Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Erwin Drinneberg >

Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 41
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
Schließen

Navigation:

Benares

Was dem gläubigen Katholiken Rom, dem Moslem Mekka, das ist dem Hindu die heilige Stadt Benares. Sie ist für den Inder der geistige und körperhafte Inbegriff alles Göttlichen, der Heilsort kranker Seelen und Körper, deren Erlösung den Gläubigen in Benares durch das Wohlwollen der Götter zuteil wird. Benares, »die Stadt des heiligen Wassers«, ist die Sehnsucht der Lebendigen, der Kranken und Siechen, der Hoffenden und Bittenden, der Sünder und der mit dem Tode Ringenden. Sie alle kommen, um die Gnade der Götter zu erlangen, welche ihnen das reinigende Wasser des Ganges als ein sichtbares Geschenk des Himmels, als ein göttliches Wunder sendet. Die Stadt birgt in ihren Mauern eine große Zahl prächtiger Tempel der verschiedensten Glaubensrichtungen und Sekten Indiens. Denn Benares ist nicht nur die heilige Stadt des Brahmanen, sondern auch des Buddhisten und Jainas, die alle an den Ufern des geheiligten Stromes die Erlösung von seelischen und körperlichen Gebrechen suchen. Benares oder Kashi ist uralt. Seine Grundsteine liegen schon seit Jahrtausenden an den Ufern des Ganges, und die Phasen seiner Entwicklung bilden bedeutungsvolle Glieder in der langen Kette der Zeit, welche die religiösen und kulturgeschichtlichen Ereignisse Indiens miteinander verbindet.

Schon lange vor unserer christlichen Zeitrechnung finden wir Benares in der frühbuddhistischen Epoche als den Brennpunkt der weltweisen Lehre Buddhas, die später den Einflüssen des brahmanistischen Hindutums erlag. Die Wellen ewiger Glaubenskämpfe, die Indien seit Jahrtausenden erschütterten und seine Völker in stetem Unfrieden ließen, schlugen zehrend und vernichtend an die Mauern der Stadt. Noch heute finden wir dort die Überreste der Zerstörungen, welche durch die Stürme, die Benares im Verlaufe einiger Jahrtausende heimsuchten, hervorgerufen wurden. Doch inzwischen ist viel neues Leben aus den Trümmern der Stadt emporgewachsen, und Benares macht keineswegs den Eindruck großen, kulturhistorischen Geschehens, da die Stadt, wie wir sie heute sehen, kaum älter als 300 Jahre ist. Deutlich erkennt man in Benares wie nirgends in Indien die Gespaltenheit des religiösen Lebens, die sich uns nicht nur in den geistigen Gegensätzen, ja, mehr noch in ihren äußeren Ausdrucksformen, welche die verschiedenen Glaubensrichtungen zeigen, äußert. Neben den jainistischen Heiligtümern des Mahawira finden wir die Stupenform der buddhistischen Dagobe, die steingewordenen Symbole der Lehre Gautamas, den drawidischen Tempel des Südens und die Moschee des Moslems in friedlichem Nebeneinander. An den Ufern des Stromes huldigt der Brahmane, der Buddhist und der Jaina der Heiligkeit seiner rituellen Gebräuche, die ihm die Lehren seines Glaubens oder die Sekten und Kasten vorschreiben. Und alle vereinigt sie in Benares das Ziel der segenvollen Gnade, die Reinigung von der Sünde und die Erlösung durch die göttliche Kraft des sündentilgenden Wassers zu erlangen.

Ich komme von Cawnpore und fahre im Gangestal stromabwärts über Prayaga-Allahabad, wo ich das große, jahrmarktmäßige Fest der Mela, das alle Jahre am Zusammenfluß des Jumna und Ganges stattfindet, bewundern konnte. Voll Erwartung setze ich meinen Fuß auf den heiligen Boden von Benares, der verehrungswürdigsten aller Städte hinduistischen Religionskultes in Indien. Was ich in Indien an fremdartigen Absurditäten des religiösen Volkslebens sah, erreichte durch die Eindrücke, die ich in der Stadt des heiligen Wassers empfing, seinen Höhepunkt.

Gemächlich und träge bespült der heilige Strom die aufgetürmten steinernen Ufer der Stadt. Wo er sie berührt, ist sein Wasser von der reinigenden Kraft der göttlichen Gnade durchdrungen, und es gibt nichts im Leben des Hindu, auf das die Einwirkung des Wassers des Ganges nicht von segenspendendem Einfluß wäre. Nie sah ich die suggestive Kraft des seligmachenden Glaubens in diesem Maße zutage treten, wie es der geistige Einfluß zwingender Religiosität innerhalb der Mauern der heiligen Stadt zeigt. Die vielen Wunder, die das Wasser des Stromes und die Einflußsphäre des heiligen Ortes zu wirken vermögen, wohnen unverlöschlich in der imaginären Seele des Hindu. Der Glaube an die Erfüllung seiner frommen Wünsche, der Wille zur Gesundung des Leibes und der Seele bringen in dem Wesen dieser Menschen viele merkwürdigen, wunderlichen Symptome hervor, die imstande sind, das Zutrauen und den Glauben an die überirdische Kraft in der Seele des einzelnen und der großen Masse des Volkes zu bestärken und zu festigen. Der Gläubige, der den heiligen Boden am Ganges betritt und sich von seinen Wassern bespülen läßt, erlangt Ablaß und Buße, Heilung von seinen geistigen und leiblichen Übeln und die ewige Seligkeit, wenn er seinen müden Leib zum Strome schleppt, um in der Stadt seinen Geist aufzugeben. Benares ist deshalb die Sehnsucht jedes frommen Hindu, der keine Mittel scheut, das Heil, welches in dieser Stadt wohnt, zu erlangen oder in ihren Mauern und Tempeln zu verweilen und an den Ufern des Stromes zu sterben. Millionen wandern jährlich aus den fernsten Gebieten Indiens nach Benares. Ja, ganze Familien, religiöse Gemeinschaften, große Dörfer und Städte senden ihre Bevölkerung zu den alleinseligmachenden Gestaden des Ganges. Wer Indien, seine Wunder und die Eigenarten seines religiösen Übermenschentums, die Paradoxie des an Wahnsinn grenzenden Glaubenseifers seines Volkes, die Kultur seiner vergangenen Geschlechter, doch auch die tiefsten Schatten des an Wirrsalen reichen Geistes- und Seelenlebens kennenlernen will, der suche sie in Benares, in der Stadt des heiligen Wassers.

Trübe Fluten wälzt der Strom durch die unter glühendem Sonnenbrand schmachtende Ebene des Gangestales. Das breite Schlammbett des Ganges windet sich, in unzähligen Armen und in toten Sandläufen verebbend, durch die erstorbene Landschaft, deren zähe Vegetation langsam in der Trockenheit des sengenden indischen Sommers vergeht. Öde Sand- und Schlamminseln, der Tummelplatz der Krokodile, ragen mit ihren flachen Rücken über der Oberfläche des Wassers empor. Leichenteile und verkohlte Überreste toter, in den Strom versenkter Menschenleiber werden seit Jahrhunderten an diesen Inselgestaden angeschwemmt und von den Scharen lauernder Kaimane und krächzender Raben verzehrt. Auf dem nördlichen Ufer erhebt sich die heilige Stadt, die wie eine gigantische, langgestreckte Terrasse den Lauf des Stromes begleitet. Hochragende Fronten monumentaler Palast- und Tempelarchitekturen drängen sich dicht an das Ufer heran und fallen wie steile Mauern zu dem ewig unruhevollen Strand herab. Ein dichtes Menschengewimmel erfüllt die Straßen und Gassen der Eingeborenenviertel. Dort begegnet man den in religiöser Verzückung lebenden Pilgern, welche die Stadt und ihre Tempel bevölkern. Zufriedenheit und Menschenglück, tiefstes Leid und erbarmungswürdiges Elend wohnen hier in ewiger Gebundenheit nebeneinander. Die Tempel und Opferstätten sind überfüllt von den Massen unersättlicher Glaubenseiferer, von Priestern, Asketen, Heiligen und Hilfsbedürftigen aus allen Ständen und Volksschichten Indiens, denn ein wahres Völkerbabel, wie ich es nie in Indien sah, strömt hier zusammen. Lamas aus dem Innern Tibets, Brahmanen, mit den furchterweckenden, religiösen Bemalungen auf Stirn und Oberkörpern, Hindus aus allen Kasten, Jainas und unzählige von Sektierern teilen hier einträchtig das Glück, welches ihnen die Lehre ihres Glaubens beschieden hat. In den Tempeln bringt das Volk seinen göttlichen Idolen die kostbarsten Geschenke dar, die der jeweilige Stand und die ehrfurchtsvolle Gläubigkeit erheischt. Gold und Silber, Lebensmittel, lebendige Tieropfer, Früchte, Blumen, Blütenkränze und vielfältigen Tand schleppt man zu den Altären, um die Gunst der Götter zu erwerben und sich das Heil der Seele zu erringen. In Benares findet man die Gottheiten der gesamten religiösen Kulte Indiens vereinigt, und jeder der Suchenden und Bittenden findet das Ideal seiner religiösen Verehrung und Anbetung. Um Tausende von starren, wesenlosen Steinbildern bewegt sich das Leben der Gläubigen in den Tempeln. Lingams und Yonis, welche die Inkarnationen des großen Gottes Shivas, die Fruchtbarkeit und schöpferische Kraft des Lebens versinnbildlichen, werden von wallfahrenden Frauen und Männern mit geschmolzener Butter begossen, und überall, wo man die Bilder und Statuen des dickwanstigen, elefantenköpfigen Ganesha antrifft, der den Menschen die Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Wünsche verspricht, sind sie von einer Flut von Blumen, geröstetem Reis und vielerlei eßbaren Opfern überschüttet.

In dem Affentempel der Durga, in dem sich große Scharen dieser langgeschwänzten Tiere zwischen den Galerien und Steindenkmälern der Götter herumtreiben, legen die Verehrer der blutrünstigen Göttin und des grotesken Affengottes Hanuman ihre Opfer nieder. In kindlicher Ehrfurcht spenden Pilger den lebendigen göttlichen Inkarnationen Früchte und Lebensmittel und bitten sie um das Geschenk der Huld. Heilige Pfauen, Zebus, Elefanten und Affen sind die dekorativen lebendigen Bestandteile; der Tempel. Man ersteht den heiligen Kuhmist zu Heilzwecken als ein wertvolles Medikament, legt ihn den Kranken auf und beschmiert damit die heiligen Merkmale und steinernen Götzen. In den ernsten, von monumentaler Ruhe umgebenen Dagoben der Buddhisten sitzen Priester in gelben Gewändern, meditierend, vor dem Rad der Welt und den ruhevollen Statuen Gautamas des Erleuchteten. Durch ihre Hände gleiten unaufhörlich die großen, abgenutzten Holzperlen ihrer Gebetsketten. Betäubende Gerüche glimmender Opferfeuer schweben unter den Gewölben der düsteren Tempelhallen. In der Stadt durchziehen Bitt- und Dankprozessionen die Straßen und die Hefe der Tempel. Jeder Flecken Erde von Benares ist heilig, ja, selbst der bakteriengeschwängerte Staub seiner Straßen, die giftigen Pfühle seiner Brunnen und Teiche haben neben der unversiegbaren Kraft des Gangeswassers eine besondere Heilkraft, obwohl täglich Myriaden von furchtbaren Krankheitskeimen in sie versenkt und die Bakterien in der Dumpfheit und brütenden Hitze in Reinkultur gezogen werden. Doch was schiert dies den Sinn der Gläubigen, die infolge ihres blinden religiösen Eifers alle Gesetze der Vernunft verachten und ihr Leben nach den Dogmen fatalistischer Denkungsweise einrichten.

Von geradezu erschütternder Tragik ist das grenzenlose menschliche Elend, welches die Mauern von Benares seit Anbeginn in sich beherbergen. Getragen von jener hingebungsvollen Geduld, von dem starken Willen, den der Glaube eingibt und der dem siechen Körper neue Kräfte verleiht, in den hoffnungslos Verlorenen und Sterbenden den letzten Lebenstrieb erwachen läßt, schleppen sich Unzählige von Kranken, Krüppeln und Elenden zur Stadt des heiligen Wassers. Jene Orte des Grauens gleichen einem Inferno, in dem die zu fürchterlichen Qualen verdammten, entstellten und zu schaudererregenden Wesen verwandelten Menschen auf ihre Erlösung warten. Selten sah ich an andern Orten des Elends in Indien solche Bilder des Abscheus und Entsetzens, wie sie sich die kühnste Phantasie des Menschen kaum vorzustellen vermag. Ein Heer von erbarmungswürdigen Geschöpfen, denen weder Menschen noch Götter zu helfen vermögen, hat sich an den Ufern der großen Mutter Ganga eingefunden. Sie suchen die Stunden ihres gepeinigten Daseins am heiligen Orte zu verlängern, glauben an Genesung und Heil, oder wünschen sich die Stunde herbei, in welcher der erlösende Tod im Menschen wahre Tantalusqualen verursacht. Manche dieser Heimgesuchten haben weder Ähnlichkeit mit Mensch noch Tier. Sie gleichen spukhaften, gespenstischen Wesen, deren Anblick Furcht und Grauen erweckt. Viele Leprakranke, Aussätzige und mit unheilbaren Krankheiten heimgesuchte arme Teufel, deren Körper oft zu unkenntlicher, schwieliger Masse verwandelt ist, säumen in ihrer Hilflosigkeit, klagend und bettelnd, die Straßen und Ufergassen, die zum Strom hinabführen. Es sind die Wege des Entsetzens mit menschlichem Elend und martervoller Höllenpein gepflastert, die leibhaftige Verdammnis auf Erden, die traumhafte Erscheinung einer von fiebererregter Phantasie hervorgerufenen Wahnvorstellung, die sich hier den Blicken in qualvoller Langsamkeit und ewiger Wiederholung darbietet. Und alle diese Armen sind mit dem lebenerweckenden Trieb der Hoffnung gekommen, schleppen sich hinab zum heiligen Strom, lassen sich zu seinen Ufern hinuntertragen, um dort im Angesicht des Stromes ihre Erlösung zu finden.

Breite Terrassen, von gewaltigen Freitreppen unterbrochen, führen zum Wasser hinab. Hier gleicht der Andrang der Menschenmassen dem summenden Leben eines Bienenschwarmes. Kaum können die Steingalerien und Plattformen das Leben, welches sich Tag und Nacht auf ihnen bewegt, fassen. Man hat notdürftige Pfahlbrücken aus Holz gebaut, die in den Strom hineinragen und das Treiben der Menschen unmittelbar über die Wasserfläche tragen. Auf diesen Pfahlbauten sitzen in stummer Hingebung meditierende Brahmanen und Hindus aller Kasten und aus allein Bevölkerungsklassen. Sie haben breite Bastschirme über sich ausgebreitet, lesen aus heiligen Büchern und Schriften, beten, psalmodieren und waschen sich abwechselnd mit dem Wasser, das sie mit blanken Messingschalen aus dem Strome schöpfen. Frauen und Männer mit triefenden Haaren und Gewändern steigen aus dem heiligen Wasser und schreiten langsam und bedächtig in feierlichem Ernst die Treppen empor. Auf ihren Köpfen und in ihren Händen tragen sie behutsam die Gefäße, in denen sie das heilige Wasser aufbewahren, um es später in ihre Heimat zu bringen. Greise in märchenhaftem Alter, mit mumienhaften Zügen und zum Skelett abgemagertem, asketischem Körper, sitzen wie bildhafte Statuen regungslos, mit lispelnden Lippen, ihre kahlen, alten Schädel der unerbittlichen Sonne preisgegeben, auf den Treppenstufen, wo, unbekümmert um diese Merkwürdigkeiten, das rege Leben des Volkes sich bewegt.

An den ansteigenden Steinufern einer kleinen Bucht, die wie eine Lagune zwischen den Mauern der Straßen und Häuser endigt, hat sich eine Gruppe dieser merkwürdigen Heiligen, welche man Sadhus und Sanyasis nennt, niedergelassen. Es ist fast belustigend, doch zugleich erschütternd, ihr unglaubliches, geräuschloses Treiben zu beobachten. Kaum kümmern sie sich um die gaffende Menge, die sie unaufhörlich belagert und diese tragikomischen Gesten der »Heiligen« bewundert. Einer von diesen seltsamen Männern hat allerdings wenig Ähnlichkeit mit einem Büßer und Asketen. Sein Körperumfang gleicht einer Tonne, und trotzdem nennt er sich Märtyrer seines Fleisches, und die frommen Menschen glauben ihm. Alle andern, die um den regungslos verharrenden, in Meditation versunkenen Dicken umhersitzen, liegen, hängen und in unmöglichen Haltungen verweilen, gleichen lebendigen Leichnamen und Hungergespenstern, die zudem ihren verdorrten Körper und die abgestorbenen Gliedmaßen mit Aschenschminke entstellen und so den Eindruck versteinerter Leblosigkeit erwecken. Ein Büßer mit wirr herabhängenden, verfilzten Haaren hockt mit hocherhobenen, atrophischen Armen, an deren Hände die Fingernägel zu einer fußlangen Kralle gewachsen sind, auf einem Aschenhaufen. Mit starren Augen, in denen die Sehkraft erloschen zu sein scheint, blickt er in die Sonne, die sich in grellen, zitternden Reflexen auf dem Spiegel des Wassers unter ihm bricht. Das Volk kommt und geht bewundernd und legt ehrfurchtsvoll Gaben an Eßwaren und Münzen vor den Heiligen nieder.

Oben in den Straßen und engen, lichtlosen Gassen, in denen der Verkehr auf und nieder flutet, wiederholen sich diese bizarren Bilder in einer jahrmarktsmäßigen, bunten Vielfältigkeit. Meist erwecken jedoch diese immer wiederkehrenden Szenen den Eindruck eines oft gewerbsmäßigen und schwindelhaften Treibens, dessen sich jene unzähligen, faulen und vagabundierenden Elemente bedienen, deren Zahl in Indien in die Millionen geht. Es sind solche, die das psychologische Moment im Volke richtig erkannt und von dem blinden Glauben einer eifernden Frömmigkeit, von dem Mitgefühl der Mitmenschen leben und die Schwächen ihrer Brüder zu nutzen wissen. Mit erstaunlicher Fertigkeit und allen Mitteln raffiniertester Nachahmung kopieren sie das Leben und Tun jener Fakire und Märtyrer, die peinvolle Qual der Siechen, das krüppelhafte Wesen der Armen und Elenden und die verheißungsvolle Geste irgendeines Wundertäters, der Kranke heilt und die Gunst der Götter verspricht. So ist es oft kaum möglich, die »Originale« von den Nachbildungen ihrer Art zu unterscheiden. Ich sah in den düsteren Ecken der Straßen Krüppel, die sich mit der akrobatischen Gelenkigkeit ihrer verrenkten Glieder zu solchen machten, Blinde und Lahme, die in der Abenddämmerung plötzlich gesundeten und mit der gefüllten Bettelschale schleunigst das Weite suchten.

Auch viele unter diesen Heiligen und Yogis sind vom Geschlechte der jahrmarktmäßigen Gaukler, die mit dem Talent eines Komödianten dem Volke ihre Kunststücke und Heiligkeit suggerieren. Für sie ist Benares das Paradies, in dem ewig der Weizen ihres gerade nicht alltäglichen Handwerkes blüht. Aber auch die Schausteller weltlicher Künste sind dort vertreten, denn das Volk hebt das Gaukelspiel und noch mehr die Mystifikationen und das Fremdartige über alles. Und wenn eine Ringergruppe indischer Athleten ihre kraftvollen Schaustellungen gibt, Schlangenbändiger die Kobras tanzen lassen, Dresseure ihre abgerichteten Tiere zeigen und geheimnisvolle Zauberer in wenigen Sekunden aus dem Staub der Straße einen Mangobaum ersprießen lassen, so sind sie stets von einer dichten Menge provinzialischer Schaulustiger umlagert. Eine ganze Industrie, ein wirtschaftlicher Wohlstand hat sich, gefördert durch die Zugänglichkeit der Pilger und den regen Fremdenverkehr, den Benares von Anbeginn des Seins aufzuweisen hat, zu hoher Blüte entwickelt. Diese Erscheinung ist auch in psychologischer Hinsicht sehr interessant und zeigt, wie es erstaunlich viele Schichten der indischen Bevölkerung gibt, die den Geist ihres Volkes und der Zeit erfaßt haben. Man spekuliert, feilscht, handelt, wuchert und betrügt an den Ufern des heiligen Stromes wie fast nirgends im Lande. Mit feinem Spürsinn folgt man den Instinkten der naiven, gläubigen Masse und sucht in oft skrupelloser Weise Nutzen aus ihr zu ziehen. Mancher Hindufamilienvater, der nach Benares kam und mit mehr oder weniger gutem Erfolg sein Bad im Ganges nahm oder die Götter in geistigen oder leiblichen Bresten in den Tempeln um Hilfe anrief, verfällt mit Leib und Seele den Verführungen, welche in dunklen und geheimnisvollen Winkeln der Stadt auf die fremden Unerfahrenen lauern. Denn auch die heilige Stadt hat neben ihrem Leid und den göttlichen und himmlischen Erfüllungen auch zeitliche, weltliche Freuden und Lüste, die dem überschwenglichen Herzen der Pilgergäste und ihrem gefüllten Beutel schwere Wunden schlagen.

Für den europäischen Fremden ist es nicht schwer, den Geist dieser Nepperei in allen Winkeln der Stadt zu beobachten. Ja, selbst vor den Pforten der altehrwürdigen Tempel, in ihren Gängen und Höfen macht sich dieser faule Zauber breit. Mönche und Priester betteln ebenso wie das niedere Volk der Straße. Für klingende Münze kauft man von ihnen Reliquien, die in tausendfacher Auflage das Licht der Welt erblicken, zeigt die Wunder und Geheimnisse, welche die steinernen Götter zu wirken vermögen, heilt die Leiden eingebildeter Kranker und feilscht mit heiligem Kuhmist und andern volkstümlichen Medikamenten. Auch sagt man wallfahrenden Frauen, die bei den Göttern um die Frucht ihres Leibes bitten, die Erfüllung ihrer Wünsche zu und wirkt andere merkwürdige Wunder, die nur auf dem heiligen Boden von Benares Früchte zu tragen vermögen. Allein die »Reiseandenken« dieser wundersamen Stadt könnten ein ganzes Kapitel an interessanter Aufzählung füllen. Denn in Benares und seinen Basars, in den vielen Kasten und Läden der fliegenden und zu Tausenden herumlungernden Händler sind es besonders die göttlichen Nippes, die kleinen Krishnas, Shivas und Swamis und viele andere Götter und phantastische Geister, die in der profanierten Form von Öllämpchen, Spielbällen, bunten Gläsern und Spiegeln, in Gestalt von Kinderspielzeugen, aus gebranntem und bemaltem Ton und anderer bildsamer Materie das Auge der Neugierigen reizen. In langen Straßenreihen, in denen sich eine Händlerbude neben der andern befindet, hält man notwendige und überflüssige religiöse Requisiten, unzählige Kleinigkeiten, die das Auge und den Sinn des kindlichen Eingeborenen erfreuen, feil.

Diese durcheinandergewürfelten, farbenreichen Auslagen ermuntern die Kauflust der hier vorüberströmenden Menschenmenge, ohne daß es die von Fett und Faulheit triefenden Händler, die teilnahmslos hinter ihren Waren hocken, nötig haben, die gaffenden Schaulustigen, welche ewig die Shops belagern, zu ermuntern. Spelunken von Händlern und Pfandleihern, malerische Viertel mit farbenprächtigen Textilien, Handwerkerbuden mit geschäftigen Bastlern und endlose Reihen von Lebensmittelverkäufern, in deren Gassen die Duftschwaden und Dünste zerlassenen Fetts und in Öl gebackener Teigwaren einen anziehenden Geruch verbreiten, lehnen sich in enger Gedrängtheit aneinander. In Straßen und in den stinkenden Winkeln zwischen Häusern und Mauern treiben sich halbwilde, aasfressende Hundeköter und Scharen von Krähen herum, die sich an den Abfällen laben und eine wertvolle Unterstützung der Munizipalitätsbehörde bilden. Auch die fetten, aufgetriebenen, heiligen Kühe machen täglich ihre Bettelrunde bei den Früchte- und Gemüsehändlern und holen sich ihren Tribut aus der Menge des ausgelegten Grünzeugs.

Doch auch andere Merkwürdigkeiten besitzt Benares in seinen Mauern. In dem Viertel der Hindupaläste, die sich die alten orthodoxen Fürstengeschlechter in der heiligen Stadt erbauen ließen, zeigt sich der geistige Einfluß des Westens in eigenartiger Verbindung mit dem des Ostens. Dort residiert die theosophische Vereinigung mit ihrer geistigen Führerin Miß Annie Besant. Ein großer Stab leitender und ausführender Organe dieser von östlicher und europäischer Geistesbewegung getragenen Institution hat sich um die betagte, tatkräftige Dame versammelt, und man ist hier und auch in den andern Hauptquartieren der Theosophen in Madras und Kalkutta eifrig dabei, die religionsphilosophischen Ideale, welche die Idee der »Theosophical Association« bewegen, in die Welt zu tragen.

Zweifellos findet man jedoch die interessantesten Bilder des religiösen Treibens von Benares an den abgestuften Ufern des Ganges, in der Nähe der sogenannten Ghats, von denen Benares im ganzen fünf besitzt. Um das eigenartige Treiben am Strome mit Ruhe beobachten zu können, besteige ich eines dieser schwerfälligen Eingeborenenboote, um den Anblick dieses wechselvollen Uferlebens in langsamem Stromabwärtstreiben von der Wasserseite aus zu beobachten. Wie auf einer mächtigen Schaubühne, deren Prospekt die gewaltigen Szenen der monumentalen Tempel- und Palastbauten bilden, erhebt sich das stufenweise ansteigende Leben der Pilger und Gläubigen, die, unbekümmert umeinander und ohne daß sie sich gegenseitig in ihrem Vorhaben stören, in Ausübung der rituellen Handlungen begriffen sind. Gigantische Quader und Säulenstümpfe, die Überreste zerstörter antiker Tempel und Paläste, ragen zwischen den bewegten Gruppen der Menschen empor. Die alten Steinkolosse sind teilweise fast ganz in dem nachgiebigen Grunde des Ufers versunken. Sie zeigen ungeheure Abmessungen, gegen welche die jüngeren Bauten von Benares wie miniaturenhafte Spielzeuge erscheinen. Große Tempeltürme mit kunstvoll gegliederten Abdachungen, riesige Mauern und reliefgeschmückte Kolossalfassaden ragen wie Trümmer einer Erdbebenkatastrophe aus dem unterspülten Grund des Gestades empor. Grell liegt das Licht der Sonne auf den hellen Flächen des Gesteins der anstrebenden Mauern und Häuser, die mit ihren kubischen Formen und flachen Dächern eine Fortsetzung dieser Uferterrassen bilden. Hoch aufragende alte Palastfronten mit vertikal profilierten, monströsen Eckpfeilern, Hindu- und Jainistentempel, die tiarenförmige Turmhauben tragen, und eine graziöse Moschee des Mogulkaisers Aurungsebs beherrschen das Gesamtbild, welches sich dem Beschauer vom Strome aus zeigt.

siehe Bildunterschrift

Die Ghats der Leichenverbrennung am Ganges in Benares

siehe Bildunterschrift

Tibetanische Teufelstänzer

Fast vergißt man über dem überwältigenden Eindruck, den die packende Gewalt dieser zyklopischen Architekturen auf den Beschauer ausübt, das eigenartige Treiben, welches sich an den Ufern und am Fuße der Stadt abspielt. Als wir uns den Bade- und Verbrennungsghats nähern, sind wir nur wenige Meter vom Strand entfernt. Tausende plätschern dort, oft hart neben unserer Bootswand, im Wasser des Stromes. Dunkle Gestalten mit eiternden Geschwüren und von brandigen Wunden bedeckte entstellte Menschenkörper tauchen im heiligen Wasser unter. Kranke, mit unheilbaren ansteckenden Hautkrankheiten behaftet, werden dort von dem trüben Wasser des Stromes bespült, und neben ihnen schlürft man das Wasser des Ganges mit Inbrunst oder füllt es in Gefäße, um es den Angehörigen als huldvolles Geschenk der Götter aus Benares mitzubringen. Durch das Gewühl der lebendigen und geräuschvollen Volksmenge schleppt man Sterbende die Stufen herab. Man trägt sie auf den Armen oder auf Bahren herunter, wodurch sie schon mehr Toten gleichen, läßt sie in das Wasser hinabgleiten und taucht die Teilnahmlosen im Zustande des Fiebers und des beginnenden Todeskampfes in den Strom. Denn der Glaube lehrt, daß, wer in Benares stirbt, erlöst wird und makellos in das Reich der Ewigkeit eingeht. Alle Sünden des Lebens sind den Gläubigen vergeben, sobald sie den heiligen Boden der Stadt betreten und ihre Seele den müden Körper in der Nähe der alles vergebenden Mutter Ganga verläßt. So ist es kein Wunder, wenn die Ghats stets eine Unzahl Sterbende und Tote beherbergen. Ohne Unterbrechung bringt man mit Tüchern vermummte, fiebernde Menschen und in weißes Linnen gewickelte Leichen von der Stadt herunter, murmelt Gebete und Beschwörungen und segnet sie mit dem Wasser des Stromes. Alles Leben an den Gestaden kehrt in dem wellenbewegten Spiegelbild des Ganges wieder, und oft hat es den Anschein, als ob das Treiben der Menschen zum Teil unter die trübe Oberfläche des Wassers versunken wäre.

Auf Plattformen und Kanzeln der unteren Gestade glimmen schwelende Scheiterhaufen und verkohlte Aschenreste, denn man verbrennt dort ohne irgendwelche besondere Anteilnahme der Hinterbliebenen die Toten inmitten der Lebhaftigkeit eines unruhevollen Getriebes. Langsam treiben wir stromabwärts. An manchen der Uferstellen lasse ich das Boot halten, um mir von diesen fremdartigen Szenen photographische Aufnahmen zu machen. Es ist mir peinlich, die frommen, in Andacht versunkenen Männer zu stören, und viele dieser verächtlich blickenden Brahmanen, die drüben an den Treppen unter den großen Bastschirmen hocken, drehen mir, während ich dort hinüberblicke, ostentativ ihre Kehrseite zu oder machen sich durch Herabsenken ihrer Schutzdächer unsichtbar. Eine Flut weißer Blüten treibt auf der Oberfläche des Wassers. Man hat sie neben dem Unrat und den Überbleibseln, die ewig auf dem Strome herabtreiben, als Opfer von den Holzbrücken ins Wasser herabgeworfen. Weiter unten an den Sandbänken liegen lauernd die Krokodile, die unterschiedslos alles verschlingen, was ihnen in den gefräßigen Rachen treibt. Der heilige Strom mit seinen treibenden Menschenkadavern bildet das Dorado dieser unheimlichen Flußbewohner, in denen der Hindu den Geist seiner Götter und Dämonen verehrt.

Allmählich haben wir Manikarnikhaghat, die Hauptverbrennungsstätte der Toten von Benares, erreicht. Tag und Nacht steigen dort schwarze Qualm- und Dunstsäulen in die Luft empor. Ohne Unterbrechung schürt und heizt man auf den Steinplattformen und Kanzeln die Leichenscheiterhaufen, schleppt Feuerungsmaterial und getrocknete Kuhmistfladen herbei, türmt Stöße von Holzscheiten übereinander und kehrt Leichen- und Aschenreste zusammen, die wie alles, was Abfall bedeutet, in den Strom wandern. Ein halbverkohlter Brustkorb, der verstümmelte Teil eines menschlichen Skeletts, kollert mit den glimmenden Resten des Holzstoßes, auf dem man ihn nur unvollständig verbrannt hat, in unserer Nähe in das aufspritzende Wasser, taucht unter, um bald darauf wieder an der Oberfläche stromabwärts zu treiben. Früher warf man die Leichen unverbrannt ins Wasser und überließ sie den Krokodilen und der Zersetzung, die unter der Sonne Indiens rasch vor sich ging. Seit die Engländer in Indien wirksame Gesetze erlassen, hat man diesen tief in das religiöse Leben des Hindu einschneidenden Brauch verboten. Man legte den Indern wohlwollend nahe, ihre Toten, ehe sie in ihr nasses Grab versenkt werden, zuerst in Asche zu verwandeln. Doch der Hindu ist oft der Meinung, daß derartige Gesetze der Fremden da sind, um umgangen zu werden, besonders wenn sie die religiöse Seite seines Lebens in einer oft für ihn unverständlichen Weise betreffen. Und wo der Arm und das Auge des Gesetzes in den riesigen Gebieten des indischen Reiches nicht hinreicht, huldigt man in verstohlener Weise nach wie vor den verehrungswürdigen Überlieferungen und alten, frommen Bräuchen.

Besonders in den abgelegenen Distrikten ist das Indien von heute noch immer das an Merkwürdigkeiten seiner Sitten so reiche Indien der Vergangenheit. Ein Distriktoffizier des Gamjamgebietes erzählte mir von zwei Fällen der Sati (der Witwenverbrennung), die sich erst vor kurzer Zeit in seinem Verwaltungsbereich zugetragen haben. Die fanatischen Urheber, welche Priester und Sadhus waren, wurden durch Angeberei in den Bereich der englischen Gerichte gebracht und zu lebenslänglicher Deportation verurteilt. Hier muß England unwillkürlich, so schwer es ihm fallen mag, mit seinen Rechten und Gesetzen tief in das religiöse Leben des Inders eingreifen und damit den empfindlichsten Nerv des Volkes treffen. Denn es geht hierbei nicht nur allein um die Wahrung des Prestiges menschlicher Rechte und sittlichen Empfindens, sondern um die Geltendmachung seiner autoritativen Stellung als gesetzgebende und beherrschende Macht seiner Dominions. Die stete Herabminderung der statistischen Zahlen auf dem Gebiete ritueller Verbrechen, die Morde und Grausamkeiten in sich schließen, und die immer seltener werdenden Fälle, in denen menschliches Leben dem religiösen Glaubenseifer zum Opfer fällt, zeigen deutlich, daß die englischen Gerichte und die britische Machtentfaltung in Indien Mittel und Wege finden, ihren Einfluß selbst in den entlegensten Winkeln des Reiches geltend zu machen. Beauftragte und freiwillige Späher, religionsfeindliche Volksgenossen und andere hilfsbereite Elemente sorgen dafür, daß die Regierung über alles Wissenswerte und manche Verfehlungen auf dem laufenden bleibt und die Missetäter ritueller Verbrechen rasch zu fassen bekommt. Doch ist man bei geringfügigen Vergehen dieser Art auch tolerant genug, sie nicht wahrnehmen zu wollen, da man ja allein in Orten wie Benares Folianten mit derartigen Übertretungen füllen könnte. Denn viele dieser toten Überreste, die man dort dem Ganges übergibt, entsprechen nicht der »gesetzmäßigen« Auflösung durch das verzehrende Element des Feuers, und eben versenken sie in meiner Gegenwart wieder einen dieser halbverkohlten Mumienleiber, dessen hocherhobener, schwarzer Knochenarm aus dem Wasser emporragt und schaukelnd auf dem Wellenstrom abwärts treibt.

Am Ufer, wo die trübe Brandung plätschert, liegen reihenweise Leichname, in Tücher eingehüllt, nebeneinander. Nur die abgezehrten, fahlen Gesichter der Toten sind sichtbar, während man den übrigen Teil des Körpers vom Wasser des Stromes bespülen läßt. Man streitet förmlich um die Reihenfolge der Leichenverbrennung, denn der Andrang mit den Toten ist ungeheuerlich, und obwohl man auf allen Kanzeln und Terrassen unaufhörlich schürt und röstet, wird man der Aufgabe, täglich oft Hunderte zu verbrennen, nicht Herr. Man hat auch in unsern Tagen bei den Hindus in Benares noch keine neuen Mittel ersonnen, dem Vorgang der Verbrennung eine andere Form zu geben und hält an dem alten Brauch der Einäscherung mittels getrockneten Kuhdüngers und dicker Holzschwellen fest. An einem der Scheiterhaufen kann man beobachten, daß das junge und feuchte Holz nicht brennen will. Die Hinterbliebenen hocken ratlos in der Nähe, während die Knechte in das Feuer pusten, Wind fächeln und neues Holz und Reisig herbeischleppen. Endlich züngeln die Flammen an der Leiche empor. Der Tote zwischen den Scheiten krümmt sich, richtet sich auf, als ob er wieder zu leben begänne. Qualm und Lohe verhüllen das schauerliche Schauspiel, und wenn oft mehrere Scheiterhaufen auflodern, dann ist die Plattform ein Feuer- und Rauchmeer, in dessen Wolken die Männer sich wie spukhafte Höllenkobolde bewegen. Reich und arm, jung und alt wird auf der Schwelle des Manikarnikhaghats zu Asche verwandelt. Manchen legt man ein Vermögen auf die letzte Stätte. Wohlhabende bringen ihren Toten wohlriechende Feuerhölzer und Essenzen und opfern Blumen, die man in das Feuer streut. Andere, arme Teufel, Heimatlose, Unbekannte, im Tode mittel- und namenlos, legt man auf die glimmenden Aschenreste der Reichen.

Reicht die Glut nicht aus, so wirft man den Körper halbverbrannt hinab und überläßt das Weitere der Sonne, dem Strome und den Krokodilen. Nicht weit unterhalb der Ghats stehen Männer und Frauen im Wasser, in demselben Wasser, in dem man die Leichname versenkt und sich die Aussätzigen baden, schlürfen es, um den brennenden Durst ihrer lechzenden Seelen zu stillen, baden und plätschern im Strome der Siechen und Toten.

Wir lassen uns langsam bis zur Eisenbahnbrücke hinabtreiben. Ein Pilgerzug rollt donnernd über uns hinweg. Unzählige von Kupfer- und Silbermünzen und ein Regen von Blüten schwirrt schimmernd von dort oben herab auf die Oberfläche des Stromes. Es sind die Frommen und Gläubigen, die bei ihrer Ankunft in Benares aus Freude über den Anblick der heiligen Stadt der Mutter Ganga ihr erstes Opfer bringen.

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.