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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 29
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Die französische Kolonie Pondicherry

Pondicherry ist die bedeutendste Kolonie Frankreichs auf vorderindischem Boden. Doch nicht bedeutungsvoll in diesem Sinne, wie man es auf die übrigen, von dem Strahlenkranz einer großen geschichtlichen Vergangenheit umgebenen Orte des Wunderlandes Indien anzuwenden gewohnt ist. Die Kolonie bildet wie die übrigen kleinen französischen Niederlassungen, Chandanagore in Bengalen, Yanaon und Mahé an der Ost- und Westküste, einen Rest alter französischer Kolonisationsbestrebungen in Indien. Denn Frankreich nahm an der damaligen Eroberung Indiens durch europäische Kulturmächte regen Anteil und hatte in Indien mit umfangreichen Besitzungen bereits festen Fuß gefaßt. Die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entstandenen Kämpfe zwischen England und Frankreich, die sich auf indischem Boden abspielten, sicherten England das Vorrecht in Indien, und jene kleinen Besitzungen, die als winzige, kaum sichtbare Fleckchen auf den Atlanten erscheinen, bedeuten heute die Privilegien Frankreichs in Indien.

Wie sehr die romanische Eigenart dem anglo-indischen Wesen fernliegt, sehen wir am deutlichsten in diesem Pondicherry, dessen nationale Akklimatisierung auf indischem Boden einen interessanten Beitrag zur Psychologie weltgeschichtlicher Ereignisse liefert. Besonders eigentümlich und bezeichnend ist es, daß dieser streng abgegrenzte Gebietsteil auf diesem kleinen Territorium einer Assimilation fremd geblieben ist. Das berückendste an Pondicherry ist diese von fremdem Geist erfüllte Eigenart, die dem Ländchen und seiner reizvollen Stadt eine eigene Note verleiht. Diese angenehmen Eindrücke, welche man dort empfängt, liegen in dem beschaulichen, träumerischen Wesen, dessen intime Charakterzüge dem Lande, seinen Menschen und Sitten ein ganz besonderes Gepräge geben. Auch schien es mir, als ob sich der Geist des romanischen Westens mit dem des arischen und drawidischen Ostens in weit mehr harmonischer Weise verbindet, als sich mir dies in fast allen übrigen Teilen des Reiches dargestellt hat.

In Wirklichkeit lebt die eingeborene Bevölkerung Pondis in sichtlich besserem Einvernehmen mit den Europäern, was mir besonders im persönlichen Verkehr zwischen den dort lebenden Hindus und Franzosen aufgefallen ist. Die meisten Eingeborenen, die ich dort traf, haben sich den Eigenschaften ihrer fremden Kolonisatoren gut angepaßt. Die Mehrzahl, ja selbst die einfachen Leute aus dem Volke, beherrschen die französische Sprache in einer Weise, als ob es ihre Muttersprache wäre, und schon hieraus erklärt sich der Umstand, daß auch die psychische Einwirkung des kolonisierenden Westens und des romanischen Abendlandes in Pondi von einem größeren Erfolgsgeist begleitet ist, als dies im übrigen Indien der Fall ist.

Pondi liegt isoliert und ist von dem großen Verkehr und den weltpolitischen Geschehnissen des großen indischen Reiches fast unberührt. Dies ist zweifellos von bestimmendem Einfluß auf die Entwicklung dieser Kolonie gewesen, und ihm verdankt das Land auch diese merkwürdigen Eigenheiten, die es vor allen übrigen Landschaften Indiens in besonderem Maße als gewisse geistige und kulturelle Merkmale besitzt. Von Madras aus fuhren wir öfter hinüber in das etwa 120 km südlicher gelegene Städtchen, um dort die Luft einer anderen Sphäre zu atmen.

Als wir den Boden Pondis betreten, scheinen wir uns plötzlich in einer fremden Welt zu befinden. Selbst der Himmel der über den blendend weißen Häusern und den abgeflachten Dächern und niedrigen Giebelchen sich wölbt, erscheint uns »südlicher« und tiefer. Zart und sammetweich ist seine Färbung, die wie eine durchsichtig scheinende Muschel hinter dem Graugrün der herrlichen Tropenvegetation heraufsteigt. Eigentlich besitzt diese Stadt, die doch unter der indischen Sonne in einem Meer von Palmen und exotischer Flora liegt, fast nichts, was uns besonders an diesen äquatorialen Breitegrad erinnern könnte. Ein heimischer Charakter, der in der äußeren Erscheinung der Stadt, den merkwürdigen Häusergruppen, intimen Straßenbildern, Anlagen und in ihrem altertümlichen Gepräge liegt, versetzt uns im Geiste in ein von der heißen Sonne beschienenes Städtchen im warmen Süden Frankreichs. Nichts von all den schwülstigen, aufdringlichen Bauten, die das Prestige betonen und unterstreichen sollen, wie wir es drüben über den Grenzen der kleinen Kolonie gewohnt sind. Alles liegt in dieser von altfranzösischem Geist getragenen Ruhe, die das Wesen und den Stil des alten Imperiums in sich trägt. Auch die Einrichtungen der Häuser, Hotels und öffentlichen Gebäude atmen den Geist und Sinn alter und geschmackvoller Tradition aus der Zeit, die eine Blüte französischer Kultur bedeutete.

Jedoch auch der herbe Zug der neuen Zeit drängt sich allmählich der stillen Physiognomie dieser Weltabgeschiedenheit auf, denn das hastige Treiben modernen Wirtschafts- und Verkehrsgeistes ist auch über Pondis Grenzen gedrungen und scheint langsam die jahrhundertealte, friedliche Beschaulichkeit und Ruhe dieses Städtchens zu stören. Doch es bleibt damit in den Grenzen des Erträglichen, und im Vergleich zu allen übrigen Städten Indiens ist das Leben Pondicherrys noch um Jahrzehnte vom Geiste der neuen Zeit entfernt. Wohl hat man in den alten Mauern der Stadt auch große, neue Gebäude, Kasernen und Schulen errichtet; doch sie liegen alle versteckt hinter einer üppigen Vegetation, welche die Stadt in wohlgepflegten Kulturen, herrlichen Alleen und parkähnlichen Gärten aufzuweisen hat. Im Eingeborenenviertel leben etwa 30 000 Hindus in gedrängter Enge und farbenfroher Buntheit. Es ist dasselbe Bild, wie wir es in den übervölkerten Städten Indiens so häufig sehen. Ein großer Hindutempel, mit einer reich geschmückten Gopuram, erhebt sich wie ein mächtiger Koloß aus dem dumpfen Gewirr dieser schwarzen Stadt.

Das Europäerviertel schlummert träumerisch über der rötlichwarmen Erde zwischen hohen Kokos- und Arekapalmen versteckt. Stille Häuschen, deren Jalousien ewig geschlossen sind, atmen die Ruhe und Gelassenheit einer friedvollen Vergangenheit. Das farbige Feuer tropischer Blumen leuchtet aus den Gärten, und über den zerfallenen Mauern breiten sich die Schatten uralter Baumkronen, deren Blüten das ganze Jahr über in glühender Pracht stehen. Durch holprige, staubige Straßen rollen diese altertümlichen Pousse-Pousses, kleine mit farbigen Markisen überdeckte Wägelchen, die dem Verkehr der Straße dienen und von Eingeborenen geschoben werden. Ohne Pousse-Pousse wäre Pondi nicht denkbar, denn auch sie sind ein Stück dieser alten Überlieferungen, die sich durch keine der anderen modernen Verkehrseinrichtungen und geräuschvollen Vehikels haben verdrängen lassen.

Draußen auf der stillen, blauen Meeresbucht ziehen ewig die Schaumstreifen der Brandung an der flachen, leblosen Sandküste herauf. Auch dort unten an der See und am Strande ist es ruhig und friedlich. Nur wenige Fischerboote unterbrechen die Monotonie des weiten, blauen Ozeans, und nur manchmal wirbeln am fernen Horizont die Rauchwolken eines Schiffes, das seinen Kurs nach Norden oder Süden nimmt. Denn Pondi hat keinen Hafen und nur eine schmale Mole führt hinaus ins offene Wasser, in dem nur selten ein Dampfer Anker wirft. Doch am Abend, wenn die glühende Sonne hinter dem Palmenmeer versunken ist, entwickelt sich auch in dem träumenden Pondi auf der breiten, stattlichen Strandpromenade, wo die kühle Brise vom Ozean herüberweht, ein munteres Leben. Auf dem Place de la République hört man jeden Abend die Clairons einer Militärkapelle, und nach ihrem Rhythmus pulst das Leben einer eleganten, charmierenden Welt. Das duftige Weiß der Toiletten, die die blonden Französinnen und glutäugigen Kreolinnen zur Schau tragen, zeigt sogar Anklänge an den Dernier cri de Paris, etwas verspätet, doch immerhin reizvoll und von dem Wesen französischer Grazie beseelt. In den Abendstunden beleben sich die kleinen Boulevardcafés und Restaurants, die untertags still mit ihren öden Veranden und Dachgärten mit herabgelassenen Stores in den Straßen träumen. Man spielt dort in beschaulicher Ruhe Vingt-et-un und Billard, schlürft Absinth und trinkt echten Bordeaux und Clairet. Und es ist, als ob diese Menschen ihre Heimat, die ihnen Pondi mit seinen eigentümlichen, heimischen Reizen ersetzen kann, nicht sonderlich missen würden.

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