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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 39
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Einheimische Industrien, Talmi- und »Fremdenindustrie«

Unter der einheimischen Industrie Indiens verstehe ich zunächst die handwerklich-industriellen Erzeugnisse des Landes, die ohne Zutun und Beeinflussung der westlichen Kultur durch die handwerkliche Betätigung des Volkes hervorgebracht werden. Hierüber ließen sich Bände füllen. Diese »Heimatindustrie« Indiens ist ein Stück seiner Kulturgeschichte und steht im engen Zusammenhang mit den hohen Kunstschöpfungen, die uns im Norden und Süden des Landes in Gestalt dieser monumentalen Baudenkmäler begegnen. Denn was waren diese Menschen der Vergangenheit Indiens, die jene fabelhaften Schöpfungen vollbrachten, anders als gottbegnadete Kunsthandwerker, deren Geist und Hand in geradezu genialer Weise erfand und formte! Was man an den überwältigenden Schönheiten architektonischer Kunst bewundert, ist vor allem das geistreich kombinierte Stückwerk eines vollendeten handwerklichen Könnens, welches in Verbindung mit dem starken in der Seele dieses Volkes wurzelnden künstlerischen Empfinden die Kunst Indiens zu höchster Vollendung schuf. Die einzelnen Phasen dieser als hohe Volkskunst zu bezeichnenden Leistungen können wir an den Werken der verschiedenen Zeitepochen und innerhalb der Volksgemeinschaften deutlich erkennen und beurteilen. Wir sehen sie an den Schöpfungen der älteren und neueren Zeit in der primitivsten, jedoch auch in der vollendetsten Form und können aus beiden Äußerungen den bildnerischen Geist hoher künstlerischer Begabung und die vollendeten, technischen Fertigkeiten ihrer Urheber feststellen.

Diese hervorragenden Erzeugnisse unendlich vieler Geschlechter bilden einen interessanten Maßstab für die kulturhistorische Bedeutung und geistige Verfassung der Völker, aus deren Seele und Händen diese Werke hervorgegangen sind. Zu welch hoher Blüte diese Genialität einzelner Volksgemeinschaften und Epochen gelangte, können wir daran erkennen, daß oft ganze Stämme sich an der Gestaltung und Errichtung dieser große Städte füllenden Kunstwerke beteiligt haben und sich daher die geistig hochstehende Entwicklung und künstlerische Produktivität nicht nur auf einzelne, sondern vielmehr auf große Teile des Volkes erstreckte. Denn unmöglich können es die Arbeitsleistungen einzelner gewesen sein, welche die berauschende Fülle dieser Details, die wir besonders an den hinduistischen Tempeln des Südens finden, erschaffen haben. Und trotzdem klingen diese Einzelheiten, die unter den verschiedenen Händen, jedoch in demselben Geiste entstanden, in den Tönen einer wundervollen und ungestörten Harmonie ineinander.

Wie ich bereits in einem der vorhergehenden Abschnitte erwähnt habe, sind diese geistigen Werte und die ursprüngliche kulturelle Produktivität der indischen Völker in den letzten Jahrhunderten in stetem Schwinden begriffen. Die Ursachen dieses Niederganges im tieferen Sinne zu erklären, dürfte bei aller Objektivität nicht leicht sein, und möchte ich die Beurteilung hierüber gerne Berufeneren überlassen. Wohl erscheint die Annahme naheliegend, daß fremde Einflüsse und die Besitzergreifung Indiens durch eine westliche Kulturmacht der Entwicklung einheimischer Kultur und Geistesbestrebung hinderlich im Wege stand. Es sind genügend Beispiele zur Hand, nach denen im Leben geistig hochstehender und künstlerisch produktiver Völker der Zerfall oder ein böses Schicksal die langsame Zersetzung geistiger Werte als eine Folge der Herabminderung physischer und seelischer Kräfte mit sich brachte.

In frühester Zeit, bis zum siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, sah die Welt in Indien den Aufstieg zu einer ungeahnten Blüte seiner Kultur- und Geisteswelt. Bald nach der fremden Eroberung durch den Westen begann dieser Reichtum an inneren Werten langsam zu verblassen, bis endlich um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts das Reich in sich zusammenfiel und wir nur noch in den äußeren Zeichen, die uns diese Zeit hinterlassen hat, die genialen und schöpferischen Eigenschaften seiner Völker erkennen. Freilich haben sich im Volke gewisse Reste dieser bedeutenden Individualität bewahrt, doch werden sie durch den Geist der neuen Zeit, seine vielen negativen Auswirkungen, durch die verderbliche Industrialisierung und anderes mehr, langsam aufgesogen. Zwar ist man in den Kreisen der Regierung bestrebt, einen der größten Kulturwerte Indiens, diesen handwerklichen Geist und das Können, die geistvolle Genialität, welche die begabten Erben großer Künstlergeschlechter im Volke bis zu einem gewissen Grade bewahrt haben, zu erhalten. Doch was bedeuten diese idealistischen Bestrebungen, wenn sie andererseits durch die Forderung der entgegengesetzten Strömungen immer mehr und mehr einer Auflösung entgegengehen! Denn langsam wird dieser gute und fruchtbare Boden, auf dem die Entwicklung volkstümlicher Werte in so hohem Maße gedeihen konnte, von dem wuchernden Geist der fremden Kolonisierung, ihrer Industrie und unter der Einführung wesenloser und wertloser Produkte entkräftet. Nicht umsonst kämpfen die Verfechter geistiger Ideale Indiens einen Kampf der Verzweiflung gegen dieses Gift, das die Einflüsse einer modernen Zeiterscheinung in die breiten Massen des Volkes streut und damit die inneren Werte der gesamten Volksgemeinschaft rasch vernichtet.

Mahadhma Gandhi ist es gewesen, welcher den zersetzenden Einflüssen westlicher Kultur nicht nur mit den Ideen freiheitlicher und völkischer Ziele entgegentrat, sondern es auch von jeher mit allen Mitteln versucht hat, dem Volk die Bedeutung seiner ethischen und sozialen Werte auch durch die Wiedereinführung heimischer Industrien klarzumachen. Seine Bestrebungen gipfeln in der Erhaltung und Wiedererweckung altindischer Geistestradition. Zu ihr gehören die auf bäuerlicher, handwerksmäßiger Grundlage betriebenen Hausindustrien des Spinnens, Webens und vieler anderer werksmäßiger Tätigkeiten, welche die Bedürfnisse des Lebens in individueller und weitaus befriedigenderer Weise decken, als es die modernen Industrien des In- und Auslandes tun können. Gleichzeitig und vor allem sind es die großen geistigen und moralischen Werte, welche diese Heimatindustrien in sich bergen und die der allgemeinen Versklavung des Volkes vorbeugen und die schlummernde Erkenntnis für das Schöne und Gute in der Seele des Inders wiedererwecken sollen. Doch diese Anregungen, die zweifellos einer durchaus guten und wahren Erkenntnis entspringen, verhallen in dem donnernden Echo, welches aus dem ewig schwellenden Gang des Rädergetriebes einer modernen Weltwirtschaft bis in die entferntesten Winkel der Welt brüllt.

Hinter dieser stets wachsenden Erscheinung der neuen Zeit erhebt sich das Gespenst wirtschaftlicher und politischer Machtentfaltung, das drohend seine Faust ballt, um die Menschen in das Joch der versklavenden, mechanisierten Arbeit zu zwingen und ihnen damit den letzten Hauch ihrer Eigenwerte und des befreienden Selbstbewußtseins zu rauben.

Was ich von dieser guten, einheimischen Industrie im Indien von heute sah, stand in keinem Verhältnis zu den im Volke schlummernden Fähigkeiten dieser Art. Stark ist es zum Teil schon mit den zersetzenden Einflüssen des Westens vermischt, was den Wert seiner Ursprünglichkeit bedeutend herabmindert und ihm den Stempel des Unpersönlichen und Wesenlosen aufdrückt. Wohl gibt es in Indien noch die den Charakter der Echtheit tragenden handwerkerlichen und gewerblichen Volksindustrien, die in dem Sinne traditioneller Art gepflegt werden. Sie fördern prachtvolle und unverdorbene Erzeugnisse auf dem Gebiete der Kleinkunst, wie Textilien, Metalle usw., die in kunsthandwerkerlich-meisterhafter Art und vollendeter Technik ausgeführt werden. Manche Zünfte befassen sich noch heute mit der Herstellung von prachtvollen Geweben, originellen Metallarbeiten, Töpfereien und anderen Dingen, die im täglichen Leben des Volkes gebraucht werden. Auch Hausspinnerei und Hanfweberei ist in weiten, ländlichen Kreisen der Bevölkerung noch vielfach zu finden. Kleinkunst und kunstgewerbliche Arbeiten im Sinne der alten Überlieferungen sind schon seltener. Doch habe ich eine große Anzahl solcher meist unsichtbar verborgener Werkstätten in den Städten des Südens und Nordens gefunden und ihre einwandfrei stilistisch-künstlerischen Produkte bewundert. So fand ich in den südlichen Städten Erzeugnisse hochwertiger Volkskunst oft in primitiven Formen gebildet: Stein- und Holzplastiken, die Götter, Menschen und Tiere in grotesker Gestaltung darstellen. Auch in Zentral- und Nordindien, Hyderabad, Delhi, Agra, Jeypur, Benares und anderen Orten sah ich diese Volkskunst, die noch den Zauber und die Reize des Ursprünglichen besitzt.

Ein interessantes Kapitel, welches den bedauerlichen Niedergang dieser traditionellen Eigenschaften, den Einfluß Europas und den Zerfall der guten Wesensart des indischen Volkes typisch kennzeichnet, bildet die »Fremdenindustrie«. Diese Erscheinung im gewerblichen und handwerklichen Leben ist hauptsächlich den Inspirationen des kolonisierenden Westens zu verdanken. Sie trägt – o Ironie des Schicksals – hauptsächlich dazu bei, die Europäer, die nach Indien kommen, mit den zweifelhaften Erzeugnissen fragwürdiger Herkunft ihrer eigenen Länder zu versorgen. Die in Indien hergestellten »Kuriositäten« sind hiervon bei weitem nicht die übelsten. Haben sie doch schon in ihrer stilistischen Eigenart und originellen Formgestaltung einen besonderen Reiz, der selbst den sicheren Blick des kritischen Kenners und Liebhabers oft besticht. Vielfach sind es jedoch Dinge, die nach gewissen Vorbildern von geübten Handwerkern in Massen hergestellt werden und dadurch den Reiz individueller Gestaltung meist verloren haben. Zwar fand ich auch unter diesen Erzeugnissen gute und den Charakter der künstlerischen Echtheit tragende Stücke, die einem geschickten Handwerker alle Ehre machen können. Besonders in Delhi und Agra sah ich die auflagenmäßig hergestellten Miniaturen nach antiken Gemälden, die von künstlerisch geübten Malern mit allen Feinheiten des Originals auf dünnen Elfenbeinplatten nachgebildet werden. Auch ziselierte und getriebene Metallarbeiten mit dem feinen Schmelz der alten Technik sieht man in guten Wiedergaben.

siehe Bildunterschrift

Wilde Elefantenherde wird in den Keddah eingetrieben

siehe Bildunterschrift

Elefantenkämpfe in der Arena eines indischen Fürsten

siehe Bildunterschrift

Vornehmer Hindu

In den großen Städten Indiens sind die Kuriositätenbasare, welche den Sammelpunkt des reisenden, fremden Publikums bilden, gefüllt mit derartigen Dingen, die auf den Europäer einen unwiderstehlichen Zauber ausüben. Wer den Chanti-Chowk, die Straße der Kuriositätenhändler in Delhi gesehen hat, ist entzückt von all diesen gleißenden und funkelnden Erzeugnissen, die vielfach im Schoße dieser Heimindustrien, welche hauptsächlich für die Fremden arbeiten, entstanden sind. Selbst für den Kenner ist es oft schwer, die bestechenden und mit der Patina der Antike raffiniert hergerichteten Gegenstände als Nachbildungen zu erkennen. Jedoch ist dies für viele Käufer ohne Bedeutung, zumal die Dinge von den Originalen oft nicht zu unterscheiden sind. Dem gründlichen Kenner kann es jedoch nicht entgehen, daß bei dem ungeheuren Kuriositätenkonsum, den Indien seit Jahrzehnten hat, die Vorräte an antiken Originalen sozusagen unerschöpflich sind. Und wer Gelegenheit hat, hinter die Kulissen dieser von Wohlhabenheit strotzenden Händlershops zu blicken, wird die Unerschöpflichkeit und die mysteriöse Herkunft dieses Volksgutes bald erkannt haben. Beizeiten haben berufene Kreise eines internationalen Kunstkenner- und Sammlertums dafür gesorgt, die unersetzlichen Werte und Echtheiten der Kunstschätze Indiens in Sicherheit zu bringen. Wer das Britische Museum, auch viele andere staatliche Sammlungen Indiens und der Welt kennt, weiß, wo eine große Anzahl der Kunstheiligtümer dieser Länder geborgen wurden.

Auch die Industrien des Westens haben, wie gesagt, bei der Massenproduktion auch auf dem Gebiete des Kunst- und Kuriositätenhandels ihre Hand im Spiele. Es ist bezeichnend, daß gerade in diesen Leistungen die deutsche Industrie vor dem Kriege ganz Besonderes hervorbrachte. Abgesehen von den allgemeinen und vielseitigen industriellen Produkten, mit welchen Deutschland vor 1914 den Markt Indiens überschwemmte, hat sich unsere deutsche Industrie mit den zahlreichen gewollten und ungewollten Nachbildungen, die der indische Kuriositätenhandel in immer mehr gesteigertem Maße gefordert hat, in den Augen der mit allen Wassern gewaschenen Händler Indiens ein besonderes Verdienst erworben. Ich fand Edelsteine und ihre Nachbildungen aus dem biederen oldenburgischen Städtchen Idar, indischen »Silber- und Goldschmuck« einer bekannten badischen und schwäbischen Industrie, Elfenbein- und Bernsteinimitationen, kunstvolle Ringe, Kämme und Haarspangen aus Zelluloid und Galalith und »echten« Korallenschmuck, der bei der Berührung mit einem brennenden Streichholz in Flammen aufging. Ja sogar Textilien, die raffinierten Nachbildungen echt indischer Stücke, mit den neuesten Produkten leuchtender Anilinfarben gefärbt, aus westfälischen, rheinischen und auch englischen Fabriken stammend, sollten das Auge der Käufer täuschen. Hier hatte der Kreislauf der Dinge eine höchst merkwürdige Form angenommen, denn vielfach sahen die von Indien importierten Waren auf schnellstem Wege ihre europäische Heimat wieder.

Auch ich wurde einst das Opfer einer solchen interessanten Täuschung, obwohl ich mir in der Wahl meiner Erwerbungen sehr viel Mühe gab und diese grundsätzlich nur unter vertrauenswürdigen Umständen erstanden habe. Nie suchte ich die Dinge, für die ich Interesse zeigte, in den Basaren und bei den berufsmäßigen Händlern, die meist Schwindler waren. Vielmehr wußte ich die Wege zu den versteckten Vierteln der Eingeborenen und Handwerker selbst zu finden, um dort in dem Trödel von Eingeborenenmärkten und in den Werkstätten von Handwerkern unter antiken Habseligkeiten die Dinge, die ich suchte, zu entdecken. Auch wurden mir viele und alle erdenklichen Gegenstände von Eingeborenen gebracht und zum Erwerb angeboten. Darunter befand sich u. a. ein sehr schönes altes Tablett, das aus Papiermaché bestand und mit einer typisch chinesischen Reliefverzierung ornamentiert war. Das Stück schien seiner Beschaffenheit nach echt zu sein. Eine grünliche Patina des Alters erhöhte den Reiz des rotgoldenen Ornaments. Doch später, nach Jahren, als ich wieder den Boden meiner Heimat unter den Füßen hatte, bekam ich den Besuch eines Bekannten, dem ich meine Schätze aus Indien zeigte. Nachdenklich betrachtete er das ominöse Tablett chinesischen Ursprungs aus Indien und erkannte es als einen alten Bekannten, der vor Jahren in neuem Kleide aus den Lagerbeständen seines lothringischen Papiermachéwerkes nach Indien ausgewandert war. Nach erfolgter Antikisierung und mit der künstlichen Patina indischen Schmutzes behaftet ist das Stück, dem »Kreislauf der Dinge« folgend, wieder in seine Heimat zurückgekehrt, wo ich es diesesmal als wirkliche Kuriosität aufbewahrt habe.

Der gesamte Handel in Indien ist seit 1914 unter Ausschluß Deutschlands fast vollständig von den übrigen Märkten der Welt beherrscht. Voran marschiert England, das aus rein wirtschaftlichen Interessen die Versorgung Indiens mit allen lebensnotwendigen Waren und Produkten übernommen hat. In vielen Dingen ist Indien noch immer auf die europäischen Industrien angewiesen gewesen. Diese Abhängigkeit hat sich besonders bei Ausbruch des Weltkrieges gezeigt, denn vieles, was die deutschen Industrien für Indien erzeugt haben, war nur unter großen Schwierigkeiten in der übrigen Welt aufzutreiben. Diese und ähnliche andere Erfahrungen legten England den Gedanken nahe, Indien als Selbstversorger seiner eigenen und vielseitigen Bedürfnisse zu erziehen. Was stände dieser Idee hinderlich im Wege, oder was gäbe es in Indien auch nicht, das dieser Entwicklung ungünstig im Wege stand! So hat sich die Großindustrie Indiens seit 1914 in geradezu unglaublicher Weise vermehrt und vergrößert, und die Produktionsziffern der Halb- und Fertigfabrikate sind ungeheuerlich gestiegen. An den Kriegslieferungen nahm die indische Industrie lebhaften Anteil. Millionen von Sandsäcken aus Jute, Baumwoll- und anderen Erzeugnissen der Textil- und Lederindustrie wanderten auf die Kriegsschauplätze. Eine gesteigerte Ausfuhr an Materialien versorgte die Heere der Alliierten mit allen erdenklichen Mitteln, welche die europäischen Industrien in ihrer Ohnmacht nicht in den notwendigen Erfordernissen hervorbringen konnten. Nach Ronaldshay hatten 1917 die Ledervorräte Indiens einen Mindestbestand, mit welchem man achtzig Millionen Schuhe mit Oberleder versorgen konnte. Mit den während zweier Jahre aus den Jutespinnereien einer einzigen indischen Stadt gelieferten Sandsäcken hätte man beispielsweise eine zwei Meter hohe Brustwehr um den Äquator errichten können.

Die großen Jute- und Baumwollspinnereien in Bombay, Madras, Cawnpore und Kalkutta nahmen einen ungeheuerlichen Umfang an. Die Zahl der Webstühle mit 124 000 und 7 Millionen Spindeln war um das vierfache des Friedensstandes vermehrt worden. Von den 260 Spinnereien und Webereien Indiens besitzt die Präsidentschaft Bombay allein 180. Aber nicht nur die älteren und ursprünglichen Industrien waren es, die in solchem Maße an Ausdehnung gewonnen haben. Viele andere Industriezweige, die in dem wirtschaftlich so fruchtbaren Boden Indiens Wurzel schlugen, entfalteten sich unter dem Geiste und den immer dringlicheren Bedürfnissen der neuen Zeit. Gießereien, Eisen- und Stahl-, Werkzeug- und Maschinenfabriken, landwirtschaftliche Geräte- und Lederbearbeitungswerke, chemische Industrien und Farbstoffabriken schossen wie Pilze aus dem Boden hervor und vermehrten die Arbeiterheere, die sich in den überfüllten Städten drängten. In Bombay, dessen Stadtviertel auf einer schmalen Landzunge zusammengepfercht liegen, weiß man nicht, wie man die brennende Frage des Übervölkerungsübels zu lösen gedenkt. Schon vor dem Kriege waren dort die Viertel der Eingeborenen stark übersetzt und glichen einem wimmelnden Ameisenhaufen.

Die Regelung der durch die veränderte Lage geschaffenen Mißstände wird der Regierung noch viele Schwierigkeiten bereiten. Langsam sucht man diesen in sozialer und hygienischer Hinsicht so sehr schädigenden Übelständen abzuhelfen. Man schafft ausgedehnte Kolonien zur Unterbringung der oft nur periodisch zur Industrietätigkeit herangezogenen Bevölkerung und sucht auf diese Weise den Menschen, die meist vom Lande hereinkommen, die ungewohnten Lebensverhältnisse in den übervölkerten Industriebezirken erträglich zu machen. Doch unter den Arbeitern bleibt es ein ewiger Wechsel von Kommen und Gehen, und Indiens Industrie besitzt fast keinen festen Stamm an brauchbaren und zuverlässigen Arbeitskräften. Wer den Wert und Unwert dieses, die Leistungsfähigkeit großer und gefestigter Industriebetriebe so sehr beeinflussenden Momentes beurteilen kann, wird die unendlichen Hemmnisse, welche der Zukunft der indischen Industrie im Wege liegen, zur Genüge erkennen. Der Inder liebt die Freiheit seiner eigenen Welt, und wenn sie noch so klein ist, so sehr und ist mit der naturgegebenen Art seines Agrartums so innig verknüpft, daß es schwer fällt (was zu den hauptsächlichsten Schwierigkeiten anglo-indischer Industrialisierungsbestrebungen gehört), ihn in das Joch systematischer und mechanisierter Arbeit zu spannen. Und wenn ihn auch der Mammon des für seine Begriffe fürstlichen Verdienstes zu den tosenden Betrieben der Fabriken lockt, so wird doch bald wieder das Weh nach seiner eigenen Scholle die Seele ergreifen und ihn zur Flucht hinaus in die Freiheit seiner Heimat treiben.

Vielerlei Probleme, welche durch die Errungenschaften auf dem Gebiete der modernen Technik in Indien den Geist des Abendlandes beschäftigen, befassen sich mit dem Ausbau und der rationellen Führung der großen Industrien, welche durch die vorhandenen Möglichkeiten ungeahnter Werte vor einer großen Zukunft stehen. Bald werden die schwer zu beschaffenden schwarzen Diamanten auch in Indien durch die weiße Kohle ersetzt sein. Denn in den Flüssen und Strömen, welche das Leben Indiens erhalten, schlummern elementare Kräfte, die, von dem starken Willen des modernen Geistes erfaßt, ungeheure Werte zur Entfaltung bringen können. In künstlichen Staubecken, Seen und Talsperren, Kanälen und Wehren sammelt man die Quellen der Erde und des Himmels. Nicht nur zur Fruchtbarmachung verödeter Länder sollen sie jetzt dienen, sondern man führt sie heute auch diesen im Werden begriffenen kräfteverzehrenden Industrien zu und beginnt, diese mit elektrischen Energien zu speisen. Vielleicht werden diese zyklopischen Kräfte einst im Zeitalter des Übermenschentums die widerspenstigen Arbeitstiere der Eingeborenenwelt ersetzen und die Weltwirtschaft mit dem strotzenden Reichtum eines unerschöpflichen Landes beglücken! – Was die Inder dazu sagen?! – Sie geben ihre Antwort in Form stiller, jedoch immerhin wirkungsvoller Proteste. Ihr erster Grundsatz ist die Non-violenz. Mit ihrer Hilfe suchen sie dem Zwange der modernen Versklavung durch die Industrie zu weichen. Erst die neue Zeit, der vermehrte und gesteigerte Einfluß des Abendlandes hat diese geistige Bewegung im Volke geschaffen. Gegen die immer mehr fühlbare Last und die Zerstörung innerer Werte, welche durch die industrielle und kapitalistische Vorherrschaft des Westens hervorgerufen wird, wehren sich allmählich die natürlichen Instinkte dieses Volkes, dessen Führer den tieferen Sinn dieser Zeiterscheinung längst erkannt haben.

Gandhis Einfluß auf die Massen ist nicht ohne Wirkung geblieben. In seiner stark fühlbaren Non-Cooperation-Bewegung gipfelt die ganze Empörung des indischen Volkes über die stark um sich greifende Abhängigkeit der Massen. Sie ist eine Lehre der Moral und keine Tat der Gewalt. Gandhi sagt selbst, daß sich dieser Protest nicht gegen das Abendland richtet, sondern nur die materialistische Zivilisation und die zunehmende Ausbeutung der Schwachen bekämpft. Daß diese »materialistische Zivilisation«, welche dem stets wachsenden Bedürfnis der Weltwirtschaft und politischen Machtstellung vorherrschender Nationen entspringt, die Ursprünglichkeit und das geistige Wesen des indischen Volkes ungünstig beeinflußt, kann man im Indien von heute zur Genüge beobachten. Denn fast überall finden wir leider schon die wesenlosen Massenprodukte maschineller Arbeit, die das Volk Indiens überschwemmen, ihm den fremden Willen aufzwingen und es seiner ureigensten Art berauben. Doch noch fehlt der breiten Masse des Volkes der klare Blick, die positiven und negativen Ergebnisse fremder Kultureinflüsse abzuwägen und in richtigem Sinne zu beurteilen. Und noch ist die Einwirkung seiner geistigen Führer zu gering, um in ihm das Bewußtsein seiner Eigenwerte zu wecken. England blickt mit Sorge auf alle diese Regungen, die sich im tiefsten Innern der Volksseele langsam zu vollziehen beginnen. Unendliche Schwierigkeiten gab es im Laufe der Jahrhunderte seiner Herrschaft in Indien zu überwinden, und noch viele Brücken wird es über die gefährlichen Abgründe schlagen müssen, die ihm den Weg zu seinen Zielen ebnen werden.

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