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Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche

Martin Luther: Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche - Kapitel 4
Quellenangabe
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typetractate
authorMartin Luther
titleVon der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche
publisherVerlag Vandenhoeck & Ruprecht
seriesDie Werke Martin Luthers
volumeBand 2: Martin Luther. Der Reformator.
printrun2., durchgesehene Auflage
editorKurt Aland
year1981
firstpub1520
correctorreuters@abc.de
senderMartin Bayer
created20100728
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Von dem Sakrament der Buße

An dritter Stelle soll von dem Sakrament der Buße die Rede sein, über das ich bereits einige kleine Traktate und Disputationen veröffentlicht und damit bei vielen genug Anstoß erregt habe; ich habe dort zur Genüge auseinandergesetzt, was ich davon halte. Jetzt brauche ich das nur kurz zu wiederholen, um die Tyrannei zu enthüllen, die hier nicht weniger als im Sakrament des Brotes überhand genommen hat. Denn in diesen beiden Sakramenten hat, weil hier Gewinn- und Geldsucht ihren Platz fanden, die Habsucht der Hirten unglaublich gegen die Schafe Christi gewütet, obwohl, wie wir schon in bezug auf die Gelübde gesehen haben, auch die Taufe bei den Erwachsenen erbärmlich darniederliegt, damit der Habsucht gedient werde.

Das erste und das Hauptübel bei diesem Sakrament ist, daß sie seinen Sakramentscharakter ganz abgeschafft haben, so daß keine Spur davon geblieben ist. Denn weil es, wie die beiden anderen Sakramente, auf dem Wort der göttlichen Verheißung und unserm Glauben steht, haben sie beides über den Haufen geworfen. Denn das Wort der Verheißung, wo Christus, Matth, 16, 19, sagt: ›Alles, was du binden wirst‹ usw., und Matth. 18, 18: ›Alles, was ihr binden werdet‹, und Joh. 20, 23: ›Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen‹ usw. – Worte, durch die der Glaube derer, die Buße tun, erweckt wird, um die Vergebung der Sünden zu erlangen – haben sie ihrer Tyrannei angepaßt. Denn in all ihren Büchern, Lehren und Predigten haben sie sich nicht bemüht zu lehren, was den Christen in diesen Worten verheißen ist, was sie glauben sollen und wieviel Trost sie darin haben, sondern wie weit, wie lang und wie tief sie selbst mit Macht und Gewalt Tyrannei treiben könnten, bis schließlich einige sogar anfingen, auch den Engeln im Himmel zu gebieten; sie prahlen mit unglaublicher und rasender Ruchlosigkeit, sie hätten mit diesen Worten das Herrschaftsrecht im Himmel und auf Erden empfangen und besäßen die Macht, auch im Himmel zu binden. So lehren sie nichts von dem das Volk rettenden Glauben, sondern sie faseln nur von der tyrannischen Gewalt der Päpste, obwohl doch Christus nichts in bezug auf die Gewalt, sondern alles in bezug auf den Glauben behandelt.

Denn Christus hat nicht Reiche, nicht Gewalten, nicht Herrschaften, sondern Dienste in seiner Kirche gestiftet, wie wir vom Apostel gelernt haben, der da sagt (1. Kor. 4, 1): ›Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse.‹ Ebenso hat die Stelle, wo Christus sagt (Mark. 16, 16): ›Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden‹, den Glauben derer erweckt, die getauft wurden; durch dieses Wort der Verheißung soll der Mensch, wenn er getauft wird und glaubt, gewiß sein, daß er selig wird. Hier wird schlechterdings nichts an Gewalt verliehen, sondern lediglich ein Dienst an denen, die getauft werden sollen, eingerichtet. Ebenso ist es auch hier. Wenn er sagt: ›Alles, was du binden wirst‹ usw., erweckt er den Glauben des Büßenden, daß er durch dieses Wort der Verheißung gewiß sei: wenn er im Glauben losgesprochen würde, daß er im Himmel wahrhaftig losgesprochen sei. Da wird eindeutig nichts von Gewalt, sondern der Dienst dessen berührt, der da losspricht. Und es ist verwunderlich genug, was jenen blinden und anmaßenden Menschen widerfahren sein muß, daß sie sich nicht auch aus der Verheißung der Taufe eine Tyrannei angemaßt haben; oder wenn sie sich diese nicht angemaßt haben, warum sie es sich dann bei der Verheißung der Buße herausgenommen haben, wo doch bei beiden Sakramenten der gleiche Dienst, eine ähnliche Verheißung und gleiche Art von Sakrament gegeben ist. Man kann also nicht leugnen: wenn die Taufe Petrus nicht allein zugehört, daß dann auch die Schlüsselgewalt nur mit gottloser Tyrannei für den Papst allein in Anspruch genommen wird.

Desgleichen, wenn Christus sagt: ›Nehmet, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird, das ist der Kelch in meinem Blut‹ usw., erweckt er den Glauben derer, die da essen, daß mit diesen Worten ihr Gewissen durch den Glauben befestigt wird und sie gewiß seien, sie empfangen die Vergebung der Sünden, wenn sie davon essen. Und auch hier verlautet nichts von Gewalt, sondern allein vom Dienst. Aber die Verheißung der Taufe ist einigermaßen nur den Kindern geblieben, die Verheißung des Brots und des Kelchs ist ausgelöscht und in die Knechtschaft ihrer Habsucht verschleppt worden, und aus dem Glauben ist ein Werk, aus dem Testament ein Opfer entstanden; die Verheißung der Buße hat sich zu einer sehr grausamen Tyrannei entwickelt und zur Aufrichtung einer mehr als weltlichen Herrschaft geholfen.

Nachdem nun die Verheißung und der Glaube in Vergessenheit gebracht und zunichte gemacht sind, laßt uns sehen, was sie an deren Stelle gesetzt haben. In drei Teile haben sie die Buße eingeteilt: Reue, Beichte, Genugtuung, doch so, daß sie von jedem das weggenommen haben, was Gutes daran war, und an deren Stelle haben sie ihre Willkür und ihre Tyrannei gesetzt.

Zuerst haben sie von der Reue so gelehrt, daß sie diese dem Glauben an die Verheißung weit vorgezogen haben und noch viel schlimmer: sie wäre nicht ein Werk des Glaubens, sondern ein Verdienst. Ja sie gedenken seiner nicht einmal, so haften sie nämlich an den Werken und Beispielen der Schrift, wo man liest, daß viele die Gnade wegen der Zerknirschung ihres Herzens und ihrer Demut erlangt haben. Aber sie bemerken den Glauben nicht, der solche Zerknirschung und Schmerzen des Herzens bewirkt hat, wie von den Niniviten Jonas 3, 5 geschrieben steht: ›Die Leute zu Ninive glaubten an Gott und ließen predigen, man sollte fasten‹ usw. Noch vermessener und ärger als diese (die contritio) haben sie eine ›kleine Reue‹ (attritio) erdichtet, welche durch die Kraft der Schlüssel – die sie nicht kennen – zu einer rechten Reue würde. Diese schreiben sie den Gottlosen und Ungläubigen zu, um so die gesamte Reue abzutun. O unerträglicher Zorn Gottes, daß das in der Kirche Gottes gelehrt werden kann! Nachdem wir so den Glauben und sein Werk zugrunde gerichtet haben, gehen wir in falscher Sicherheit in den Lehren und Meinungen von Menschen einher, vielmehr wir verderben darin. Es ist ein groß Ding um ein zerschlagenes Herz, aber nur in dem Glauben, der durch die Verheißung und göttliche Drohung brennt, der die unerschütterliche Wahrheit Gottes sieht, davor zittert und erschrickt und so das Gewissen zerknirscht, es aber auch wieder erhöht, es tröstet und das zerknirschte Gewissen erhält. So wie die Wahrheit der Drohung Gottes die Ursache für die Zerknirschung ist, so ist die Wahrheit der Verheißung die Ursache für den Trost, wenn sie geglaubt wird und der Mensch mit diesem Glauben Vergebung der Sünden erlangt. Darum soll vor allen Dingen der Glaube gelehrt und erweckt werden; wenn der Glaube siegt, dann werden unfehlbar Zerknirschung und Trost von selbst folgen.

Deshalb (obwohl an ihrer Lehre etwas ist) lehren die, welche sagen, daß man zur Zerknirschung nur kommen könne, indem man seine Sünden (sozusagen) überdenkt und sich vor Augen hält, etwas ganz Gefährliches und Verkehrtes, solange sie nicht zuvor den Grund und die Ursachen der Reue lehren, nämlich die unerschütterliche Wahrheit der göttlichen Drohung und Verheißung, die uns zum Glauben rufen soll. Sie sollten einsehen, daß sie mit viel größerem Nachdruck auf die göttliche Wahrheit sehen müssen, durch die sie gedemütigt und erhöht werden, als auf die Menge ihrer Sünden. Wenn man sie außerhalb der göttlichen Wahrheit ansieht, wird man die sündlichen Begierden vielmehr erregen und vermehren als zur Reue zu führen. Ich schweige hier von der unüberwindlichen Mühe, die sie uns auferlegt haben, daß wir nämlich um aller Sünden willen zerknirscht sein sollten. Das ist doch unmöglich, wir können nur den geringsten Teil unserer Sünden kennen, zumal auch die guten Werke als Sünden anzusehen sind, wie Psalm 143, 2 sagt: ›Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht: denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.‹ Denn es ist genug, daß wir die Sünden bereuen, welche uns jetzt in unserm Gewissen quälen, die man kennt und an die man sich leicht erinnert. Denn wer so geängstigt ist, der ist ohne Zweifel bereit, alle Sünden zu bereuen und zu fürchten, und wird sie bereuen und sich davor entsetzen, wenn sie ihm künftighin offenbar werden.

Hüte dich also, auf deine Reue zu vertrauen oder die Sündenvergebung deinem Schmerz zuzuschreiben. Denn Gott sieht dich nicht deswegen an, sondern wegen deines Glaubens, durch den du seinen Drohungen und Verheißungen geglaubt hast, der einen solchen Schmerz überhaupt bewirkt hat. Und darum verdankt man nicht seiner Sorgfalt, mit der man seine Sünden aufzählt, sondern der Wahrheit Gottes und unserm Glauben, was Gutes in der Buße ist. Alles andere sind Werke und Früchte, die von selbst folgen; die machen nicht zu einem guten Menschen, sondern geschehen von dem, der schon durch den Glauben an die Wahrheit Gottes gut geworden ist. So ›ging Dampf auf von seiner Nase und verzehrend Feuer von seinem Munde, die Grundfesten der Berge regten sich und bebten, da er zornig war‹, wie Psalm 18, 8 f. sagt. Zuerst ist es das Erschrecken vor der Drohung, das die Gottlosen entzündet, dies nimmt der Glaube an und läßt den Dampf der Wolke der Reue aufsteigen usw.

Doch ist die Reue weniger der Tyrannei der Gewinnsucht, aber ganz der Gottlosigkeit und verderblichen Lehren anheimgefallen. Die Beichte aber und die Genugtuung sind vortreffliche Brutstätten des Gewinns und der Gewalt geworden. Zuerst die Beichte:

Es ist kein Zweifel, daß die Beichte der Sünden notwendig und von Gott geboten ist, Matth. 3, 6: ›Sie wurden von Johannes im Jordan getauft und bekannten ihre Sünden‹; 1. Joh., 1, 9 f.: ›Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt; wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.‹ Wenn also den Heiligen nicht erlaubt ist, ihre Sünden zu verleugnen, wieviel mehr müssen die ihre Sünden beichten, die öffentlicher und großer Sünden schuldig sind. Die Einrichtung der Beichte aber wird am allerschlagendsten Matth. 18, 15 ff. bewiesen, wo Christus lehrt, den Bruder, der an dir sündigt, zurechtzuweisen, ihn (vor die Gemeinde) zu stellen und anzuklagen, und wenn er darauf nicht hört, ihn aus der Gemeinde auszustoßen. Er wird hören, wenn er seine Sünde anerkennt und sie beichtet, der Zurechtweisung sich beugend.

Aber die Ohrenbeichte, wie sie jetzt allgemein begangen wird, gefällt mir – wenn sie auch aus der Schrift nicht bewiesen werden kann – doch außerordentlich gut, und sie ist auch nützlich, ja notwendig. Ich will auch nicht, daß sie nicht wäre, im Gegenteil, ich freue mich, daß sie in der Kirche Christi geübt wird. Denn grade sie ist den angefochtenen Gewissen eine einzigartige Hilfe. Wenn also das Gewissen sich unserem Bruder entdeckt hat und das Böse, das verborgen lag, vertraulich offenbart worden ist, empfangen wir aus dem Mund unseres Bruders das Wort des Trostes als von Gott gesprochen. Wenn wir es im Glauben annehmen, gibt es uns Frieden in der Barmherzigkeit Gottes, der durch den Bruder mit uns redet. Das allein verwerfe ich, daß solche Beichte der Tyrannei und der Geldschinderei der Päpste unterworfen ist. Denn sie behalten sich (d. h. ihrer Absolution) selbst geheime Sünden vor und gebieten, sie nur den von ihnen namhaft gemachten Beichtvätern zu beichten. Damit beunruhigen sie die Gewissen der Menschen und spielen sich allein als Bischöfe auf; die wahren Pflichten der Bischöfe aber (predigen und die Armen versorgen) werden von ihnen verachtet. Ja, diese ruchlosen Tyrannen behalten sich vor allem das (an Sünden) vor, was weniger wichtig ist, als da sind die lächerlichen und erdichteten Stücke in der Bulla In coena Domini; das Entscheidende jedoch überlassen sie weithin den einfachen Priestern. Ja, damit ihre schändliche Ruchlosigkeit desto offenbarer werde, behalten sie (ihrer Lossprechung) das, was gegen die Ehre Gottes, gegen den Glauben und die ersten Gebote verstößt, nicht vor. Sondern sie lehren und loben auch dergleichen wie jenes Herumgerenne der Wallfahrten, die falsche Heiligenverehrung, die erlogenen Heiligenlegenden, mancherlei Vertrauen auf Werke und äußerliche Zeremonien wie deren Übung, durch welche alle der Glaube an Gott ausgetilgt und Abgötterei begünstigt wird. Es ist am Tage, daß wir heute keine anderen Bischöfe haben als solche, wie sie einst Jerobeam zu Dan und Berseba eingesetzt hat (1. Kön. 12, 26 ff.): Diener der goldenen Kälber, die das Gesetz Gottes, den Glauben, und was zum Weiden der Schafe Christi gehört, nicht kennen, sondern dem Volk allein ihre Erfindungen mit Schrecken und Gewalt einprägen.

Obwohl ich rate, die Vergewaltigung durch die vorbehaltenen Dinge zu dulden – wie auch Christus gebietet, alle Tyrannei zu leiden, und uns lehrt, diesen Geldschindern gehorsam zu sein – leugne ich dennoch, daß sie ein Recht auf ihren Vorbehalt haben und glaube auch nicht, daß sie das auch nur mit einem Buchstaben beweisen können. Ich kann aber das Gegenteil beweisen. Erstens: Wenn Christus Matth. 18, 15 ff. von öffentlichen Sünden sagt, daß wir die Seele unseres Bruders gewonnen hatten, wenn er zur Verantwortung gezogen auf uns hört, und er sei der Kirche nur dann zu überantworten, wenn er nicht (auf uns) hören will – wenn also die Sünde so zwischen Brüdern aus dem Wege geräumt werden kann, wieviel mehr wird das dann auf verborgene Sünden zutreffen, daß sie aus dem Wege geräumt werden, wenn ein Bruder dem andern willig seine Sünde bekennt, so daß es nicht nötig ist, sie der Kirche, d. h. dem Prälaten oder Priester (wie sie in ihrer Auslegung schwätzen) bekanntzumachen? Für diese Auffassung haben wir auch eine andere Beweisstelle aus Christi Mund, wenn der Matth. 18, 18 sagt: ›Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.‹ Denn das ist allen und jedem einzelnen Christenmenschen gesagt. Hier sagt er wiederum auch im selben Sinne (Matth. 18, 19): ›Weiter sage ich euch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.‹ Denn wenn ein Bruder dem anderen seine verborgenen Sünden eröffnet und um Gnade bittet, so wird er wahrlich mit seinem Bruder auf Erden eins in der Wahrheit, die Christus ist. Das hier Gesagte bestätigt Christus ebendort noch deutlicher und sagt (Matth. 18, 20): ›Wahrlich ich sage euch, wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, bin ich mitten unter ihnen.‹

Dementsprechend zweifle ich nicht, daß der von seinen heimlichen Sünden losgesprochen ist, der diese entweder freiwillig bekennt oder ihretwegen zur Verantwortung gezogen insgeheim vor irgendeinem Bruder um Vergebung bittet und Besserung verspricht. Mögen die Päpste mit ihrer Gewalt dagegen wüten – Christus hat einem jeden Gläubigen offenbar die Macht zu absolvieren gegeben.

Wie unwürdig sie die Lehre von der Genugtuung behandelt haben, davon habe ich beim Ablaßhandel gesprochen, und wie sehr sie sie mißbraucht haben, die Christen an Leib und Seele zu verderben. Zuerst haben sie so von ihr gelehrt, daß sich die Menge nie einen Begriff von der wahren Genugtuung hat machen können, die eine Erneuerung des Lebens ist. Dann dringen sie so darauf und machen sie so unentbehrlich, daß sie dem Glauben an Christus keinen Raum lassen und die Gewissen der Menschen derartig mit Zweifeln martern, daß der eine nach Rom läuft, der andere hierher, der andere dorthin, jener in eine Kartause, dieser an einen anderen Ort, einer geißelt sich mit Ruten, ein anderer quält seinen Leib mit Fasten und Wachen, in einstimmiger Unsinnigkeit aber sagen sie alle (Luk. 17, 21): ›Siehe, da ist Christus, hier ist Christus‹ und meinen, daß das Reich Gottes, welches in uns ist, durch Beobachtung äußerer Dinge kommen werde. O Rom, was für Ungeheuerlichkeiten verdanken wir dir und deinen mörderischen Gesetzen und Gebräuchen, mit denen du die ganze Welt dermaßen verderbt hast, daß sie meinen, für ihre Sünden Gott mit Werken genugtun zu können, dem allein durch den Glauben eines zerknirschten Herzens Genugtuung geschieht. Diesen Glauben bringst du mit diesem Tumult nicht allein in Vergessenheit, sondern du unterdrückst ihn auch, bloß damit dein unersättlicher Blutsauger solche habe, zu denen er sagen kann: ›Bring her, bring her‹ und mit Sünden schachern kann.

Etliche von diesen sind so weit gegangen, sich besondere Kunstkniffe auszudenken, um die Menschen in Verzweiflung zu stürzen: sie haben nämlich aufgebracht, daß ein Beichtender all die Sünden von neuem beichten müsse, für welche er die auferlegte Genugtuung unterlassen hätte. Aber was dürfen die sich nicht herausnehmen, die dazu geboren sind, alles zehnmal in Gefangenschaft zu bringen? Ferner, wieviele sind – so frage ich – wohl der Meinung, im Stand der Seligkeit zu sein und für ihre Sünden genugzutun, wenn sie die Gebetlein, die ihnen der Priester auferlegt hat, wortgetreu daherplappern, auch wenn sie inzwischen nicht darauf sinnen, ihr Leben zu bessern? Denn sie glauben, ihr Leben sei durch einen Augenblick der Reue und Beichte verwandelt, nur allein das bliebe noch, für die vergangenen Sünden genugzutun. Wie sollen sie es aber besser verstehen, wenn sie nicht anders unterrichtet werden? Hier wird überhaupt nicht der Tötung des Fleisches gedacht, hier gilt gar nicht das Beispiel Christi, der die Ehebrecherin absolviert und zu ihr sagt (Joh. 8, 11): ›Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr‹, und ihr damit das Kreuz auferlegt, das Fleisch zu töten. Einen wesentlichen Anlaß für diese verkehrte Auffassung hat gegeben, daß wir die Sünder absolviert haben, ehe die Genugtuung erfüllt ist. Dadurch kommt es, daß sie mehr um die Erfüllung der Genugtuung, die andauert, bemüht sind als um die Reue, die schon während der Beichte vergeht, wie sie meinen. Dabei sollte doch die Absolution – wie in der alten Kirche – erst folgen, wenn die Genugtuung geleistet ist. Dann könnte es geschehen, daß sie nachher, wenn das Werk aufhört, im Glauben und in der Erneuerung des Lebens mehr gefestigt sind. Aber damit genug der Wiederholung; darüber habe ich in den Schriften vom Ablaß ausführlicher gesprochen. Es sei jetzt auch gänzlich von diesen drei Sakramenten genug, von denen in so vielen und schädlichen Büchern, in dogmatischen wie in juristischen, gelehrt und (gleichzeitig) nicht gelehrt wird. Auch muß ich noch versuchen, etwas über die übrigen Sakramente zu schreiben, damit ich sie nicht ohne Grund zu verwerfen scheine.

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