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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 34
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Elefantenfang in Mysore

Im Staate Mysore, in seinen dichten Gras- und Baumdschungeln, die von einer ungemein reichen Tierwelt bevölkert sind, sollten einmal wieder wilde Elefanten eingefangen werden. Ein solch seltenes Ereignis, das selbst in Indien, wo es sicherlich nicht an wunderlichen Dingen solcher Art fehlt, zu den »Sensationen« gehört, muß man nicht unbesehen an sich vorübergehen lassen. Von einem mir bekannten höheren englischen Regierungsbeamten, der am Hofe des Maharadschas von Mysore weilt, erhielt ich die Einladung, dem Treiben und Fang der Tiere beizuwohnen. Die Jagd fand auf Betreiben der Regierung von Mysore statt und gestaltete sich zu einer Art sportlichem Ereignis, das mit seinem fremdartigen Charakter manche Reize versprach und mit einem großen Aufwand an Mühen und Opfern eingeleitet und durchgeführt wurde. Das Ergebnis des Fanges sollte teilweise zum Verkauf und zur Ergänzung und Auffüllung der Staatselefantenbestände bestimmt sein. Da in dem Gebiet, in dem der Fang stattfinden soll, große und zahlreiche Elefantenherden beheimatet sind, rechnete man mit einem stattlichen Ergebnis und versäumte nichts, um die umfangreichen Vorbereitungen nach den Regeln des Fanges und der seitherigen Erfahrungen, die man darin gemacht hatte, erfolgreich zu gestalten. Das Erlebnis gehört zweifellos zu den imposantesten und gewaltigsten seiner Art, das ich während meines Aufenthaltes in Indien gehabt habe.

Der Staat Mysore befindet sich im südlichen Indien. Es ist einer der einheimischen Vasallenstaaten, die nicht unmittelbar unter der englischen Herrschaft stehen und von ihrem Fürsten unter der Aufsicht der Engländer selbst verwaltet werden. Mysore ist eines der reichsten Länder des Südens, und insbesondere seine Bodenschätze, die Erz- und Goldminen, die es besitzt, liefern ein gutes Erträgnis. An der südlichen und westlichen Grenze des Landes verebben die nördlichen Ausläufer der Blauen Berge und des großen, westlichen Randgebirges. Sie führen wie eine breite, gigantische Terrasse hinab in die Ebenen von Mysore, die von unendlichen Gras- und Baumdschungeln bedeckt sind. Diese Gebiete bilden das Dorado der wilden Elefantenherden, die diese Wälder als ihre bevorzugten Futterplätze aufsuchen. Denn die jungen, spitzen Triebe der Bambusse, die wie Lanzen emporschießen, sind süß wie das Rohr des Zuckers, welches der Elefant auch nächtlicherweile in den Zuckerpflanzungen des Landes nascht. Ungeheure Gebietsteile, durch welche die Herden der Rüsselträger wechseln, gleichen einem Trümmerfeld der Verwüstungen, und oft hat es den Anschein, als ob dieses Chaos von dem Mutwillen, der den Trieb der Zerstörung in diesen Tieren weckt, hervorgerufen sei. Auf unseren Jagdstreifen im Süden Indiens sah ich häufig diese Fährten, die mit ihren oft mysteriösen Hinterlassenschaften mitten im tiefsten Urwald im Menschen ein merkwürdiges Gefühl der Unruhe hervorrufen können. Oft war durch dieses Vernichtungswerk im dichten Dschungel eine regelrechte Lichtung entstanden, auf deren zertrampeltem Boden die Ruinen von geknickten Baumleichen und die langen, schlanken Bambusstämme wie die Trümmer eines eingestürzten, riesigen Holzgerüstes umherlagen.

Als ich in Mysore ankam, waren bereits zahlreiche Gäste des Fürsten erschienen, die dem spannenden Ereignis als Zuschauer beizuwohnen eingeladen waren. Von Mysore ging es südlich durch die trockenen, heißen Ebenen in den bergigen Dschungel hinein. Die Keddahs (Fangvorrichtungen) liegen tief in der Wildnis. Dort hören die Wege und Straßen auf, und wir besteigen die Reitelefanten, die uns mit ihrem schaukelnden Gang durch den unwegsamen, mit dichtem Unterholz und hohem Gras bedeckten Urwald führen. Der Wald ist wie ausgestorben, und es ist, als ob unser Nahen alles Lebendige verscheucht hätte. Nur in den Baumkronen flirrt das bunte Vogelleben, und ab und zu flüchtet hoch über unseren Köpfen eine scheltende Affenherde waldeinwärts.

Wir passieren die Furt eines Flusses, in dessen klarem, einladendem Naß die Elefanten bis zum Bauch im Wasser waten. Unsere braven Reittiere stillen ihren Durst, indem sie ungeheure Wassermengen schlürfen. Einige von ihnen plätschern übermütig mit den Rüsseln im kühlen Wasser und machen Miene, sich niederzulegen, um ein Bad zu nehmen. Nur mit Mühe werden sie von den Mahouts zum Weitergehen angetrieben. Die Wärme des Tages liegt wie eine Lohe über dem Dschungel. Der Ritt ist in der Hitze des Tages und durch die schwankenden Bewegungen des Howdah recht anstrengend und ruft eine Art unangenehmes Schwindelgefühl hervor. Endlich geht es bergan, und wir sollen bald am Ziele sein. Man durchquert eine weite Grasfläche, ein wogendes Schilfmeer von über sechs Fuß Höhe. Wie die schweren Körper phantastischer Boote gleitet die Reihe der Elefanten mit ihren lebendigen Lasten durch das dürre, sonnenverbrannte Dickicht, das wie rauschendes Wasser an uns vorüberzieht. Im Süden, in der Ferne, steigt die hohe Mauer der Berge in den eintönigen, wolkenlosen Himmel, und obwohl die Sonne schon tief steht, freuen wir uns auf den Schatten des Waldes, von dem uns nur noch eine kurze Entfernung trennt.

Nach fünfstündigem Ritt sind wir endlich müde und erschöpft beim Keddah angelangt. Eigentlich sind es zwei, denn ein kleiner Teil Hegt weiter drüben und ist von der großen Umzäunung durch ein Tor getrennt. Es ist der Kral, in den die Elefanten später nach dem Eintrieb verbracht werden. Ich bin erstaunt, über diese gewaltigen Vorbereitungen, die wir mitten im Urwald antreffen. Große Zelte und provisorisch aufgeschlagene Baracken sind abseits des Keddah für die Unterkunft der Gäste errichtet worden. Eine Menschenmenge von bunter Mischung bevölkert den sonst so einsamen Dschungel. Europäer in khakifarbenen und weißen Anzügen, mit Büchsen und Fernglas bewaffnet. Vornehme Eingeborene vom Hofe des Fürsten in abendländisch-indischer Tracht, halb Europäer, halb Inder, mit hohen, seidenen Turbanen, eleganten Bridges und Lackreitstiefeln, in deren Schaft die Reitpeitsche steckt. Der Troß uniformierter Diener, Boys, Aufwärter und Schirmträger mit dem goldgestickten Wappen des Fürsten auf Brustlatz und Turban eilt geschäftig hin und her. Exotische Punkahträger verfolgen ihre Herren auf Schritt und Tritt und schwenken unaufhörlich kunstvolle Fächer aus Palmblättern über den Köpfen der Europäer. Der Fürst läßt seine Gäste glänzend bewirten. Ein hervorragendes Diner, das, weiß Gott wie, mitten im Dschungel von kunstgerechter Hand zubereitet war, bildet die Einleitung des Schauspiels, das allerdings schon vier Tage vorher in der weiteren Umgebung mit dem Eintrieb der Herde begonnen hatte. In der Nähe des größeren Keddahs war eine Art Hochsitz errichtet, auf dem die Gäste später beim Beginn des Eintreibens Platz nehmen sollten. Der Dschungel war auf große Strecken gelichtet, so daß man den Antrieb gut verfolgen konnte, und ringsum waren Palisaden errichtet, um das Ausbrechen der Elefanten zu verhindern.

Die Keddahs bestehen aus einer roh gezimmerten, starken Umzäunung, die teilweise zwischen den Bäumen verankert und von außen durch Streben gestützt ist. An der Südseite befand sich ein schmaler Eingang. Inmitten des Krals hat man einige starke Bäume stehenlassen, woran später die Gefangenen gefesselt werden. Die Palisaden sowie die übrigen Aufbauten waren, um die Tiere nicht vorzeitig zu vergrämen, mit Gestrüpp und Laubzweigen verkleidet, so daß sie fast von dem übrigen Dschungel nicht zu unterscheiden waren. Schon wochenlang dauerten die umfangreichen Vorbereitungen zu diesem Treiben. Der Keddah und was wir sonst noch vor uns sahen, waren nur bescheidene Teile dieser Mühen und Arbeiten. Auch draußen im Dschungel, weit in den Bergen, befinden sich Barrikaden und Dämme, mit denen man während des Eintriebes das Ausbrechen der Herde verhindern will. Schon seit Wochen sind die alten erfahrenen Fährtensucher mit der Rekognoszierung beschäftigt, und über fünfzehnhundert Kulis sind aufgeboten, um den Trieb zu vollenden. Viel lieber hätte ich mir draußen diese taktisch so interessanten Bewegungen der Umgehung und Einkreisung mit angesehen, als daß ich hier im Keddahkamp die Zeit nutzlos verbringe. Boten melden zwar, daß die eingeschlossene Herde nicht mehr weit entfernt sei und der Eintrieb wohl noch im Laufe der Nacht beginnen könne. Doch der Mensch denkt und der Elefant lenkt, hieß es auch in diesem Falle; denn wir warteten die ganze Nacht auf den Alarm, der nicht erfolgte. Die Herde, es sollen gegen sechzig Stück sein, ist in der Nacht nach Westen durchgebrochen, und nun muß sie erneut umgangen und zusammengetrieben werden.

Ich war untröstlich, daß man uns dieses interessante Schauspiel vorenthielt und wäre zu gerne aufgebrochen, um zur Treiberkette zu gelangen. Doch dies, sagt man mir, sei bei der Unwegsamkeit der Wildnis fast unmöglich und zudem mit großen Gefahren verbunden. Die Herde konnte sich nicht mehr sehr weit befinden, denn wir hören in der stillen Morgendämmerung aus der Ferne das schnarrende Trompeten der Dickhäuterschar zu uns herüberdringen. Wenn nun alles gut geht, werden wir die Elefanten am frühen Morgen schon in dem Keddah haben. Noch lagert über der Wildnis das dunsthafte Grau des Morgens. Im Kamp ist schon alles auf den Beinen. Späher und Boten bringen die Nachricht, daß sich die Herde im Anmarsch befindet. Schon ertönt auch der Lärm des Treiberheeres, der von der frischen Brise des Morgens bald stärker, bald schwächer zu uns herübergetragen wird. Bricht nun die Herde am Ausgange des Talkessels wieder durch, so werden wir noch einmal Geduld haben müssen. Man schickt an diese gefährliche Stelle Verstärkungen, um die Kette der Treiber an jenem fragwürdigen Wechsel zu verdichten. Im Lager ist die Erregung über das bevorstehende Ereignis gestiegen. Doch es dauert Stunden, ehe wir etwas sehen und hören. Auch der Treiberlärm ist schwächer geworden und allmählich ganz verstummt. Es wird von einem Tiger berichtet, der heute früh in der Dämmerung den Kreis der Treiber passiert hat. Außerdem sollen zwei Treiber bei ihrem waghalsigen Versuch, die ausbrechenden Elefanten zurückzuhalten, zu Tode getrampelt worden sein. Es werden wohl nicht die letzten Opfer dieser wilden Jagd sein. Im übrigen ist der Bericht günstig. Die Herde ist etwa drei bis vier Kilometer entfernt, in einer Lichtung eingeschlossen. Man will die gehetzten und beunruhigten Tiere zur Ruhe kommen lassen und baut in der Zwischenzeit an den Durchbruchstellen Barrikaden aus gefällten Baumstämmen und dichtem Dornengestrüpp.

Wenn die Sonne am höchsten steht, soll der forcierte Eintrieb beginnen. Auf einen Kilometer Entfernung ist ein keilartiger Kral errichtet, der wie ein Trichter in den Keddah mündet. Wenn die Herde sich schon einmal in dieser Enge befindet, gibt es so leicht kein Entrinnen mehr. Pünktlich um die Mittagsstunde setzt der Höllenlärm der Treiber ein. Jeder dieser sechszehnhundert Menschen gibt an Geräuschen her, was er zu leisten vermag. Unter den Zuschauern im Kamp herrscht Endspurtstimmung. Alles blickt hinüber zur Lichtung, durch die das wilde Heer herbeirasen wird. Wie ein Bühnenprospekt mutet diese Szene an; rechts und links die plastischen Kulissen der mächtigen Urwaldbäume und Bambusse. Über diesen hängt die Soffitte eines dunstblauen, wolkenlosen Himmels, und im Hintergrunde ragt die dunkle Mauer des Baumdschungels empor. Im Kamp herrscht die spannungsvolle Ruhe einer gesteigerten Erwartung.

Alles ist in Deckung gegangen, und hinter den Einfalltoren, die von zwei riesigen Baumstämmen flankiert sind, harren, im Dickicht verborgen, die nackten, braunen Männer, die das geöffnete Tor des Gefängnisses nach dem Eintrieb zu schließen haben. Da – plötzlich belebt sich der Waldrand. Sie kommen! – Jetzt beginnt die überwältigende Ouvertüre dieser dramatischen Szene. Ein verzweifeltes Trompeten und Schnauben aus Dutzenden von hoch erhobenen Rüsseln. Das hohe Unterholz bewegt sich, und überraschend plötzlich sind vier – sechs – zwölf Elefanten auf dem Schauplatz der letzten Phase ihrer Freiheit erschienen. Mit den Gläsern vor den Augen starren wir hinüber zum Waldrand. Immer mehr Tiere drängen sich aus der Dickung, und es ist, als ob sie die anderen vor sich herstoßen. Manche junge, ganz kleine Tiere befinden sich zwischen den grauen Riesen, die sich verzweifelt mit den Stoßzähnen und den gesenkten, mächtigen Stirnen weiterschieben. Der Lärm der Treiber ist wie das Brausen eines Orkans. In langsamem Trott bewegen sich die ersten der Tiere prustend und in wirrem Durcheinander über die Lichtung. Voraus, mit hoch erhobenem Rüssel und mächtigen Stoßzähnen, die gesprenkelten Ohren gespreizt, ein alter Herdenbulle. Er führt mit schnarrenden Trompetentönen sein Volk geradenwegs dem Verderben entgegen. Noch scheinen die Tiere nicht zu ahnen, was ihnen bevorsteht. Doch die immer enger werdende Sperre, in die sie sich förmlich hineindrängen, erweckt offenbar in ihnen Mißtrauen und den wilden Instinkt der Freiheit. Ein letzter Ausbruchsversuch, der die ungeheure Erregung zu höchster Spannung treibt, wird durch die Barrikaden und die dahinter wetternde Meute der Treiber vereitelt. Schon rennen die ersten dieser wagemutigen Kerle mit hochgeschwungenen Feuerbränden drüben über die Lichtung. Im Stechtrab setzt sich das Gros der Herde in der Richtung auf den Keddah in Bewegung. Doch als der Schlauch, in den sie hineinflüchten, enger und enger wird, packt die Tiere Angst und Verzweiflung. Ein wildes Drängen entsteht in der Herde. Die hinterher stürmenden Massen schieben mit der furchtbaren Kraft ihrer Schädel, die krachend aneinanderprallen, nach vorne. Es entsteht ein höllischer Wirrwarr, in den sich das furchtbare Getöse der keuchenden Tiere, der Lärm der Treiber und das Brechen der Äste mischt.

Zwischen den vorwärtsstürmenden und zurückdrängenden Tieren bricht ein gigantischer Kampf aus, der mit den gewaltigen Schädeln und den langen Stoßzähnen ausgefochten wird. Doch es gibt kein Zurück mehr, denn im Rücken nahen die menschlichen Henkersknechte, und fiebernd lauern die Torwärter hinter der Öffnung des Keddahs auf die heranstürmende Herde, die brausend wie ein wilder Bergstrom in ihr Gefängnis schießt. Rasch werden die Torbarrikaden vorgeschoben und verriegelt, und nun ist das Schicksal der gehetzten Tiere besiegelt. Polternd rennen die Schädel der Gefangenen gegen die Palisaden, die unter dem immensen Anprall zu wanken scheinen. Ein großer Bulle tobt wie wahnsinnig. In seiner Wut trampelt er die jungen Tiere nieder und versucht, mit hoch erhobenem Rüssel im Keddah umherstürmend, einen Ausweg in die Freiheit. Überall, wo er mit der furchtbaren Kraft seines Körpers einen Rammversuch unternimmt, wird er von den Lanzenspitzen der Wächter empfangen, bis er sich zuletzt zu der übrigen Herde gesellt.

Nun können wir von den Hochsitzen aus die Tiere mit Ruhe mustern. Es sind im ganzen vierundfünfzig, worunter sich eine Anzahl junge, kaum ein- und zweijährige Babys befinden. Ängstlich drängen sie sich an den zitternden Körper ihrer Mütter, die sie mit den Rüsseln zu beruhigen suchen. Es ist ein leidvolles Bild der Traurigkeit, das die menschliche Seele, das empfindsame Gemüt tief erschüttert und das Gefühl großen Mitleids erweckt. In den kläglichen Bewegungen dieser unglücklichen Tiere prägt sich die schwere Erschütterung ihres seelenvollen Tiergemüts aus. Manche von ihnen verharren in stummer Haltung, mit schlaff herabhängendem Rüssel und müdem Auge, während andere wieder ihren Launen der Zerknirschung und Mißstimmung durch wuchtige Püffe und Stöße Luft zu machen suchen. Ein Weibchen beklagt in jammervollem Grunzen ihr und der Herde Geschick. In monotonem Hin- und Herwiegen des Kopfes verleiht sie ihrer Trauer über den Verlust der Freiheit und des wilden Glücks in ihrer Dschungelheimat tiefbewegten Ausdruck.

Die Treiberführer erzählen von riesiger Mühe und Arbeit. Tag und Nacht waren sie auf den Beinen, um die Fühlung mit der Herde nicht zu verlieren und in ihrer ganzen Stärke zusammenzuhalten. Doch es gelang ihnen nicht. Denn ursprünglich sollen es über achtzig Tiere gewesen sein, von denen am Tage vorher nahezu die Hälfte durch einen kühnen Durchbruch ihre Freiheit im Dschungel wieder erlangte. Gut so – denn selbst das Ergebnis von vierundfünfzig Stück ist viel für einen einzigen Fang, der mit dieser Zahl einen glänzenden Erfolg bedeutet. Oft sind die Fangergebnisse so gering, daß sich der Riesenaufwand an Arbeit und Opfern kaum lohnt.

Was nun folgt, ist seinem tieferen Sinne nach weit tragischer als alles Vorangegangene. Es ist die Fesselung der Gefangenen, die wie wilde verbrecherische Sträflinge behandelt und mit Hilfe ihrer eigenen, zahmen Genossen geknebelt werden. Zweifellos ist dieses Ereignis neben seiner tiefen Traurigkeit eines der interessantesten Momente des ganzen Fangmanövers. Nachdem die Tiere der Herde ruhiger geworden sind und sich an ihre neue Umgebung gewöhnt haben, werden sie von den zahmen Elefanten, die mit ihren Mahouts und dem »Feßler« besetzt sind, in die Mitte genommen. An die großen und gefährlichen Bullen geht man zuerst heran. Sie werden von je zwei zahmen Elefanten eingeschlossen, während der kühne Feßler, der inzwischen auf die Erde herabgestiegen ist, dem »Wilden« die armdicken Juteseile um einen Hinterfuß schlingt. Es ist die gefährlichste Arbeit, die eine ungeheure Kaltblütigkeit und entschlossene Behendigkeit erfordert. Die Tauenden werden dann um einen Baumstamm gelegt und das sich heftig sträubende Tier dort festgebunden. Diese Prozedur ist von grausamer Härte, und kaum vermag man diesem inhumanen Vorgang mit den Augen zu folgen, ohne von dem Leiden der Tiere, die sich mit furchtbarer Gewalt von den Fesseln zu befreien suchen, sehr erschüttert zu werden.

Geradezu merkwürdig ist bei all diesen Vorgängen das verräterische Verhalten der zahmen Elefanten, die mit sichtlich großer Befriedigung dazu beitragen, das traurige Los ihrer wilden Genossen zu besiegeln. Diese vierbeinigen Henkersknechte, die besonders zu diesem Schergendienst abgerichtet sind, besorgen den Verrat an ihrem eigenen Geschlecht mit der größten Kaltblütigkeit. Nicht nur, daß sie allein die Arbeit des Festhaltens, Knebelns und des Gefangenentransportes besorgen, nein, sie behandeln die gepeinigten Opfer oft mit elefantischer Roheit, die ich diesen gutmütig aussehenden Dickhäutern nie zugetraut hätte. Durch Püffe und Stöße mit den Stoßzähnen und Schieben mit Hilfe des Schädels suchen sie ihren wilden Genossen »Kultur« beizubringen. Doch andererseits ist es auch rührend zu sehen, wie sie die gefesselten Tiere mit Nahrung versorgen, die sie aus den Bambus- und Grasdschungeln herbeischleppen. Oft erwacht jedoch in den »Wilden«, welche die Freiheit des Urwaldes nicht so rasch vergessen können, der Instinkt ihrer Urtriebe, und manche versuchen dann, ihre zahmen Genossen in den Dschungel zu schleppen. Es wurde mir auch von einem Fall erzählt, wo ein alter, zahmer Bulle während der Arbeit im Urwald ausgerückt war und später, nach fünfjähriger Freiheit, anläßlich eines Triebes im Keddah wieder gefangengenommen wurde. Das Tier hatte trotz aller wiedererweckten, wilden Instinkte, die sich bei ihm äußerten, seine Dressur nicht vergessen gehabt und gehorchte sofort den Befehlen des Mahout, der mit seinem Ankus (Führereisen) die alten Erinnerungen rasch wieder in ihm erweckte.

Für uns war das außergewöhnliche Ereignis des »Kralens« zu Ende. Für die Elefanten noch nicht. Sie mußten noch einige Tage unter Leitung und Führung ihrer zahmen Genossen im Dschungel gefesselt exerzieren und traten dann ihren Marsch in die Städte der Menschen an. Dort sahen wir sie später in den Ställen von Mysore wieder, wo man den Bullen ihre Stoßzähne um einige Handbreit verkürzte und sie mit dem Schmuck goldglänzender Messingspangen umwand. Zwei mächtigen Bullen wurde die ehrenvolle Tätigkeit als Staats- und Prunkelefanten zuteil, die übrigen wanderten unter das Elefantenproletariat, wo sie nach der Dressur auf entlegenen Arbeitsstätten das harte Los schweren, arbeitsreichen Daseins mit ihren Schicksalsgenossen teilen.

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