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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 33
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Krokodiljagd in den Lagunen

In Cannanore wohne ich im Hause der Rast, das draußen vor der palmenumsäumten Stadt an einer Bucht des Meeres liegt. Vor dem Einschlafen lausche ich noch lange auf das beruhigende Rauschen der Brandung, die mit ihrem eintönigen Lied der Ewigkeit am leuchtenden Sand der Küste auf und nieder wallt. Auf der kühlen Veranda, umspült von der leise fächelnden Meeresbrise, träume ich von den wundersamen Reizen dieses glücklichen Landes und seinen Menschen, von seiner Küste, dem weiten blauen Ozean mit den kleinen, kühnen Fischerbooten und diesen märchenhaften Lagunen, deren mystisches Wesen einen unverlöschlichen Eindruck in meiner Seele hinterlassen hat. Leise dämmernd zieht ein taufrischer Morgen hinter den hohen Wäldern der Palmen herauf. Blendendes Frühlicht steigert die zarte Tönung des Himmels zu einem immer stärker zunehmenden Blau, und bald hat das Leuchten des kommenden Tages seine ganze Intensität erreicht. Doch je weiter die Sonne sich dem Zenit nähert, um so mehr scheint ihr Glanz an reizvoller Kraft und Stärke einzubüßen. Der indische Morgen an der Palmenküste des Ozeans ist von unvergleichlicher Schönheit und erhabener Größe. Dieses leuchtende Erwachen der Natur gleicht dem Sinnbild der Auferstehung des Lebens, denn alles, was von diesem erweckenden Schein in leise gesteigerten Nuancen den Hauch des Lichtes empfängt, beginnt sich zu regen und zu beleben. Ein feuchter, dunsthafter Tau, der letzte Rest der kühlen Nacht, zieht in feinen Schleiern durch die Stille der Luft empor. Die blauen, langen Schatten der Wälder wandern lautlos über die Erde, als ob sie vor den blendenden Strahlen der Sonne fliehen wollten. Auch drüben, in den Hainen der Palmen, ist der nächtliche Gesang der Grillenheere längst verblaßt, und ein bunter Chor der Vögel begrüßt den jungen Tag mit dem schwingenden Rhythmus trillernder Sinfonien. Langsam weicht die erquickende Kühle der beginnenden Wärme des Tages, und die Monotonie des rasch zunehmenden Sonnenlichtes löst allmählich die wundervollen Reize des indischen Frühmorgens.

Drüben, zwischen den Palmenwäldern, steigt bläulicher Rauch empor, und von ferne klingt das Leben des erwachten Städtchens herüber. Schon früh in der Morgendämmerung haben die Fischer am Strande ihre Vorbereitungen zur Ausfahrt begonnen, und zwischen den Schiffchen, die zur Ausfahrt bereit lustig die Segel blähen, spielt die muntere Fischerjugend johlend im Sande des Ufers. Kolonnen schwerfälliger Ochsenwagen ziehen auf der ausgefahrenen, sandigen Straße von der Stadt zur Küste heran; Sie sind mit wertvollen Hölzern aus dem indischen Urwald beladen und befördern ihre Fracht zur Bucht hinunter, wo die Ladung von den schweren Masullabooten dem auf hoher See liegenden, kleinen Küstendampfer zugeführt wird. Auch der in der Sonne gleißende Meeresspiegel, der in perlmutterner Färbung schimmert, beginnt sich zu beleben. Eine große Fischerflottille winziger Boote treibt mit gestrafften Segeln dort hinaus, und immer kleiner werden die Umrisse dieser niedrigen, flachen Fahrzeuge, bis sie sich endlich im blendenden Lichte des Horizontes aufzulösen beginnen. Der Schiffsverkehr an dieser Küste Indiens, die in ihrem südlichen Teil keinen eigentlichen Hafen besitzt, ist gering, und das Meer liegt fast immer in Einsamkeit. Nur in der Bucht liegen einzelne, schwerfällige Eingeborenenboote und kleine Küstensegler, die den Transitverkehr an dieser Küste besorgen. Auch das Leben am Strande ist während des Tages von einer beschaulichen Ruhe, und nur am frühen Morgen und späten Abend, wenn die Fischer ausfahren und heimkehren, regt sich dort ein buntes Treiben.

In der Sonnenglut des Mittags gehe ich hinüber zu dem Ufer des Binnenmeeres, wo meine beiden eingeborenen Begleiter ihr schmales Boot zur Fahrt in die Lagunen bereitliegen haben. Eine große Schar Männer, Frauen und Kinder sind aus ihren Hütten herbeigeeilt, und manche von den Eingeborenen wollen uns mit ihren Booten aus Neugierde zu den Bänken, wo die Krokodile hegen, begleiten. Bald durchqueren wir mit dem schmalen, flinken Kanu das Binnenmeer, auf dem eine große Anzahl dieser primitiven Catamarans treiben. In stiller Beschaulichkeit sitzen die Fischer auf den schlanken Einbäumen, um das Ergebnis ihres Fanges abzuwarten. Manche von ihnen stehen in der Nähe des Ufers und auf Sandbänken bis zum Leibe im Wasser und werfen mit großem Geschick dort ihre Netze aus. Wir sind nun am Eingange einer dieser Kanäle, deren Einfahrt völlig mit Wasserpflanzen überwuchert ist, angekommen. Heute fahren wir in östlicher Richtung, während wir gestern einen der nördlichen Kanäle, die viel enger und dichter sind, besucht haben. Doch auch dieser Weg, der in die Wildnis hineinführt, wird immer enger, obgleich sich über uns noch der heitere, blaue Himmel öffnet. In lautloser Fahrt pirschen wir uns in das Innere des Urwaldes hinein. Dort hinter den Lagunen befindet sich nach der Beschreibung meiner Führer ein großer Tümpel, an dessen morastigen Ufern die Fischer stets große Scharen von Krokodilen in der Glut der Mittagsonne beobachtet haben. In weitem Bogen suchen wir nun die Stelle zu erreichen, an der man, die Sonne im Rücken, den See und seine Ufer von der Deckung des dichten Unterholzes aus überblicken kann. Da sehen wir auch schon die Lichtung des Tümpels am Ende der Wasserstraße schimmern, und geräuschlos gleitet das Boot dem Ausgang des grünen Tunnels entgegen.

Behutsam steuern wir ins offene Wasser und benützen langsam vorwärtsgleitend die Deckung der dicken Mangrovenstämme und -wurzeln. Dunkle Schatten der Bäume liegen wie schwarze Massen über dem Wasser. Meine Führer zeigen schweigend hinüber an den Rand des Ufers, das dem Ausgang des Kanals schräg gegenüber liegt. Dort erkenne ich durch das Glas die riesigen Leiber von zwölf Krokodilen. Regungslos liegen sie im Schlamm des Ufers, von dem sich ihre dunkeln Körper nur in unbestimmten Umrissen abheben. Einige von ihnen stieren mit weit geöffnetem Rachen in die glühende Sonne. In der Mitte des Tümpels befindet sich die von meinen Begleitern beschriebene Schlammbank, die mit hohem Schilfgras bewachsen ist. Dort drüben ist ein reges Leben von Wasserhühnern, deren lockendes Quäken aus dem Dickicht zu uns herüberschallt. Um uns herrscht die Ruhe der Urwaldeinsamkeit. Reiher ziehen draußen weite Kreise über dem See und suchen die seichten Stellen auf den übrigen kleinen Schilfinselchen, wo sie der Fischbrut, die sich dort in ungeheuren Massen aufhält, nachstellen. Zwischen den hohen Gräsern der Schlamminsel entdecken wir plötzlich die dunkeln Körper einiger Krokodile, die es dort offenbar auf die Nistplätze der Hühner abgesehen haben. Leider kann ich von unserem günstigen Beobachtungsposten aus zu keinem sicheren Schuß kommen, denn die Entfernung, die uns von der Insel trennt, ist noch immer zu groß. Und so sind wir wohl oder übel zu einem Umgehungsversuch gezwungen, der uns in den Bereich der Tiere gelangen läßt.

Ein glücklicher Zufall will es, daß drüben, in unmittelbarer Nähe des Ufers, ein zweiter Kanal einmündet. Wir müssen uns nun rasch entschließen, auf Umwegen dort hinüber zu gelangen. Mit großer Behendigkeit rudern die Männer den Weg, den wir gekommen waren, rückwärts, und nun versuchen wir, uns unter dem Gewirr von Schlingpflanzen und Wurzeln einen Weg in jene Lagune zu bahnen. Im Fieber der Jagd geschieht dieses lebensgefährliche Wagnis, bei dem das schmale Boot öfters zu kentern drohte, mit großer Hast und unerhörter körperlicher Anstrengung. Wir müssen das Boot über eine morastige Stelle schleppen und versinken darin bis an die Hüften in dem Sumpf, der uns zu verschlingen drohte, hätten uns die Wurzeln und Schlinggewächse keinen Halt geboten. Unter Aufbietung aller Kräfte erreichen wir endlich eine offene Lagune, in deren Rinne wir wieder rasch vorwärts kommen. Aber da wir in dem Labyrinth des Urwaldes die Orientierung verloren haben, wußten wir nicht, wo wir uns jetzt befanden. Ohne Aufenthalt und auf gut Glück eilen wir rasch vorwärts. Wie ein Pfeil schießt das Fahrzeug im grünen Gewölbe dahin, und immer enger wird der Schlauch, in dem wir in eine dunkle Wildnis hineingleiten. Da zeigt sich vor uns ein heller Lichtschimmer. Es ist der Ausgang der Lagune. In blendenden Strahlen flimmert dort das Tageslicht in die düstere Einsamkeit des Waldes. Der schwüle Hauch der Sonnenglut dringt uns entgegen. Über uns tönt das Zwitschern und Locken der Vögel, von denen wir nichts entdecken als diese kleinen, neugierigen Sittiche mit den roten Schnäbelchen. Dreist blicken sie aus dem dichten Blättergewirr herab, um die seltsamen Gäste, welche die Ruhe dieser Einsamkeit stören, zu bewundern. Jetzt wird es unter dem Gewölbe lichter, und vorsichtig nähern wir uns dem Ausgang.

Ich erkenne an der Landschaft, die uns drüben entgegenblickt, daß wir uns dem erwünschten Ziele nähern. Wir werden uns vorsichtig heranpirschen, damit wir die Tiere nicht vorzeitig vergrämen, denn die Krokodile der Wildnis sind scheu, obwohl sie unter Menschen und Tieren wenig Feinde besitzen. Geräuschlos gleitet das Boot vorwärts, dem Ende des Tunnels entgegen. Einige kräftige Ruderschläge treiben uns in eine Dickung aus buschigen Farnen und Schilfgewächsen, von wo aus das dahinter liegende Ufer überblickt werden kann. Drüben in der Nähe des Sees liegt jene mit Schilf bedeckte Schlamminsel, deren Rückseite wir nun vor uns haben. Endlich entdecke ich leise vorwärts gleitend das Schlammufer, das draußen vor der Lagune liegt. Doch noch sehe ich nichts von den Krokodilen. Mögen sie am Ende inzwischen in die Tiefe des Sees zurückgekehrt sein? – Mein Herz schlägt hörbar, als ich mich im Boote aufrichte, um hinüberzublicken. Da sehe ich in verblüffend geringer Entfernung vor mir den Körper eines großen Krokodils, das mir seinen halbgeöffneten Rachen zuwendet. Rasch nehme ich das Zielfernrohr von der Büchse. Doch das Tier hat die hastige Bewegung entdeckt und schießt lautlos wie ein Pfeil unter die grünlich schillernde Oberfläche des Wassers. Ich betrachte das Entweichen dieses kapitalen Stückes mit gemischten Gefühlen.

Doch jetzt ist mir der Weg zu den weiter drüben liegenden Tieren frei, und ich schiebe mich langsam, auf dem Bauche liegend, an das freie Blickfeld heran. Hoffentlich ist die Herde durch das Verschwinden ihres äußersten Vorpostens nicht beunruhigt worden. Doch nein – drüben, kaum dreißig Schritte von uns entfernt, liegt die Schar der trägen Körper noch in der prallen Sonne. Ich zähle jetzt im ganzen etwa acht Stück. Auch einige junge, ganz kleine Tiere sind darunter. Ihre Leiber liegen breit, wie leblos im grauen Schlamm. Manche von ihnen sind bis zur Hälfte vom Wasser bedeckt, so daß von der grünlich schillernden Bauchseite nichts mehr zu sehen ist. Es gilt, jetzt rasch zu handeln. Das auserwählte Opfer, ein riesiges Tier, liegt außerhalb der Herde mit offenem Rachen am oberen Rande des Ufers. Ich halte auf die vom Panzer ungeschützte Stelle zwischen Schädel und Vorderläufen. Der Knall meiner Mauser weckt ein hundertfältiges Echo in der Einsamkeit; während die übrige Herde mit blitzartiger Geschwindigkeit unter dem hoch aufspritzenden Wasser untertaucht, verendet das getroffene Tier mit zuckenden Bewegungen seines Schweifes, der mit ungeheurer Gewalt die graue Masse des Schlammes peitscht. Nachdem alles still geworden ist, rudern wir hinüber zum Ufer, um die Beute in Augenschein zu nehmen.

An Ort und Stelle wird das Krokodil zerwirkt. Es ist ein ausgewachsenes Exemplar von etwa fünfzehn Fuß Länge. Um die Züge seines riesigen Rachens spielt ein erstarrtes, zynisches Lächeln, und aus den schillernden, grünen Augen weicht langsam das Leben dieses alten Burschen. Bei der Öffnung des Magens finden wir unter Steinen, Tang und Pflanzenresten eine erstaunlich große Anzahl noch unverdauter Fische, das opulente Frühstück eines alten Krokodilfamilienvaters. Mit scharfen Weidmessern lösen wir unter großer Mühe den zwei Zoll dicken Panzer, und noch ehe die Dämmerung hereinbricht, landen wir wohlbehalten in der Bucht und ziehen mit der Beute hinauf zum Bungalow, wohin uns eine schaulustige Menge Strandbewohner folgt. Noch bis in die Nacht ist das Haus der Rast von den Neugierigen belagert, die mit stiller Ehrfurcht den getöteten dämonischen Gott der dunkeln Wassertiefen mit heiliger Scheu bewundern.

siehe Bildunterschrift

Schlangenbeschwörer

siehe Bildunterschrift

Abendstimmung im Binnenmeer an der Ostküste

siehe Bildunterschrift

Masullaboot auf hoher See

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