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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 38
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Tschitah-Jagd

Wie das deutsche Mittelalter seine Falkenjagd hatte, die mittels eines zahmen, abgerichteten Falken ausgeübt wurde, so hat Indien heute noch den historischen Brauch der Tschitah-Jagd. Hier ist es der Leopard und Gepard, der die Stelle des Falken vertritt und seinem Herrn das Wild der Steppe erjagt. Der Tschitah ist eine besondere Leopardenart. Sein Körperbau ist von den übrigen, katzenartigen Raubtieren sehr abweichend, denn er gleicht mehr der Gestalt eines Hundes, hat sehr hohe Beine und einen auffallend schmalen, langen Leib. Mit dem etwas erhöhten Widerrist und dem dicklichen kleinen Kopf erinnert das Tier fast an die gefleckte Hyäne. Der Gepard gehört zu den gewandtesten und blutgierigsten Raubtieren unter den Katzenarten, und seine Behändigkeit und der unendlich feine Spürsinn machen ihn besonders für den Zweck der Hetzjagd geeignet. Die Tschitah-Jagd, die zu dem sportlichen Vergnügen der Fürsten Indiens zählt, wird hauptsächlich im Norden des Landes ausgeübt. Dort bilden die flachen, sandigen Ebenen, in denen Gazellen und schwarze Böcke in großen Rudeln leben, die idealsten Jagdgründe der Tschitah-Hetze.

Gern zeigt man den Gästen, die an den Hof der Fürsten kommen, diese traditionellen Gebräuche von Jagd- und Sportarten, von denen ich in Indien im Staate Baroda vieles Interessante gesehen habe. Es wurden seinerzeit zu Ehren eines anwesenden höheren englischen Gastes pompöse Veranstaltungen von echt indischem Gepräge vorgeführt. Die Aufführungen zeichneten sich äußerlich durch einen guten Geschmack aus, der auch durchaus im Sinne der alten Tradition des Fürstenhauses lag. Ich sah dort die sportlichen Künste der Inder in ihrer höchsten Vollendung. Tollkühne Reiterspiele mit fabelhaften akrobatischen Leistungen auf dem Rücken galoppierender Pferde, Wettrennen von kleinen Jutkas, Gefährte, die mit flinken Zwergzebus bespannt waren, historische Umzüge und Paraden malerischer Kamelreiter in kriegerischer Tracht. Zweifellos jedoch waren die märchenhaften Elefantenprozessionen, bei denen die Tiere unter den herrlichen Palankinen kostbare Lasten mit sich trugen, von ganz besonders charakteristischer Eigenart. Den Höhepunkt dieser effektvollen Schauspiele bildeten jedoch die spannenden Kämpfe indischer Gladiatoren und wilder Tiere, die in einer großen Arena ähnlich den spanischen Stierkampfzirkussen aufgeführt wurden.

Eine vieltausendköpfige, malerisch-bunte Volksmenge füllte die Terrassen des Amphitheaters, in dem sich die Kämpfer in alten, grotesken Rüstungen gegenübertraten. Hitzige Turniere, Speer- und Schwerterkämpfe, die Überlieferungen altindischer Geschlechter, erfüllten mit ihrem Getöse und Echo die hohen Mauern des Theaters. Wilde Tiere des Urwaldes wurden aufeinander losgelassen und mit Lanzenstichen und anderen Reizmitteln gegeneinandergehetzt. Man sah, wie sich die Büffel der Wildnis zum Ergötzen der Menschen bis zur Erschöpfung bekämpften, wie sich Eber mit ihren spitzen Hauern zerfleischten, und die bis zum Wahnsinn gereizten Elefantenbullen wie die losgelassenen Lokomotiven eines Expreßzuges krachend gegeneinanderrannten. Mit den langen Stoßzähnen und hoch erhobenen Rüsseln begann ein Ringen auf Sieg und Vernichtung, und nur mit Mühe konnten die menschlichen Sekundanten mit den Spitzen ihrer Speere die Tiere auseinandertreiben. Den Reigen des Festes beschloß die Tschitah-Jagd, die andern Tags draußen in der Steppe stattfinden sollte.

Ein bunter Zug bewegte sich dort hinaus. Fürstliche Gefährte, Reitelefanten, Kamelreiter, mit weißen Zebus bespannte Wagen, die buntverhängte, turmartige Aufbauten tragen, unter deren Behängen die koketten dunklen Augen der Zenanafrauen hervorblitzten, bildeten das Gefolge zur Jagd. Fußvolk in allen Schattierungen, in tausendfältig farbenreichen Trachten, die das Mittelalter Indiens widerspiegeln und das Auge des Malers begeistern, und alles, was Beine hat, läuft in die glühendheiße Ebene, in der die staubigen, grauen Kaktushecken mit ihren flammenden Blütenfackeln und vereinzeltes Dornengestrüpp die einzige Vegetation bilden. Wie eine unendliche Kuppel aus kristallblauem Glas liegt der tiefdunkle indische Himmel über der sengenden Glut, die über die Erde flimmert. Eine endlose Wüste, hinter der sich das Firmament in einer dunkelblau-düsteren, fast drohenden Färbung hinabsenkt, liegt vor unseren geblendeten Augen. Der Boden ist mit fußhohem, feinem und zähem Sand bedeckt, in dem der fremde Fußgänger nach hundert Schritten schon in Erschöpfung zusammenbricht. Vereinzelt ragen mimosenartige Bäume mit breiten, schattenspendenden Baumkronen mitten aus der öden Ebene hervor. Unter ihrem kühlen Dach drängen sich Hammel- und Büffelherden, die in dieser Wüste Nahrung finden wollen. Es ist ein Land der trostlosen Dürre, in dem die Trockenheit und ein Versiegen des Regens das Gespenst des Hungers und Durstes hervorruft. Doch in diesem Jahr herrscht Segen und Fruchtbarkeit. Wir sehen dies an den spärlichen, grünen Stauden, die unsere Augen wie kostbare Seltenheiten in der versengten Wüste suchen müssen.

Und dort hinaus folgt uns die Bevölkerung, welche die prunkhaften Feste über alles liebt, auch wenn sie fast nichts davon zu sehen bekommt. Sie sind bescheiden in ihren ganzen Lebensansprüchen, diese Menschen, und gleichen den anspruchslosen pflanzlichen Lebewesen der ewig dürstenden Natur, die mit ihren Wurzeln und Blättern in den Einöden nach den Atomen der Feuchtigkeit lechzen und sich für einen Tautropfen in Dankbarkeit mit dem Gewände frischen Grüns schmücken. Außer den Reiterspielen konnte man der Menge, die draußen unter den glühenden Strahlen der Sonne harrte, nichts zeigen. Zur Jagd ging es zu Pferd weit hinaus in die einsame Steppe. Ein Troß von eingeborenen Reitern, mit langen Lanzen bewaffnet, folgt den beiden Wagen, auf denen je ein Tschitah mit verbundenen Augen liegt. Nachdem die Tiere entfesselt sind, nimmt man ihnen die Kappen von den Köpfen. Schnaubend zerren sie beutewitternd an den Halftern. Die Führer haben alle Mühe, sie festzuhalten. Vor uns befindet sich eine hügelige Erhöhung, die mit lockerem Unterholz bedeckt ist. Von den Treibern zu Pferd wird sie in großen Bogen umgangen.

Mit einem Hornsignal beginnt der Trieb, der sich auf uns zu bewegt. Da plötzlich schießt ein Gazellenrudel aus dem prasselnden Dickicht hervor. In langen Fluchten, gleichsam über dem gelblichen Sandboden schwebend, rast die Herde in eine Senkung hinab. Der Tschitah wird losgelassen, und mit unheimlicher Behendigkeit, wie ein Schatten über die Erde hingleitend, huscht die blutlechzende Bestie hinter dem fliehenden Rudel her. Fast scheint es, als ob er Mühe hätte, die mit Windeseile dahinstürmende Herde zu erreichen. Von den seitwärts herbeistürmenden Treibern geschreckt, schlagen die Tiere einen Haken, wodurch der Leopard einen Vorsprung gewinnt. Jetzt ist er auf Sprungnähe herangekommen, und in blitzartigem Satz reißt er einen Nachzügler des Rudels zu Boden und schlägt dem regungslosen Tier die Fänge in die Halsschlagader. Man läßt ihn gewähren, denn das warme Blut des Opfers ist sein Lohn, und die Dressur verbietet seinen wilden Instinkten das Zerfleischen der Beute. Keuchend, mit bluttriefenden Lefzen, kauert der Tschitah über seinem Opfer, von dem er nur schwer zu trennen ist. Er soll sich nicht satttrinken, da es seine Gier beeinträchtigen würde, und die weitere Jagd dadurch nicht mehr den gewünschten Erfolg hätte. Weiter geht die Hetze. Das Rudel steckt in einer Dickung, in der es sich in seiner Todesangst verborgen hält. Die Tiere ahnen ihr Verderben und sind beim besten Willen der Treiber nicht herauszubringen. Man läßt den zweiten Leopard hinein, der sich wie eine Schlange ins Gestrüpp windet und die Tiere vor sich her treibt. Wie eine Furie schnellt er mitten unter die Herde und reißt einen kapitalen Bock mit graziösem, schlanken Gehörn. Es ist dasselbe grausame Bild menschlichen Blutwahns wie zuvor.

Unter Halali geht es weiter. Das flüchtende Rudel ist, von einer gelblichen Staubwolke verhüllt, entkommen. Nun gilt es, einen neuen Trieb zu arrangieren. In gestreckter Karriere geht es nordwärts. Ziel, eine mit Gebüsch bedeckte Hügelgruppe. Es dauert einige Zeit, bis die Wagen mit den Tschitahs nachkommen. Das Spiel beginnt von neuem, und ein weiteres Rudel wird aufgetrieben. Doch die Tiere sind frisch, während die Tschitahs gesättigt zu sein scheinen und ihre katzenhafte Behendigkeit zu erlahmen beginnt. Die Hetze wird langwieriger, doch um so spannender für die sportbegeisterten Teilnehmer. Bald ist die Jagd beendet. Sie brachte fünf Gazellen, von denen vier Böcke, darunter ein kapitales Tier mit gut entwickeltem Gehörn, waren.

Als das glühende Abendrot am westlichen Horizont sich langsam in eine opalfarbene Blässe verliert, zieht die Jagdgesellschaft, begleitet von der malerischen Eskorte der schwarzbärtigen, stattlichen Shiks, stolz auf ihren feurigen Berberrossen reitend, in die buntbelebte Stadt ein. Zum Schluß folgen die mit grotesken Türmchen gekrönten beiden Wagen, in denen die Tschitahs, vom Blutrausch gesättigt, träge auf ihren farbigen Polstern ruhen. Morgen wird das Fest mit friedlicheren Spielen am Hofe des Fürsten seinen Abschluß finden. Diese Tschitah-Hetze ist wahrlich ein bizarrer Sport, dessen Gesicht die verzerrten Züge blutrünstiger, mittelalterlicher Grausamkeit trägt.

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