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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 23
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Die Tempelmädchen Indiens

Sofern es sich um die echte Bajadere oder Nautsch des hinduistischen Tempels handelt, so gehören diese Tempelmädchen Indiens, deren geheimnisvolles Wesen zu den tausend Wundern Indiens zählt, zu den historisch und künstlerisch bedeutungsvollsten Persönlichkeiten des Landes. Viele dieser Nautsches, die man heute in Indien zu sehen bekommt, sind die Pseudobajaderen, die ihr Dasein einem merkwürdigen Bedürfnis der heutigen Zeit danken und sich damit befassen, die hohe Kunst der eigentlichen Tempelbajadere in fragwürdiger Weise nachzuahmen, sie zu einem zweifelhaft erotischen Kitsch verunstalten, und damit die künstlerisch so hervorragende Leistung der echten Bajadere in den Augen der Welt herabwürdigen. Wie überall, so gibt es auch in Indien unter der breiten Masse des Volkes viele Menschen, die sich des Broterwerbes wegen die bemerkenswerten, mit dem Schein geheimnisvollen Zaubers umgebenen Erscheinungen eines weltlichen und religiösen Lebens zunutze machen und sie in geschmacklose und trügerische Wiedergaben verwandeln. Auf diese Weise werden dem leichtgläubigen Volke, doch nicht minder auch dem nie versiegenden Strom der Fremden, welche Indien jahraus, jahrein überschwemmen, die üblen Produkte grotesken Jahrmarktzaubers vorgesetzt.

Indien, das Land der Wunder, ist voll von derartig primitiven Kopisten, die das wirkliche Gesicht jenes geistig hochstehenden Volkes mit den unzulänglichen Mitteln ihres Talents und der spekulativen Gier einer niederen Gesinnung zur Fratze entstellen. Wer die vielen Pseudo-Sadhus, die »Scheinheiligen«, Fakire, Yogis, Auch-Tempelmädchen und andere Jahrmarktserscheinungen von volkstümlicher Art in Indien mit der Unbefangenheit einer nüchternen Überlegung beobachtet hat, wird sich wundern, was gerade Indien auf dem Gebiete derartig fragwürdiger Gesten zu leisten imstande ist. Letzten Endes entspringen solche Erscheinungen wohl immer dem unmittelbaren Bedürfnis der Masse, oder aber sind sie die aus dem Wechsel der Zeit geborenen Produkte, die infolge einer besonderen Konjunktur in dem erfinderischen, geschäftigen Geist einer gewissen Volksschicht entstanden sind.

Nicht nur in dem kindlichen Glauben der indischen Masse finden wir dieses Verlangen nach solchen zweifelhaften Darbietungen. Ja ich möchte fast sagen, daß es sogar mehr die Fremden sind, die Indien seiner »Wunder« wegen bereisen und diese unerfreulichen Ergebnisse einer Entartung durch ein gewisses zur Schau getragenes Sensationsbedürfnis im indischen Volke geweckt haben. Ich habe, wie vorerwähnt, unter den reisenden Europäern in Indien Leute kennengelernt, die das Land eben dieser »lebendigen Wunder« wegen aufgesucht haben und in ihrer Unkenntnis und Vertrauensseligkeit oft nur die billigen Nachahmungen derselben zu sehen bekamen. Von den wundersamen Schätzen aus der großen Vergangenheit Indiens ist ihnen jedoch während ihrer Fahrten durch das Land wenig zu Gesicht gekommen, denn von der Hast und dem jagenden Geist der neuen Zeit erfaßt, rasen sie mit den Expreßzügen die starren Routen des Verkehrs entlang, während der Wissensdrang meist durch die Unerschöpflichkeit des Baedekers genährt wird. Viele scheuen die Mühen und Opfer, die notwendig sind, um unter der heißen indischen Sonne, abseits von der großen Straße, die Herrlichkeiten des Indien von gestern kennenzulernen. Körperliches und geistiges Phlegma, weder Sinn noch Verständnis für die Schönheiten und die hohe Kultur eines Volkes, das ihres Erachtens nach zu den unzivilisierten, niederen Völkern des Erdballs gehört, lassen dem Snob die Größe und Erhabenheit, welche sich in den Hinterlassenschaften verblichener Geschlechter Indiens zeigt, als belanglose Nebensächlichkeiten erscheinen. Mit den Schubs von Cook eilt man auf dem Flügelrade und anderen bewährten Massentransportmitteln durch die Welt, um sie gesehen, doch weniger erlebt zu haben. Man erwartet, daß man die Wunder und Kostbarkeiten, die das Land hervorgebracht hat, in den Vestibüls der Hotels präsentiert bekommt und begnügt sich zu guter Letzt mit schlechten Ansichtspostkarten und Bildern von all den Herrlichkeiten, von denen man gehört, gelesen, jedoch nichts gesehen hat.

Meist gehört zu jenen Leuten der Typus des weltverachtenden, vom hastenden Wesen der modernen Zeit besessenen Menschen, der seine Tickets in der Form eines Terminkalenders neben einem unerschöpflichen Scheckheft des Crédit Lyonais in der Tasche trägt, und von den Ländern, die er zum Vergnügen durchjagt, oft nur das Puppentheater lebendiger und grotesker Marionetten gesehen hat. Was auf den großartigen, historischen Schaubühnen der Weltvergangenheit sich zugetragen hat, ist ihm beim Überblick seiner Reiseerlebnisse ein Rätsel geblieben, weil die Augen an den Kostbarkeiten und herrlichen Schöpfungen dieser Länder meist achtlos vorübergegangen sind. Vielerlei wissen jene dann von Mirakeln und Mystifikationen, die ihnen während ihrer Fahrten in der Welt begegnet sind, zu berichten. Sie ahnen selbst nicht, daß sich ihnen oft nur das zweite, entstellte Gesicht dieser Länder gezeigt hat und ihnen die Ursprünglichkeit aller wirklichen und echten Reize des Landes verborgen geblieben sind.

Ich traf auf meiner Reise nach Delhi einen Amerikaner, der mit mir zusammen das Zimmer des überfüllten Hotels teilte. Während er alle »türkischen Bäder« des dunklen Delhis absolvierte, fuhr ich im Sonnenbrand hinaus zu der antiken Ruinenstadt Alt-Delhi, wo einst die großen Kaiser Indiens die ersten Grundsteine ihres zu hoher Blüte entwickelten mächtigen Reiches legten. In dem Talmibasar des Chandi-Chowk füllte sich der Globetrotter Kisten und Kasten mit indischen Kleinodien, die zum großen Teil aus Europa stammten, und zuletzt sah er von Delhi nichts weiter als das, worüber seine langen Beine innerhalb der Stadt stolpern mußten. Am Abend erzählte er mir dann oft von den Eindrücken des Tages, von den geheimnisvollen Zenanas der Fremden, von Feuerfressern und Schlangenbeschwörern, von rätselhaften Menschen, die den Baum der Mango innerhalb weniger Minuten aus dem Samen zu üppiger Blütenpracht wachsen lassen, von fanatischen Heiligen, die auf Nagelbetten ruhen und von den singenden und tanzenden Nautschgirls, die für die Fremden aus dem Süden importiert sind. Besonders die Kunst dieser Bajaderen schien einen überwältigenden Eindruck in ihm hervorgerufen zu haben. Sie zeigten ihren wiegenden Schlangenleib in einer finsteren Kaschemme des Eingeborenenviertels, und der gaunerhafte Impresario beschwor die untrügliche Echtheit der Originale.

Hätte ich die hohe Kunst der Bajadere nicht in den großen südindischen Tempeln, den Städten ihrer Geburt, gesehen, so hätte ich ihm glauben müssen. Doch, was wir hier mit den Effekten einer bewußt gewollten Erotik sahen, war weiter nichts als eine plumpe Nachahmung jener von gesteigertem, rhythmischem Empfinden getragenen, hohen Kunst der Tempelmädchen, die in den großen Tempeln der hinduistischen Welt zum lebendigen Schatz des Heiligtums gehören. Ihre künstlerisch unbedeutenden Nachahmerinnen schießen in Indien wie Pilze aus dem Boden. Bedeutende, mit den Eigenschaften hoher künstlerischer Begabung ausgestattete Tempelmädchen sieht der Europäer in Indien nur bei den seltensten Gelegenheiten am Orte ihrer Bestimmung und in den geheimnisvoll-verborgenen Heiligtümern der großen Tempel. Durch einen mir bekannten, hochstehenden einflußreichen Brahmanen wurde es mir ermöglicht, die Kunst einer berühmten Bajadere zu bewundern. Von dem berückenden Wesen dieses traumhaften Erlebnisses war ich tief ergriffen, so daß ich jenes, mit dem Zauber faszinierender Kraft erfüllte Ereignis noch späterhin für eine suggestive Vorstellung hielt.

Es war in einer Tempelstadt des Südens, wo ich durch die Gunst meines brahmanistischen Freundes in den hinduistischen Tempeln vieles sah, was dem Auge des Fremden sonst verborgen bleibt. Zu diesen seltsamen Ereignissen zählt auch der Tanz der Bajadere Maravundi, die den Beinamen »die Liebliche« hatte und als eine der berühmtesten Nautsches Südindiens galt. Ihr Name und ihr Geschlecht war nach der Auffassung des Volkes makellos. Alle weiblichen Vorfahren der zurückliegenden Generationen waren bedeutende Tempeltänzerinnen, die an den Höfen von Königen und in den alten Tempeln Shivas und Brahmas ihr Opfer durch die Entfaltung höchster Tanzkunst darbrachten. Die Söhne des Geschlechts der Maravundi waren von jeher nichts anderes als Tempeldiener und Tempelmusikanten, während die weiblichen Sprossen in vorbildlicher Weise die traditionelle Bestimmung ihres Stammes erfüllten und dem Tempel ihre Dienste als die orgiastischen Priesterinnen ihrer Gottheiten widmeten. Der mystische Nimbus, der die Bajadere umgibt, hat zweifellos seinen eigentlichen Ursprung in der Art ihres von faszinierender Übersinnlichkeit getragenen Wesens, das sich besonders auch in der Äußerung eines merkwürdig hochentwickelten rhythmischen Gefühls ausprägt. Dieser, von einer starken Sensibilität des Empfindens getragene Sinn ist die Grundlage ihres genialen, technischen Könnens, das wir in ihrem von Anmut und ästhetisch -künstlerischen Reizen begleiteten Tanze erkennen können.

Die übrige Daseinsbestimmung der Bajadere hat äußerlich wenig mit Religiosität zu tun. Es wird ihr, von den Gesichtspunkten indischer Glaubensbegriffe aus betrachtet, ein tieferer, mit den Regeln mystischen Götter- und Tempelkults verknüpfter Sinn beigelegt. Die Bajadere ist die Liebesdienerin der Götter. Sie huldigt ihnen mit der Hingabe ihres von der suggestiven Kraft erfaßten Körpers, indem sie die Weihe und Feierlichkeit des Tempeldienstes durch ihren rhythmisch-verzückten Tanz erhöht. Hierin besteht der Zweck ihres Lebens und ihrer Tätigkeit, die sie in den Heiligtümern des Tempels bestimmungsgemäß ausführt. Daß sie als Tempelprostituierte den Priestern und anderen einflußreichen Persönlichkeiten nahesteht, mag ebenfalls mit den Gesetzen religiöser Auffassung zusammenhängen. Doch war mir dieser sensationelle Begriff infolge der vollendeten, künstlerischen Begabung und würdevollen Haltung, in der ich die Bajadere des südindischen Tempels sah, stets von nebensächlicher Bedeutung. Anders verhält es sich allerdings mit den Pseudobajaderen, deren in schwüler Erotik gipfelnde, mit hoher Kunst keineswegs vergleichbare Tanzleistung ich an manchen anderen Orten Indiens außerhalb des Tempels gesehen habe.

Maravundi, die Bajadere, diente im großen Tempel von M., in dessen geheimnisvollen Hallen bereits vier vorausgegangene Generationen ihres Geschlechts den Göttern opferten. In der Dämmerung eines schwülen Sommerabends sah ich sie während des Festes zu Ehren der Göttin Paravati tanzen. In der von riesigen Karyatiden umsäumten, kolonnadenartigen Halle des Tempels, welche vor dem Heiligtum zum Eingang Shivas lag, warte ich mit einer Anzahl Brahmanen, unter denen sich auch einige Priester des Tempels befinden, auf die Darbietung, welche uns Maravundi außerhalb des Rahmens ihrer eigentlichen Bestimmung versprochen hatte. Feierliche Ruhe liegt über dem Tempel, in dessen Hof sich das drängende Volk längst verlaufen hat. Draußen sinkt der dämmerige Schleier des indischen Abends langsam herab, während hinter den wuchtigen Säulen und dem weit vorspringenden Dach der Halle bereits die Dunkelheit der Nacht herrscht. Flackernde Kandelaber und Windlichter, die zu beiden Seiten der Halle angezündet werden, geben dem fratzenhaften Schmuck der Wände eine gespenstisch-lebendige Ausdrucksform. Über unseren Köpfen huschen die Schatten flatternder Fledermäuse, die von draußen durch die Öffnung der Kolonnaden hereinschwirren. Stiller Ernst prägt sich auf den erwartungsvollen Gesichtern der Brahmanen aus, die sich in einem Halbkreis um die mit bunten Fresken geschmückte Rückwand des Raumes niedergelassen haben.

In dem dunklen Hintergrunde befindet sich die Kapelle der Tempelmusikanten, die mit ihren merkwürdigen Instrumenten, Gongs, Zimbeln und Sackpfeifen, den Tanz der Bajadere begleiten werden. Da öffnet sich knarrend die kleine, eisenbeschlagene Tür, die an der Rückseite des Raums in das Heiligtum hineinführt, und aus ihrem dunklen Rahmen tritt Maravundi, die berühmte Bajadere. Langsam, mit rhythmisch zuckenden Bewegungen ihres mit reichem Schmuck beladenen Körpers tritt sie, von leisen Gongschlägen begleitet, aus dem Dunkel in den Lichtkreis, dessen rötlich flackerndes Leuchten die ruhigen ebenmäßigen Züge ihres Gesichts belebt. Meine Augen blicken wie gebannt hinüber zu diesem Wesen, das mich mit den ruhevoll gleitenden Bewegungen seines Schlangenleibes wie eine weltenferne, traumhafte Erscheinung dünkt. Allmählich steigern die Musikanten den hohl tönenden synkopischen Rhythmus ihrer Instrumente, und zu den dumpfen rollenden Tönen der Gongs gesellt sich das Schwingen einer Zimbel und das Summen der lautenähnlichen Veena. Noch schallt die Musik wie ein fernes Echo, und noch schweigt der Chor der Flötisten und Trommler, deren dürre Spinnenfinger lautlos zuckend über das gespannte Fell der kleinen faßähnlichen Tamtams gleiten.

Leise bewegt sich der gertenschlanke Leib der Maravundi, sich auf den Fußspitzen hebend und senkend, mit niedergeschlagenem Blick ihrer gluterfüllten, dunklen Augen, die von schwarzen, gemalten Brauen überwölbt sind. Selten sah ich einen so vollendeten Körper voll Anmut und Grazie. Knospenhafte Brüste schwellen unter dem eng anliegenden, reich gestickten Mieder, und der lange faltenreiche Rock rauscht, wippend von den beweglichen Hüften getragen, leise über den mit silbernen Glöckchen und Ringen geschmückten Fußknöcheln. Ein Stück des lichtbraunen Leibes oberhalb der Hüftlinie, zwischen Rock und Mieder, liegt frei. Außer den Armen und Füßen ist es die einzige Blöße, die uns der Körper der Nautsch zeigt. Doch in ihm äußern sich jetzt die ekstatischen Schwingungen, die den Kopf bis zu den Füßen in immerwährenden, weichen Zuckungen durchrieseln. Noch sind die Arme straff an den Leib gepreßt, und nur die feingliedrigen Hände begleiten den ruhigen, wogenden Tanz des Körpers. Wie ein Götterbild ist der kleine, feine Kopf der Bajadere mit gleißendem Schmuck bedeckt. In dem glänzenden, blauschwarzen Haar glitzern Edelsteinspangen und leuchten Jasminblüten. Selbst in den beiden Nasenflügeln schimmern matte, echte Perlengehänge, während die Fuß- und Armgelenke mit schweren silbernen und goldenen Ringen umspannt sind. An Schmuck trägt sie ein Vermögen auf dem Körper. Fast unmerklich steigert sich nun der monotone Klang der Musik, und leise beginnen sich die Trommeln mit den dumpfen, prallen Geräuschen ihres gespannten Felles einzumischen. Der Tanz der Nautsch wird freier und bewegter. Viele Male dreht sie sich auf den erhobenen Zehenspitzen um die Achse ihres Körpers. Auch die bisher so leblos erscheinenden Arme werden von der zunehmenden Bewegung, die sich von der Musik auf den Körper der Bajadere überträgt, ergriffen. Immer stärker wird das melancholische Wimmern der Sackpfeifen, die in fremdartigen Dissonanzen, bald in schrillenden Skalen, bald in weichen langgezogenen Tönen wie liebliche Schalmeien klingen. Auch die Gong- und Trommelschläger scheinen von einer gesteigerten Erregung, die sich auf ihre Instrumente überträgt, erfaßt zu sein.

siehe Bildunterschrift

Fakir auf Nagelschuhen

siehe Bildunterschrift

Religiöses Selbstmartyrium (Das Opfer wird für das Schwingfest vorbereitet)

Mit dem zunehmenden Rhythmus der Musik beginnt der eigentliche Tanz. Was wir bis jetzt von den Bewegungen der Nautsch gesehen haben, war nur das träumerische Hinübergleiten in das ekstatische Stadium einer von Übersinnlichkeit erfüllten Verzückung. Wechselvoll schwellend klingen die Schlag- und Blasinstrumente. Die sanften Töne werden zur geräuschvoll synkopierten, lärmhaften Musik, die in unseren Ohren gellt und zitternd in den angespannten Nerven des Gehirns weiterschwingt. Der wiegende Takt des Körpers der Nautsch wird nun zur Ausdrucksform einer gewissen dramatischen Handlung, welche sie dem Tanze zugrunde legt. Die Bewegungen und das Gebärdenspiel, das ein Flehen und Bitten ausdrückt, ist der Tanz der Gnade und Erhörung, ein Tanz, welcher die Form des Opfertanzes vor den Göttern darstellt. Der Körper ist demutsvoll kauernd niedergeduckt, und alles mimische Spiel liegt jetzt in den schlangenhaft bewegten Armen und Händen. Geschmeidig wie die Woge des Wassers schwebt der Leib auf und nieder, hin und her. In unmöglichen Verdrehungen renken sich die Arme, welche bald aufwärts wie züngelnde Lohe, bald zu beiden Seiten des Körpers wie fliehende Schlangen gleiten. Auch die Züge des Gesichts zeigen vollendete Ausdrucksformen. Plötzlich wird aus der Verzückung wilde Ekstase, und selbst die Musikanten werden von dem rasenden Tempo ihrer Instrumente und dem schwindelnden Wirbel des Taktes erfaßt. Manche von ihnen haben sich erhoben und begleiten den Tanz mit erregtem Hin- und Herwiegen des Oberkörpers. Der Klang der tiefen Gongs rollt wie Donner durch die Hallen, und in schrillen Tönen gellen die Sackpfeifen. Tolle wirbelnde Bewegungen, in denen Furcht und quälende Angst liegt, packen den Körper der Bajadere. In zuckenden Reflexen durchzittert das Spiel der Muskeln ihren Leib, doch nichts ist ohne das Wesen hohen künstlerischen Ausdrucks und fein empfundener Stilistik der Körperbewegung. Selbst wenn der Leib und die zuckenden Glieder in rasende Hast geraten, hat man das Gefühl von wohlerwogener, jedoch hemmungsloser Ausdrucksform.

Allmählich verebbt das gellende Heulen der Instrumente, und immer mehr verstummt die Musik. Nur noch die Gongs schwingen leise fort. Langsam schwinden die zu höchster Verzückung gesteigerten Bewegungen dieses wirbelnden Körpers, der wie zu einem von Müdigkeit überwältigten Ausklang zusammensinkt. Das Finale gleicht dem ruhevoll wiegenden und wippenden Tanz, der die Einleitung der Szene bildete. Nun zeigen die von dem Taumel wilder Sinnlichkeit entstellten Gesichtszüge wieder den verklärten Ausdruck, der beim Beginn des Tanzes um den rätselvoll lächelnden Mund der Maravundi spielte. Kaum verrät der sehnige Körper der Nautsch die ungeheure Kraft- und Willensäußerung, die den Körper bewegte, und nur die Muskeln des Leibes zucken unaufhörlich wie der würgende und schlingende Leib einer Schlange. Jetzt hebt sie die Lider der schwarzen, mandelförmigen Glutaugen, die während des Tanzes wie im Traume geschlossen waren, und der strenge Mund, der die höchsten Ausdrucksformen mimischer Kunst wiedergab, öffnet sich zu einem wundervollen Lächeln, das die schimmernde Pracht der Zähne zeigt. Immer schwächer wird der Rhythmus der Schlaginstrumente, und mit ihm erstirbt langsam die zur ruhigen Pose gewordene Bewegung von Maravundi, der Lieblichen.

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