zeiten der Not und Bedrängnis der alte Hüne auferstehe, um sein Grab zur Nachtzeit streiche und in der Mittagsstunde droben im Baumschatten sitze. So war es gewesen zur Zeit der Bauernunruhen, da der Schwede im Land war und man Brot buk aus einem Teig, dem Baumrinde beigemischt war; so war es gewesen, als die Menschheitsgeißel Napoleon über das Land hinfuhr, und jetzt war es wieder so. Viele wollten ihn gesehen haben, als der Katzenaar schreiend in der Luft hing. Keiner sprach es aus, aber alle wußten, es war wieder Notzeit und der Alte zeigte sich. Er hatte die Schatten der Gefallenen vor Verdun und in Flandern herbeigeführt, die die alte Richter von ihrem Kammerfenster aus erblickt hatte. Was wollte er? Mahnen, beruhigen, zum Kampf aufrufen? Man wußte es nicht, aber man würde es erfahren. Die Not ist lange stumm, aber ist ihre Stunde da, so erhebt sie ihre Stimme, und vor der Gewalt ihres Rufes zittern die Tiere. Der Mensch aber steht auf und greift an das Werk, zu zerstören, was veraltet ist, zu beleben, was ein neues Leben wert ist.

*

Kaufmann Pohl stand in der Türe seines Ladens, hatte die Hände über seine Uhrkette gefaltet und drehte die Daumen umeinander. Das Mädchen, das in dem Haus gegenüber die Fenster putzte, wußte, daß es jetzt neun Uhr war. Denn Kaufmann Pohl hielt die Atempausen in seiner fleißigen Tätigkeit mit einer ungleichen Regelmäßigkeit inne. Wenn er auf der Schwelle erschien, so konnte man die Uhr danach einstellen. Der Markt war um diese Zeit schon ziemlich bevölkert. Milchwagen vom Lande hielten dort, die Amtsdiener schritten, die Aktentaschen unter dem Arm, geschäftig vorüber, und zu dem Vormittagszug rollten die ersten Wagen zum Bahnhof. Justizrat Berg trat aus seinem Haus und dankte für Pohls Morgengruß; dann kam der kleine Herr David aus dem Corswandschen Geschäftshaus. Er lüftete seinen kleinen Jägerhut, den er im Sommer und im Winter trug, und blieb zu einem kleinen Schwätz leutselig stehen. Er wußte, daß Kaufmann Pohl ihn gern nach den Kursen fragte. »Nun, Herr Pohl, zufrieden mit dem Geschäft?« Und die immer gleiche Frage beantwortete Pohl mit der gleichen Gebärde, die absolute Hoffnungslosigkeit ausdrücken sollte. Er hatte sich seit den Jahren der Inflation daran gewöhnt, den Stand seines gutgehenden Geschäfts vor Fremden und Bekannten als trostlos und jeden Tag als eine Stufe zum Abgrund zu bezeichnen. Heute hatte er Grund, die üblichen Fragen durch neue zu ersetzen.

»Wissen Sie, was heute die Leute vom Land in die Stadt treibt, Herr David?« »Keine Ahnung, Herr Pohl. Übrigens bemerkte ich auch nichts Derartiges. Es ist doch kein Feiertag, und wir haben auch kaum jetzt polnische Schnitter im Lande.« »Fremdes Volk meine ich nicht, Herr David, sondern Männer aus den nächsten Dörfern, die zu zweien und dreien hereinkommen. Es sind Bauern und Tagelöhner. Sehen Sie dort! Da gehen zwei kleine Siedlungsbesitzer und der lange Vorknecht aus Rosenau, Lukas Düvel.« »Werden wohl eine Versammlung haben. Das ist ja jetzt üblich geworden.« Er rückte sein Jägerhütchen und schritt quer über den Platz. Pohl blieb auf seiner Stelle stehen. Die Zeit für seine zweite Atempause war zwar vorüber, aber es peinigte ihn die Begierde, den Grund für die Zuwanderung der Landleute zu wissen. Als sich wieder zwei Männer zeigten, die, sonntäglich angezogen, den Eichenstock in der Faust, vorübergingen, kam der Kaufmann mit schnellen Schritten auf sie zu: »Guten Morgen, Gevatter, was ist denn heute los, daß so viele von euch bei uns erscheinen?« Die Männer blickten einander an. Als der eine die Schultern hob, sagte der andere: »Haben Sie noch nicht gehört, daß heute der junge Herr von Cedergren aus der Haft entlassen wird? Nun also, ihn wollen wir heimgeleiten.« Pohl machte ein erstauntes Gesicht. »Ei was ... Ja, aber was haben Sie damit zu tun?« Er kam nicht dazu, seine Verwunderung weiter auszudrücken. Die beiden Männer wandten sich und gingen fort. Der eine sagte: »Was versteht so ein Städter von unserer Angelegenheit? Der kann nur Zinsen anschreiben, wenn wir ihm ein Pfund Seife schuldig bleiben.«

Als Kaufmann Pohl zurückkam, erwartete ihn schon sein Nachbar, der Uhrmacher, der den Grund für den heutigen Zuzug auch wissen wollte. Die jungen Ladendiener hinter den Tischen spitzten die Ohren. Von jetzt an verließ kein Kunde den Laden, ohne um den Zug der Bauern zu wissen.

Bald mehrten sich die Ankommenden. Sie erschienen einzeln auf Rädern oder zu mehreren als Fußgänger. Zu Wagen kam keiner. Es blieb ruhig. Drüben in der Herberge begann jemand die Harmonika zu spielen; ein Mann erschien am Fenster und sang den bekannten Text:

»Wenn hier ein Pott mit Bohnen steiht
und da ein Pott mit Klüt,
so lat ick Klüt und Bohnen stahn
und gah to min Marie.«

Die Arbeitslosen begannen sich zu sammeln. Einer der hageren Männer schrie etwas zu dem Sänger hinüber, was nicht wie eine Aufforderung klang. Darauf brach das Lied ab. Der Lehrling Kaufmann Pohls, der eine Bestellung zu machen hatte, kam zurück und erzählte, daß in der Gerichtsstraße schon große Mengen von Landleuten versammelt seien. Sie wären aber ruhig, einige von ihnen säßen in den Beiwachten und auf den Treppenstufen der gegenüber gelegenen Häuser und äßen ihr Brot. Es fanden sich in dem Laden ungewöhnlich viele Käufer, besonders Frauen, ein, die mit bekümmerten Mienen den Fall besprachen und schon von schrecklichen Taten zu erzählen wußten. Die Frau von Werkmeister Lütt, die lang und dürr wie ein Zaunstecken war, bemerkte über die Köpfe ihrer Vorgängerinnen hinweg, daß es Pflicht eines guten Bürgers sei, die Polizei aufmerksam zu machen. Der Herr Bürgermeister sitze wahrscheinlich in seiner Amtsstube, deren Fenster auf den Hof hinausgingen, und wisse von nichts. Worauf sich die Frau des Polizeisergeanten meldete: Sie sei auf dem Hinweg schon im Rathaus gewesen und habe ihren Mann verständigt.

Es erschien auch wirklich in der engen Gasse, in der das Amtsgericht und das Gerichtsgefängnis lagen, der wachthabende Stadtpolizist. Der Mann schritt einige Male auf und nieder, erwiderte die Grüße, die ihm geboten wurden, und meldete auf der Amtsstube, daß alles in Ordnung sei. Bald darauf erschien am Ende der Straße ein anderer Aufpasser. Lukas Düvel stieß seinen Nachbarn an: »Sieh, da ist der Konrad Schindler aus Kniephagen. Was mag der hier wollen?« Der Konrad bewegte sich von einer Gruppe zur andern. Er tat sehr leutselig und sprach mit den Leuten, als habe er mit jedem auf der Schulbank gesessen. Man gab ihm aber kurzen Bescheid, wandte ihm die Kehrseite zu oder blickte durch ihn hindurch, wenn er weitergegangen war, steckten die Männer die Köpfe zusammen: »Will er sich hier aufspielen oder will er horchen?« Man tat, als sei er ein Nichts. Der Unwille des tätigen Mannes gegen den Untätigen kam deutlich zum Ausdruck.

In dem Gerichtsgebäude schien man von der Ansammlung keine Notiz zu nehmen. Hinter dem Fenster links vom Eingang, wo die Kanzlei lag, erschienen die Köpfe einiger Beamten und verschwanden wieder. In dem Fenster auf der anderen Seite sah man die Robe des Amtsrats. Hier begann wohl eine Verhandlung. Nach Verlauf einer halben Stunde zeigte sich der Richter wieder, und gleich darauf kam der Amtsdiener die Treppe herab. Er rief einen der Zunächststehenden und fragte nach dem Begehr. »O, wir erwarten Herrn von Cedergren, den sie heute Vormittag freilassen«, erwiderte der Mann. Der Amtsdiener fragte nach dem Bauer Howe. Da antwortete Wittmüs, der in der Nähe stand: »Unser Führer Howe konnte heute nicht abkommen, aber für ihn bin ich eingetreten.« Der Beamte schien befriedigt, ging wieder in das Gerichtsgebäude, blieb auf der obersten Treppenstufe stehen und sagte zu den Männern: »Es wird gewünscht, daß Sie leise sprechen, damit die Verhandlung drinnen nicht gestört wird.« Eine Gruppe gab der anderen die Mahnung weiter, und das ohnehin gedämpfte Reden wurde nun im Flüsterton weitergeführt.

Als die Rathausuhr elf Schläge über den Markt rollen ließ, waren so viele Bauern in der Gerichtsgasse, daß die Männer Schulter an Schulter standen. Da öffnete sich die Pforte, die in der Mauer des Gerichtshofs war, und der junge Baron erschien in der Öffnung. Er blieb einen Augenblick betroffen stehen, aber die Bauern, die zunächst standen, vermochten beim Anblick des Mannes, der von einem der ihren die Strafe abgewandt hatte, nicht ruhig zu bleiben. Ein Jubelschrei stieg in die Luft, pflanzte sich fort und wurde wiederholt. Es war, als löse sich die Spannung der Wartenden in einem elementaren Ruf, der nicht dem opferwilligen jungen Mann, sondern dem Sieg ihrer Sache galt. Auch Jesko erschien es so: Der Willkommgruß gilt ihrer Freiheit. Aber als Wittmüs vor ihn hintrat und zu ihm sagte: »Herr Baron, wir wollten Sie als Dankbezeugung für Ihr mannhaftes Eintreten in den Kampf für Bauernrecht hier begrüßen und Sie heimgeleiten«, da wurden ihm doch die Augen feucht. Er fühlte, dies war einer der großen Augenblicke im Leben, die nicht wiederkehren. Er sprang schnell die wenigen Stufen der Gerichtstreppe empor und redete zu den Versammelten ein paar Worte von Dank und Pflicht und Zusammengehörigkeit, bis er sich plötzlich durch eine Berührung unterbrochen fühlte. Als er sich jäh umwandte, erblickte er einen älteren Herrn und hörte eine Stimme sagen: »Hat diese Versammlung unter freiem Himmel die Erlaubnis der Behörde?«

Jesko verstand den Wink und brach ab. Wie auf Verabredung ordnete sich der Zug der Abgehenden, voran einige Bauern, die ihre Räder führten, dann hinter Jesko die übrigen, die ihre Handstöcke geschultert trugen. Wer fing da plötzlich an zu singen? Wer nahm das Lied auf, das Lied, das Deutschland über alles pries? Es ging wie ein brausender Strom wiedererwachten lenzlichen Lebens durch die Stadt. Die Menschen blieben stehen und einer fragte den andern, was denn los sei. Fenster öffneten sich und Tücher winkten, von Frauenhand geschwenkt, den Gängern einen Gruß zu. An der Ecke des Marktes aber wurde ein Fensterflügel geöffnet und der Kopf einer alten Dame erschien. Es war die weißhaarige Ökonomierätin. Der Krieg hatte von ihr drei Söhne gefordert. Sie hatte kein Vaterlandslied mehr gehört seit dem Tag, da die Jungen auszogen. Und nun dies! Sie hob beide Hände vor ihr Gesicht, und unter der Gewalt des stürmischen Liedes begann sie fassungslos zu weinen. Die arbeitslosen Männer am Markt sahen verlegen auf die Vorüberziehenden. Die Gallenbitternis ihres Herzens wollte ein freches Schimpfwort schleudern, aber keiner brachte es fertig. Konrad Schindler stand da, die Hände in den Hosentaschen vergraben, das törichte Lächeln um seinen Mund, ein Verneiner, ein Auslösender. Jetzt erblickte er unter den Marschierenden seinen älteren Bruder, der sein Parteiabzeichen trug. Ein kurzer Blick hinüber und herüber, und wie das Aufblitzen zweier blanker Messerklingen zuckte der Haß auf. Schnell trat der Konrad vor und spie auf des Bruders Rock. Der aber tat, als hätte er nichts gesehen.

Wie ein Wildstrom brauste Deutschlands Lied, hinreißend zu jachem Mut und zu Tränen des Schmerzes, aufreizend zur Tat und den Willen befeuernd: Deutschland, Deutschland über alles!

Auf eine Haustreppe war Pastor Prätorius getreten, um den Zug vorüberzulassen. Er sang laut mit, seine Augen leuchteten. Als die Singenden das Tor durchschritten hatten, kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, was der Aufzug bedeutete. Florian Geyer? dachte er. Nun, wenn schon, Florian Geyer!

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