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Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche

Martin Luther: Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche - Kapitel 8
Quellenangabe
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typetractate
authorMartin Luther
titleVon der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche
publisherVerlag Vandenhoeck & Ruprecht
seriesDie Werke Martin Luthers
volumeBand 2: Martin Luther. Der Reformator.
printrun2., durchgesehene Auflage
editorKurt Aland
year1981
firstpub1520
correctorreuters@abc.de
senderMartin Bayer
created20100728
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Vom Sakrament der letzten Ölung

Diesem Brauch, die Kranken zu ölen, haben unsere Theologen zwei ihrer würdige Zusätze angefügt: Einen, daß sie das ein Sakrament nennen, den andern, daß sie es zu einer ›letzten‹ (Ölung) machen. So soll es jetzt das ›Sakrament der letzten Ölung‹ sein, welches niemandem gegeben werden darf, er liege denn in den letzten Zügen. Vielleicht wollten sie – es sind ja spitzfindige Dialektiker – eine Beziehung herstellen zur ersten Salbung, der Taufe, und zu den folgenden beiden Sakramenten, der Firmung und der Weihe. Hier haben sie tatsächlich, womit sie mir den Mund stopfen können, nämlich daß hier nach dem Zeugnis des Apostels Jakobus die Verheißung und das Zeichen seien, durch welche, wie ich bisher gesagt habe, das Sakrament ausgemacht wird. Denn er sagt (Jak. 5, 14 f.): ›Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, daß sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.‹ Siehe – sagen sie – hier hast du die Verheißung der Sündenvergebung und als Zeichen das Öl. Ich aber sage, ist irgendwo törichtes Zeug geredet worden, so ganz besonders hier. Ich rede nicht davon, daß diese Epistel nicht ein Brief des Apostels Jakobus und auch nicht dem apostolischen Geist gemäß ist, wie viele sehr glaubwürdig versichern, denn er hat, gleich von wem er stammt, durch die Gewohnheit Autorität erlangt. Aber selbst wenn er vom Apostel Jakobus stammte, würde ich dennoch sagen, daß es einem Apostel nicht anstehe, aus eigener Macht ein Sakrament einzusetzen, d. h. eine göttliche Verheißung zusammen mit einem Zeichen zu geben. Denn das steht allein Christus zu. 1. Kor. 11, 23 sagt Paulus, daß er von dem Herrn das Sakrament des Brotes empfangen habe, und 1. Kor. 1, 17, er sei nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen. Aber nirgends liest man im Evangelium etwas von einem Sakrament der letzten Ölung, Aber auch das wollen wir beiseitelassen. Wir wollen die Worte des Apostels – oder wer sonst der Verfasser dieses Briefes ist – selbst ansehen. Da werden wir gleich sehen, wie die sie eben nicht beachteten, welche die Sakramente vermehrt haben.

Erstens: wenn sie der Meinung sind, daß das wahr und zu halten ist, was der Apostel sagt, mit weicher Vollmacht verändern sie es dann und widerstehen ihm? Warum machen sie eine letzte und besondere Ölung daraus, die doch der Apostel als allgemein gewollt hat? Denn der Apostel hat nicht gewollt, daß es die ›letzte‹ (Ölung) sein sollte, die man allein den Sterbenden geben dürfe, sondern er sagt schlechthin: ›Ist jemand krank…c‹, er sagt nicht: ›Liegt jemand im Sterben.‹

Aber das ist noch besser, was die Verheißung des Apostels ausdrücklich sagt: ›Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten‹ usw. Siehe, der Apostel gebietet, daß Ölung und Gebet zu dem Zweck geschehen sollen, daß der Kranke geheilt und ihm besser wird, d. h. daß er nicht stirbt und daß diese Ölung eben nicht die letzte ist. Das beweisen auch bis zum heutigen Tag die Gebete, die man während der Ölung spricht. Darin bittet man, daß der Kranke gesund wird. Sie dagegen sagen, daß die Ölung niemandem gegeben werden soll als den Sterbenden, d. h. daß sie nicht gesund und wiederhergestellt werden. Wenn diese Sache nicht so ernst wäre, wer könnte sich über so eine schöne, passende und verständige Auslegung der apostolischen Worte des Lachens enthalten? Wird hier nicht öffentlich ihre sophistische Torheit entlarvt, die wie hier auch an vielen anderen Stellen bejaht, was die Schrift verneint, und verneint, was die Schrift bejaht? Warum sollten wir also unseren so hochgelehrten Meistern nicht Dank sagen? Ich habe doch wohl zu Recht gesagt, daß sie nirgends noch größeren Wahnsinn geredet haben als hier.

Weiter: Ist diese Ölung ein Sakrament, dann müßte sie (wie sie sagen) ohne Zweifel ›ein wirksames Zeichen‹ dessen sein, was sie anzeigt und verheißt. Nun verheißt sie Gesundheit und Wiederherstellung des Kranken, wie die Worte klar dastehen: ›Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.‹ Wer sieht aber nicht, daß diese Verheißung bei wenigen, ja bei keinem erfüllt wird? Denn unter tausenden (welche die ›letzte Ölung‹ empfangen) wird kaum einer wieder gesund, und das schreibt niemand dem Sakrament sondern der Hilfe der Natur oder der Arznei zu. Denn dem Sakrament schreiben sie die entgegengesetzte Kraft zu. Was sollen wir also sagen? Entweder lügt der Apostel mit dieser Verheißung, oder diese Ölung ist kein Sakrament. Denn die Verheißung, die einem Sakrament gegeben ist, ist zuverlässig, diese aber (hier bei der Ölung) ist zum größten Teil irreführend. Ja, damit wir dieser Theologen Weisheit und Wachsamkeit noch einmal feststellen: sie wollen deshalb, daß die Ölung die letzte ist, damit die Verheißung nicht bestehe, d. h. damit das Sakrament kein Sakrament sei. Denn ist es die letzte, so macht sie nicht gesund, sondern erliegt der Krankheit; macht sie aber gesund, so kann sie nicht die letzte sein. Nach der Auslegung dieser Meister muß Jakobus sich selbst widersprochen haben. Damit er kein Sakrament stiftete, muß er ein Sakrament gestiftet haben; sie wollen, daß die Ölung darum die letzte ist, damit es eben nicht wahr sei, daß der Kranke durch sie gesund werde, wie Jakobus es festgestellt hat. Wenn das nicht Wahnsinn ist, so frage ich, was überhaupt Wahnsinn ist?

Auf diese (Ausleger der Schrift) trifft das Wort des Apostels zu, 1. Tim. 1, 7: ›Sie wollen der Schrift Meister sein und verstehen selber nicht, was sie sagen oder was sie behaupten.‹ So lesen sie alles ohne Urteilsvermögen und handeln dann dementsprechend.

Ich meine daher, daß diese Ölung dieselbe ist, von der Markus 6, 13 über die Apostel geschrieben steht: ›Sie salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund‹, ein Brauch der alten Kirche, durch den sie Wunder an den Kranken taten. Dieser Brauch ist aber schon längst abgekommen wie auch das, was Markus 16, 17 f. sagt: Christus hat den Gläubigen die Macht gegeben, Schlangen zu vertreiben und die Hände auf Kranke zu legen usw. Es wundert mich, daß sie aus diesen Worten nicht auch Sakramente gemacht haben, wo sie doch die gleiche Kraft und Verheißung haben wie die Worte des Jakobus. Diese ›letzte‹, d. h. erdichtete Ölung ist also kein Sakrament, sondern ein Rat des Jakobus – dem folgen kann, wer da will – genommen und übriggeblieben aus dem Evangelium Mark. 6, wie ich gesagt habe. Denn ich glaube nicht, daß dieser Rat allen Kranken gegeben ist – da ja die Krankheit in der Kirche als Ehre gilt und der Tod als Gewinn (Phil. 1, 21) – sondern nur allen, die ihre Krankheit ungeduldig und schwach im Glauben tragen. Die hat Gott deshalb bleiben lassen, damit sich an ihnen die Wunderzeichen und die Macht des Glaubens erwiesen.

Und das hat Jakobus mit Vorsicht und Bedacht vorhergesehen, als er die Verheißung der Genesung und der Vergebung der Sünden nicht der Ölung, sondern dem gläubigen Gebet zugeeignet hat. Denn so sagt er (Jak. 5, 15): ›Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er hat Sünden getan, wird ihm vergeben werden.‹ Denn das Sakrament fordert nicht das Gebet oder den Glauben des Geistlichen, weil ein Sünder auch taufen und weihen kann, ohne Gebet, sondern es beruht allein auf der Verheißung und Einsetzung Gottes und fordert den Glauben des, der es empfängt. Wo ist aber bei unserer heutigen letzten Ölung das gläubige Gebet? Wer betet mit solchem Glauben über einem Kranken, daß er nicht zweifelt, daß er gesund wird? Ein solches Gebet des Glaubens beschreibt Jakobus hier, von dem er auch zu Anfang (1, 6) gesagt hat: ›Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht‹. Und Christus sagt (Mark. 11, 24): ›Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihrs empfangt, so wirds euch werden.‹

Daran ist gar kein Zweifel: wenn heutigen Tages von älteren, ehrwürdigen und heiligen Männern ein solches Gebet voll Glaubens über einem Kranken gesprochen würde, würden so viele geheut, wie wir wollten. Denn was vermag der Glaube nicht? Aber wir setzen den Glauben hintan (den diese Worte des Apostels Jakobus vor allem fordern) und verstehen unter Ältesten jede beliebige Priesterschar, wohingegen das doch durch Alter und Glauben ausgezeichnete Männer sein sollten. Danach machen wir aus einer täglichen und freien Ölung die letzte und erwirken damit nicht allein nicht die Gesundheit, die Jakobus verheißen hat, sondern im Gegenteil, wir vernichten sie. Und nichtsdestoweniger rühmen wir uns, unser ›Sakrament‹, d. h. vielmehr unser (selbsterfundenes) Gebilde könne mit den Worten des Apostels, die doch ganz und gar dazu im Widerspruch stehen, begründet und bewiesen werden. O, diese Theologen!

Das sei für diesmal genug über diese vier Sakramente. Ich weiß, das wird denen, die die Anzahl und die Handhabung der Sakramente nicht aus der heiligen Schrift, sondern vom römischen Stuhl herleiten zu müssen meinen, mißfallen. Es gibt außerdem noch einiges andere, das anscheinend zu den Sakramenten gerechnet werden könnte, nämlich all das, dem eine Verheißung Gottes zuteil geworden ist: dazu gehören das Gebet, das Wort, das Kreuz. Denn Christus hat den Betenden an vielen Stellen (der Schrift) Erhörung zugesagt, besonders Luk. 11, 5 ff., wo er uns mit vielen Gleichnissen zum Beten einlädt. Und vom Wort sagt er (Luk. 11, 28): ›Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.‹ Wer will aber aufzählen, wie oft er den Angefochtenen, Duldenden und Gedemütigten Hilfe und Ehre verheißt? Ja, wer kann alle Verheißungen Gottes zählen, wo doch die ganze Schrift nur darauf abzielt, uns zum Glauben zu reizen und uns einmal mit Geboten und Drohungen drängt und dann wieder mit Verheißungen und Tröstungen anlockt. Alles, was geschrieben steht, ist entweder Gebot oder Verheißung; die Gebote demütigen die Hoffärtigen durch ihre Forderungen, die Verheißungen aber erhöhen die Gedemütigten durch ihre Vergebungen.

Wir haben aber gesehen, daß eigentlich nur die Verheißungen Sakramente genannt werden können, die mit (äußeren) Zeichen verbunden sind. Die anderen aber sind bloße Verheißungen, weil sie nicht an Zeichen gebunden sind. Daraus folgt, wenn wir streng reden wollen, daß es in der Kirche Gottes nur zwei Sakramente gibt: die Taufe und das Brot; denn allein bei diesen beiden sehen wir das aufgerichtete göttliche Zeichen und die Verheißung der Sündenvergebung, Denn das Sakrament der Buße, welches ich zu diesen beiden zugerechnet habe, ermangelt eines sichtbaren und von Gott gestifteten Zeichens; es ist, wie gesagt, nichts anderes als ein Weg und eine Rückkehr zur Taufe.

Die Taufe, die wir dem ganzen Leben zueignen, ist in Wahrheit genug für alle Sakramente, die wir in unserm Leben gebrauchen sollen. Das Brot aber ist in Wahrheit das Sakrament der Sterbenden und von dieser Welt Abscheidenden, weil wir in ihm des Abschieds Christi von dieser Welt gedenken, um ihm nachzufolgen. Laßt uns diese zwei Sakramente so aufteilen, daß die Taufe dem Anfang und dem ganzen Lebenslauf, das Brot aber dem Ende und dem Tode zugeteilt werde. Und ein Christ soll sie beide gebrauchen, solange er in diesem Leibe ist, bis er vollkommen getauft und gestärkt aus dieser Welt geht, geboren zu einem ewigen neuen Leben, wo er mit Christus im Reich seines Vaters essen wird, wie er es im Abendmahl verheißen hat, wo er sagt (Matth. 26, 29): ›Wahrlich ich sage euch: ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken, bis an den Tag, da ichs neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.‹ Hier sehen wir ganz deutlich, daß das Sakrament des Brotes für den Empfang des ewigen Lebens gestiftet ist. Dann nämlich, wenn Aufgabe und Wesen beider Sakramente erfüllt ist, werden Taufe und Brot aufhören.

Hiermit will ich ein Ende dieses Vorspiels machen, weiches ich allen frommen Christen gern und mit Freuden übergebe, die nach dem rechten Verständnis der Schrift suchen und den wahren Brauch der Sakramente zu wissen begehren. Es ist nämlich keine geringe Gabe zu wissen, was uns geschenkt ist, wie es 1. Kor. 2, 12 heißt, und wie man diese Gaben gebrauchen soll. Denn mit dem Urteilsvermögen des Geistes ausgerüstet, werden wir uns nicht fälschlicherweise auf Dinge verlassen, die sich ganz anders verhalten. Diese beiden Stücke, welche uns unsere Theologen niemals gegeben, ja sogar mit Fleiß verdunkelt haben, habe ich, wenn nicht gegeben, so doch aber sicher das erreicht, daß ich es nicht verdunkelte, sondern anderen Gelegenheit gab, Besseres darüber auszuführen. Meine Absicht wenigstens war es, beides darzubieten. Jedoch können wir nicht alle alles. Den Gottlosen aber und denen, die uns anstatt der göttlichen Lehren hartnäckig die ihren aufdrängen wollen, halte ich getrost und frei diese Schrift entgegen und kümmere mich nicht um ihren unvernünftigen Eifer, wenngleich ich auch ihnen einen klaren Verstand wünschte. Ich verachte ihre Bemühungen auch nicht, sondern ich möchte sie nur von den echten und wahrhaften Christen unterschieden wissen.

Denn ich höre ein Gerücht, daß aufs neue Bullen und päpstliche Flüche gegen mich ausgefertigt sind, durch die ich zum Widerruf gezwungen oder zum Ketzer erklärt werden soll. Wenn das wahr ist, dann soll dieses Büchlein ein Teil meines künftigen Widerrufs sein; sie sollen sich nicht beklagen können, daß ihre Gewaltherrschaft ungestraft so aufgebläht ist. Den restlichen Teil werde ich nächstens mit Christi Hilfe so herausgehen lassen, wie es der römische Stuhl bisher weder gesehen noch gehört hat. Damit werde ich meinen Gehorsam zur Genüge beweisen. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.

Was fürchtst du Feind Herodes sehr,
Daß uns geborn kommt Christ, der Herr,
Er sucht kein sterblich Königreich,
Der zu uns bringt sein Himmelreich.

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